• Auf den Spuren der Katharer

    Die Burgen der Katharer lagen fast uneinnehmbar auf den höchsten Bergspitzen. Jahrzehnte lang führte die Inquisition einen blutigen Krieg gegen die als Ketzer verrufene christliche Sekte. Otmar Steinbicker entdeckte ihre Spuren in den französischen Regionen Midi-Pyrénées und Languedoc-Roussillon.

    Bei Béziers, wo die Autobahn von Montpellier nach Barcelona den Fluss Orb überquert, zeigen zum ersten Mal Schilder das Ziel der Reise an: "Pays Cathare" – das Land der Katharer. Der Name erinnert an eine mittelalterliche Sekte, die vor rund 800 Jahren den Papst in Rom herausgefordert hatte. Ihre Gegenkirche rief den Zorn des Kirchenoberhauptes hervor, das um Einfluss und Einnahmen fürchtete. Der Affront hatte fatale Folgen: Die uralte Kulturregion wurde anno 1208 zum Ziel des einzigen Kreuzzugs von Christen gegen Christen.

    Bei der Erstürmung von Béziers im Juli 1209 metzelten die Kreuzritter die Einwohner der Stadt gnadenlos nieder und der päpstliche Nuntius Arnaud Amaury soll die Soldaten zusätzlich aufgehetzt haben: "Tötet sie alle, Gott wird die Seinen schon erkennen".

    Aus dem Dorf Fanjeaux, der ersten Etappe der Reise, stammt auch der Heilige Dominikus. Hier gründete er 1206 den Dominikaner-Orden, und hier führte er seine ersten Auseinandersetzungen mit den Katharern, die er später blutig verfolgen ließ. Das Geburtshaus des Gottesmannes existiert heute noch – als kleines Museum.

    Reisemobiltouristen finden in dem kleinen Ort sogar einen Stellplatz und eine jener "Borne Cathare" genannten Stationen, wo sie kostenlos Wasser und Strom bekommen und ihren Abfall und ihr Abwasser entsorgen können.

    Wer etwas mehr Komfort sucht, findet im nahegelegenen Aigues Vives einen vielen guten Campingplätze im französischen Binnenland. Der freundliche Besitzer hilft nicht nur mit einem Adapter für den Stromanschluss aus, sondern gibt zusätzlich noch einen guten Tipp: Am nächsten Morgen ist Markt in der Nachbarstadt Mirepoix.

    Im Zentrum, auf der Place Principale mit den wunderschönen Fachwerkhäusern aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, stehen die Stände der Bauern und Händler aus der Umgebung. Frisches Gemüse und knackiges Obst ist hier zu haben und eine Vielfalt von Käsesorten – darunter die berühmten Ziegenkäse der Region.

    Wein wird der Einfachheit halber gleich "en vrac" – im kleinen Kanister also – verkauft, und aus einem Korb schnattern aufgeregte Enten, die offenbar den Kennerblick des Feinschmeckers fürchten.

    Recht nah liegt Montségur. Wie ein Adlernest thront die noch heute schwer zugängliche Burg auf dem hohen Felsen. Im Frühjahr 1243 begann die königliche Armee die Bergfestung mit ihren 400 bis 500 Verteidigern zu belagern.

    Nach fast einem Jahr, im März 1244, war die Burg endlich eingeschlossen, Mit einem schweren Katapult zertrümmerten die Angreifer die Befestigungsanlagen. Als Montségur schließlich fiel, stellten die christlichen Soldaten die überlebenden Katharer vor eine teuflische Wahl: ihrem Glauben abzuschwören oder auf dem Scheiterhaufen zu sterben, der eilig am Fuße des Berges errichtet wurde. 225 Männer und Frauen blieben ihrem Glauben treu und starben einen schrecklichen Tod. Eine Stele am Ort des Geschehens erinnert heute noch an die Opfer.

    Besonders viele Anhänger fanden die Katharer unter den Webern des Landes. So viele, dass die kirchlichen Anklageschriften oft den Begriff Weber benutzen, wenn Ketzer gemeint sind. Die blühende Textilproduktion war eine wichtige Einkommensquelle der Region – und wird den französischen König zusätzlich in Versuchung geführt haben, den reichen Süden des Landes unter seine Kontrolle zu bringen.

    In Lavelanet zeigt ein Museum in einer ehemaligen Fabrik ein typisches Weberhaus, wo Leben, Essen und Arbeiten in einem Raum stattfand und darüber hinaus die industrielle Herstellung von Strickgarn.

    Einen Kontrast zur kargen Welt der meisten Katharerburgen bildet die alte Festungsstadt Foix. Schon von weitem ist die dreitürmige Burg der Grafen von Foix zu sehen, die als uneinnehmbar galt.

    Simon de Montfort, der Katharerschlächter, hatte zweimal vergeblich die Festung belagert. Zwar war der Herr des Anwesens, der Graf Raymond-Roger selbst kein Katharer. Seine schöne Schwester Esclarmonde de Foix aber gehörte zu den prominentesten Anhängern der Sekte.

    Auch auf dem gut geführten Campingplatz "Le Pré Lombard" in Tarascon-sur-Ariège erhalten die Reisenden einen interessanten Tipp und stoßen schließlich im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefen der Geschichte vor.

    Die Ausstellungen im "Parc Pyrénéen de l'Art Préhistorique" in Tarascon lassen die Ursprünge europäischer Zivilisation und Kunst anschaulich werden. Auf den Geschmack gekommen, führt ein Abstecher in die "Grotte de Niaux" mit ihren beeindruckenden prähistorischen Felsmalereien aus der Zeit um 15 000 vor Christus. Bisons, Pferde und Rentiere haben die frühen Bewohner der Höhle auf die Wände gemalt.

    Die Spuren der Katharer werden südlich von Tarascon in Ussat-les-Bains wieder aufgenommen. Um das dortige Höhlensystem, das den Verfolgten nach dem Fall von Montségur als Zufluchtsort diente, ranken sich allerhand esoterische Mythen. In der "Spoulga de Boan" sollen danach die Katharer den Gral aus der in Wolfram von Eschenbachs "Parzival" verarbeiten Gralslegende versteckt haben. Die Esoterik-Sekte der "Rosenkreuzer" griff die alte Legende neu auf und errichtete in der Nähe einen eigenen Campingplatz.

    Ein sehr gutes Umfeld bietet der Campingplatz "Eden II" in Chalabre. Das Besitzerehepaar hat für seine Gäste mehrere große Ordner mit Tourenvorschlägen zusammengestellt und gibt darüber hinaus noch individuelle Tips.

    Ein erster kleiner Abstecher führt in das benachbarte Puivert. In der Burg des Ortes fanden im 12. Jahrhundert berühmte Sängerwettbewerbe statt. Über den riesigen Innenhof der Anlage, in dem früher prächtige Ritterturniere abgehalten wurden, erreicht man den Saal der Musikanten. Auf den Schlussteilen des gotischen Kreuzrippengewölbes sind noch Darstellungen der traditionellen Instrumente der Troubadoren zu erkennen: Drehleier, Zither, Laute, Psalter, Tamburin und Dudelsack. Auch diese Festung befand sich zeitweise in der Hand der Katharer, bis ein Kreuzritterheer sie im Jahre 1210 vertrieb.

    Ausflugsziel Nummer eins ist jedoch ist ein Besuch der beiden bedeutenden Katharerburgen Quéribus und Peyrepertuse.

    "Schließen Sie Ihren Anorak fest und ziehen den Reißverschluss bis oben zu, Sie werden sonst oben auf der Bergkuppe vom Sturm weggeweht", warnt die Kassiererin vor dem Aufstieg zu der Burg Quéribus hoch oben auf einer Felsnadel.

    Unmittelbar vor dem Eingangstor zur Burgruine kämpfen sich die Besucher geduckt und mühsam gegen die ungeahnte Kraft des Windes an. Der Kraftakt lohnt sich. Denn nur so können die Besucher sich Zugang zur Ruine verschaffen, von der aus sich ihnen das grandiose Panorama über die Bergzüge der Corbières erschließt. Für die Kreuzritter war Quéribus viel zu abgelegen. Hier konnten sich die Katharer noch bis 1256, also zwölf Jahre nach dem Fall von Montségur halten. In Quéribus wurde niemand verbrannt. Die Verfolgten konnten sich früh genug absetzen.

    Die Anstrengungen dieser Besichtigung müssen die Campingplatzbesitzer vor Augen gehabt haben, als sie für das Mittagessen das rustikale Wildschweinragout in Rotweinsauce von Madame Villa in der Auberge de Cucugnan empfahlen, ein Gericht, das selbst Obelix vor Neid erblassen ließe.

    Herzhaft lachen können die Besucher anschließend im Theater "Achille Mir", wo in einer Art Trickfilm-Vorführung die "Predigt des Pfarrers von Cucugnan" vorgeführt wird, eine lustige Geschichte, die der Schriftsteller Alphonse Daudet überlieferte. Da ist es gar nicht so tragisch, wenn es mit den Kenntnissen der französischen Sprache noch hapert. Die drastischen Höllendarstellungen, mit denen der Pfarrer seine Gläubigen auf den Weg der Tugend bringen will, sind allein durch die lustigen Bilder gut verständlich.

    Nach soviel Abwechslung ist wieder neue Kraft getankt für den nächsten Aufstieg zur Burg Peyrepertuse, der größten Katharerburg. Über 7000 Quadratmeter dehnt sich die gesamte Festung aus. Von der alten Burg mit der Kirche Sainte-Marie, die noch aus den Zeiten der Katharer stammt, führt ein Weg zur noch höher liegenden Burg "Donjon San Jordi", die König Ludwig der Heilige 1240 nach der Vertreibung der Katharer errichten und zur bedeutendsten Pyrenäenfestung ausbauen ließ.

    Auf dem Weg nach Carcassonne liegt der kleine Ort Esperaza. Schon an der Ortseinfahrt wirbt ein großes Plakat für ein Dinosaurier-Museum. Statt der befürchteten Phantasiewelten à la "Jurassic Park" bietet es eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema. Leider sind die Beschriftungen nur in Französisch und Englisch. In einer an das Museum angegliederten Werkstatt können die Besucher sogar beobachten, wie Experten ganze Kisten mit in der Umgebung gefundenen,versteinerten Dino-Eier untersuchen. Gleich nebenan zeigt ein Hutmuseum das traditionelle Handwerk der Filzhutherstellung. Ein anschaulicher Videofilm demonstriert den Weg von der Schafschur bis zum fertigen Hut.

    Als Mekka der Esoteriker gilt das unweit gelegene Rennes-le-Château. Die Westgoten hatten dort einst ihre Hauptstadt Redae errichtet und am Ende des vergangenen Jahrhunderts will der damalige Dorfpfarrer einen Schatz und seltsame Dokumente gefunden haben. In den zahlreichen esoterischen Buchläden des Dorfes werden diverse Bücher und Broschüren mit den wildesten Spekulationen um diese "Geheimnisse" feilgeboten. Nüchternere Zeitgenossen wissen mit solchen Thesen allerdings wenig anzufangen.

    Urlaubsgenuss in Frankreich, das heißt auch, einmal in einem vornehmen Feinschmecker-Restaurant zu speisen. Im "Château des Ducs de Joyeuse", einem ehemaligen Renaissance-Schloss in Couiza, empfiehlt der Küchenchef als Spezialität seines Hauses "Magret de Canard", eine zart gegrillte Entenbrust. Zum Aperitif wird hier statt Champagner "Blanquette de Limoux" gereicht.

    Dieser leicht moussierende Sekt wird in der nur 15 Kilometer entfernten Stadt Limoux produziert. Wie der Champagner reift er in Flaschengärung und entwickelt dabei seinen ausgezeichneten Geschmack. Da er trotz vergleichbarer Qualität wesentlich preisgünstiger ist als das Nobelgetränk, wird nach einer Kostprobe in den Kellern der Kooperative Aimery-Sieur d’Arques im Stauraum des Reisemobils Platz geschaffen, um einige Flaschen für den heimischen Weinkeller zu bunkern.

    Wie ein Märchen präsentiert sich aus der Ferne Carcassonne. Hoch über der modernen Stadt liegt die befestigte Altstadt, Europas größte erhaltene Festung mit 52 Türmen und zahllosen Zinnen. Über anderthalb Kilometer ziehen sich die äußeren Mauern und die ältesten Befestigungsanlagen stammen noch aus der Römerzeit. Im Mittelalter lebten dort 3500 Soldaten und 2000 Zivilisten in der strategisch wichtigen Festungsstadt, schließlich verlief bis zur Zeit Ludwig des XIV. die Grenze zu Spanien nur 50 Kilometer entfernt. Bis 1820 gehörte die ganze Altstadt dem französischen Kriegsministerium und beherbergte ein riesiges Munitionsdepot.

    Heute ist die Stadt fest in der Hand des internationalen Tourismus - mit allen Folgen. Große Reisebusse laden im Sommer vor den Festungsmauern Scharen von Ausflüglern aus den Küstenorten am Mittelmeer aus. Die Parkplatzgebühren sind gepfeffert und in den Gassen der Altstadt reihen sich die Souvenirgeschäfte aneinander. Aber dennoch gehört Carcassonne selbstverständlich zum Pflichtprogramm bei einem Besuch dieser Region.

    Wer nach der Stadtbesichtigung Ruhe und Erholung sucht, wird mit dem Campingplatz "Le Breil d'Aude" südlich der Stadt und außerhalb jeden Trubels eine gute Wahl treffen. Hier lohnt durchaus auch ein längerer Aufenthalt bevor die Landschaft des Minervois weiter nach Norden lockt, zu den Schlössern von Lastour, zur beeindruckenden Tropfsteinhöhle "Gouffre géant de Cabrespine" und natürlich in die Weinkeller des Minervois mit ihren ausgezeichneten Tropfen.

    Otmar Steinbicker


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