• René Guénon suchte in der arabischen Kultur nach den Quellen der Ewigkeit

     

    Ein Meister der hermetischen Wissenschaft

     

    Als den in Kairo lebenden René Guénon der briefliche Wunsch nach einem Photo erreichte, antwortete er negativ: „Ihre Bitte nach einem Foto kann ich leider nicht erfüllen. Ich besitze keines ... Ich lehne prinzipiell alles ab, was eine rein individuelle Natur besitzt.“ In der Tat hat der geheimnisvolle Weise, der alles Empirische, Zeitliche, Subjektive verachtete, um desto vehementer die Würde des ewigen, reinen Geistes zu verkünden, nur wenig biographische Spuren hinterlassen. Er gilt uns heute als der erste „Hermetist der Tradition“, als Begründer der Lehre von der „heiligen Überlieferung“. Mit ihr ist eine kleine Gruppe esoterischer Denker des 20. Jahrhunderts bezeichnet: Neben Guénon sind dies Julius Evola (1898-1974), Béla Hamvas (1897-1968) Leopold Ziegler (1888-1958), Frithjof Schuon (1907-1998), Titus Burckhardt (1908-1984) und Ananda Kentish Coomaraswamy (1877-1947).

    Tradition meint die Einheit aller Überlieferungen

    Diese „Religionsphilosophen“ schöpften aus vielen Quellen, von Jakob Böhme bis zum Bushido der japanischen Samurai. Allen gemeinsam war das Interesse für die mystischen Strömungen der Menschheit und dies vor allem im Orient. Dort erschien das Licht des göttlichen Logos noch unmittelbar erfahrbar, das im System der technokratischen und profanen Gesellschaft des Westens bereits verschüttet war. Denn die moderne Kultur gibt nur, „um dafür zu nehmen; sie gibt die Welt, nimmt aber Gott weg; und das entwertet selbst ihr Geben“ (Schuon). „Tradition“ nun meint die Einheit aller religiösen und kulturellen Überlieferungen in einem transzendenten Ursprung, von dem sich die Welt entfernt habe, und den Versuch, diesen wiederzugewinnen. Damit entsprechen die Hermetisten auch einem modernen „Bedürfnis, in unserer exzentrischen und zersplitterten Welt den Unus Mundus, die Einheit von Mensch und Universum wiederzufinden“ (Faivre).

    René Guénon wurde am 15. November 1886 in Blois/Anjou geboren. Nach katholischer Erziehung studierte er seit 1904 Mathematik in Paris, brach das Studium jedoch 1906 ab. Wichtiger wurden dort die esoterischen Zirkel für ihn. In den nächsten Jahren durchlief er eine Reihe dieser Gruppierungen. Er interessierte sich für den Spiritismus, war Theosoph, trat verschiedenen geheimen Logen bei, die ihn auf Dauer nicht halten konnten, bis er Kontakt zu islamischen Mystikern gewann und 1912 in einen Sufi-Orden eingeweiht wurde. Obwohl er offiziell konvertierte, stand er auch dem Hinduismus, besonders den Upanischaden und dem Geist des Vedanta, nahe, was sich in seiner ersten selbständigen Arbeit zeigte, die als Dissertation abgelehnt worden war: „Introduction Génerale à l’Étude des Doctrines Hindoues“ (1921). Dort arbeitete er den mystischen Monismus Indiens, die Advaita-Lehre, also die Doktrin der Nicht-Dualität des Weltgeistes heraus. 1930 zog Guénon, nachdem seine französische Frau gestorben war, nach Kairo, wo er völlig in die arabische Kultur eintauchte und 1934 dort die Tochter eines Scheichs heiratete. Seine schriftstellerische Tätigkeit führte er jedoch fort und korrespondierte rege mit dem Ausland, so auch mit Julius Evola, der sich geistig ihm nahe anschließen sollte.

    Die okkulten Kreise, denen er früher selbst angehört hatte, kritisierte er jetzt scharf, so die Theosophie 1921 oder den „Spiritistischen Irrtum“ 1923. „Orient und Okzident“ stellte er 1924 einander gegenüber, bis 1925 ein weiteres Hauptwerk erschien: „L’Homme et son Devenir selon la Vedanta“. Zu radikaler Kulturkritik holte er 1927 aus in „La Crise du Monde moderne“. Weitere Schriften folgten bis zu seinem Tod 1951; seitdem edierten seine Nachlaßverwalter Aufsatzbände, die von 1952 bis 1986 nach und nach herauskamen. Ins Deutsche ist dabei wenig übersetzt worden. 1950 erschien zunächst die „Krisis der Neuzeit“ (Hegner), 1956 dann der „König der Welt“ (Barth) und 1987 „Die Symbolik des Kreuzes“ und „Stufen des Seins“ (Aurum). Vollends dürftig ist es um die intellektuelle Auseinandersetzung mit Guénon bestellt: In früheren Jahren (seit 1934) hatte sich Leopold Ziegler verschiedentlich mit großem Respekt geäußert, in der Gegenwart verfaßten Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1987) und Gerhard Wehr (1995) Essays. Einträge zu ihm und den Traditionalisten überhaupt vermißt man in den meisten einschlägigen Handbüchern. Die Hermetisten sind in Deutschland kein nennenswerter Gegenstand der Diskussion; diese wird weitgehend in Italien und Frankreich geführt. Dies mag auch mit den katholischen Voraussetzungen dieser Länder zusammenhängen. Die statische Gottesidee und die orthodoxen und autoritären Züge des traditionalen Dogmas sind allerdings schwer kompatibel mit der Vorstellung, daß sich die Wahrheit „entwickelt“ und Erkenntnis „hervorgebracht“ werden muß, lautet doch ein hermetisches Grundgesetz auf die schroffe Entgegensetzung von „Sein“ und „Werden“.

    Das metaphysische Zentrum ist verhüllt

    „Tradition“ nun meint keine historische oder soziologische Kategorie, sondern eine metaphysische Größe. Dieses „Urlicht“ definiert Hossein Nasr so: Es gibt „nur eine Tradition, die Urtradition, die immer ist. Sie ist die einmalige Wahrheit, die der Kern und der Ursprung aller Wahrheiten zugleich ist. Alle Traditionen sind irdische Manifestationen himmlischer Archetypen, die letztlich mit dem unwandelbaren Archetypus der Urtradition in derselben Weise zusammenhängen, wie alle Offenbarungen mit dem universellen Logos.“ Symbolkundlich hat Guénon diesen Ursprung im „König der Welt“ phänomenologisch umkreist: Er trägt dort die symbolischen Aspekte des „Pols“, der runden Tafel, des Auges von Shiva, des Grals, der Zwölf des „Heiligen Landes“, der Höhe etc. zusammen. Sie alle veranschaulichen das Zentrum, sind Momente des Weltenherrschers, der keine sagenhafte Persönlichkeit ist, „sondern ein Prinzip, die kosmische Intelligenz, die das reine geistige Licht widerspiegelt und das Gesetz (Dharma) verkündet, das den Bedingungen unserer Welt oder unseres Daseinszyklus zugrunde liegt“ (Guénon). Diese Wahrheit ist jedoch akut verhüllt, da sich in der Entheiligung der modernen Welt der ursprüngliche Fall des Menschen noch einmal geschichtlich wiederholt, um als zweifache Entfremdung erlebt zu werden: als „lastendes Ich“ und „zerstreuende Sache“, als Ego und Welt (Schuon).

    Folgendes ist zum Traditionalismus Guénons und Evolas grundsätzlich anzumerken:

    1. Es handelt sich um eine komplexe Idee, eine synkretistische Weltanschauung und religionsphilosophische Konstruktion, die als Glaubensform so in der Religionsgeschichte nicht vorkommt.

    2. Wohl aber lassen sich wesentliche Motive identifizieren. Erkenntlich wird eine gnostische Struktur vor einem neuplatonischen Hintergrund, die Autoren realisieren allesamt das alexandrinische Schema vom „ab- und aufsteigenden Bogen der Schöpfung“. Es ist der Mythos vom Fall der Seele aus dem Lichtreich des Vaters in das Dunkel der Welt und die Geschichte ihres Wideraufstiegs. Der Verlust der ursprünglichen Ganzheit und die Zerstreuung des Lichts sind Aspekte dieses Schicksals. Vom göttlichen Ursprung bis zur dichtesten Materie spannt sich der Kosmos als ein in sich gestuftes Reich des Seins.

    3. Über eine rein mystische Frömmigkeit hinaus, zielt der Ehrgeiz der Traditionalisten auf eine universale Welterklärung.

    4. Die gnostische Kosmologie wird von ihnen geschichtsphilosophisch umgedeutet, die wachsende Entfernung vom Ursprung als historischer Verfall, und zwar in Form einer Weltalterlehre von absteigenden Zyklen formuliert. Wir befinden uns im Kali-Yuga, und zwar in dessen letzter Phase. Rigoros hat dies Evola ausgearbeitet in seiner „Revolte gegen die moderne Welt“ (1934).

    5. Das gerinnt den Hermetisten zu einem normativen Interpretament, das sie nun überall zugrunde legen. Aus einer initiationssymbolischen Perspektive halten sie ständig Ausschau nach verborgenen „Zentren“, geheimen Avatar und „magischen Ketten“. Typologisch gibt Julius Evola dem spirituellen Krieger (Kshatiya), Guénon dem kontemplativen Priester (Brahman) den Vorrang.

    6. Da das Kali-Yuga (Dunkle Zeitalter) schon seit 6.000 Jahren dauert, verfällt die europäische Welt, vollends die der Neuzeit, dem Verdikt. Hier ergibt sich ein ernsthaftes Problem: die Autoren erweisen sich als hilflos vor der konkreten Geschichte. Ihre geschichtsmythologische Konstruktion ist derart gewaltsam, ihr Wahrheitsbegriff so statisch, daß sie dem historisch Individuellen nicht gerecht werden können. So vermag Guénon nur Bannflüche zu schleudern und überall von „Regelwidrigkeit“ gegen die ewige Norm zu wettern. Seine fundamentalistische Kulturkritik ist schlicht obskurantistisch, ihr arroganter Elitismus um so absurder als er die argumentative Ausarbeitung seines polemischen Programms schuldig bleibt.

    Eliade äußerte sich kritisch zu Guénon

    Differenzierend hat sich Mircea Eliade zum Problem geäußert. Dem Lob des Vedanta-Buches fügt er hinzu: „Aber da war eine ganze Seite von Guénon, die mich störte; seine bis ins Übermaß gehende Polemik und seine brutale Ablehnung der gesamten modernen westlichen Kultur. Was Guénon und die anderen ‚Hermetiker’ von der Tradition sagen, sollte nicht auf der Ebene historischer Wirklichkeit verstanden werden (so wie sie das wollen). Diese Spekulationen bilden ein Universum von systematisch ausgedrückten Bedeutungsinhalten: man kann sie mit einem großen Gedicht oder einem Roman vergleichen.“

    Zählt man Eliade zu den Traditionalisten, so darf man ihn allein als den universalen Denker dieses Kreises und authentischen Anwalt der Humanität bezeichnen, den anderen jedoch zugute halten: „Die Formulierung des traditionalen Standpunkts war eine Antwort des Heiligen auf die Untergangselegie des in einer entheiligten und sinnentleerten Welt verlorenen modernen Menschen“ (Nasr).


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