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    Die Religion der Katharer

     

    Quellen:

    Michel Roquebert: „Die Religion der Katharer“, Touristenbroschüre, Toulouse 1988

    René Nelli: „Die Katharer“, Touristenbroschüre, La Guerche de Bretangne

    Ignaz Döllinger, „Geschichte der gnostisch-manichäischen Sekten im frühen Mittelalter“, München 1890

    Geo Windgren (Herausgeber): „Der Manichäismus“, Darmstadt 1977

    Arno Borst: „Die Katharer“, Freiburg i. Br., 1991

    Jaques Madule: „Das Drama von Albi“, Freiburg 1964

    Eugen Roll: „Ketzer zwischen Orient und Okzident“, Stuttgart 1978

    Micha Brumlik: „Die Gnostiker“, Frankfurt 1995

     

    Vorbemerkung:Die Religion der Katharer ist kein monolithischer Block, sondern es gab verschiedene Sekten und verschiedenen Glaubensrichtungen. Die radikale Strömung, der Dualismus, vertrat die Ansicht, daß Gott und Satan zwei in etwa gleich mächtige Götter seien. Sie nahmen an, daß Gott den Himmel, die Engel, die Seelen und die ganze geistige Welt geschaffen habe, während der Satan der Schöpfer der sichtbaren, irdischen und materiellen Welt sei. Die gemäßigte Strömung, die Monarchianer, glaubten, daß Gott die gesamte Welt, also auch den Satan geschaffen habe. Dieser habe aber gegen Gott rebelliert und die Schöpfung verdorben.

    Im Interesse einer einfachen und klaren Darstellung werde ich mich im Wesentlichen nur mit dem dualistischen Katharismus beschäftigen. Wenn also nicht ausdrücklich darauf hingewiesen ist, daß über die Ansichten der Monarchianer berichtet wird, dann ist unter dem Wort "Katharismus" immer der dualistische Katharismus zu verstehen. Diese Form des Katharismus war vor allem in Südfrankreich verbreitet. Dort war eine der Hochburgen des Katharismus war die Stadt Albi. Deshalb werden die südfranzösischen Katharer auch Albigenser genannt.

     

    Der Ursprung des Namens "Katharer"

    Die Katharer wurden "Katharoi" genannt, was auf griechisch "die Reinen" heißt. Sie lehnten alles Unreine. Als unrein sahen sie an: Alles was mit Sexualität zusammenhängt und alles was mit der irdischen Materie zusammenhängt. Sie hielten es auch für eine Sünde, Tiere zu essen und übten in allen Dingen strenge Enthaltsamkeit und Askese. Das Wort "Ketzer" geht möglicherweise auf "Katharer" zurück.

     

    Der Katharismus, eine christliche Religion mit gnostisch-manichäischen Wurzeln

    Der Katharismus (ca 900 bis 1400 n. Chr) war eine christliche Erlösungsreligion auf der Grundlage des Neuen Testaments. Christus war für die Katharer die einzige Quelle der Offenbarung. Wie die Christen beteten die Katharer das Vaterunser. Sie hielten sich für die wahren Christen.

     

    Im Unterschied zum Katholizismus lehnten die Katharer alle Sakramente ab. Sie glaubten nicht an die Taufe mit Wasser, sondern nur an die Taufe durch den Heiligen Geist. Die Taufe von kleinen Kindern, die den Sinn des Sakramentes noch nicht erkennen können, lehnten sie als unsinnig ab.

    Sie glaubten nicht an das Heilige Abendmahl, auch nicht an das Jüngste Gericht, nicht an die Auferstehung. Ihre Liturgie und Morallehre stand im Widerspruch zum Katholizismus.

    Der Katharismus enthält starke Elemente der Religion des persischen Religionsstifter Mani (ca. 215 bis 276 n. Chr). Der Manichäismus steht der Gnosis nahe. Die Gnosis (vom 1. bis zum 3. Jahrhundert n.Chr.) war eine Glaubensrichtung, die dem Menschen durch ein geheimes Wissen (griechisch: gnosis= das Wissen) die Erlösung vermitteln wollte.

     

    Der Katharismus, der Manichäismus und die Gnosis sehen Gott und den Teufel als zwei in etwa gleich mächtige und in ständigem Widerstreit miteinander liegende Wesen an (Dualismus).

     

    Vorläufer der Katharer waren:

    Die Bogomlien, eine im griechischen Thrakien entstandene Sekte, die auf dem Balkan (in Bulgarien, Rumänien und Bosnien) und in der heutigen Türkei verbreitet war. Um das Jahr 1050 herum waren die Bogomilen im europäischen Teils des byzanthinischen Reiches verbreitet.Die Lehre der Bogomilen war eine Verbindung des syrischen Gnostizismus mit den Lehren der Massalianer (oder Euchiten), einer im vierten Jahrhundert n. Chr. in Kleinasien entstandenen Sekte. Die Lehre der Bogomilen war hauptsächlich monarchianisch.

    Die Euchiten wurden im Jahr von den byzanthinischen Kaisern im Jahr 752 und im Jahr 970 ausgesiedelt, u.a. auch nach Thrakien.

     

    Ein weiterer Vorläufer der Katharer sind die Paulikianer, eine gnostischeSekte, die etwa im vierten oder fünften Jahrhundert n. Chr. im kleinasiatischen Teil des byzantinischen Reiches entstand. Zwischen 650 und 700 n. Chr. breitete sich die Sekte in Armenien aus. Als sie überhand nahmen, wurden sie auf Befehl des öströmischen Kaisers in verschiedene andere Gebiete deportiert, um nun vereinzelt da stehenden Anhänger wieder in den Schoß der orthodoxen Kirche zurückzuführen. Ein orthodoxer Christ, Symeon, wurde aber umgkehrt von den Paulicanern bekehrt und entfaltete bedeutende Aktivitäten für die Paulikaner. Da wurde es der orthodoxen Kirche zu bunt, Kaiser Justinian II. ließ alle Paulikianer festnehmen, verhören und alle, die auf ihrer Lehre beharrten, im Jahre 690 verbrennen.

    Der Kaiser Nicephorus (803 - 811) tolerierte jedoch die Paulikianer, sodaß sie jetzt ihre Lehren ungestört verbreiten konnten. Dies kam auch denjenigen Paulikanern zu gute, die nach Thrakien übersiedelt wurden. Aber schon bald danach setzten im byzantinschen Reich wieder strenge Verfolgungen gegen die Paulikaner ein. Ein Teil von ihnen floh in den moslemischen Teil von Armenien und machten räuberische Einfälle in das byzantinsche Gebiet. Das hatte weitere Repressionen der Kaiserin Theodora gegen die im byzantinischen Reich verbliebenen Paulikianer zur Folge. Als sich die im moslemischen Gebiet siedelnden Paulikianer immer mehr ausbreiteten, wurden sie dort von den Moslems verfolgt. Im 859 ließ der moslemische Feldherr Ischak 60 000 Paulikianer niedermetzeln.

     

    Im Jahr 969 wurde eine große Anzahl von Paulikianern nach Philippopulis nach Thrakien deportiert, wo sich im Laufe eines Jahrhunderts bedeutend vermehrten.

     

    Die Paulikianer vertraten einen schroffen und absoluten Dualismus.

     

    Das Reich des Guten und das Reich des Bösen

    Für die Katharer gab es zwei Schöpfungen und zwei Reiche: Das Reich des guten Gottes (der liebe Gott, le bon Dieu) und das Reich des bösen Gottes (des Satans). Der gute Gott war für die Katharer der "rechtmäßige, wahre und lebendige" Gott. Von ihm gingen die Gerechtigkeit und die Wahrheit aus wie das Licht von der Sonne. Das Reich Gottes war der Himmel (gemäß dem Jesuswort: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt").

    Das Reich des Satans (des "Herren der Welt") war die irdische, diesseitige Welt, die vom Bösen beherrscht wird. Der Mensch erfährt in dieser Welt Schmerzen, Krankheit und Tod. Die diesseitige Weltist vergänglich, die jenseitige ewig.

    Für die Katharer war die irdische Welt nichtig und unbedeutend, das Reich Gottes dagegen ewig und unvergänglich. Im Reich Gottes zu sein bedeutete für die Katharer, mit Gott eins und unvergänglich zu sein.

    Für die Katharer war Gott die Liebe und nur wer die Liebe in sich hatte, konnte mit Gott eins werden. Ohne Liebe war der Mensch ein Nichts, das zur Bedeutungslosigkeit und zum Untergang verurteilt war.

     

    Für die Katharer war es klar, daß das jenseitige Reich des Guten und das irdische Reich des Bösen nicht von ein und demselben Schöpfer stammen konnten. Es mußte also zwei gegensätzliche Schöpfungsprinzipien geben: das Gute und das Böse. Gemäß dem Mathäusevangelium sagten sie: " Ein schlechter Baum trägt schlechte Früchte, ein guter Baum gute Früchte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen". Also konnte Gott nicht diese irdische Welt erschaffen haben, denn die irdische Welt galt für die Katharer als schlecht.

     

    Der Dualismus als Lösungsversuch für das Problem des Bösen

    Der Dualismus der Katharer versuchte eine Antwort auf einen unlösbaren Widerspruch zu geben, der auch heute noch viele gläubige Christen an ihrem Glauben irre werden läßt. Dieser Widerspruch lautet: "Wenn Gott der Allmächtige und Allgütige ist, der die gesamte Welt erschaffen hat, warum läßt er dann dann zu, daß diese irdische Welt so unvollkommen ist ? Warum läßt er zu, daß unschuldige Menschen so viel leiden müssen ? Warum hat Gott den Holokaust zugelassen ? Warum macht er Erdbeben und Flutkatastrophen, bei denen selbst unschuldige Säuglinge getötet werden ?" Die logische Antwort aus diesem Dilemma scheint zu sein: Gott ist entweder nicht allmächtig oder er ist nicht allgütig.

    Die Antwort auf diese zentrale religiöse Frage wird vom Christentum in etwa so gegeben: "Jeder Mensch trägt in sich die Ursünde - auch vermeintlich unschuldige Säuglinge. Das Böse ist die Strafe für diese Ursünde. Aber der Mensch muß nicht verzagen, Jesus ist für die Menschen gestorben und hat alle Sünden auf sich genommen. Wer an Jesus glaubt, kommt in den Himmel und wird dort bis in alle Ewigkeit für seine Leiden entschädigt."

    Aber diese Antwort des Christentums wirft wieder neue Fragen auf: "Ist die Ursünde vielleicht nur ein Hilfskonstruktion, um dem Dilemma zu entkommen ? Wenn Jesus durch seinen Tod die Ursünde überwunden hat, warum geht das Leiden der Menschen noch weiter ? Haben nicht viele Menschen, die fest an Jesus glaubten, schreckliche Leiden erfahren müssen ? "

    Das Christentum ist in dieser Frage des Leidens in der Defensive, und die "Rechtfertigung Gottes" (Theodizee) bereitet ihm Schwierigkeiten.

     

    Der Erfolg, den der Katharismus zeitweise erringen konnte, hat wohl viel damit zu tun, daß der Dualismus eine einfache und plausible Antwort auf die Frage gibt: "Warum läßt der allmächtige und allgütige Gott zu, daß ich armer Mensch so schrecklich leiden muß ?" Die Antwort des Katharismus lautet ungefähr so: "Dein Körper ist, ebenso wie die ganze sichtbare Welt, vom Teufel erschaffen. Er ist für all Deine Leiden verantwortlich. Der liebe Gott ist nur für den Himmel zuständig, und der ist vollkommen. Wenn Du alles Irdische und Unreine (alles körperliche) von Dir abstreifst und nurnoch aus dem Geist der reiner Liebe bestehtst, dann kannst Du in das Reich Gottes eingehen."

     

    Im Christentum ist der Teufel der gefallene Engel Luzifer - und somit, wie alle Engel, ein Geschöpf Gottes. Im Christentum ist der Satan zwar der Gegenspieler Gottes, aber es ist klar, daß Gott ungleich stärker und mächtiger ist als der Teufel, der im Grunde der Zuarbeiter für Gottes Plan und letztlich immer der Unterlegene ist. Der Mephisto ist bei Goethe "die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

     

    Der Rang des Teufels im Katharismus

    Anders ist es im Katharismus. Dort ist der Satan ein von Gott unabhängiges Schöpfungsprinzip. Der Teufel nimmt also im Katharismus einen höheren Rang ein und hat mehr Macht. Aber auch im Katharismus ist der Satan Gott nicht ebenbürtig und steht mit ihm nicht auf der gleichen Stufe.

    Um es mit meinen Worten (und nicht in den Worten des Katharismus) zu sagen: "Der Unterschied ist, daß Gott sehr wohl ohne den Teufel existieren kann, aber der Teufel nicht ohne Gott. Gott ist das positive, der Satan das verneinende Prinzip. Damit ich etwas verneinen kann, muß aber erst etwas Positives da sein. Eine Verneinung des Nichts ist ein Nichts. Null plus Null gibt Null. Aber Eins plus Null gibt Eins. Das Nichts hat also nur ein 'geborgte', scheinbare Existenz, während das 'Etwas' durch das Nichts nicht zerstört und vernichtet werden kann. "

    Insofern ist auch im Katharismus der Satan ein Gott zweiter Klasse.

     

    Im Katharismus herrscht zwischen dem Teufel und Gott eine tiefe, unversöhnliche Feindschaft. Der Satan versucht ständig, die Schöpfung des guten Gottes zu imitieren und in das Gegenteil zu verkehren und sie zu zerstören. Nachdem Gott die geistige Welt erschaffen hat, schafft der Teufel die materielle Welt und versucht beide Welten in einem heillosen Durcheinader zu vermischen und die geistige Welt durch die Vermischung mit der irdischen Welt zu verderben. Der Körper des Menschen besteht aus Materie und ist deshalb des Teufels. Aber seine Seele ist Teil der geistigen Welt. Die Probleme, Widerspräche und Leiden des Menschen resultieren für die Katharer also aus dieser unglücklichen Vermischung zweier an sich unvereinbarer Prinzipien.

     

    Uneins waren sich die Katharer darüber, ob die Seele ohne Wissen Gottes in den Körper gelangt ist (das glaubten die meisten)oder ob dies mit Wissen Gottes geschehen ist, vielleicht sogar mit seinem Einverständnis.

     

    Auch der Katharismus löst das Problem des Bösen nicht

    An dieser Stelle merkt man, daß die Katharer das Problem "Kann ein allmächtiger Gott das Böse zulassen und doch allgütig sein ?" auch nicht gelöst haben: Die Seele des Menschen entstammt ja dem Reich Gottes. Wie kann Gott allmächtig und allwissend sein, wenn der Satan die Seele ohne Wissen Gottes im menschlichen Körper einfangen konnte (und zwar aus dem himmlischen Bereich heraus, in welchem ja Gott uneingeschränkt herrscht) ? Wie kann er allgütig sein, wenn der Satan mit seinem Einverständnis handelte ?

     

    Der katharischeMythosvom Sturz der Engel

    Der liebe Gott lebte im Himmel mit den Engeln, die er sich geschaffen hatten, in größter Harmonie. Um diese zu stören, stieg der Satan, das böse Prinzip zu Himmel auf. Vor der Himmelspforte mußte er 32 Jahre lang vergeblich warten. Dann nahm er die Lichtgestalt eines Engels an, nannte sich Luzifer und wurde eingelassen. Er verhielt sich ein Jahr lang ruhig und spielte den Engel unter Engeln. Er war aber schöner als alle andern Engel, und alle Engel verliebten sich in ihn. Deshalb waren sich Gott und die Engel einig darüber, daß Luzifer der oberste der Engel werden sollte und sich um die Verwaltung des Himmels kümmern sollte.

    Dann sähte er unter den Engeln Unzufriedenheit, indem er sie fragte, ob dies ihre einzige Seeligkeit sei, Tag und Nacht Gott zu preisen und für ihn Lobeshymnen zu singen. Er malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön das Leben auf der Erde (drunten in Südfrankreich) sei. Dort gäbe es köstliche Weine und herrliche Frauen und ungeahnte Genüsse. Als Kostprobe brachte er ein solches herrliches Prachtweib von der Erde in den Himmel. Die meisten Engel wurden dadurch von großer Begierde ergriffen, diese oder eine vergleichbare Frau für sich zu besitzen. Luzifer nahm die Frau wieder mit auf die Erde, und ein Drittel der Engel stürzten sich, getrieben von brennender Begierde, durch einen Riß im Himmel hinterher. Neun Tage lang fielen sie in ganzen Scharen auf die Erde herab,bis der liebe Gott den Riss im Himmel abdichtete und keinen Engel mehr fortließ.

     

    Einer anderen Version zufolge stellte der liebe Gott fest, daß die Engel nicht mehr das geforderte Plansoll an Lobpreisungen erreichten. Dabei muß Gott dann wohl festgestellt haben, daß es Luzifer gelungen war, den anfälligeren Teil der Engel zu verführen und auf seine Seite zu ziehen, weil er ihnen den Sex verboten hatte. Deshalb rebelierten sie. Daraufhin kam es zu einer gewaltigen Schlacht im Himmel zwischen dem Erzengel Michael und den Gott treu ergebenen Engeln und zwischen Luzifer und seinen Engeln. Dabei wurde Luzifer und seine Engel besiegt und auf die Erde herabgeschleudert und Gott schwor, daß ihm niemehr ein Weib in den Himmel kommen sollte.

    Genau genommen warf Gott die Seelen der Engel auf die Erde, während ihre überirdischen Lichtkörper im Himmel zurückblieben.

     

    Auf der Erde erbaute der Satan für die Engel einen gläsernen Himmel; der liebe Gott zertrümmerte ihn jedoch, und die Engel geisterten als körperlose Wesen schutz- und hilflos auf der Erde herum. Jetzt tat ihnen die Sache leid und sie baten den Gott im Himmel um Verzeihung. Die wurde aber offensichtlich nicht gewährt.

    Der Satan schuf für die Seelen der gefallenen Engel irdische Körper, und die Seelen der Engel zogen in diese Körper ein (denn nur so konnte der Teufel den Körpern Leben geben), sodaß jeder Mensch die Seele eines Engels hat. Die Seelen der Engel vergaßen aber ihre himmlische Herkunft. Was blieb, war eine unbestimmte Sehnsucht der Seele.

    Was geschah mit den Körpern der Engel, die im Himmel verblieben ? Hier wird es nun etwas kompliziert: Ein Engel hat zwei Seelen: Die Körperseele (anima) und eine Geistseele (spiritus). Auf die Erde gestürzt wurde nur die Körperseele. Die Geistseele (spiritus) blieb aber im Körper der Engel (also im Himmel). Dort hatte der spritius aber Sehnsucht nach seiner anima, die im Körper eines Menschengefangen saß. Und auch die anima hatte Sehnsucht nach ihrem spiritus im Himmel. Wenn beide es schaffen, wieder Eins zu werden, ist dies die große Hochzeit.

     

    Die Schrift des katharischen Bischofs Nazarius

    Im Jahr 1190 brachte der katharische Bischof Nazarius aus Bulgarien eine apokryphe Schrift nach Frankreich. Apokryphe Schriften sind Texte aus der christlichen Frühzeit, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, weil sie falsch, von minderer Qualität und/oder im Widerspruch zur richtigen Lehre standen.

     

    In unserer heutigen Sprache widergegeben lautet es:

    Bevor der Satan aus dem Himmel herabgestürzt wurde, hatte er im Himmel die Stellung des obersten Verwalters inne. Er saß neben dem Throne Gottes und lenkte die Kräfte des Himmels und die Scharen der Engel. In seiner Aufgabe als Verwalter der Schöpfung Gottes war er vom obersten Himmel bis in die unterste Hölle unterwegs. Er sorgte dafür, daß Gott der gebührende Ruhm und der gebührende Tribut gezollt wurde. Bei dieser Tätigkeit kam ihm der Gedanke, daß er sich in den unteren Himmeln und auf der Erde, die damals noch wüst und leer war, sich sein eigenes Reich zu erschaffen, um dann dort auf einem Thron über den Wolken zu regieren, wie dies der liebe Gott im Himmel tat. Um diesen Plan zu verwirklichen, brauchte er die Hilfe der Engel, vor allem derjenigen, die über die Luft, das Wasser und die Erde regierten. Als er wieder den Tribut eintreiben sollte, den die Engel an Gott zu entrichten hatten, sagte er ihnen, sie bräuchten nur einen Teil zu entrichten. Er bürge dafür, daß der Betrug nicht auffallen würde. Als Gegenleistung müßten sie sich aber auf seine Seite stellen. Aber Gott merkte den Betrug und nahm allen Engeln, die sich hatten korrumpieren lassen, ihre Throne, Gewänder und Kronen weg. Der Satan wurde aus dem Himmel auf die Erde gestürzt; dabei wurde aus seinem Engelsgesicht ein rotglühendes Menschengesicht und er hatte sieben Schwänze, weil es sieben Todsünden gibt. Mit diesen sieben Todsünden zog er ein Drittel der Engel mit sich und sie wurden alle aus dem Himmel hinausgeworfen. Sie landeten auf dem Firmament, das ist die gläserne Kuppel, die sich über der Erdscheibe wölbt. Gott erbarmte sich mit ihm und gestattete ihm, dieErde zu gestalten. Die Engel, die über die Elemente Wasser und Luft regierten, halfen ihm dabei. Zum Zeichen dafür, daß sie ihn als Herren anerkannten, überreichten sie ihm die Krone der Herrschaft über die Luft und über das Wasser und der Satan stellte seinen Thron mitten in die Luft. Der er sammelte das Wasser in den Wolken und in den Ozeane und ließ das feste Land entstehen. Er schied die Nacht vom Tag und ließ nachts den Mond und tags die Sonne scheinen. Aus Steinen schlug er Funken und entfachte das Feuer. Aus dem Feuer Machte er das Heer der Sterne, und aus den Sternen wurden Götter und Dämonen, die ihm dienten. Er machte Donner und Regen, Hagel und Schnee und ließ das Wetter von seinen Dämonen regieren. Er befahl der Erde, daß sie alles Lebendige hervorbringen solle: Tiere, Bäume und Kräuter, und dem Meer befahl er, daß es hervorbringe Fische, und der Luft befahl er, daß sie Vögel hervorbringe. Um die Menschen zu schaffen, nahm er Schlamm und formte einen Menschen nach seinem Bilde. Da er diese Lehmkörper nicht zum Leben erwecken konnte, befahl er einem Engel des zweiten Himmels, in diesen Körper einzugehen und ihn zum Leben zu erwecken. Er nahm einen Teil dieses Körpers und formte daraus einen zweiten Körper in Gestalt eines Weibes und befahl einem Engel des Ersten Himmels, in diesen Leib einzuziehen. Als die beidenEngel sahen, daß sie sich in einer sterblichen Gestalt waren und unterschiedliche n Geschlechts waren, weinten sie sehr. Und der Satan befahl ihnen, miteinander Sex zu machen. Die Engel wußten aber in ihrer Unschuld nicht, wie sie das tun sollten. Deshalb pflanzte der Teufel das Paradies an und schickte die Menschen hinein. Mitten ins Paradies pflanzte der Teufel Schilf. Er schuf eine Schlage und versteckte die Schlange im Schilf. Der Teufel fuhr in die Schlange und die Schlange drang in die Vagina Evas ein. Auf diese Art kam, der Engel, der in Eva war, dahinter, was Lust und Begierde sind, und ihre Begierde war wie ein glühender Ofen. Nachdem der Engel, der in Adam war, gesehen hatte, wie die Sache funktioniert, war er sehr begierig, es den Teufel nachzutun. Deshalb sind die Nachfahren von Adam und Eva die Patenkinder des Teufels, wenn nicht gar seine Nachfahren.

     

    Um die Welt zu retten, schickte Gott Jesus Christus auf die Erde. Dies geschah, indem Gott zuerst einen Engel mit Namen Maria auf die Erde schickte. Sie hörte das Wort Gottes, und in dem Wort Gottes war Christus enthalten. Durch das Wort Gottes entstand in Maria Christus, der dann aus ihr herauskam. Als der Satan merkte, daß Christus gekommen war, schickte er Johannes den Täufer, der in Wirklichkeit der Prophet Elias und ein Dämon des Satans war, um Jesus mit Wasser zu taufen. So wollte er Jesus in seinen Bann zuiehen und ihn dazu verführen, die Menschen mit Wasser zu taufen, um sie zu erlösen. Jesus aber taufte die Menschen mit dem Feuer des Heiligen Geistes und erlöste sie.

    Wer nicht heiratet und nicht geheiratet wird, ist wie ein Engel Gottes im Reich des Himmels. Der Sex mit einer Frau ist eine Sünde. Seelig sind die Eunuchen. Es gibt Eunuchen, die das von Geburt an sind, und es gibt Eunuchen, die von Menschen dazu gemacht wurden und es gibt welche, die sich selbst kastriert haben, um in den Himmel zu gelangen.

    Was dann noch folgt, ist eine kurze Zusammenfassung der Apokalypse des Johannes.

    Soweit der Text des Katharerbischofs Nazarius.

     

    Die Erlösung aus Sicht der Katharer

     

    Für die Katharer (und nicht nur für sie) besteht die Erlösung darin, daß die im Körper gefangene Seele aus ihrem Gefängnis befreit wird. Dies geschieht aber nicht einfach dadurch, daß der Mensch stirbt und vor den Richterstuhl Gottes tritt, der ihn dann in den Himmel einläßt oder in die Hölle verdammt. Vielmehr muß sich der Mensch die Erlösung selbst erarbeiten. Der erste Schritt besteht darin, daß der Mensch weiß, daß er eine unsterbliche Seele hat. Dieses Wissen stammt für die Katharer letztlich vom Heiligen Geist und wurde durch Jesus und die Apostel weitervermittelt. Der Heilige Geist wurde für die Katherer durch den magischen Ritus des Handauflegens weitervermittelt.Das Handauflegen entsprach bei den Katharern dem christlichen Ritus der Taufe. Das Handauflegen sollte bewirken, daß der "Täufling" vom Heiligen Geist (und damit gleichzeitig mit dem "Wissen" (der Gnosis") durchflutet wurde. Die Katharer nannten diese spirituelle Taufeauch "Feuertaufe", weil ja der Geist durch das Feuer symbolisiert wird. In der Bibel kommt der Heilige Geist in Feuerzungen auf die Apostel herab. Die Taufe durch den Heiligen Geist wurde auch "Consolament" (Tröstung) genannt.

    Im Glauben der Katharer hatte die im menschlichen Körper eingeschlossene Seele ein Gegenbild, das bei Gott geblieben war.Diese Ebenbild nannten sie "Geist" (Spiritus). Durch den Vorgang des Handauflegens (der spirituellen Taufe) sollte die im Körper gefangene Seele mit ihrem göttlichen Ebenbild Kontakt aufnehmen und quasi vermählt (oder mystisch vereint) werden und den Weg zur Erlösung gezeigt bekommen.

    Letzendlich, so glaubten die Katharer, würden alle Seelen befreit werden und die gesamte Schöpfung würde erlöst werden.

     

    Die Katharer glaubten an die Seelenwanderung

     

    Im katharischen Glauben konnte der himmlische Geist auch in Tieren gefangen sein. Für die Katharer hatten die Tiere eine Seele, und die Seele konnte aus ihrer Sicht auch in Tieren wiedergeboren werden.

     

    Die Rolle Christi im Katharismus

     

    Für die Christen hat Jesus durch seinen Tod die Menschen von ihren Sünden erlöst. Für die Katharer war Jesus nur der Sendbote, der die Botschaft überbringt, wie der Mensch erlöst werden kann. Unklar war für die Katharer, ob Jesus mit Gott identisch ist oder ob er Gott untergeordnet ist.

    Die Katharer glaubten, daß Jesus kein irdischer Mensch gewesen sei, sondern eine Erscheinung. Folglich sei er auch nicht wirklich am Kreuz gestorben. Für sie bedeutete der Tod Christi am Kreuz nicht der Triumph des Guten über das Böse, sondern eine Niederlage - wenn auch nur eine vorübergehende. Folglich war für sie das Kreuz das Symbol einer Niederlage und sie lehnten das Kreuz als Symbol ab. Sie sagten: "Wenn man deinen Vater gehenkt hätte, würdest Du den Strang anbeten, durch den er den Tod fand ?"

     

    Die Wunder Jesu waren nach Ansicht der Katharer keine tatsächliche Wunder in dem Sinne, daß Jesus die Blinden sehend und die Lahmen gehend gemacht habe. Vielmehr habe Jesus die Blinden nur im übertragenen Sinne sehend gemacht, indem er ihnen das Licht der Erkenntnis brachte.

    Für die Christen bedeutet das Sakrament des Heiligen Abendmahls, daß die Hostie tatsächlich in den Leib Christi umgewandelt wird und daß Jesus also bei der Abendmahlhandlung körperlich anwesend ist (und von den Gläubigen in einer Art kannibalischem Akt verzehrt wird). Das war den Katharern doch zu starker Tobak und sie lehnten das Abendmahl als heidnischen Ritus ab.

     

    Die Ethik der Katharer

    Die Katharer glaubten nicht an den freien Willen des Menschen, zwischen Gut und Böse zu wählen. Die im Körper des Menschen eingesperrte Seele eines Engels kann eigentlich nichts Böses wollen oder tun, denn die Seelen der Engel sind Schöpfungen des Guten Gottes und der Gute Gott kann niemals etwas Böses bewirken.

    Daß der Mensch dennoch etwas Böses tut ist, aus katharischer Sicht wohl auf eine Verführung durch den Teufel zurückzuführen, nicht aber auf einen freien Willensakt. Willentlich kann sich die Seele nicht für das Böse entscheiden.

    Um es auf wienerisch zu sagen: "Der Mensch ist gut, nur die Leut sind schlecht".

     

    Die Katharer lehnten eine weltliche Gerichtsbarkeit ab. Konflikte zwischen Gläubigen sollten möglichst durch die katharischenPriester auf dem Weg der gütlichen Einigung überwunden werden. Die Katharer sprachen schon deshalb jeder weltlichen Autorität alle höhere Legitimation durch Gott ab, weil damals kein Fürst und KönigAnhänger des Katharismus war, also nur Stellvertreter des Satans sein konnten (und der Satan natürlich keine Autorität über die wahren Gläubigen haben durfte).Die Katharer waren damit der Gehorsamspflicht gegenüber der Obrigkeit entbunden.

     

    Die Katharer sahen dieFeigheit als schwere Sünde an. Man sollte Mut beweisen und körperliche Qualen tapfer ertragen, den Tod nicht fürchten und vor dem Scheiterhaufen der Inquisition keine Angst haben.

     

    Die Katharer verwarfen alle Strafurteile, alle körperlichen Strafen und vor allem die Todesstrafe. Die Katharer traten für die Gewaltlosigkeit ein. Ein Gläubiger, der ein Verbrechen begangen hatte, mußte zur Buße Priester werden.

     

    Die Katharer durften keine Tiere töten. Die hängt mit ihrem Glauben an die Seelenwanderung zusammen. Sie glaubten, nach dem Tod würden die Seelen so lange von den Dämonen der Luft geplagt, bis sie im Köper irgend eines Tieres Schutz suchen würden. Dann müßten die Seelen solange wandern, bis sie in den Leib eines guten und gläubigen Katharers gelangen würden, wo sie durch das Consolament von aller Schuld befreit würden und in das Paradies kämen.

     

    Die Sexualität (auch in der Ehe) waren verwerflich und unrein.

    Es galt schon als Sünde, eine Frau mit sexueller Begierde anzuschauen -selbst wenn man mit dem Objekt der Begierde verheiratet war. Die Katharer standen jeder Art von Sexualität feindlich und ablehnend gegenüber. Zeugung und Geburt galten als etwas Widerwärtiges. Es sei besser, sich von seiner Ehefrau zu trennen und enthaltsam zu leben. Ehemänner und Ehefrauen sollten sich nur platonisch, wie Brüder und Schwestern lieben.

    Während die Katholische Kirche in der Ehe ein Mittel sieht, die Sexualität in den Griff zu bekommen und ihre negativen Auswüchseeinzudämmen, sahen die Katharer auch in der Ehe eine Ort des Lasters und der Sünde.

     

    Sünde trotz Consolament war besonders gravierend. Durch das Consolament war der Priester der Macht des Bösen entzogen. Wenn er dennoch sündigte (was eigentlich gar nicht hätte möglich sein dürfen, aber die Realität hat sich noch nie an Ideologien gehalten), war er allein verantwortlich. Entsprechend hart und lang mußte die Buße sein, damit er Vergebung fand. Um ihn völlig reinzuwaschen, mußte er ein neues Consolament empfangen.

     

    Der gewöhnliche Gläubige konnte als mildernden Umstand für eine Sünde anführen, daß nicht er, sondern eigentlich der Teufel in ihm gesündigt hätte. Er durfte Frau und Kinder haben (denn auch Katharer müssen sich vermehren, wenn sie nicht aussterben wollen). Er darf auch Fleisch essen und Krieg führen. Ansonsten mußte er aber ein tugendhaftes Leben führen, an die katharischen Lehren glauben und sich auf das Consolament vorbereiten, um es dann auf dem Totenbett zu empfangen.

     

    Wie in der Katholischen Kirche mußte der Gläubige an Gottesdiensten und religiösen Zermonien teilnehmen. Diese endeten stets mit einem Friedenskuß, den der Gläubige seinem Priester geben mußte,natürlich nur die Männer den männlichen Priestern und die Frauen den weiblichen Priestern.

    Das Abendmahl wurde auch gefeiert, aber nicht als katholisches Sakrament, sondern als Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu.

     

    Das Consolament

    Das einzige Sakrament der Katharer war das Consolament. Nur Erwachsene durften es empfangen, und zwar nur dann, wenn sie daran glaubten und es bewußt und ausdrücklich wollten. Die gewöhnlichen Gläubigen erhielten das Consolament nur kurz vor dem Tode, es war also Taufe und letzte Ölung in einem. Normalerweise wurde es nur gegeben, wenn der Gläubige bei vollem Bewußtsein war. Es wurde aber auch gewährt, wenn er in Hinblick auf seinen bevorstehenden Tod gebeten hatte, im auch dann das Consolament zu geben, wenn er nicht mehr bei Bewußtsein war.

     

    Die Priester der Katharer

    Bei den Katharern durften auch Frauen Priester werden.

    Die Priester der Katharer mußten auch nach der Priesterweihe eine bürgerlichen Beruf ausüben und für ihren Lebensunterhalt arbeiten - das galt auch für Adelige.

    Die Priester mußten mindestens zu zweit leben und reisen. Sie waren schwarz oder dunkelblau gekleidet. Die männlichen Priester trugen einen Bart. Als die Verfolgungen durch die Katholische Kirche einsetzten, verzichteten sie aber auf den Bart, der sie verdächtig gemacht hätte.

    Wenn ein katharischer Gläubiger einem seiner Priester begegnete, mußte er dreimal "Gesegneter" sagen und dabei in die Knie gehen. Der antwortete: "Gott segne Euch, mache aus Euch einen guten Christen und führe Euch an ein gutes Ende."

     

    Die Priester der Katharer erhielten das Consolament quasi als Taufe und Priesterweihe in einem. Die Priester durften die Bezeichnung: "Christen", "gute Christen", "gute Menschen" oder "Freunde Gottes" führen. Die Inquisitoren nannten die Priester der Katharer "hereticus perfectus", also vollendeter Häretiker. Dabei hat das Wort "vollendet" etwa den gleichen Sinn wie in "vollendeter Mord". Die Inquisition sah also im Consolament eine schwere Straftat, die aber der gewöhnliche Gläubige ja noch nicht begangen hatte (und deshalb milder zu behandeln war). Die Priester der Katharer, also die heretici perfecti wurden von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt - es sei denn, sie schworen ihrem Glauben ab.

     

    Bevor der zukünftige Priester der Katharer das Consolament erhielt, mußte er in einem "Haus der Vollkommenen" ein dreijähriges Noviziat durchlaufen. Hier wurde er in der Lehre unterwiesen und erlebte eine spirituelle Einführung. Er mußte auf seine Priesterschaft vorbereiten und sich wohl jetzt schon den sehr strengen Regeln unterwerfen, die für ihn als Priester verbindlich sein würden. Er mußte lernen, wie die Seelsorge betrieben wurde und wie das Consolament gespendet wurde. Er lernte als Teil der Gemeinschaft zu denken und zu handeln und er wurde auf Führungsaufgaben vorbereitet, unter anderem sogar dadurch, daß er selbst zeitweisedie Leitung des Hauses der Vollkommen übernehmen mußte.

     

    Die Regeln, denen die Priester unterworfen waren, glichen strengenKlosterregeln. Es war verboten, tierische Nahrung zu sich zu nehmen. Auch Eier, Milch, Butter und Käse waren verboten. Für die Katharer umfasste das Gebot "Du sollst nicht töten" auch die Tiere. Die Tiere hatten ja im Glauben der Katharer eine Seele, deren Schicksal man nicht mutwillig beeinflussen durfte. Das Fleisch entstammte auch letztlich einem Zeugungsakt, der unrein und teuflisch galt. Es war aber erlaubt Fisch und Krebse zu essen, aber nur am Freitag und während der Fastenzeit. Dieses Zugeständnis mußte man wohl machen, um Erkrankungen durch Eiweißmangel zu vermeiden. Es gab drei Fastenzeiten im Jahr: vor Palmsonntag, vor Pfingsten und vor Weihnachten. Das ganze Jahr über mussten sie am Montag,Mittwoch und Freitag bei Wasser und Brot fasten. Entsprechend unterernährt waren sie und sahen mager und bleich aus.

     

    Die zweite unumstößliche Regel war die Enthaltsamkeit. Der Zeugungsakt galt als Erfindung des Teufels, die nur dazu diente, die Befreiuung der Seelen zu verzögern. Er habe damit bezweckt, die Zahl der "Gefängnisse in Fleisch und Blut zu vermehren". Das Prinzip der zwei verschiedenen Geschlechter und die fleischliche Lust war des Teufels. Die Sexualität galt als von Grund auf schlecht. Die Katharer waren also in der Verdammung der Sexualität noch rigider als die Katholische Kirche. Diese billigt wenigstens die Sexualität in der Ehe (wenn sie dem Zweck der Vermehrung dient). Die Katharer warfen der Katholischen Kirche vor, als Zuhälterin aufzutreten. Die Priester der Katharer durften eine Person des anderen Geschlechts noch nicht einmal berühren, ja noch nicht einmal streifen. Zu welchen Mißfallensäußerungen ein verheirateter evangelischer Pfarrer einen katharischen Priester hingerissen hätte, ist nicht bekannt.

    Hier erkennt man deutlich das Erbe der Gnosis in der Katharischen Religion. Hier muß man erkennen, daß der Katharismus eine Sekte war (wie das Christentum in seinen Anfängen auch), denn Sekten neigen dazu immer strenger und extremer zu sein als Volksreligionen.

     

    Die Priester der Katharer waren er "Regel der Gerechtigkeit und Wahrheit" unterworfen. Sie mußten die Gebote des Evangeliums wortwörtlich und ausnahmslos befolgen. Es war strengstens untersagt zu schwören (obwohl sie ja faktisch ein Priestergelübde ablegten). Sie durften niemals vorsätzlich lügen, selbst dann nicht, wenn sie in die Hände der Inquisition fielen. Sie durften nicht töten, auch nicht in Notwehr. Außer Fischen und Krustentieren durften sie keine Tiere töten. Listige Inquisitoren überführten die Priester der Katharer, indem sie sie zwangen, ein Huhn zu schlachten.

     

    Da nur jemand, der selbst das Consolament erhalten hatte, dieses auch spenden konnte, durften nur die Priester das Consolament weiterreichen.

     

    Eine gewisse Komplikation ergab sich, wenn ein Todkranker, der das Consolament empfangen hatte, wider Erwarten gesund wurde. Er war ja damit quasi zum Priester geweiht, aber hatte keine Ausbildung zum Priester gemacht und verspürte wohl oft auch wenig Lust, Priester zu werden. Die Katharischen Priester bemühten sich dann sehr darum, ihn im Haus der Vollkommen zu behalten. Aber wenn jemand dies nichtwollte, durfte weiterhin sein normales Leben führen. Auf dem Sterbebett erhielt er dann ein erneutes Consolament.

     

    Manche Gläubige bemühten sich nach einem zu früh erhaltenen Consolament dann auch tatsächlich zu sterben, indem sie die Nahrung verweigerten und an Hunger starben. Dies verlangte der Katharismus aber keineswegs von den Gläubigen, wie dies in böswilliger Weise von den Gegern des Katharismus unterstellt wurde.

    Dennoch scheint es so gewesen zu sein, daß viele Gläubige nach zu früh erhaltenem Consolament sich durch Nahrungsentzug ("Endura" genannt), zu Tode hungerten. Möglicherweise fühlten sich mache dazu durch eine Art sozialem Zwang dazu auch verpflichtet. Häufiger dürften sie aber zu sehr auf ihre religiösen Ideen fixiert gewesen sein. Wenn man die Ideen der Katharer ernst nahm, war ein vorzeitiges Ende ein vorzeitiges Erreichen des Paradieses. Es gab auch Fälle, in welchen sich gesunde Leute zu Tode hungerten, um so vorzeitig in den Genuß des Consolamentum zu gelangen.

     

    Die Liturgie des Consolament

    Die Katharer lehnten alle Sakramente der katholischen Kirche ab. Sie hatten aber selbst vier den Skaramenten vergleichbare heilige Handlungen: Das Handauflegen (Consolament), die Segnung des Botes, die Buße und die Priesterweihe. Das wichtigste war das Consolament.

    Das Consolament fand im Beisein anderer Priester sowie der Eltern und Freunde des Empfängers statt. Dieser mußte zunächst die Fragen des Priesters beantworten. Nachdem alle anderen anwesenden Priester zugestimmt hatten, schwört der Empfänger des Consolamets, die Regeln der Wahrheit und Gerechtigkeit einzuhalten und sich Gott und der "Kirche der Guten Christen" hinzugeben. Wenn er verheiratet war, mußte er seinen anwesenden Ehepartner darum bitten, ihn von den ehelichen Verpflichtungen zu entbinden. Er erhielt das Neue Testament überreicht und es wurde ein Vaterunser gesprochen. Dann mußte er auf einer mit einem Tuch bedeckten Tafel niederknien, der Priester legte das Neue Testament auf sein Haupt und alle anwesenden Priester legten ihre Hand auf das Neue Testament auf seinem Haupt. Dann sprach der Priester mehrmals eine ganze Reihe von Gebeten, darunter siebenmal das Vaterunser.

     

    Wenn es der Zustand des Sterbenden erforderlich machte, wurde die Zeremonie verkürzt. Der Sterbende brauchte auch nicht auf der Tafel zu knien sondern durfte das Consolament im Bett erhalten. In der Zeit der Verfolgung wurde das Consolament auch im Verborgenen gespendet, und es genügte die Anwesenheit von zwei Priestern (dem Priester und seinen "Gefährten").

     

    Die Kirche der Katharer

    Unklar ist, ob die Katharer ein gemeinsames Oberhaupt, also eine Art Papst hatten.

    Es gab vier Bistümer: Agen, Toulouse, Albi und Carcassonne sowie eine "Diözese von Frankreich", in der wohl die in Diaspora lebenden Katharer organisiert waren. Ein fünftes Bistum, das von Tazes wurde 1226 gegründet. Auch in Italien und auf dem Balkan gab es Bistümer.Jeder Bischof hatte zwei "Koadjutoren", von denen der dienstältere nach dem Tode des Bischofs dessen Amt übernahm. Die Bistümer waren in Unterbezirke eingeteilt, denen jeweils ein Diakon vorstand. Die unterste Ebene der Organisation bildeten die "Häuser derVollkommenen“, die von einer Art Abt oder Äbtissin geleitet wurden.

    Gepredigt wurde überall: Im Hause des Priesters, in anderen Privathäusern, auf öffentlichen Plätzen und auf dem Feld oder im Wald.

    Die Priester mußten einmal im Monat bei ihrem Diakon beichten und ihre Unterwerfung bezeugen. Die Gläubigen konnten an dieser Zeremonie teilnehmen.

    Die Kirche der Katharer stand in ständigem Kontakt mit ihren Gläubigen. Durch die bürgerliche Berufstätigkeit der Priester waren diese voll in das wirtschaftliche und soziale Leben eingebunden. Im Unterschied zur Katholischen Kirche hatte die der Katharer keine feudalistische Struktur, sie hatte keinen Großgrundbesitz und keine weltliche Macht. Sie erhob keine Steuern und ließ keine Leibeigene für sich arbeiten. Dies erklärt sicher zum Teil ihre Beliebtheit. Dennoch war die katharische Kirche nicht arm. Sie erhielt viele Spenden und Erbschaften. Das Geld nutzte sie zum Ausbau ihrer "Häuser der Vollkommenen" oder verlieh sie gegen Zins. Manchmal verwaltete sie auch den Besitz der Gläubigen.

     

    Verschieden Glaubensrichtungen bei den Katharern

    Wie in jeder Organisation gab es auch bei den Katharern zwei Strömungen: Die Radikalen und die Gemäßigten. Für die Radikalen war der Satan fast ebenso mächtig wie Gott. Die Gemäßigten standen dagegen den Auffassungen der katholischen Kirche näher.

     

    Die Lehre der Dualisten (die radikalen Katharer)

    Die Katherer in Südfrankreich waren Dualisten. Nach der südfranzösichen Stadt Albi tragen sie auch den Namen Albigenser. Der Name "Katharer" ist also der Oberbegriff, während sich der häufig auch an seiner Stelle auch gebrauchte Name "Albigenser" auf eine bestimmte Richtung des Katharismus in einer bestimmten Region bezieht. Dualisten waren auch die "Albaneser", eine in Italien beheimatet Richtung des Katharismus.

     

    Für die Dualisten stehen sich zwei Götter in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber:

    Der Gott des Lichtes, der alle unsichtbaren Dinge erschaffen hat und die höheren Himmel, d.h. die Himmel über den Planetensphräen. Er ist der Vater aller guter Wesen. Er hat sich niemals unmittelbar offenbart, sondern nur mittelbar, vor allem durch das Neue Testament. Er ist der "Unsichtbare". Er hat nur ewig Bleibendes hervorgebracht, da er selbst auch sich ewig gleich bleibt und ewig vollkommen ist. Die von dem Guten Gott geschaffene Welt ist der Himmel (der in verschieden Ebenen oder Sphären eingeteilt ist. Auch dort gibt es eine Sonne und Mond und Sterne. Aber es sind nicht die Gestirne der sichtbaren Welt. Der Sohn des Gottes des Lichtes ist Christus.

     

    Ihm gegenüber stehtder Gott der Finsternis, der Urheber aller sichtbaren Dinge und der bösen Wesen. Er selbst ist das Prinzip des Bösen und er verblendet die Ungläubigen. Er ist des öfteren sichtbar geworden (z. B. laut altem Testament in einem brennenden Dornbusch oder als Feuersäule). Er ist der "Fürst der Welt", er hat die vergängliche, sichtbare und offenkundig unvollkommene und böse Welt erschaffen, weil er selbst böse und unvollkommen ist.Er hat geschaffen: die Materie, das Weltall und die niederen Himmel (samtden darin wohnenden Planetengöttern Sonne, Mode, Jupiter, Venus usw.).

    Der Sohn des Gottes der Finsternis ist Luzifer.

     

    Die Lehre der Monarchianer (die gemäßigten Katharer):

    Die Katharer in nördlichen Frankreich waren Monarchianer. In Italien war die Mehrzahl der Katharer Anhänger der beiden katharischen Sekten der "Concoreggier" und der "Bagnoleser" (benannt nach zwei italienischen Orten). Die dualistischen "Albaneser" waren in der Minderzahl.

     

    Die Monarchianer glaubten: Ein einziger Gott ist der Schöpfer der gesamten Welt, sowohl der geistigen Welt (mit Himmel, Engeln) als auch der materiellen, diesseitigen Welt. Er ist von seinem Wesen her gut, und die Welt, so wie er sie ursprünglich geschaffen hat, ist ebenfalls gut. Aber Luzifer, einer seiner Engel, erzeugte aus eigenem Willen das Böse. Er ist von Gott abgefallen und verdorben worden, als er die irdische Welt besuchte und von der Begierde ergriffen wurde, die materielle Welt zu beherrschen. Nach seiner Rückkehr von der Erde verführte er eine große Anzahl von Engeln. Er und die verführten Engel wurden auf die Erde verstoßen. Mit Zulassung Gottes formte der Satan aus der Materie die irdische Welt. In den Geschöpfen der irdischen Welt ist der von Gott hervorgebrachte geistige Stoff mit Materie überkleidet.

     

    Die Haltung der Katharer gegenüber dem neuen Testament

    Die Katharer behaupteten, auf dem Boden des Neuen Testaments zu stehen. In der Tat war für sie der exakte Wortlaut des Neuen Testaments unantastbar und verbindlich. Aber sie interpretierten es oft völlig anders als die katholische Kirche. Man kann die Texte des Neuen Testaments, vor allem die Gleichnisse Jesu ganz verschieden interpretieren, weil je die Bibel oft nicht genau erklärt, was mit dem Gleichnis gemeint ist. Allzu oft spürt man, daß die Katharer Vorstellungen hatten, die mit dem Sinn und dem Geist des Neuen Testaments eigentlich nicht zusammenpassten, sondern daß sie mit einer vorgefassen Idee an das Gleichnis herangingen und diese Idee in das Gleichnis hineininterpretierten - nicht um es möglichst treffend zu deuten, sondern um für ihre Vorstellungen im Text eine bestätigung zu ihrer Vorstellungen zu finden und Menschen, die anderer Ansicht waren, mit Hilfe der "Beweise", die sie in der Bibel fanden, zu zwingen, ihnen zu glauben und zuzustimmen. Ähnliche Erfahrungen macht jeder, der mit den Zeugen Jehovas oder mit anderen Sekten christlichen Sekten diskutiert. Der Grund, warum in solchen Theologischen Diskussionen über das Christentum die Bibel immer wieder anders interpretiert (und regelrecht vergewaltigt wird), ist, daß die Bibel also oberste und absolut verbindliche Wahrheit angesehen wird. Wer also von der Bibel recht bekommt, der hat unbestreitbar recht.

     

    Persönliche Anmerkung: Die Wahrheit ist aber, daß die Bibel auch nicht die absolute Wahrheit ist und auch nicht die erste und einzige Erkenntnisquelle. Deswegen haben solche Diskussionen im Grund keine reale Basis, sondern sind reine Spiegelfechterei.

    Aus gutem Grund hat die katholische Kirche über all die Jahrhunderte versucht, keine anderen Texte und Interpretationen zuzulassen. Wenn man erst einmal anfängt, andere Sichtweisen zuzulassen, gibt es bald eine heillose Zersplitterung. Auch bei denKathareren gabe es ein Vielzahl von Ansichten und Interpretationen. Es gab nicht mehr eine katholische Wahrheit (katholisch heißt "allumfassend), sondern viele, oft einander widersprechende Wahrheiten, was letztlich dazu führt, daß die Religion als Ganzes unglaubwürdig wird. Um dies zu verhindern, hat die Katholisches Kirche mit einem ungehueren Aufwand an Fleiß und Gehirnschmalz ihre Dogmatik geschaffen, umein in sich widerspruchfreies und konsistentes Glaubenssystem zu erhalten. Man kann zwar für die Methoden der Inquisition keine Sympathie empfinden, aber Verständnis - zumal eine Zersplitterung zu Unfrieden und Unglauben führen mußte. Verglichen mit dem Dreisigjährigen Krieg war die Inquisition weit weniger schlimm. Man muß auch anerkennen, daß jeder Ketzer die Möglichkeit hatte, zu widerrufen und so seine Haut zu retten. Wer sich wegen einer Glaubensüberzeugung, die von der gängigen Meinung abweicht, verbrennen läßt, ist eigentlich selbst schuld, zumindest aber ein gefährlicher Fanatiker. Leider waren auch die Inquisitoren Fanatiker, aber sie saßen halt am längeren Hebel.

    Weit schlimmer als die Inquisition (in der Wirkung und in der Zahl der Opfer) waren die Kreuzzeuge. Einer dieser Kreuzzüge ging gegen die Albigenser.

     

    Doch zurück zur Interpretation des Neuen Testaments durch die Katharer. Die dualistischen Katharer glaubten, daß Jesus kein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen sein, sondernder vollkommenste unter den Engeln. Er sie in einem ätherischen (feinstofflichen, überirdischen) Leib auf die Erde herabgestiegen, um die Seelen aus der Gefangenschaft der materiellen Leiber zu befreien. Auch seine Eltern Joseph und Maria seien Engel gewesen, die nur einen virtuellen Leib besessen hätten. Jesus habe auch keine irdische Nahrung zu sich genommen. Um den Widerspruch zu lösen, daß dann auch das vierzigtägige Fasten Jesu in der Wüste keinen Sinn gemacht hätte, sagten die Dualisten, Jesus habe 40 Tage auf die geistige Speise verzichtet. (Offensichtlich meinten sie, die Engel essen auch etwas, aber eben etwas ätherisches). Da Jesus keinen irdischen Körper besessen habe, habe er auch am Kreuz keine Schmerzen empfunden.

    Das ist ein fundamentaler Widerspruch zur katholischen Lehre: dort ist die das Leiden Christi der zentrale Punkt, weil ja Christus durch seine Leiden die Welt erlöst. Wenn er nicht leidet, kann die Welt nicht erlöst werden. Es ist auch für die katholischen Gläubigen ein ungeheurer Trost, daß nicht nur sie allein leiden müssen, sondern daß auch der liebe Gott (in der Gestalt Christi) so schrecklich leiden mußte und daß ihm so schreckliches Unglück und Unrechtwiderfuhr.

    Durch die Annahme, daß Christus ein Engel gewesen sei, entsteht für die dualistischen Katharer der Widerspruch, daß Jesus ja garnicht am Kreuz sterben konnte, weil Engel nicht sterben können. "Doch", sagten die Dualisten, "Jesus starb, d. h. seine Seele trennte sich von seinem Geist. Die beiden wurden nach drei Tagen wiedervereint, Jesus erstand auf und zeigte sich 40 Tage lang den Jüngern".

    Die Wunder Jesu seien keine echten Wunder gewesen. Jesus habe die Blinden und Lahmen nicht wirklich geheilt, sondern die Wundererzählungen müßten im übertragenen Sinne verstanden werden (wie bereits erwähnt).

     

    Johannes der Täufer war für die Dualisten ein Werkzeug des Satans. Die Taufe, die Johannes mit Jesus durchführte, sei eine Erfindung Satans. Damit wollten die Dualisten wohl begründen, daß sie dieTaufe mit Wasser ablehnten.

     

    Von dem Evangelisten Johannes glaubten sie, er sei ein vom Himmel herabgestiegener Engel, der in virtueller Menschengestalt solange auf der Erde weilen würde, bist Jesus wiederkehrt.

     

    Die Haltung der Katharer gegenüber dem Alten Testament

    Für die Katharer war der Gott des Alten Testamentes der böse Gott, der Gott der Finsternis und der Verwirrung. Er hat zwei verschiedene Geschlechter geschaffen - ist also in den Augen der sex-feindlichen Katharer für die fleischliche Sünde verantwortlich (Sei fruchtbar und mehret Euch !"). Der Gott des alten Testaments erschien den Katharern veränderlich, grausam und lügenhaft. Sein Handeln stehe in einem unausgleichbaren Widerspruch zum Gott des neuen Testamentes, der Frieden und Versöhnung stiftet. Im alten Testament heißt es: "Auge um Auge, Zahn um Zahn", im Neuen Testament heißt es: "Wenn man Dich auf die rechte Wange schlägt, halte auch noch die linke hin".Der eine Gott fordert Tieropfer, der andere sagt: "In Jesus sind alle Opfer erfüllt". Der eine hat den Juden die Herrschaft über viele andere Völker versprochen, der andere hat den Seinigen jede Herrschaft verboten. Der eine hat den Wucher gestattet, der andere hat ihn untersagt.

    Herausragende Personen im Alten Testament sind Sünder: Noah war betrunken, Loth beging Blutschande, Abraham log und trieb Unzucht mit seiner Magd, David war Mörder und Ehebrecher. Für die Katharer war Moses ein Werkzeug des Satans und die zehn Gebote eine Eingebung des Teufels, der listig einige gute Gebote ("Du sollst nicht töten") daruntergemischt hätte.Moses sei ein übler Materialist und ein Ehrgeizling gewesen, dem es um die absolute Herrschaft über das jüdische Volk gegangen sei.

     

    Anmerkung zum Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament: Der große Unterschied erklärt sich aus der Unterschiedlichen historischen Lage, aus der heraus sie entstanden sind. Das alte Testament entstammt einer Zeit, als die Juden in einen erbitterten nationalen Existenzkampf verwickelt waren. Sie mußte und wollten sich als Nation behaupten und auf Kosten anderer Völker expandieren. Außerdem waren die alttestamentlichen Zeiten wesentlich unziviliserter. Zu der Zeit, in der das Neue Testament spielt, herrschte der Frieden des Kaiser Augustus und in Palästina die hellenistische Zivilisation.

     

    Doch zurück zu den Katharern und dem Alten Testament: Die Katharer verdammten nicht alle Schriften des Alten Testaments. Diejenigen Teile, die ihnen "in den Kram passen", d. h. die ihnen zur Untermauerung ihrer Lehren dienten, akzeptierten sie: Die Bücher der Propheten, das Buch Hiob, die Psalmen, die Schriften Salomons und das Buch der Weisheit. Diese Bücher seien unter der Eingebung des Guten Gottes entstanden.

     

    Die Haltung der Katharer zur Katholischen Kirche

    Die katholische Kirche lehnten sie ab; für sie war dies die Kirche des Teufels und der Papst der Antichrist. Der Vorrang, den die römische Kirche vor den anderen Kirchen beanspruche, sei angemaßt. Die Kirche habe zu dienen, nicht zu herrschen. Die Kirche sei schlecht und verderbt, weil ihre Früchte schlecht und verderbt seien. Die wahre Kirche dürfe keine Verfolgung dulden, dürfe aberkeine Verfolgung verhängen.

    Die Päpste seien nicht Nachfolger Petri, sondern in Wirklichkeit sei die Kirche von Kaiser Constantin und seinem Papst Sylvester gegründet worden. Petrus sei niemals in Rom gewesen. Erst dreihundert Jahre nach seinem Tod habe man in Rom die Gebeine des Petrus in Rom "gefunden", nachdem man in dieser Absicht, sie zu finden, gesucht habe.


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