• Alchimie und Spagyrie


    (Fulcanelli, Le Demeures Philosophales, 1930, Band 1, S. 71 - 93)
    Es ist anzunehmen, daß eine gute Anzahl gelehrter Chemiker - und gleichermaßen einige Alchimisten -
    keinesfalls unsere Sichtweise teilen. Das wird uns nicht aufhalten. Wir müßten als Parteigänger auch der
    subversivsten Theorien gelten, da wir uns nicht fürchten, hier unsere Gedanken darzulegen, davon ausgehend,
    daß die Wahrheit eine ganz andere Anziehungskraft besitzt als ein vulgäres Vorurteil, und daß sie selbst in
    ihrer Nacktheit jedem noch so schön bemäntelten und pompös daherkommenden Irrtum vorzuziehen ist.
    Alle Autoren seit Lavoisier, die über die Geschichte der Chemie schreiben, sind sich darin einig, daß unsere
    Chemie in direkter Linie von der alten Alchimie abstammt. Entsprechend wird die Herkunft der einen
    Disziplin mit der der anderen durcheinandergebracht, dergestalt, daß gelehrt wird, die heutige Wissenschaft
    verdanke ihre faktischen Erkenntnisse, auf denen sie fußt, der geduldigen Arbeit der alten Alchimisten.
    Diese Hypothese, der man allenfalls einen relativen und konventionellen Wert zugestehen könnte, wird heute
    als bewiesene Wahrheit anerkannt. Die Wissenschaft der Alchimie, derart ihrer eigenen Grundlagen beraubt,
    verliert somit alles, was ihre Existenz hätte begründen, ihr Dasein hätte rechtfertigen können. Aus der Ferne,
    durch den Nebel der Legende und den Schleier der Jahrhunderte betrachtet, bietet sie nur noch eine vage Form
    dar, nebulös, ohne Konsistenz. Als undeutliches Phantom, lügnerisches Gespenst verdient die wundersame und
    trügerische Chimäre, in den Rang der gestrigen Illusionen und falschen Wissenschaften verwiesen zu werden,
    wie es im übrigen ein bekannter Professor wünscht1.
    Aber da, wo Beweise nötig wären, wo Fakten unverzichtbar sind, begnügt man sich damit, den hermetischen
    Annahmen lediglich die Bitte um eine Grundlagendebatte entgegenzusetzen. Die Schule, die keinen
    Widerspruch duldet, diskutiert nicht, sie tranchiert. Nun denn! Wir bescheinigen nun unsererseits, wobei wir
    vorschlagen, es auch zu beweisen, den Wissenschaftlern, die guten Glaubens diese Hypothese sich zu eigen
    gemacht und sie propagiert haben, daß sie sich - aus Unwissenheit oder mangelnder Verstandesschärfe -
    Illusionen hingegeben haben. Sie verstanden die Bücher, die sie studierten, nur zur Hälfte und nahmen den
    Anschein für die Wirklichkeit. Sagen wir es also in aller Deutlichkeit, da doch so viele gelehrte und ernsthafte
    Forscher es nicht zu wissen scheinen, daß die wahre Ahnherrin unserer Chemie die alte Spagyrie ist und
    nicht die hermetische Wissenschaft selbst. Es existiert in der Tat ein tiefer Abgrund zwischen der Spagyrie und
    1 Vgl. Professor Edmond-Marie-Leopold BOUTY: L'illusion et les fausses sciences, in: Science et Vie, Dezember 1913 [Illusion und falsche
    Wissenschaft, in: Wissenschaft und Leben].
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    der Alchimie. Genau das ist es, was wir versuchen wollen aufzuzeigen, zumindest so weit es ratsam ist, dies zu
    tun, ohne dabei die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Wir hoffen indessen, die Analyse weit genug
    treiben und eine ausreichende Präzisierung zur Untermauerung unserer These erzielen zu können. Dabei
    schätzen wir uns außerdem glücklich, denjenigen Chemikern, die unserer These feindlich gegenüberstehen, von
    unserem guten Willen und unserem aufrichtigen Bemühen Zeugnis zu geben.
    Es gab im Mittelalter - und wahrscheinlich auch in der griechischen Antike, wenn wir uns auf die Werke von
    Zozime und Ostanes berufen wollen - zwei Grade, zwei Arten von Forschung im Bereich der Chemie: die
    Spagyrie und die Alchimie. Diese beiden Zweige ein und derselben Populärwissenschaft unterschieden sich
    bei den Praktikern durch die Art des Experimentierens. Metallverarbeiter, Goldschmiede, Maler,
    Keramikhersteller, Glaser, Färber, Schnapsbrenner, Emailleschmelzer, Töpfer etc. benötigten, ebenso wie
    Apotheker, ausreichende Kenntnisse der Spagyrie. Sie vervollkommneten diese selbst im Laufe der Zeit durch
    die Ausübung ihres Berufes. Was die Archimisten betrifft, so bildeten sie eine besondere Kategorie unter den
    antiken Alchimisten, die abgeschlossener und auch geheimnisvoller war. Das Ziel, das sie verfolgten, hatte
    zwar einiges gemein mit dem der Alchimisten, aber die Materialien und die Verfahrensweisen, die sie anwandten,
    um ihr Ziel zu erreichen, waren rein chemischer Natur. Ein Metall in ein anderes zu verwandeln, Gold und
    Silber aus einfachen Erzen oder Metallsalzverbindungen zu gewinnen, das potentiell im Silber enthaltene Gold
    und das im Zinn verborgene Silber offenbar werden zu lassen und herauslösbar zu machen: das waren die
    Ziele des Archimisten. Er war, abschließend gesagt, ein Spagyrist, der sich im Reich der Minerale verschanzt
    hatte und freiwillig die tierischen Substanzen sowie die pflanzlichen Alkaloide aufgegeben hatte. Da es nun
    aber im Miltelalter verboten war, außer mit vorheriger Genehmigung zu gewerblichen Zwecken, Schmelzöfen
    und chemische Utensilien bei sich zu Hause zu haben, studierten, experimentierten und manipulierten sie nach
    getaner Arbeit heimlich in ihren Kellern oder auf ihren Dachböden. Sie kultivierten die Wissenschaft der
    Kleinen Merkwürdigkeiten, wie die Alchimisten diese eines Philosophen unwürdigen Nebensächlichkeiten ein
    wenig abschätzig nannten. Ohne diese nützlichen Forscher deswegen zu verachten, müssen wir feststellen, daß
    auch die erfolgreichsten unter ihnen einen oft nur mäßigen Nutzen daraus zogen und daß mitunter ein
    Experiment, das zunächst mit Erfolg durchgerührt worden war, bei Wiederholung keine oder nur unsichere
    Ergebnisse erbrachte.
    Gleichwohl sind es - trotz oder gerade wegen ihrer Irrtümer - die Archimisten, die zunächst den Spagyristen
    und dann der modernen Chemie die Grundlagen geliefert haben, die Fakten, Methoden und Verfahrensweisen,
    deren sie bedurften. Diese Männer, getrieben von ihrem Drang, alles zu durchstöbern und alles zu erforschen,
    sind die wahren Gründer einer perfekten und strahlenden Wissenschaft, sie sind es, die sie mit den richtigen
    Beobachtungen, den exakten Reaktionen, den brauchbaren Verfahren, den mühsam erarbeiteten Fertigkeiten
    ausgestattet haben. Erweisen wir diesen Pionieren, die uns vorausgegangen sind, diesen großen Arbeitern
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    demütig unseren Respekt und vergessen wir nie, was sie für uns getan haben.
    Aber die Alchimie, wir wiederholen es, steuerte zu diesem fortlaufenden Prozeß nichts bei. Die hermetischen
    Schriften, die von uneingeweihten Forschern gar nicht verstanden wurden, waren lediglich die indirekte
    Ursache für Entdeckungen, die ihre Autoren niemals hatten voraussehen können. Auf solche Art und Weise
    stellte etwa Blaise de Vigenere Benzoesäure durch Erhitzen von Benzoegummi her; gewann Brandt Phosphor,
    als er im Urin nach Alkahest suchte; erstellte Basile Valentin - Meisterschüler seines Faches, der
    spagyristische Experimente keineswegs verachtete - die komplette Liste der Ammoniumsalze und synthetisierte
    das Rotgoldkolloid2; stellte Raymond Lulle Aceton und Cassius Purpurgold her; produzierte Glaubcr
    Sodiumsulfat und wies Van Helmont die Existenz der Gase nach. Aber, mit Ausnahme von Lulle und Basile
    Valentin wurden alle diese Forscher fälschlicherweise als Alchimisten klassifiziert, waren sie doch in
    Wirklichkeit einfache Archimisten oder Spagyriker. Auf Grund dieses Fehlers kann ein berühmter Gelehrter,
    Autor eines Klassikers3, mit einigem Recht behaupten: «Wenn Hermes, der Vater der Philosophen, heute
    zusammen mit dem scharfsinnigen Geber und dem gründlichen Raymond Lulle auferstünde, würden die drei
    von unseren gemeinen Chemikern4 nicht als Philosophen betrachtet. Ja, sie wagten es kaum, sie in die Reihe
    ihrer Schüler aufzunehmen, da diese gar nicht umzugehen verstünden mit all den Destillationen, Kreisläufen,
    Kalzinierungen und all den unzähligen Verfahren, die unsere gemeinen Chemiker erfunden haben. Deswegen
    verstünden die heutigen Chemiker die allegorischen Schriften dieser Philosophen auch völlig falsch».
    Mit ihrem konfusen Text, der mit kabbalistischen Ausdrücken gespickt ist, sind diese Bücher auch heute noch
    der eigentliche Grund für die plumpe Verachtung, die wir hier ansprechen. Denn trotz der warnenden Hinweise
    ihrer Autoren bestehen die Studenten hartnäckig darauf, den Text im konkreten Wortsinn zu verstehen. Sie
    wissen nicht, daß diese Texte den Eingeweihten vorbehalten sind und daß man den passenden
    Geheimschlüssel braucht, um sie wirklich zu verstehen. Um diesen Schlüssel zu finden, muß man vorher hart
    arbeiten. Sicherlich enthalten diese alten Traktate wenn nicht die vollständige Wissenschaft, so doch zumindest
    ihre Philosophie und ihre Prinzipien sowie die Möglichkeit, sie in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen
    anzuwenden. Aber wenn man die okkulte Bedeutung der Begriffe nicht kennt - was zum Beispiel Ares heißt,
    was es von Aries unterscheidet und gleichzeitig mit Arles, Arnet und Albait gemein hat - und der absichtlich
    dunklen Bezeichnungen, die in diesen Werken auftauchen, dann muß man fürchten, entweder gar nichts zu
    verstehen oder zwangsläufig einer Täuschung auf den Leim zu gehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich
    2 Ausgehend von derTrichloridverbindung puren Goldes, das von der chlorhaltigen Säure getrennt wird und in Regenwasser, das mit einem
    Zinksalz und Potassiumkarbonat versetzt ist, ausflockt. Das Regenwasser allein, das zu einer bestimmten Zeit aufgefangen und mit Zink versetzt
    wird, genügt, um das rote Kolloid zu bilden, das man wiederum durch Dialyse von den Kristalloiden trennt. Dies haben wir unzählige Male
    erfolgreich im Experiment nachgewiesen.
    3 Cosmopolite ou Nouvelle Lumière chymique, Paris: Jean d'Houry 1669.
    4 Mit dem allgemeinen Epitheton ordinäre Chemiker bezeichnet der Autor hier die Archimisten und Spagyristen, um sie von den eigentlichen
    Alchimisten zu unterscheiden, die zu der Zeit noch Adepten oder chemische Philosophen genannt wurden.
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    dabei um eine esoterische Wissenschaft handelt. Folglich sind eine wache Intelligenz, ein ausgezeichnetes
    Gedächtnis sowie eiserner Wille keinesfalls ausreichend, um hoffen zu können, die Materie jemals zu
    beherrschen. «Diejenigen irren sich gewaltig», schreibt Nicolas Grosparmy, «die glauben, daß wir unsere
    Bücher nur für sie geschrieben haben; haben wir sie doch geschrieben, um gerade alle die auszuschließen, die
    nicht zu unserer Sekte gehören.»5 Batsdorff gibt seinen Lesern am Anfang seines Traktates6 folgenden
    gutgemeinten Rat: «Jeder vernünftige Mensch», sagt er, «muß zuerst die Wissenschaft erlernen, das heißt ihre
    Grundlagen und Techniken, bis er sie beherrscht, oder das Ganze sein lassen, anstatt sinnlos seine Zeit und
    sein Geld zu verschwenden ... Nun aber bitte ich die Leser dieses kleinen Buches, meinen Worten Glauben zu
    schenken. Ich sage ihnen also noch einmal, daß sie diese hehre Wissenschaft niemals aus Büchern lernen
    werden, sondern daß man sie nur durch göttliche Offenbarung begreifen kann, weswegen sie auch göttliche
    Wissenschaft genannt wird. Oder aber vermittels eines guten und treuen Meisters; und da es wenige gibt,
    denen Gott diese Gnade erwiesen hat, gibt es auch wenige, die diese Wissenschaft lehren.» Schließlich nennt
    ein anonymer Autor des XVII. Jahrhunderts7 weitere Gründe für die Schwierigkeit, die man bei der Lösung
    dieses Rätsels hat: «Dies aber», schreibt er, «ist der wichtigste und wahre Grund, weswegen die Natur so
    vielen Philosophen diesen offenen Königspalast verschlossen hat, selbst den scharfsinnigsten unter ihnen: daß
    sie nämlich, da sie schon seit frühester Jugend vom einfachen Weg der Natur abgekommen sind, durch
    logische sowie metaphysische Deduktionen und, getäuscht durch die Illusionen auch der besten Bücher, sich
    vorstellen und beschwören, daß diese Kunst tiefer ist und schwieriger zu erlernen als jede Metaphysik,
    obgleich die harmlose und unbefangene Natur auf diesem wie auf allen anderen Wegen geraden und einfachen
    Schrittes schreitet.»
    Solcherart sind die Meinungen der Philosophen über ihre eigenen Werke. Wen nimmt es da wunder, daß so
    viele exzellente Chemiker der falschen Fährte folgen, daß sie sich selbst überschätzen, wenn sie über eine
    Wissenschaft diskutieren, deren Grundbegriffe zu verstehen sie nicht einmal in der Lage sind ? Und hieße das
    nicht, den Neubekehrten einen Dienst erweisen, wenn man sie aufriefe, über diese große Wahrheit
    nachzudenken, die in der Imitation proklamiert wird, wo es in bezug auf die versiegelten Bücher heißt (Buch
    III, Kap.II, Abs.2):
    «Sie [die Bücher] können wohl ihre Stimme zu Gehör bringen, aber das ergibt noch keinen intelligenten Sinn.
    Sie bieten die Buchstaben dar, aber es ist der HErr, der den Sinn offenbart; sie geben uns Rätsel auf, aber Er
    ist es, der sie löst. Sie zeigen den Weg auf, dem man folgen muß, aber Er gibt die Kraft, ihn auch zu gehen.»
    5 Nicolas GROSPARMY: L'Abrégé de Théorique et le Sectret des Secretz, Ms. der Bibliothèque Nationale N° 12246, 12298, 12299, 14789,
    19072, Bibliothèque de l'Arsenal N° 2516 (166 S.A.F.), Rennes, 160,161 (Abriß der Theorie und des Geheimnisses der Geheimnisse).
    6 BATSDORFF: Le filet d'Ariadne. Paris: Laurent d'Houry 1695, S.2 [Der Faden der Ariadne].
    7 Clavicuta Hermeticae Scientiae, ad hyperbores quodam horis subsecivis consignata. Anno 1732. Amstelodami, Petrus Mortieri, 1751, S.51
    [Schlüsselchen der hermetischen Wissenschaft, an die Hyperboreer, welches für die übrige Zeit verbürgt ist (die Hyperboreer waren ein
    fabelhaftes Volk, dessen Wohnsitze man in den äußersten Norden (den die Griechen nach der frühesten Erdkunde in Thrakien annahmen) setzte)].
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    Dies ist der Stein des Anstoßes, über den unsere Chemiker immer wieder gestolpert sind. Und wir sind sicher,
    daß, hätten unsere Gelehrten die Sprache der alten Alchimisten verstanden, ihnen die Praktiken des Hermes
    bekannt wären und auch der Stein der Weisen nicht länger als eine Chimäre betrachtet würde.
    Wir haben oben dargelegt, daß die Archimisten ihre Arbeiten auf der hermetischen Theorie aufbauten - soweit
    sie diese verstanden - und daß dies der Ausgangspunkt für äußerst fruchtbare Experimente mit rein
    chemischen Erkenntnissen war. Sie stellten die sauren Losungsmittel her, deren wir uns bedienen, und auf
    Grund deren Reaktion auf Metalloberflächen erhielten sie bereits die ganze Reihe der Salze, die wir heute
    kennen. Indem sie anschließend diese Salze reduzierten, entweder durch andere Metalle, durch Laugen oder
    Kohlenstoff, oder mit Hilfe von Zucker oder Fetten, erhielten sie ihre basischen Ausgangsstoffe unverändert
    wieder. Diese Versuche ebenso wie die Methoden, die sich daraus ergeben, unterscheiden sich in keinster
    Weise von denen, die in den heutigen Labors ständig angewandt werden. Manche Forscher allerdings trieben
    ihre Untersuchungen sehr viel weiter; sie erweiterten auf eigentümliche Weise das Feld des chemisch
    Möglichen bis zu einem Punkt, an dem ihre Resultate uns zweifelhaft, ja phantastisch erscheinen. Es stimmt,
    daß diese Verfahren oft unvollkommen und fast ebenso geheimnisumwittert sind wie das Große Werk selbst.
    Unsere Absicht war es indes - wir haben es angekündigt - den Studenten nützlich zu sein, und so behandeln
    wir dieses Thema im Detail und werden zeigen, daß die Erträge dieser Souffleure8 sicherere experimentelle
    Ergebnisse liefern, als man ihnen zugetraut hätte. Mögen uns die Philosophen, unsere Brüder, die wir dafür um
    Nachsicht bitten, diese Abschweifungen verzeihen. Einerseits ist unsere Aufgabe auf die Alchimie beschränkt
    und beabsichtigen wir auch, auf strikt spagyristischem Terrain zu bleiben, andererseits wollen wir auch unser
    Versprechen einhalten und durch reale und kontrollierbare Fakten zeigen, daß unsere Chemie den Spagyristen
    und Archimisten alles, der hermetischen Philosophie und den Alchimisten dagegen gar nichts verdankt.
    Das einfachste archimistische Verfahren besteht darin, den Effekt heftiger Reaktionen - etwa den der Säuren
    auf Basen - zu benutzen, um während der Siedephase die Vereinigung der reinen Bestandteile zu einem neuen,
    nicht mehr reduzierbaren Stoff zu erreichen. Man kann so, ausgehend von einem dem Gold benachbarten
    Metall - vorzugsweise dem Silber - eine kleine Menge des Edelmetalls herstellen. Dies ist, in diesem Bereich
    der Forschungen, ein elementares Verfahren, bei dem wir den Erfolg garantieren, falls man unsere Anleitung
    genau befolgt.
    Füllen Sie einen hohen, gläsernen, zylindrischen Kolben zu einem Drittel mit Salpetersäure. Verbinden Sie den
    Kolben über ein Röhrchen mit einem Auffanggefäß und stellen Sie die Apparatur in ein Sandbad. Erhitzen sie
    die Apparatur vorsichtig. Kurz vor Erreichen des Siedepunktes der Salpetersäure stellen Sie das Feuer ab,
    8 Bezeichnung für Alchimisten, die, indem sie in ihre Öfen bliesen, den Stein der Weisen zu finden hofften.
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    öffnen den Hahn und führen durch das Röhrchen eine kleine Menge gediegenen Silbers bzw. Silbers von
    höchstem Feingehalt, das keinerlei Spuren von Gold enthält, zu. Sobald die Stickstoffperoxydemission aufhört
    und das Gemisch nicht mehr brodelt, lassen Sie eine zweite Menge reinen Silbers in die Flüssigkeit fallen.
    Wiederholen Sie die Zufuhr von Silber so lange, bis ein schwächeres Aufbrodeln und ein geringerer Ausstoß
    an roten Dämpfen die baldige Sättigung anzeigen. Führen Sie nichts mehr zu, lassen Sie das Gemisch eine
    halbe Stunde stehen, bis die Feststoffe sich abgesetzt haben. Gießen Sie nun vorsichtig die noch heiße Flüssigkeit
    in ein anderes Gefäß ab. Sie werden auf dem Boden des Kolbens eine dünne Ablagerung finden, die wie
    feiner, schwarzer Sand aussieht. Waschen Sie diese in lauwarmem, destilliertem Wasser aus und schütten Sie
    sie in einen kleinen Porzellantiegel. Sie werden durch Versuche feststellen, daß der Niederschlag weder in
    Salpeter- noch in Salzsäure löslich ist. Er löst sich hingegen in Königswasser auf und ergibt eine
    wunderschöne gelbe Lösung, die der Farbe des Trichloridgoldes genau entspricht. Verdünnen Sie die Lösung
    mit destilliertem Wasser. Geben Sie eine Zinkplatte in das Gemisch, wird sich daran ein amorphes Puder
    anlagern, das sehr fein und matt sowie von rotbrauner Farbe ist und so aussieht wie natürliches Gold, das auf
    gleiche Weise reduziert wurde. Waschen Sie diesen pulverigen Niederschlag sorgfältig und trocknen Sie ihn
    anschließend. Wenn Sie ihn auf einer Glas- oder Marmorplatte pressen, erhalten Sie ein schimmerndes,
    kohärentes Blättchen, das das Licht hellgelb reflektiert und, gegen das Licht gehalten, grünlich durchscheint.
    Damit entspricht es in Eigenschaften und Oberflächenstruktur dem reinen Gold.
    Um Ihren kleinen Vorrat um eine weitere Menge zu erhöhen, können Sie das Verfahren beliebig oft
    wiederholen. Nehmen Sie dazu wiederum die klare Silbernitratlösung, die inzwischen um das zum Auswaschen
    verwandte Wasser angereichert ist. Reduzieren Sie das Metall mittels Zink oder Kupfer. Gießen Sie ab und
    waschen Sie mehrmals aus, sobald die Reduktion abgeschlossen ist. Trocknen Sie dieses Silber in Pulverform
    und benutzen Sie es für Ihre zweite Lösung. Wenn Sie so fortfahren, häufen Sie damit genug Metall an, um die
    Analyse bequemer durchführen zu können. Außerdem sind Sie sich so über die Herstellung sicher - auch um
    Ausschließen zu können, daß das anfänglich verwandte Silber Spuren von Gold enthielt.
    Aber ist dieser einfache, so problemlos gewonnene Stoff wirklich Gold? Unsere Aufrichtigkeit zwingt uns,
    diese Frage mit nein oder zumindest mit einem noch nicht zu beantworten. Denn wenn dieser Stoff auch
    äußerlich völlig dem Gold gleicht und auch in seinen Eigenschaften und chemischen Reaktionen mit ihm
    übereinstimmt, so fehlt ihm doch ein entscheidender physikalischer Faktor: die gleiche Dichte. Dieses Gold ist
    leichter als das natürliche, wenngleich es bereits eine höhere Dichte hat als Silber. Wir können es also nicht als
    mehr oder weniger stabiles Silberisotop betrachten, sondern als junges Gold, Gold in statu nascendi
    sozusagen, was seine erst kürzliche Entstehung nicht verleugnen kann. Es ist allerdings durchaus möglich, daß
    dieses neuentstandene Produkt durch Kontraktion die höhere Dichte des ausgereiften Metalls dauerhaft
    erreichen wird. Die Archimisten wandten ein Verfahren an, mit dem sie dem jungen Gold alle spezifischen
    Eigenschaften des ausgereiften Metalls verschafften; sie nannten dieses Verfahren Reifung oder Verfestigung,
    und wir wissen, daß das Quecksilber dabei eine wichtige Rolle spielte. Man findet in manchen alten
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    lateinischen Manuskripten unter der Bezeichnung Confirmatio noch Hinweise auf dieses Verfahren.
    Es sei uns erlaubt, zu dem Verfahren, das wir oben geschildert haben, einige nützliche und weiterführende
    Bemerkungen zu machen, die philosophischen Prinzipien betreffend, auf denen die konkrete Herstellung des
    Metalls beruht. Wir könnten gleichzeitig einige verbesserte Varianten nennen, die die quantitative Ausbeute
    erhöhen, aber damit überschritten wir die von uns selbst gesetzten Grenzen. Wir überlassen es also jedem
    Forscher selbst, solche Verbesserungen zu entdecken und die Rückschlüsse daraus am Experiment kritisch zu
    überprüfen. Unsere Rolle beschränkt sich darauf, Fakten zu präsentieren; es ist an den modernen Archimistcn,
    Spagyristcn und Chemikern, daraus Schlüsse zu ziehen9.
    Aber es gibt in der Archimie noch andere Methoden, deren Ergebnisse als Beweis philosophischer Annahmen
    dienen können. Sie erlauben die Zerlegung metallischer Stoffe, die lange Zeit als Elemente galten. Das Ziel
    dieser Verfahren, die den Archimisten bekannt sind, wenngleich sie sie nicht zum Erarbeiten des Großen
    Werkes benötigen, ist es, einen der beiden Metallradikale, Quecksilber oder Schwefel, zu isolieren.
    Die hermetische Philosophie lehrt, daß die Stoffe keinerlei Wirkung auf andere Stoffe ausüben, sondern allein
    die Geister aktiv und durchdringend sind10. Sie sind es, die Geister und natürlichen Kräfte, die bei der
    Materie jene Umwandlungen bewirken, die wir beobachten. Überdies bestätigt die Weisheit durch das
    Experiment, daß die Stoffe unter sich nur kurzfristig und leicht rückgängig zu machende Verbindungen eingehen
    können. Dies gilt für Legierungen, von denen manche sich schon durch einfaches Schmelzen seigern
    lassen sowie für alle Salzverbindungen. Desgleichen behalten die Bestandteile einer Metallverbindung ihre
    spezifischen Charakteristika, unbeschadet der davon verschiedenen Eigenschaften, die sie in der Verbindung
    annehmen. Man versteht also, von welch großem Nutzen die Geister bei der Trennung von Quecksilber und
    Schwefel sein können, wenn man weiß, daß sie allein in der Lage sind, die großen Kohäsionskräfte zu
    überwinden, die diese beiden Prinzipien aneinander bindet.
    Zunächst einmal ist es unumgänglich zu wissen, was die Alten unter der ziemlich vagen Gattungsbezeichnung
    Geister verstanden.
    9 Im Verlauf dieser Versuche läßt sich eine kuriose Tatsache feststellen, die jeden Versuch der industriellen Anwendung unmöglich macht. Das
    Resultat ändert sich in der Tat im umgekehrten Verhältnis zur verwandten Metallmenge. Je größer die bearbeitete Menge, desto geringer die Ausbeute.
    Das gleiche Phänomen läßt sich bei Metall-Salz-Mischungen beobachten, aus denen man gewöhnlich nur geringe Mengen Goldes
    gewinnen kann. So wie der Versuch bei wenigen Gramm Ausgangsmasse in der Regel gelingt, so regelmäßig scheitert er bei einem vielfachen der
    Ausgangsmenge. Wir haben lange gesucht, bis wir des Rätsels Lösung gefunden hatten: dies ungewöhnliche Verhalten liegt im Verhalten der
    Lösungsmittel begründet, das sich je nach Sättigungsgrad ändert. Der Niederschlag erscheint kurz nach Beginn und bleibt bis zur Mitte der
    Reaktion; er löst sich anschließend wieder ganz oder teilweise auf, je nach der zugegebenen Säuremenge.
    10 GEBER spricht in seiner Summa perfectionis Magisterii von der Macht, die die Geister über die Stoffe haben. «Oh Söhne der Lehre», hebt er
    an, «wenn ihr an den Stoffen verschiedene Veränderungen vollziehen wollt, gelangt ihr nur mit Hilfe der Geister ans Ziel (per Spiritus ipsos fieri
    necesse est). Sobald sich die Geister an den Stoffen festsetzen, verlieren diese ihre Form und ihr Wesen; sie sind nicht mehr, was sie waren.
    Sobald man die Trennung durchführt, passiert folgendes: entweder entweichen die Geister allein und die Stoffe, denen sie innewohntcn, bleiben
    zurück, oder die Geister entweichen zusammen mit den Stoffen gleichzeitig.»
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    Für die Alchimisten sind dies reale Kräfte, obwohl sie, rein physisch gesehen, fast immateriell und unwägbar
    sind. Sie wirken auf mysteriöse, unerklärliche und unbekannte Art und Weise auf die Stoffe ein, die ihnen
    unterworfen und für sie empfänglich gemacht werden. Die Ausstrahlung des Mondes ist einer dieser
    hermetischen Geister.
    Was die Archimisten betrifft, so erweist sich ihre Konzeption als konkreter und substantieller. Unsere alten
    Chemiker substituieren unter ein und derselben Rubrik alle Stoffe, einfache sowie komplexe, feste wie flüssige,
    solange sie nur die Qualität flüchtig aufweisen, was sie völlig sublimierbar macht. Metalle, Nichtmetalle,
    Salze, Kohlenwasserstoffe etc. bieten dem Archimisten ihren Vorrat an Geistern: Quecksilber, Arsen,
    Antimonium und einige ihrer Verbindungen; des weiteren Schwefel, Ammoniaksalz, Alkohol, Äther,
    pflanzliche Öle etc.
    Bei der Isolierung metallischen Schwefels ist die Sublimationsmethode die beliebteste. Hier also als Hinweis
    einige Vorgehensweisen:
    Lösen Sie auf gleiche Weise wie oben beschrieben reines Silber in heißer Salpetersäure, verdünnen Sie
    anschließend die Lösung mit heißem, destilliertem Wasser. Gießen Sie die klare Flüssigkeit ab, um sie
    gegebenenfalls von dem bereits bekannten schwarzen Niederschlag am Boden des Gefäßes zu trennen. Lassen
    Sie es in einem abgedunkelten Raum abkühlen und gießen Sie langsam entweder eine gefilterte Lösung
    Sodiumchlorid oder pure Salzsäure hinzu. Das Chlor des Silbers setzt sich als milchigweiße Masse am Boden
    ab. Nach vierund-zwanzig Stunden Ruhe gießen Sie die saure Lösung ab, waschen den Rest schnell unter
    kaltem Wasser und trocknen es sofort anschließend in einem völlig abgedunkelten Raum. Wiegen Sie nun ihr
    Silberchlorid und vermischen Sie es gut mit der dreifachen Menge reinen Ammoniumchlorids. Füllen Sie das
    ganze in einen ausreichend hohen Glaskolben, so daß das Gemisch nur gerade den Boden bedeckt. Erhitzen Sie
    vorsichtig im Sandbad und erhöhen Sie die Temperatur nur gradweise. Sobald die richtige Temperatur erreicht
    ist, wird das Ammoniaksalz aufsteigen und die Wand sowie den Rand des Gefäßes mit einer festen Schicht
    überziehen. Dieser Belag, von schneeweißer, selten auch gelblicher Farbe läßt nicht vermuten, daß er etwas
    ungewöhnliches enthielte. Schneiden Sie nun das Gefäß auf und entfernen Sie sorgfältig jenen weißen Belag,
    den Sie dann in heißem oder kaltem destilliertem Wasser lösen. In der fertigen Lösung werden Sie schließlich
    ein sehr feines Puder von strahlendem Rot finden; dies ist ein Teil des Silber- oder auch Mondschwefels, das
    aus dem Metall herausgelöst und durch das Ammoniaksalz verflüchtigt worden ist.
    Dieses Verfahren hat trotz seiner Einfachheit gravierende Nachteile. Scheinbar so einfach, erfordert es
    dennoch großes Geschick und besondere Vorsicht bei der Dosierung der Hitze. Man muß vor allem, will man
    nicht die Hälfte oder noch mehr des Metalls verlieren, das Schmelzen der Salze vermeiden. Bleibt man
    andererseits unterhalb der Temperatur, die nötig ist, um das Gemisch flüssig werden zu lassen und zu halten,
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    so findet keine Sublimierung statt. Überdies wird während der Sublimierung das Silberchlorid, das von Natur
    aus sehr durchdringend ist, durch den Kontakt mit Ammoniaksalz so beißend, daß es durch die Poren des
    Glaskolbens11 ins Freie entweicht. Sehr häufig springt der Kolben zu Beginn der Vaporisationsphase, sodaß
    das Ammoniaksalz an der freien Luft sublimiert wird. Der Versuchsleiter kann aber nicht auf Steingut-, Tonoder
    Porzellankolben ausweichen, die poröser sind als Glas, da er ständig den Reaktionsverlauf beobachten
    muß, um jederzeit eingreifen zu können. Es gibt also, bei dieser wie auch bei vielen ähnlichen Verfahren,
    gewisse praktische Tricks, die die Alchimisten vorsichtigerweise für sich behalten haben. Einer der besten
    besteht darin, das Chloridgemisch aufzuteilen, indem man einen inerten Stoff dazwischensetzt, der geeignet ist,
    die Salze zwar klebrig zu machen, das Schmelzen aber zu verhindern. Dieser Stoff darf weder reduzierend
    noch katalysierend wirken; man muß ihn auf jeden Fall auch problemlos vom caput mortuum isolieren können.
    Früher benutzte man dazu zerstoßene Ziegelsteine und verschiedene andere Absorben-ten wie eine Masse
    Zinns, Bimsstein, pulverisierten Feuerstein etc. Diese Substanzen ergeben leider einen sehr verunreinigten
    Sublimat. Wir bevorzugen ein bestimmtes Produkt, das keinerlei Affinität zum Silber- oder Ammoniumchlorid
    hat und das aus judäischem Bitumen gewonnen wird. Neben der Reinheit des erzeugten Schwefels wird auch
    das Verfahren einfacher. Man kann dabei ohne weiteres die Menge der anfallenden Rückstände an
    metallischem Silber reduzieren und den Prozeß der Sublimierung problemlos so lange wiederholen, bis der
    Schwefel vollständig herausgelöst ist. Die Rückstände, die sich nicht weiter reduzieren lassen, haben die Form
    einer grauen, weichen, sehr feinen Asche, die sich fettig anfühlt und den Fingerabdruck abbildet. Diese Asche
    verliert in kurzer Zeit die Hälfte ihres spezifischen Quecksilbergewichtes.
    Diese Technik läßt sich ebenso gut auf Blei anwenden. Es ist billiger und hat zudem den Vorteil,
    lichtunempfindliche Salze zu bilden, was den Versuchsleiter davon entbindet, im Dunkeln zu arbeiten. Ebenso
    kann der Gips entfallen. Schließlich gelingt, da Blei weicher als Silber ist, die Umwandlung in roten Sublimat
    besser und in kürzerer Zeit. Der einzig ärgerliche Nebeneffekt dieses Verfahrens ist die Tatsache, daß das
    Ammoniaksalz sich mit dem Schwefel des Bleis an der Wand des Kolbens zu einer so kompakten und
    verkrusteten Salzschicht verbindet, daß man sie mit dem Glas verschmolzen glaubt. Es ist daher sehr aufwendig,
    die Schicht zu lösen, ohne sie zu zermahlen. Die Schicht selbst ist von einem schönen rot, umhüllt von
    einem kräftiggelben Sublimat, der aber sehr unrein ist im Vergleich zu dem des Silbers. Man muß ihn also vor
    der Weiterverarbeitung gründlich reinigen. Seine Reife ist ebenfalls unvollkommener, eine wichtige
    Feststellung, falls man seine Forschungen auf die Erzeugung bestimmter Farbstoffe hin ausgerichtet hat.
    Nicht alle Metalle reagieren auf die gleichen chemischen Wirkstoffe. Das Verfahren für Silber und Blei kan so
    nicht auf Zinn, Kupfer, Eisen oder Gold angewandt werden. Zunächst übt der Geist, der den Schwefel von
    11 Es färbt ihn dabei, so daß er beim Durchschaucn rötlich scheint, aber das Licht grün reflektiert.
    10
    einem gegebenen Metall löst und isoliert, seine Wirkung bei einen anderen Metall auf dessen merkurisches
    Prinzip aus. Im ersten Fall wird das Quecksilber fest gebunden, während der Schwefel sich verflüchtigt; im
    zweiten Falle kann man den umgekehrten Prozeß beobachten. Von daher die unterschiedlichen Methoden und
    die vielzähligen Techniken der Metallaufspaltung. Es ist im übrigen hauptsächlich die Affinität der Stoffe
    zueinander sowie die der Stoffe für die Geister, die die Anwendungregeln. Man weiß, daß Silber und Blei eine
    große Sympathie füreinander besitzen; die Minerale des silberhaltigen Bleis beweisen es hinreichend. Wenn
    nun die Affinität die genauere chemische Zugehörigkeit dieser Stoffe bestimmt, so ist es logisch anzunehmen,
    daß derselbe Geist, unter gleichen Umständen eingesetzt, die gleichen Effekte erzielte. Das geschieht so bei
    Eisen und Gold, welche durch eine nahe Affinität verbunden sind; wenn die mexikanischen Goldschürfer eine
    sehr rote Sanderde entdecken, die hauptsächlich aus Eisenoxid besteht, so schließen sie daraus, daß das Gold
    nicht weit sein kann. Auch sehen sie diese rote Erde als eine Mine und die Mutter des Goldes an, als das beste
    Indiz einer nahen Ader. Die Tatsache scheint dennoch ziemlich eigenartig, wenn man die physikalischen Unterschiede
    dieser Metalle bedenkt. In der Klasse der gewöhnlichen metallischen Stoffe ist das Gold das rarste; das
    Eisen hingegen ist das häufigste, welches man überall findet, nicht nur in den Minen, wo man auf beachtliche
    und zahlreiche Vorkommen stößt, sondern auch auf der Erdoberfläche verstreut. Die Tonerde verdankt ihm
    ihre spezielle Färbung, zuweilen gelb, wenn das Eisen un wäßrigem Zustand ist, zuweilen rot, wenn es als
    Oxyd auftritt, eine Farbe, die sich beim Brennen noch verstärkt (Bricketts, Kacheln, Töpferwaren). Von allen
    klassifizierten Mineralen ist der Eisenkies das gewöhnlichste und bekannteste. Die schwarze, eisenhaltige
    Masse findet man häufig in Form von Kugeln unterschiedlicher Größe, mit harter Schale, zuweilen auch
    nierenförmig, auf Feldern, am Wegesrand, in kreidehaltigem Gebiet. Die Kinder auf dem Land spielen
    gewöhnlich mit diesen Markasiten12, die, wenn man sie aufbricht, eine faserige, kristalline und strahlige
    Konsistenz zeigen. Sie umschließen mitunter kleine Mengen Goldes. Die vor allem aus geschmolzenem,
    magnetischem Eisen bestehenden Meteoriten beweisen, daß die interplanetarischen Massen, von denen sie
    stammen, ihre Struktur zum größten Teil dem Eisen verdanken. Manche Pflanzen enthalten Eisenverbindungen
    (Weizen, Kresse, Linsen, Bohnen, Kartoffeln). Der Mensch wie die Wirbeltiere verdanken dem Eisen und dem
    Gold die rote Färbung ihres Blutes. Die Eisensalze sind nämlich das aktive Element des Hämoglobins. Sie sind
    für die Funktion der Organe so wichtig, daß Medizin und Pharmazie zu allen Zeiten versucht haben, dem
    metallarmen Blut die zu seiner Restitution nötigen Stoffe wieder zuzuführen (Peptonat und Eisenkarbonat). Im
    Volk hat sich der Brauch erhalten, dem Wasser vermittels oxydierter Nägel Eisen zuzusetzen. Schließlich
    besitzen die Eisensalze eine solche farbliche Bandbreite, daß man mit Sicherheit damit das gesamte
    Farbspektrum abdecken könnte, vom Violett, das die Farbe des reinen Metalls darstellt, bis zum intensiven Rot
    des Siliziums in den verschiedenen Rubin- und Granatsorten.
    12 Rhombischcr Schwefelkies [Anm. d. Übs.].
    11
    Das alles war gar nicht nötig, die Archimisten zu bewegen, über das Eisen zu arbeiten mit der Absicht, die
    Zusammensetzung seiner Farbanteile herauszubekommen. Überdies läßt sich dieses Metall sehr leicht in seine
    schwefeligen und quecksilbrigen Anteile zerlegen, es ist dazu nur eine einzige Manipulation vonnöten, was
    sehr vorteilhaft ist. Die überragende, enorme Schwierigkeit besteht in der Vereinigung dieser Elemente, welche
    sich, trotz ihrer Reinigung, ernergisch der Zusammensetzung zu einem neuen Stoff widersetzen. Aber wir
    übergehen dieses Problem ohne es zu analysieren oder zu lösen, da unser Thema sich darauf beschränkt
    nachzuweisen, daß die Archimisten immer schon chemische Stoffe, benutzt haben unter Verwendung
    chemischer Mittel und Verfahren.
    Bei der spagyristischen Behandlung des Eisens benutzt man die heftige Reaktion von Säuren, die eine
    entsprechende Affinität zu dem Metall haben, um die Kohäsionskräfte zu überwinden. Man geht gewöhnlich
    aus vom Eisenkies oder Eisenfeilspänen. Im letzten Fall empfehlen wir Vorsicht und Behutsamkeit. Verwendet
    man Eisenkies, genügt es, es möglichst fein zu zerstoßen und das Pulver unter ständigem Rühren im Feuer
    glühend zu machen. Wiederabgekühlt füllt man es in einen großen Glaskolben, zusammen mit der vierfachen
    Menge Königswasser und bringt das ganze zum Kochen. Für ein oder zwei Stunden läßt man es stehen, gießt
    die Flüssigkeit ab, schüttet schließlich zu dem Magma eine entsprechende Menge Königswasser und bringt das
    Gemisch erneut zum Kochen. Man muß mit dem Erhitzen und Abgießen so lange fortfahren, bis der Eisenkies
    am Boden des Gefäßes weiß erscheint. Man nimmt den Extrakt heraus, filtert ihn durch Glaswolle und
    konzentriert ihn durch langsames Destillieren in einem zylindrischen Kolben. Wenn die Allsgangsmenge auf
    ein Drittel reduziert ist, öffnet man den Kolben und gibt nach und nach eine bestimmte Menge 66°
    Schwefelsäure zu (60 Gramm auf einen Extrakt, das aus 500 Gramm Eisenkies gewonnen wurde). Man
    destilliert, bis es trocken ist und erhöht, nachdem man das Gefäß gewechselt hat, langsam die Temperatur.
    Man wird beobachten können, wie sich ölige, blutrote Tröpfchen bilden, die den schwefeligen Farbstoff
    darstellen, daneben sieht man einen schönen weißen Sublimat, der sich als kristalliner Flaum am Gefäß
    festgesetzt hat. Dieser Sublimat ist ein echtes Quecksilbersalz -von manchen Archimisten Quecksilbervitriol
    genannt - den man ohne Schwierigkeit mit Hilfe von Eisenfeilspänen, ungelöschtem Kalk oder anhydratischem
    Potassiumkarbonat in flüssiges Quecksilber verwandeln kann. Man kann sich übrigens sofort überzeugen, daß
    der Sublimat das spezielle Quecksilber des Eisens enthält, indem man die Kristalle auf einer Kupferplatte
    verreibt: der Amalgamat entsteht sofort und das Metall erscheint wie versilbert.
    Die Eisenfeilspäne hingegen erzeugen einen Schwefel von goldener statt roter Farbe sowie ein wenig - ein ganz
    klein wenig - sublimerten Quecksilbers. Das Verfahren ist das gleiche mit dem kleinen Unterschied, daß man
    in das erhitzte Königswasser jeweils eine Prise Eisenfeilspäne werfen und danach immer erst warten muß, bis
    die Aufwallung sich gelegt hat. Es ist gut, einen Rührfisch zum ständigen Umrühren zu verwenden um zu
    verhindern, daß die Eisenfeilspäne am Boden klumpen. Nach dem Filtern und Reduzieren bis auf die Hälfte
    12
    gibt man - in ganz kleinen Mengen, da die Reaktion sehr heftig ist -Schwefelsäure hinzu bis zur Hälfte des
    Gewichts der konzentrierten Flüssigkeit. Das ist der gefährliche Teil des Verfahrens, da es häufig vorkommt,
    daß der Kolben explodiert oder an der Stelle, an der die Säure sich befindet, Risse bekommt.
    Wir hören an dieser Stelle mit der Beschreibung des Eisens auf, da wir meinen, daß das Gesagte genügt, um
    unsere These zu untermauern und beschäftigen uns zum Abschluß unserer Betrachtung spagyristischer
    Verfahren mit dem Gold, das sich nach Meinung aller Philosophen der Auflösung am hartnäckigsten
    widersetzt. Es ist ein bekanntes Axiom der Spagyrie, daß es leichter ist, Gold zu machen als es zu zerstören.
    Aber hierzu zwingt sich uns eine kurze Anmerkung auf.
    Wir beschränken uns darauf, die chemische Realität der archimistischen Forschung zu beweisen und hüten
    uns wohl, in klaren Worten zu lehren, wie man Gold machen kann. Wir verfolgen ein höhergestecktes Ziel.
    Wir ziehen es vor, im Bereich der reinen Archimie zu bleiben, anstatt den Forscher anzuregen, diesem
    dornigen, von Schlamm gesäumten Pfad zu folgen. Denn die Anwendung dieser Methoden, mit denen man
    zwar das chemische Prinzip der direkten Umwandlungen auf eine feste Grundlage stellen kann, bringt für das
    Große Werk überhaupt nichts, da dessen Erarbeitung von diesem Prinzip völlig unberührt bleibt. Nachdem wir
    dies gesagt haben, kehren wir zu unserem Thema zurück.
    Ein altes Diktum der Spagyrie besagt, daß der Grund des Goldes im Gold selbst liegt; wir widersprechen dem
    nicht, solange jeweils gesagt wird, um welches Gold es sich handelt oder wie es möglich sein soll, diesen aus
    dem gewöhnlichen Gold entwickelten Grund zu erlangen. Solange man dieses letzte Geheimnis nicht kennt,
    muß man sich gezwungenermaßen damit begnügen, der Entstehung des Phänomens zuzuschauen, ohne dabei
    mehr zu gewinnen als eine objektive Sicherheit. Beobachten wir also aufmerksam die folgende Operation,
    deren Durchführung keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
    Lösen Sie reines Gold in Königswasser auf; gießen Sie eine der Hälfte des Gewichts des verwandten Goldes
    entsprechende Menge Schwefelsäure zu. Es wird sich lediglich eine leichte Kontraktion vollziehen. Rühren Sie
    die Lösung auf und füllen Sie sie in einen nicht röhrenförmigen Glaskolben, der in einem Sandbad steht.
    Erwärmen Sie zunächst mit mittlerer Hitze, damit die Destillierung der Säuren sanft und ohne Aufzukochen
    vor sich geht. Sobald die Destillation abgeschlossen ist und das Gold als eine gelbe, matte, trockene und
    schwammige Masse am Boden erscheint, füllen Sie das Gemisch um und erhöhen Sie stetig die Temperatur.
    Sie werden weiße, undurchsichtige Dämpfe aufsteigen sehen, zunächst nur wenig, dann immer stärker
    werdend. Die ersten Dämpfe werden als schönes gelbes Öl kondensieren und in das Gefäß laufen; die
    nachfolgenden lagern sich an den Wänden des Gefäßes als feine Kristalle ab, die wie Vogelflaum aussehen.
    Die wunderschöne blutrote Frabe strahlt wie ein Rubin, wenn ein Sonnenstrahl oder anderes Licht darauffällt.
    Diese Kristalle, die, wie alle Goldsalze, sehr instabil sind, lösen sich in eine gelbe Flüssigkeit auf, sobald die
    13
    Temperatur sinkt...
    Wir untersuchen die Sublimationen nicht weiter. Bei den archimistischen Vorgängen, die als Kleine
    Merkwürdigkeiten bekannt sind, handelt es sich meistens um auf Zufall beruhenden Techniken. Die besten
    dieser Vorgänge gehen von solchen Metallprodukten aus, die auf die von uns beschriebene Weise erzeugt
    worden sind. Zahlreiche zweitran-gige Werke oder Manuskripte von Souffleuren verbreiten sich ausgiebig
    darüber. Wir beschränken uns auf die Merkwürdigkeit, die Basile Valentin schildert13 und die wir um der
    Dokumentation willen beschreiben wollen, da sie, im Gegensatz zu den anderen, durch solide und treffende
    philosophische Begründungen untermauert wird. Der berühmte Adept gibt in dieser Passage an, daß man eine
    ganz besondere Farbe gewinnen kann, wenn man vermittels Eisensalz das Quecksilber des Silbers mit dem
    Schwefel des Kupfers verbindet. «Der Mond», sagt er, «hat in sich ein stabiles Quecksilber, wodurch er der
    Gewalt des Feuers länger widersteht als die anderen, unvollkommenen Metalle; und der Sieg, den es
    davonträgt, zeigt nur mehr, wie stabil es ist, so daß noch nicht einmal der reißende Saturn ihm etwas entreißen
    oder es vermindern kann. Die laszive Venus ist sehr bunt, ihr ganzer Körper ist fast nur Tünche und von
    ähnlicher Farbe, wie sie die Sonne hat, die auf Grund ihres Überflusses einen Zug ins rötliche hat. Aber ihren
    [der Venus'] leprösen und kranken Körper hält auch die Tünche nicht zusammen; wo der Körper sich
    verflüchtigt, muß die Farbe folgen, denn wenn ebendieser vergeht, kann die Seele nicht bestehen. Ist ihr
    Domizil vom Feuer verzehrt, bleibt ihr kein Sitz und keine Zuflucht, wohingegen sie, wenn sie begleitet ist,
    sich in einem stabilen Körper befindet. Das stabile Salz verschafft dem Krieger Mars einen harten, starken,
    soliden und robusten Körper, von dem seine Größe und großer Mut herrühren. Deswegen ist es so schwierig,
    diesen tapferen Feldherrn zu überwinden, ist sein Körper doch so hart, daß man ihn nur mit Mühe verletzen
    kann. Paart aber jemand seine Stärke und Härte mit der Beständigkeit des Mondes und der Schönheit der
    Venus und stimmt sie mit einem spirituellen Mittel ab, könnte er gegen eme zarte Harmonie gar nicht so viel
    Übles ausrichten, wie der arme Mensch nötig hätte, der sich zu diesem Zweck einiger Kniffe unserer Kunst
    bedient hätte, nachdem er auf dieser Leiter hochgestiegen und bis ans Ende des Großen Werkes gelangt wäre,
    um dadurch sein Leben besonders zu gewinnen. Denn die phleghmatische und feuchte Natur des Mondes kann
    durch das warme und cholerische Blut der Venus erwärmt und getrocknet werden; seine große Schwärze kann
    durch das Salz des Mars ausgeglichen werden.»
    Von den Archimisten, die mit Gold experimentierten, um es zu vermehren und die mit ihren Formeln
    erfolgreich waren, nennen wir den venezianischen Priester Pantheus14; Naxagoras, Autor der Alchymia
    denudata (1715); de Hocques, Duclos, Bernard de Labadye; Joseph du Chesne, Baron von Morancé, Arzt
    König Heinrichs IV.; Blaise de Vigènere; Bardin, du Havre (1638); Mlle de Martinville (1610); Yardley,
    13 Les Douze Clefs de Philosophie, Paris: Pierre Moet 1659, Buch I, S. 34; Éditions de Minuit 1956, S. 85 [Die zwölf Schlüssel der Philosophie].
    14
    englischer Erfinder eines dem Londoner Handschuhmacher M. Garden im Jahre 1716 übertragenen
    Verfahrens, wiederum von M. Ferdinand Hochley weitergegeben an Doktor Sigismond Bacstrom15, der es
    1804 in einem Brief an M.L. Sand beschrieb; zuletzt der fromme Philanthrop St.Vincent de Paul, Gründer der
    Pères de la Mission (1625), der Kongregation der Saeurs de la Charité (1634) etc.
    Man möge uns gestatten, einen Augenblick bei dieser großen und noblen Gestalt sowie seiner okkulten Arbeit
    zu verweilen, die weithin unbekannt geblieben ist.
    Man weiß, daß der Heilige Vincent de Paul auf einer Reise von Marseiile nach Narbonne von berberischen
    Piraten gefangengenommen und nach Tunis verschleppt wurde. Er war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt16.
    Man versichert uns weiterhin, daß es ihm gelang, seinen letzten Herrn, einen Renegaten, in den Schoß der
    Kirche zurückzuführen, daß er nach Frankreich zurückkehrte und sich in Rom aufhielt, wo ihn Papst Paul V.
    mit großen Ehren empfing. Seit dieser Zeit gründete er fromme Stiftungen und karitative Einrichtungen. Was
    man uns nicht sagt, ist, daß der Vater der Findelkinder, wie man ihn zu seinen Lebzeiten nannte, während
    seiner Gefangenschaft Archimie studiert hat. So erklärt sich auch, ohne daß man dazu wunderbare
    Interventionen bemühen müßte, wie der große Apostel der christlichen Nächstenliebe das nötige Geld für seine
    zahlreichen philanthropischen Werke aulbringen konnte17. Er war im übrigen ein praktischer Mensch,
    entschlossen, seiner Sache gewiß, der keineswegs'seine Angelegenheiten vernachlässigte, kein bißchen
    träumerisch oder dem Mystizismus zugeneigt. Außerdem verbarg sich eine wahrhaft menschliche Seele unter
    der rauhen Schale eines geschäftigen, hartnäckigen und ehrgeizigen Mannes.
    Was seine chemischen Arbeiten anbelangt, so besitzen wir von ihm zwei aussagekräftige Briefe. Der erste, der
    an Monsieur de Comet, Anwalt am Präsidialgericht in Dax, gerichtet ist, wurde mehrmals veröffentlicht und
    von Georges Bois im Péril occultiste (Paris: Victor Retaux o.J.) untersucht. Er ist in Avignon abgefaßt und
    datiert vom 24. Juni 1607. Wir zitieren das ziemlich lange Dokument von dem Moment an, wo Vincent,
    nachdem er seine Mission in Marseiile erledigt hat, seine Vorbereitungen für die Rückkehr nach Toulouse
    trifft.
    14 J.-A. PANTHEUS: Ars et Theoria Transmutationis Metallicae cum Vorarchadumia. Veneunt. Vivantium Gautherorium, 1550.
    15 Doktor S. Bacstrom gehörte der hermetischen Gesellschaft an, die von dem Adepten Chazels, der auf Mauritius im Indischen Ozean lebte, zur
    Zeit der Revolution gegründet wurde.
    16 Er wurde 1581 in Poux, in der Nähe von Dax geboren und obwohl er sein genaues Alter mehrmals in seiner Korrespondenz angibt, geben seine
    Biographen 1576 als Geburtsjahr an. Der Irrtum erklärt sich daraus, daß man ihn anläßlich seiner Priesterweihe im Jahre 1600 mit Wissen der
    Prälaten, die damit gegen die Entscheidungen des Konzils der Dreißig verstießen, als Vierundzwanzigjährigen ausgab, obwohl er nur neunzehn
    war.
    17 Er gründete, wie uns der Abbé Pétin berichtet (Dictionnaire hagiographique, in: Encylopédie de Migne, Paris 1850) in Marseille ein Hospital
    für Galeerensträflinge, in Paris die Häuser des Orphelins, des Filles de la Providence, des Filles de la Croix; die Hospitäler de Jésus, des
    Enfants-Trouvés, das allgemeine Hospital de la Salpetrière. «Ohne das Hospital Sainte-Renne zu erwähnen, das er in Burgund gründete, rettete
    er mehrere Provinzen, die von Hungersnöten und der Pest heimgesucht worden waren; und die Almosen, die er in die Lorraine und die
    Champagne schickte, beliefen sich auf fast zwei Millionen.»
    15
    «... Als ich schon dabei war, die Reise auf dem Landweg anzutreten, wurde ich von einem Edelmann, mit dem
    zusammen ich logierte, überzeugt, mich mit ihm zusammen bis Narbonne einzuschiffen, da das Wetter günstig
    war; dies tat ich dann, um schneller anzukommen und Geld zu sparen oder, besser gesagt, um niemals
    anzukommen und alles zu verlieren. Der Wind war so günstig, daß er uns noch am selben Tag bis Narbonne
    gebracht hätte, und das wären fünfzig Meilen gewesen, wenn Gott es nicht zugelassen hätte, daß drei türkische
    Briganden, die den Golf von Leon befuhren (um die Barkassen abzufangen, die aus Beaucaire kamen, wo
    gerade eine Messe stattgefunden hatte, die, wie man sagte, zu den schönsten der Christenheit zählte), uns
    jagten und so heftig attackierten, daß zwei oder drei von uns getötet und alle anderen verletzt wurden. Auch
    ich bekam einen Pfeil ab, der mir noch bis ans Ende meines Lebens als Uhr dienen wird. Schließlich mußten
    wir uns diesen Gaunern ergeben, die schlimmer waren als Tiger. In der ersten Wut hieben sie unseren
    Steuermann in tausend Stücke, da sie einen ihrer Anführer verloren hatten, den wir, mit vier oder fünf weiteren
    Verbrechern, getötet hatten. Nachdem sie dies getan hatten, legten sie uns in Ketten, nicht ohne uns vorher
    wüst beschimpft zu haben, und setzten dann ihre Plünderung fort. Sie stahlen tausend Sachen, ließen aber
    dennoch alle diejenigen frei, die sich kampflos ergeben hatten, freilich nicht ohne auch sie auszurauben:
    schließlich stachen sie, hochbeladen mit Waren, nach sieben oder acht Tagen in See und nahmen Kurs auf das
    Land der Berber, das den Dieben, ohne Billigung des Großtürken, als Schlupfwinkel und Höhle diente. Dort
    angekommen, boten sie uns zum Verkauf feil und erzählten dabei die Geschichte unserer Gefangennahme, die
    sie auf ein spanisches Schiff verlegten, da wir ohne diese Lüge von dem Konsul ausgelöst worden wären, den
    der [französische] König entsandt hatte, um den Franzosen den freien Handel zu ermöglichen. Die
    Verkaufsprozedur verlief so, daß wir, nachdem sie uns völlig nackt allsgezogen hatten, von ihnen je ein paar
    Hosen sowie einen linnenen Rock mit einer benote18 bekamen; sie führten uns sodann durch Tunis, wohin sie
    gekommen waren, um uns zu verkaufen. Nachdem sie uns fünf oder sechs Runden durch die Stadt hatten
    laufen lassen, die Kette um den Hals, brachten sie uns zurück aufs Schiff, damit die Händler sehen könnten,
    wer etwas essen kann und wer nicht, um zu zeigen, daß unsere Verletzungen nicht tödlich waren. Anschließend
    brachten sie uns wieder auf den Platz, wo die Händler kamen und uns genauso begutachteten, wie man es beim
    Kauf eines Pferdes oder Ochsen tut; sie öffneten uns den Mund, um nach den Zähnen zu sehen, betasteten
    unsere Seite, untersuchten unsere Wunden, ließen uns traben oder rennen und schließlich Lasten tragen, zuletzt
    kämpfen, um die Kraft jedes einzelnen festzustellen, und tausend andere Brutalitäten.
    Ich wurde an einen Fischer verkauft, der bald gezwungen war, sich wieder von mir zu trennen, da das Meer
    ihm nicht günstig war von dem Fischer kam ich zu einem alten Mann, einem spagyristischen Mediziner,
    souveränem Beherrscher der Essenzen, einem sehr humanen und umgänglichen Menschen der, wie er mir
    sagte, fünfzig Jahre lang den Stein der Weisen gesucht hatte und, wenn auch in dieser Beziehung erfolglos,
    18 Unbekannter Begriff, wahrscheinlich ein Kleidungsstück (Weste?) [Anm. d. Übs.].
    16
    sicherlich einige andere Metallmutationen entdeckt hatte. Dies ist wahr, denn ich habe ihn oft soviel Gold wie
    Silber zusammen schmelzen sehen, die Legierung in kleine Plattchen walzen und eine Schicht irgendeines
    Pulvers in einen Schmelztiegel oder ein Schmelzgefäß, wie es die Schmiede benutzen, schütten sehen, gefolgt
    von einer Schicht Plättchen, worauf er wiederum eine Schicht Pulver schüttete und so fort. Dann hat er es für
    vierundzwanzig Stunden ins Feuer gestellt, und als er es öffnete, habe ich gesehen, daß alles Silber zu Gold
    geworden war. Öfter noch sah ich ihn Quecksilber zu Feinsilber gerinnen lassen, das er verkaufte, um den
    Erlös den Armen zu geben. Meine Aufgabe war es, in zehn oder zwölf Öfen das Feuer zu unterhalten, was
    mir, Gott sei Dank, nicht mehr Mühe als Freude bereitete. Er mochte mich sehr und fand großen Gefallen
    daran, mich Alchimie und deren Gesetz zu lehren, für das er mich eifrig zu begeistern suchte, indem er mir
    großen Reichtum und all sein Wissen versprach. Gott hielt in mir durch meine unablässigen Gebete zu ihm und
    der Jungfrau Maria den Glauben an die Befreiung aufrecht, und ich glaube fest daran, durch das Eingreifen
    der Jungfrau allein die Freiheit wiedererlangt zu haben. Die Hoffnung und der unerschütterliche Glaube, Sie,
    mein werter Herr, wiederzusehen, gaben mir die Kraft ihn zu bitten, mir das Mittel zur Heilung des
    Harngrieses, bei dessen Behandlung ich ihn täglich Wunder vollbringen sah, zu zeigen. Dies tat er auch, das
    heißt, er ließ mich die Ingredienzen zubereiten und das Mittel verabreichen...
    Ich blieb von September 1605 bis zum nächsten August bei dem Alten, dann wurde er abgeholt, um zum
    Großen Sultan gebracht zu werden, für den er arbeiten sollte. Dies war allerdings vergeblich, denn er starb vor
    Kummer auf dem Weg dorthin. Er hinterließ mich seinem Neffen, einem wahren Anthropomorphiten19, der
    mich bald nach dem Tod seines Onkels verkaufte, da er gehört hatte, daß Monsieur de Breve, Bostschafter des
    [französischen] Königs in der Türkei, mit guten und ausdrücklichen Patenten des Großtürken käme, um die
    christlichen Sklaven auszulösen. Ein Renegat und natürlicher Feind der Kirche aus Nice in Savoyen kaufte
    mich und nahm mich mit in sein Temat (so nennt sich das Gut, das man als Pächter vom Großherrn erhält,
    denn das Volk besitzt nichts, alles gehört dem Sultan). Sein Temat war in den Bergen, wo es extrem heiß und
    öde ist.»
    Zehn Monate, nachdem er diesen Mann bekehrt hatte, brach Vincent mit ihm auf, «als wir endlich», fährt der
    Schreiber fort, «in einem kleinen Boot fliehen konnten und wir trafen am 28. Juni in Aigues-Mortes ein. Bald
    darauf kamen wir in Avignon an, wo der Vizelegat den Renegaten öffentlich in der St.-Peterskirche empfing,
    mit Tränen in den Augen und schluchzender Stimme, zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Zuschauer. Mein
    Herr erwies mir die Ehre, mich zu lieben und zu herzen um einiger alchimistischer Geheimnisse willen, die ich
    ihn gelehrt hatte und aus denen er größeren Nutzen ziehe, sagt er, si io gli avessi dato un monte di oro20, denn
    19 Anhänger einer ehemaligen Sekte, die Gott menschliche Gestalt gab [Anm. d. Übs.].
    20 «Als wenn ich ihm einen Berg Goldes gegeben hätte.»
    17
    er habe ein Leben lang gearbeitet und erhoffe sich keine weitere Befriedigung ... - Vincent Depaul»21.
    Ein weiteres Schreiben aus Rom vom Januar 1608, an denselben Adressaten gerichtet, zeigt uns Vincent de
    Paul, wie er den eben genannten Vizelegaten in seine spagyristischen Geheimnisse einweiht und wegen
    ebendieser Kenntnisse in hoher Gunst steht. «... Meine Stellung ist also die, in einem Wort, daß ich in der
    Stadt Rom bin, wo ich meine Studien fortsetze und vom Herrn Vizelegaten aus Avignon unterhalten werde, der
    mir die Ehre erweist, mich zu lieben und mein Fortkommen zu wünschen, da ich ihm einige sehr schöne Dinge
    gezeigt habe, die ich während meiner Versklavung bei dem alten Türken gelernt hatte, an den ich verkauft
    worden war. Ich habe Euch ja davon geschrieben und auch von der Zahl der Kuriositäten, von denen der
    Spiegel des Archimedes nur den Anfang, nicht die Vollendung darstellt. Hierbei handelt es sich um ein
    künstliches Mittel, um den Kopf eines Toten zum Sprechen zu bringen. Dieser Elende bediente sich dieses
    Mittels, um das Volk zu verführen, indem er ihnen erzählte, daß sein Gott Mohammed durch diesen Kopf
    seinen Willen verkünde. Dies und noch tausend weitere schöne Sachen aus der Geometrie lernte ich bei ihm,
    deretwegen mein genannter Herr Vizelegat so eifersüchtig ist, daß er nicht einmal will, daß ich jemanden
    empfange, aus Angst, ich könnte ihm etwas verraten. Er allein möchte in dem Ruf stehen, diese Dinge zu
    wisseil und er gefällt sich darin, sie gelegentlich Seiner Heiligkeit und den Kardinalen vorzuführen.»
    Trotzdem er den Alchimisten und ihrer Wissenschaft nur geringe Glaubwürdigkeit zugesteht, erkennt Georges
    Bois an, daß man weder die Redlichkeit des Erzählers noch die Richtigkeit der Experimente, die er gesehen
    hat, in Zweifel ziehen kann. «Er ist ein Zeuge», schreibt er, «der auf sich alle Garantien vereinigt, die man von
    einem Augenzeugen erwarten kann: er hat es häufig gesehen und offensichtlich ohne erkennbares eigene
    Interesse, eine Bedingung, die sich nicht in gleichem Maße bei Forschern findet, die von ihren eigenen
    Experimenten erzählen und dabei durch ihren besonderen Standpunkt voreingenommen sind. Er ist ein guter
    Zeuge, aber er ist ein Mensch: er ist nicht unfehlbar. Er konnte sich täuschen und für Gold ansehen, was doch
    nur eine Legierung aus Gold und Silber war. Nach unserem jetzigen Kenntnisstand und der unserer Erziehung
    zu verdankenden Gewohnheit, die Metullumwandlungen unter die Fabeln einzureihen, sehen wir uns
    gezwungen, dies anzunehmen. Wenn wir aber darauf verzichten, das Zeugnis, das wir untersuchen, leicht zu
    nehmen, ist der Irrtum ausgeschlossen. Es ist klar gesagt, daß der Alchimist zusammen Gold und Silber zu
    gleichen Teilen schmolz: das wäre also die klar definierte Legierung22. Diese Legierung wird zu Plättchcn
    21 Wir wissen nicht, warum die Biographen auf der frei erfundenen Schreibweise Vincent de Paul beharren. Er hat es, von echtem
    charakterlichem Adel, nicht nötig,- noch besonders geadelt zu werden. All seine Briefe sind mit Depaul unterzeichnet. Man findet diese
    Schreibweise ebenfalls in einem Aufruf zur Versammlung einer Freumaurerloge, der auf den Seiten 130-131 des Dictionnairc d'Occultisme,
    hrsg. E. DESORMES und Adrien BASILE (Angers, Lachèse 1897) abgedruckt ist. Es verwundert übrigens nicht, daß eine Loge, die den
    Gesetzen der Nächstenliebe und Brüderlichkeit, die in der Freimaurerei des XVI. Jahrhunderts herrschten, gehorchte, sich unter den nominellen
    Schutz des mächtigen Philanthropen stellte. Das fragliche Dokument, datiert vom 14. Februar 1835, geht aus von der Loge Salut, Force, Union
    des Chapitre des Disciples de Saint Vincent Depaul, die dem Orient de Paris zugeordnet und 1777 gegründet worden war.
    22 Man kann sich über die Natur der Legierung noch weniger täuschen, als das Silber eine Entfärbung des Goldes hervorruft, die nicht unbemerkt
    bleiben kann. Nun ist die Entfärbung hier fast total, da die Metalle zu gleichen Teilen vermischt wurden, so daß die Legierung weiß erscheint.
    18
    ausgewalzt. Anschließend werden diese Plättchen schichtweise angeordnet, wobei sie jeweils durch eine
    Schicht eines nicht weiter beschriebenen Pulvers getrennt werden. Dieses Pulver ist zwar nicht der Stein der
    Weisen, aber es besitzt eine seiner Eigenschaften: es bewirkt die Umwandlung. Man erhitzt es vierundzwanzig
    Stunden lang, und der Silberanteil der Legierung hat sich in Gold verwandelt. Dieses Gold wird wieder verkauft
    und so fort. Es gibt keinerlei Mißverständlichkeit bei der Unterscheidung der Metalle. Zudem ist es
    unwahrscheinlich, daß ein solch enormer Irrtum so leicht hätte passieren können, da das Verfahren häufig
    wiederholt und das Gold an Händler verkauft wurde. Zu dieser Zeit nämlich glaubte alle Welt an Alchimie;
    "die Goldschmiede, Bankleute und Händler wußten sehr wohl reines Gold von einer Goldlegierung zu
    unterscheiden. Seit Archimedes kann jeder Gold an Hand der Relation von Volumen und Gewicht erkennen.
    Die Fürsten, die Gold fälschen, täuschen damit ihre Untertanen, nicht aber die Waage der Bankicutc oder die
    Münzprägekunst. Man konnte keinen Goldhandel betreiben, indem man für Gold verkaufte, was keines war.
    Dies wäre im Tunis des Jahres 1605, das zu der Zeit einer der bekanntesten internationalen Handelsplätze war,
    ein ebenso schwieriger und gefährlicher Betrug gewesen wie zum Beispiel in London, Amsterdam, New York
    oder Paris heutzutage, wo die großen Goldgeschäfte in Barren getätigt werden. Dies ist der unserer Meinung
    nach schlagendste Beweis, den wir zur Unterstützung der These der Alchimisten beibringen konnten, wonach
    die Metallumwandlung tatsächlich möglich ist.»
    Das Verfahren selbst hängt ausschließlich von der Archimie ab und kommt dem ziemlich nahe, was Pantheus
    in seiner Voarchadumie lehrt, wo er das Ergebnis des Verfahrens als das Gold der zwei Zementationen
    bezeichnet. Denn wenn Vincent de Paul auch in groben Zügen das Verfahren beschrieben hat, hat er sich
    andererseits wohl gehütet, die genaue Abfolge und Art der Verfahrensschritte zu beschreiben. Derjenige, der es
    heute zu realisieren suchte, könnte, auch wenn er genaueste Kenntnis des speziellen Zementierpulvers besäße,
    nur den Mißerfolg konstatieren. In der Tat muß das Gold, um das beigemischte Silber umwandeln zu können,
    besonders vorbehandelt werden, da das Zementierpulver sich allein auf das Silber auswirkt. Ohne diese Vorbehandlung
    bliebe das Gold im Elektrum23 inert und könnte dem Silber nicht das übertragen, was es selbst nicht
    besitzt24. Die Spagyristen nennen diese Vorbereitungsarbcit Exaltation oder Trumfusion, und man führt sie
    ebenfalls mit Hilfe eines Zementierpulvers aus, das schichtweise bcigcgebcn wird. Da die Zusammensetzung
    des ersten Zementierpulvers von der des zweiten verschieden ist, ist die von Pantheus für das erzeugte Metall
    gewählte eigene Bezeichnung voll gerechtfertigt.
    Das Geheimnis der Läuterung [Exaltation], ohne dessen Kenntnis man keinen Erfolg hat, besteht darin, die
    normale Farbe des Goldes entweder auf einen Schlag oder auch schrittweise zu erhöhen, indem man den
    23 Bernsteinfarbene Metallmischung aus Gold und Silber [Anm. d. Übs.].
    24 Basile Valentin insistiert auf der Notwendigkeit, dem Gold einen Überfluß an Schwefel zu geben. «Das Gold färbt nicht», sagt er, «wenn es
    nicht zuvor selbst gefärbt worden ist.»
    19
    Schwefel eines unvollkommenen Metalls, im Normalfall des Kupfers, zugibt. Dieser gibt dem Edelmetall
    durch eine Art chemischer Transfusion sein eigenes Blut. Das so mit Farbe überladene Gold nimmt eine
    korallenrote Farbe an und kann so dem spezifischen Quecksilber des Silbers den Schwefel abgeben, der ihm
    fehlt. Dies geschieht vermittels mineralischer Geister, die im Laufe des Prozesses aus dem Zementierpulver
    entweichen. Diese Übertragung des im Überfluß im geläuterten Gold gebundenen Schwefels vollzieht sich
    langsam und schrittweise unter Hitzeeinwirkung; sie benötigt 24 bis 48 Stunden, je nach den Fähigkeiten des
    Handwerkers beziehungsweise der Menge der bearbeiteten Materie. Größte Aufmerksamkeit ist dem Unterhalt
    des Feuers zu widmen, welches gleichbleibend und von ausreichender Stärke sein muß, ohne jemals den
    Schmelzpunkt der Legierung zu erreichen. Man riskiert bei zu starker Hitze die Verflüchtigung des Silbers
    sowie die Auflösung des im Gold gebundenen Schwefels, der ja noch keine vollkommene Festigkeit gewonnen
    hat.
    Schließlich befaßt sich ein drittes Verfahren, das absichtlich ausgelassen wird, da ein kundiger Archimist so
    vieler Hinweise gar nicht bedarf, mit dem Auswalzen der Metallplättchen, ihrer Verschmelzung und
    Kapellierung25. Der Bodensatz aus reinem Gold zeigt beim Wiegen eine mehr oder weniger spürbare
    Verminderung, die im allgemeinen variiert zwischen einem Fünftel und einem Viertel des beigemischten
    Silbers. So oder so bleibt trotz dieser Einbuße bei dem Verfahren noch ein lohnender Gewinn.
    Wir machen darauf aufmerksam, daß dem korallenroten Gold, gleich, auf welche Weise es gewonnen wurde,
    die Fähigkeit zur direkten Umwandlung, das heißt auch ohne Zusatz eines Zementierpulvers, einer gewissen
    Menge Silbers eignet: ungefähr bis zu einem Viertel seines Eigengewichts. Da es jedoch unmöglich ist, den
    genauen Wert des Koeffizienten der Kraft des Goldes zu bestimmen, umgeht man die Schwierigkeit, indem
    man das Rotgold mit der dreifachen Menge Silbers schmilzt und die ausgewalzte, zu Plättchen geschnittene
    Legierung dem Ausgangsverfahren unterzieht.
    Nachdem wir gesagt haben, daß die auf der Aufnahme einer bestimmten Menge metallischen Schwefels durch
    das Quecksilber des Goldes beruhende Läuterung eine farbverstärkende Wirkung auf das Metall hat, geben
    wir nun einige Hinweise auf die zu diesem Zweck ausgeführten Arbeitsschritte. Diese nutzen, wenn man auf
    die Metallmasse einwirken will, um die Legierung wieder aufzulösen, die Fähigkeit des Sonnenquecksilbers,
    einen Teil reinen Schwefels fest zu binden. So gibt das mit Kupfer verschmolzene Gold, wird es wieder
    getrennt, dennoch einen Teil jener Färbung nie vollständig auf, deren es das Kupfer entkleidet hat. Das heißt,
    daß bei mehrmaliger Wiederholung des Prozesses das Gold sich mehr und mehr anreichert und schließlich
    diese überflüssige Farbe dem ihm nahestehenden Metall, dem Silber, abgeben kann.
    25 Abtreiben des Silbers auf dem Treibherde [Anm. d. Übs.]
    20
    Ein erfahrener Chemiker, bemerkt Naxagoras, weiß zur Genüge, daß, reinigt man Gold bis zu vierundzwanzig
    Mal und noch darüber hinaus mit Antimoniumsulfat, es eine bemerkenswerte Farbe und Feinheit sowie
    besonderen Glanz gewinnt. Aber dabei tritt, im Gegensatz zu dem, was sich beim Kupfer ereignet, ein
    Metallverlust auf, da das Quecksilber des Goldes bei der Reinigung einen Teil seiner Substanz an das
    Antimonium abgibt, wodurch der Schwefel im Überfluß vorhanden ist, was ein Ungleichgewicht der
    natürlichen Verhältnisse darstellt. Dies macht die Technik unbrauchbar und läßt lediglich die simple
    Befriedigung der Neugier erwarten.
    Man kann ebenfalls Gold läutern, indem man es zunächst zusammen mit der dreifachen Menge Kupfers
    schmilzt und die ausgewalzte Legierung anschließend mit kochender Salpetersäure wieder auflöst. Obwohl
    diese Technik aufwendig und, wegen der benötigten Säuremenge, auch teuer ist, ist sie doch eine der besten
    und sichersten Methoden, die wir kennen.
    Besäße man jedoch ein wirksames Reduktionsmittel, das man während der Verschmelzung des Goldes mit dem
    Kupfer einsetzen könnte, wäre das Verfahren dadurch viel einfacher und man müßte weder Materialverlust
    noch übergroße Mühen befürchten, und das trotz der unumgänglichen Wiederholungen, die diese Methode
    erfordert. Schließlich wird der Kundige, indem er diese verschiedenen Methoden erforscht, vielleicht noch
    bessere, das heißt noch effizientere entdecken. Es würde zum Beispiel genügen, einen direkt aus dem Blei
    gelösten Schwefel zu verwenden, ihn im Rohzustand an Wachs zu binden und ihn langsam in das
    geschmolzene Gold einzuleiten, das dann den reinen Anteil bände. Man könnte auch gleich auf das Eisen
    zurückgreifen, für dessen spezifischen Schwefel das Gold die größte Affinität zeigt.
    Aber es genügt. Wer will, kann nun arbeiten; ob man seine Meinung für sich behält oder nicht, unsere
    Ratschläge befolgt oder mißachtet, uns ist es gleich. Wir wiederholen ein letztes Mal, daß keine der hier großzügigerweise
    beschriebenen Methoden auch nur im geringsten etwas mit der traditionellen Alchimie zu tun
    hat; keine davon kann mit den klassischen alchimistischen Methoden verglichen werden. Eine dicke Mauer
    trennt die beiden Wissenschaften, die ein unüberwindhares Hindernis darstellt für diejenigen, die mit den
    Methoden und Formeln der Chemie vertraut sind. Wir möchten niemanden entmutigen, aber um der Wahrheit
    willen müssen wir sagen, daß niemand, der sich spagyristischen Forschungen widmet, jemals über die Wege
    der offiziellen Chemie hinausgelangcn wird. Viele Leute heute glauben, ganz naiv, entschieden von der Chemie
    abzuweichen, weil sie deren Phänomene auf eine besondere Weise erklären. Dabei verwenden sie aber keine
    anderen Methoden als diejenigen Gelehrten, auf die sich ihre Kritik erstreckt. Ach, es wird sie immer geben,
    21
    diese Irrenden und Betrogenen, und ihnen hat wohl Jacques Tesson26 diese so wahren Zeilen gewidmet:
    «Diejenigen, die unser Großes Werk mit Digcstieren, gewöhnlichem Destillieren und ähnlichen Sublimationen
    vollbringen wollen, und solche, die es mit Zerreiben versuchen, alle die sind weit ab vom richtigen Weg, in
    großem Irrtum und großer Pein befangen, sie werden niemals ans Ziel gelangen, denn alle diese Namen und
    Worte sowie Vorgehensweisen sind metaphorisch aufzufassen.»
    Wir meinen, nun unser Bild vervollständigt und gezeigt zu haben, so gut es uns eben möglich war, daß die
    Ahnherrin der heutigen Chemie nicht die gute alte Alchimie, sondern die alte Spagyrie ist, angereichert
    durch kontinuierliche Beiträge der griechischen, arabischen und mittelalterlichen Archimie.
    Und wenn man irgendeine Vorstellung dieser geheimen Wissenschaft gewinnen möchte, muß man seine
    Gedanken auf die Arbeit des Bauern und des Mikrobiologen richten, denn die unsere ist unter analoge
    Bedingungen gestellt. Wie nämlich die Natur dem Bauern die Erde und das Korn, dem Mikrobiologen das
    Agar-Agar und die Samen gibt, so verschafft sie dem Alchimisten das Gebiet der eigentlichen Metalle und den
    passenden Keim. Wenn alle für ein reguläres Vorgehen dieser besonderen Kultur günstigen Umstände
    strengstens beachtet werden, so kann die Ernte nur üppig ausfallen ...
    Die Wissenschaft der Alchimie bleibt, um es zusammmenzufassen, trotz der extremen Einfachheit in bezug auf
    ihre Materialien und Formeln, dennoch die undankbarste, die obskurste von allen, berücksichtigt man die
    genaue Kenntnis der notwendigen Bedingungen und geforderten Einflüsse. Dort ist ihre mysteriöse Seite, und
    auf die Lösung dieses schwierigen Problems konzentrieren sich die Anstrengungen aller Söhne des Hermes.
    26 Jacques TESSON oder LE TGSSON: Le Grand et exccellent Ouvre des Sages, contenant trois traités ou dialogues: Dialogues du Lyon
    verd, du grand Thériaque et du Régime. Ms. des XVII. Jahrhunderts, Bibliothèque de Lyon, N° 971 (900) [Das Große und Ausgezeichnete
    Werk der Weisen, welches drei Traktate oder Dialoge enthält: Dialog des grünen Löwen, des großen Theriak und der Regierung.


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