•  Die Geheimen Figuren der Rosenkreuzer aus den Archiven der Mysterientradition
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    Teil 6 – Tabula Smaragdina

    In den bereits erschienen Abhandlung über die Geheimen Figuren der Rosenkreuzer gaben wir eine Einführung in die Hermetische Philosophie. Auch die Geheimen Figuren der Rosenkreuzer behandeln einige Tafeln unter dieser Überschrift. Wir hielten fest, dass sich ein Hermetiker der inneren Wahrheit zuwendet, weshalb man ihn auch den hermetischen Philosophen nennt.

    Welche innere Wahrheit ist gemeint? Wie lauten die Inhalte und Kernaussagen dieser Philosophie? Diese Fragen bekommen die Hermetiker immer wieder von dem intellektuellen Kritiker gestellt, wenn er ihnen beweisen will, wie abwegig es sei, sich mit solchen überlieferten und – wie er meint – nutzlosen Gedanken zu befassen, wie sie in hermetischen Schriften niedergelegt sind. Der Kritiker hält uns vor Augen, die moderne Wissenschaft habe uns längst bewiesen, dass es keinen schöpfenden Gott gäbe. Weswegen sollte man sich heute um eine uralte Lehre kümmern, die zudem nach Hermes benannt ist, einem längst überholten Gottesbild aus der Antike.

    Hierzu im Widerspruch steht die selbstsichere Behauptung der hermetischen Philosophen, die ihre Hermetik als eine Wissenschaft bezeichnen, in der die Gesamtheit der Schöpfung in ihrem göttlichen Licht erstrahlt. Diesen Konflikt kann man an dieser Stelle nicht lösen, denn er wird schnell in eine Haarspalterei ausarten, in der sich zwei Betrachtungsebenen um den Begriff Wahrheit streiten. Dem kosmischen Einheitsdenken fehlen stets die Mittel, sich in der sichtbaren Welt zu rechfertigen, denn eine geistige Schau bedient sich nicht der physikalischen Werkzeuge, die in unserer modernen Gesellschaft durch die Naturwissenschaften repräsentiert werden. Das wissenschaftliche Weltbild hat seine Berechtigung in der Form, ist also an sich nicht verkehrt, wird aber schnell hybrid, wenn es sich selbst als Wahrheit bezeichnet, obwohl es sich ausschließlich an der Illusion des Materialismus festhält, da ihm nur die fünf Sinne zur Verfügung stehen. Der Mensch besitzt jedoch zweimal fünf Finger, was bedeutet, es gibt eine zweite Einheit der fünf Sinne, nämlich schauen, fühlen, riechen, schmecken und hören auf metaphysischen Ebenen. Als Mystiker gehören die Hermetiker zu jenen Weitgewanderten und Wundersamen, die um das verborgene ewige Sein außerhalb der Zeitlichkeit wissen und sich diesem mit Hilfe der Analogie nähern. Eliphas Lévi sagt in seinen Schriften, die Analogie sei die Synthese der These „Wissenschaft und Vernunft“ und deren Antithese „Glauben und Erkenntnis (Gnosis!)“. Allein jener Adept, der das Gesetz der Analogie zu seinem eigenen Betrachtungsinstrument erklärt, kann eine intellektuelle Brücke zwischen Mensch und Gott schlagen. Er ist in der Lage, selbst erfahrene heilige Zusammenhänge in überlieferten Symbolgebäuden, Märchen und Mythen zu erkennen. Wenn er die Tragweite der Hermetischen Philosophie erfasst hat, wird der Adept zu einem Wegweiser in der Bruderkette und bedient sich ebenso der Sprache der hermetischen Philosophen, um das Wissen an die Nachfolgenden neu zu verschlüsseln und weiterzugeben.

    Die Themengebiete, die von der Hermetischen Philosophie als Lehrsystem umfasst werden, lassen sich klar darstellen. Es handelt Sich hier z.B. um die Zahlenlehre, die Lehre von den Vier Elementen und ihren Entsprechungen, das Zusammenwirken der Urprinzipien in der Astrologie, die Lehre von den sieben Metallen (=Planeten) und um die Gesetzmäßigkeiten für die Erschaffung der Welt, wie sie in allen Religionsmythen symbolisch aufgezeigt sind. In der hermetischen Überlieferung ist dieses Wissen um den Kern herumgebaut, der das Verborgenste schützt, das nur durch Intuition in der Meditation erfahrbar ist, es beinhaltet das Wissen über das sinnlich nicht Wahrnehmbare, welches Gott, Geist, Seele und Materie umfasst. Die richtige Art der Meditation und die damit einhergehende Entwicklung der Intuition basiert auf der uralten Tradition der stufenweisen Einweihung, die in den Mysterienbünden zu jeder Zeit praktiziert wird. Das Wissen um die Einweihungsstruktur wird immer nur von Bruder zu Bruder weitergegeben und entspricht damit der Bruderkette, wie wir sie im letzten Kapitel behandelt haben. Die Aktivitäten der Gold- und Rosenkreuzer des 17. und 18. Jahrhunderts, der Freimaurer, der in Pleroma Nr. 5 beschriebenen Gruppierungen sowie des Templum C.R.C. des FMG–Förderkreis für Mythologisches Gedankengut zeigen das Wirken dieser alten Kette.

    Hermes als Namensvater einer Philosophie

    Nach obiger Aufzählung der Themengebiete, die unter dem Gebäude der Hermetischen Philosophie zusammengefasst sind, wird uns schnell klar, weshalb Gott Hermes der Namensvater dieser komplexen Tradition darstellt. Ist es doch das logische Denken mit seiner analogen Aufbereitung, das neben der richtigen Meditation und dem Ritual von großer Bedeutung ist. Die Gnade Gottes wird zwar durch die Initiationen erteilt, aber erst durch das entsprechende Geheimwissen, die kosmische Intelligenz, wird die Erfahrung für den Teilnehmer deutbar und kann in die eigene Bewusstheit integriert werden. An der Grenzscheide zwischen Diesseits und Jenseits, an der der abergläubische Mensch vor Angst erstarrt und dem frommen Kirchgänger nur ein unfassbarer Schauder als nebulös-religiöse Erfahrung bleibt, ziehen in den Hermetiker die Lichter bewusster Erkenntnisse ein. Er bedarf keiner äußeren Kirche aus Stein mehr, denn er hat seinen inneren Tempel gefunden. Das Ziel eines jeden Mystikers kann demnach nur sein, in diesem Sinne ein wahrer Hermetiker zu werden.

    Von ihrem Wesen her kann die Hermetik wie eine Offenbarungsreligion verstanden werden. Hermetica und Corpus Hermeticum gelten als Begriff für eine Sammlung von ägyptisch-hellenistischen Schriften, in denen der Name des Hermes Trismegistos als Verfasser erscheint. Es handelt sich um die mündlich weitergegeben Überreste einer ehemals sehr umfangreichen Sammlung alexandrinischer Weisheitsliteratur, die unter diesem Pseudonym verfasst wurde. Der Name Hermes Trismegistos ist das Resultat einer in hellenistischer Zeit (300 v.Chr. – 1. Jh. n.Chr.) vorgenommenen Verschmelzung des ägyptischen Mond- und Weisheitsgottes Thot mit dem griechischen Gott Hermes, der den Zusatznamen „Der Dreimalgroße“ erhielt. Als Zeugnis für die enge Verknüpfung der Lehre des Hermes Trismegistos mit altägyptischen Lehren gilt die Aufschrift: „Thot, der dreimal große Herr von Hermopolis“ auf einem Krug aus Tunah al Gebel sowie die Erwähnung des „dreimalgroßen Thot“ in einer Inschrift des Tempels von Dendera. Weitere Belege hat man in Nord-Saqqara auf einem Ostrakon aus dem 2. Jh. v. Chr. gefundenen (Ostrakon: Scherbe oder Gefäß, welches statt eines kostbaren Papyros als Schreibmateriel diente).

    Thot wurde auch mit Asklepios identifiziert. In den hermetischen Schriften agieren diese mythischen Gestalten mit verteilten Rollen als Offenbarer und Offenbarungsempfänger. Thot trägt viele Charaktereigenschaften, die uns auch von Hermes bekannt sind. Thot galt als Schutzgott des Schreib- und Rechnungswesens; als Herrscher der Bücher war er Patron der Schreiber, die sich deshalb als „Zunft des Thot“ bezeichneten. Thot ist der Schöpfer der Schrift und der geordneten Rede. Jene Schriften, die das geheime Wissen vermitteln und die kultische Ordnung regeln, stammen aus seiner Hand. Alles heilige Wissen ist demnach in Thot vereint.

    Edouard Schuré fasst auf ganz wunderbare Art das Prinzip „Hermes“ in seinem Werk „Die großen Eingeweihten“ zusammen: Hermes ist ein genereller Name wie Manu und Buddha. Er bezeichnet zugleich einen Menschen, eine Kaste und einen Gott. Als Mensch ist Hermes der erste, der große Eingeweihte Ägyptens; als Kaste ist er die Priesterschaft der okkulten Tradition; als Gott ist er der Planet Merkur, dessen Sphäre mit einer Kategorie von Geistern, von göttlichen Eingeweihten assimiliert ist. Mit einem Wort, der Begriff „Hermes“ übernimmt die Leitung jener überirdischen Region, in der göttliche Einweihung gegeben wird. Die Griechen, Schüler der Ägypter, nannten ihn Hermes Trismegistos oder den dreimal Großen, weil er als König, Gesetzgeber und Priester verehrt wurde. Er ist der Typus einer Epoche, in der Geistlichkeit, Richterstand und Königtum einen einzigen regierenden Körper bilden.“

    Die überlieferten Schriften der Hermetiker umfassen Abhandlungen über die okkulten Wissenschaften und die Hermetische Philosophie. Bei den okkulten Wissenschaften unterteilt man die Schriften in astrologische Texte, alchymistische Traktate und magische Schriften. Die hermetischen Schriften umfassen schließlich Textsammlungen von Lehrgesprächen des Hermes mit mehreren Schülern oder Gespräche unter den Schülern. Die uns heute bekanntesten Sammlungen sind die „Fragmenta Hermetica“, der Nag-Hammadi-Codex, der erst 1945 gefunden wurde und das Corpus Hermeticum.

    Die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos

    Die bekannteste Hinterlassenschaft der Hermetiker an unsere Zeit ist die sogenannte Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, im Original „Tabula Smaragdina“ genannt. Ihr widmen die Geheimen Figuren der Rosenkreuzer gleich mehrere Seiten. Die Thesen der Smaragdtafel geben uns die Schlüssel für das Begreifen der Hermetischen Philosophie in die Hand und legen den Grundstein für die gesamte Esoterik der Hermetiker. Nachfolgender Text ist eine mögliche Übersetzung der Überlieferung.

    TABULA SMARAGDINA HERMETIS

    Wahr ist es, ohne Lügen, gewiss und auf das Allerwahrhaftigste.

    Dasjenige, welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist:

    Und dasjenige, welches Oben ist, ist gleich demjenigen, welches Unten ist,

    um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.

    Und gleich wie von dem einigen GOTT erschaffen sind alle Dinge,

    in der Ausdenkung eines einigen Dinges.

    Also sind von diesem einigen Dinge geboren alle Dinge,

    in der Nachahmung.

    Dieses Dinges Vater ist die Sonne, dieses Dinges Mutter ist der Mond.

    Der Wind hat es in seinem Bauche getragen.

    Dieses Dinges Säugamme ist die Erde.

    Allhier bei diesem einigen Dinge ist der Vater

    aller Vollkommenheit der ganzen Welt.

    Desselben Dinges Kraft ist ganz beisammen,

    wenn es in der Erde verkehret worden.

    Die Erde musst du scheiden vom Feuer,

    das Subtile vom Dicken, lieblicher Weise,

    mit einem großen Verstand.

    Es steiget von der Erden gen Himmel,

    und wiederum herunter zur Erden,

    und empfängt die Kraft der oberen und der unteren Dinge.

    Also wirst du haben die Herrlichkeit der ganzen Welt.

    Derohalben wird von dir weichen aller Unverstand.

    Dieses einige Ding ist von aller Stärke die stärkste Stärke,

    weil es alle Subtilitäten überwinden und alle Festigkeiten durchdringen wird.

    Auf diese Weise ist die Welt erschaffen.

    Daher werden wunderliche Nachahmungen sein,

    die Art und Weise derselben ist hierin beschrieben.

    Und also bin ich genannt Hermes Trismegistos,

    der ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt.

    Was ich gesagt habe von dem Werk der Sonne, daran fehlet nichts.

    Es ist ganz vollkommen.

    Der wahre Ursprung der Smaragdtafel bleibt – wie immer bei elementaren Traktaten – in den Nebeln der Historie verborgen. Es gibt jedoch einige Legenden, die ihre Wichtigkeit für die okkulte Tradition untermauern. Einer dieser Erzählungen zufolge wurde sie von dem großen Magier und Philosophen Apollonius von Tyana aufgefunden, der eine verborgene Höhle betrat und die Tafel aus den Händen von Hermes’ Leichnam selbst herausnahm. Eine andere Version berichtet, dass es Alexander der Große war, der die Grabstätte des Hermes fand und die Tafel nach Alexandria brachte. Von dort aus haben sich dann die hermetischen Mysterien ausgebreitet. Der Text der smaragdenen Tafel wurde im Abendland im 12. Jahrhundert._ lateinischer Übersetzung verbreitet. Es gibt sehr unterschiedliche Übersetzungen, die aber inhaltlich alle die gleichen Aussagen treffen. Wir zitierten oben der Lesbarkeit wegen eine sprachlich an die heutige Zeit angepasste Version, die auf Graf Bernhard im Jahre 1453 zurückzuführen. Unabhängig von der Erforschung ihrer Herkunft erweist sich der Inhalt der Tabula als eines der tiefgründigsten und wichtigsten Dokumente, die uns in der okkulten Wissenschaft überliefert sind. Aus der Sicht der Adepten handelt es sich um die Quintessenz aller den Menschen jemals zugänglichen Weisheiten.

    Wir wollen uns nun dem Inhalt der einzelnen Lehrsätzen nähern und uns am Anfang gleich bewusst machen, dass es um den Prozess wahrer Menschwerdung geht. Eliphas Lévi bezeichnet die Lehrsätze in ihrer Gesamtheit als „Dogma des Hermes“.

    1. Wahr ist es, ohne Lügen, gewiss und auf das Allerwahrhaftigste.

    Dieser erste Satz bezieht sich auf das Gesetz der Vier, das besagt, dass eine vollendete Einheit sich nur in der Vier ausdrücken kann. Wenn wir diesen Satz nach dem Gesetz der Vier zerlegen, dann erhalten wir mit „wahr ist“ die erste Bestätigung des Wahren im positiven, also männlichen Sinne; „ohne Lügen“ gibt uns die negative Bekräftigung dessen, ist also weiblicher Natur; „gewiss“ ist wieder ein positiver Ausdruck, trägt aber einen neutralen Aspekt; „auf das Allerwahrhaftigste“ fasst die ganze Aussage noch einmal zusammen und fixiert sie gewissermaßen im Irdischen. Die Tafel bekräftigt damit schon zu Beginn mit einer vollendeten Einheit auf vier Ebenen, dass sie die Wahrheit offenbart, was im Folgenden ausgeführt wird.

    Das Wahre im Menschen wird durch das Persönliche, das Subjektive überlagert und erstickt. Mit dem Ausschluss der Lüge schließt Hermes diese Subjektivität aus. Wir können es so verstehen, dass das persönliche Wollen, das eigennützige Denken und Fühlen des Menschen in den hermetischen Hallen keine Bedeutung mehr besitzt. Die Botschaft, um die es hier geht, richtet sich an den wahren Kern im Menschen. Mit dem vierfach ausgedrückten Wort „wahr“ eröffnet uns die Tafel, dass es sich um eine übernatürliche Botschaft handelt, denn sie spricht vom Wahren und das ist nicht von dieser Welt.

    2. Dasjenige, welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist: Und dasjenige, welches Oben ist, ist gleich demjenigen, welches Unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.

    In diesem Lehrsatz finden wir das Dogma der Analogie wieder, indem Hermes uns sagt, dass das Positive (oben) analog dem Negativen (unten) ist. Da er dieses Gesetz einmal aus der Sicht von unten, also vom Menschen (negativ) aus betrachtet und einmal von oben, von Gott (positiv) aus, sagt Hermes, das Positive sei analog dem Negativen. Er betrachtet beides getrennt, akzeptiert die Spaltung, setzt aber das Gesetz der Analogie als Beziehung dazwischen.

    Die Aussage von Lévi zur Analogie, die bereits oben Erwähnung fand, sei hier noch einmal zitiert: Vernunft und Glaube schließen sich gegenseitig durch ihre Natur aus und vereinigen sich durch die Analogie. Die Analogie des Entgegengesetzten ist die Beziehung des Lichtes zum Schatten, des Ausgefüllten zum Hohlen, der Fülle zur Leere. Das Gleichnis, die Mutter aller Dogmen, ist die Ersetzung des Siegels durch den Abdruck des Körpers durch den Schatten. Es ist die Lüge der Wahrheit und die Wahrheit der Lüge. Man findet ein Dogma nicht, sondern man verschleiert eine Wahrheit, und ein Schatten entsteht für kurzsichtige Augen. Der Initiator ist kein Lügner, sondern ein Offenbarer, d.h. zufolge des lateinischen Wortes revelare einer, der wieder verschleiert. Er ist der Schöpfer eines neuen Schattens. Die Analogie ist der Schlüssel aller Geheimnisse in der Natur und der einzige Beweggrund aller Offenbarungen. Die Analogie ist die Mutter aller Dogmen. (Eliphas Lévi, Dogma und Ritual der Hohen Magie)

    Der Schlüssel der Analogie, der sich metaphorisch in dem Zitat ‘wie oben, so unten’ widerspiegelt, ermöglicht es dem Hermetiker, seine Erforschung der kosmischen Gesetze zunächst auf Bereiche zu beschränken, die ihm zugänglich sind, um dann seine Erfahrungen langsam auf die unzugänglichen Ebenen auszudehnen. Mit dieser Methode kann er schließlich erkennen, wie alles nach einer höheren Ordnung strukturiert ist. So kann man der Offenbarung des Göttlichen im gesamten Kosmos teilhaftig werden.

    Die Aussage, dass der Kosmos eine Einheit darstellt und alles im Großen wie im Kleinen sich gleichermaßen offenbart, führte bei Paracelsus zu dem Schluss, dass der Mensch als Mikrokosmos bezeichnet werden kann, der in seiner Ordnung dem Makrokosmos gleichzusetzen ist. Die Einweihungstradition prägte ihre eigene Interpretation mit dem Versprechen: „Erkenne dich selbst, damit du Gott erkennst“. Diese Formulierung geht auf die Antike zurück, wo Platon und Sokrates an ihren Tempelschwellen formulierten: Gnooti seauton! Der Mensch ist diesem Axiom nach das getreue Abbild des Kosmos, in ihm selbst liegt der Schlüssel zur Wahrheit verborgen.

    Die Beschreibung des Gesetzes der Analogie endet mit der Aussage: „Um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.“ Wenn wir lernen das Gesetz der Analogie anzuwenden, begreifen wir die Offenbarung des Einen auf allen Ebenen unseres Seins – unten wie oben. Wir finden demnach die Wirkung desselben Gesetzes in der Materie, in der Seele, im Geist und in Gott selbst vor. Der nächste Satz geht noch einen Schritt weiter.

    3. Also sind von diesem einigen Dinge geboren alle Dinge in der Nachahmung.

    Andere Übersetzungen verwenden anstatt des Ausdrucks Nachahmung die Formulierung „Ausdenkung“, bisweilen auch „durch Meditation geboren“, was den Sinn am besten trifft, denn weder Nachahmung noch Ausdenkung sind mystisch genug, um hier zu genügen. Die Tafel beschreibt immerhin den unsichtbaren Kosmos, geschaffen nach dem Gesetz der Analogie, hervorgehend aus dem einen Urgott, dem ersten Prinzip, dem einzelnen Zeugungsakt, der selbst ungeboren und ewig ist und allem Sein, das er nach seinem Bilde schuf, seinen Willen auferlegt. Damit ist der Kosmos gleichbedeutend mit göttlicher Ordnung, ganz nach der griechischen Bedeutung des Wortes, und hat grundlegende Bedeutung für jeden von uns. Wir leben also in einer geordneten Schöpfung, durch die wir uns nach unserem eigenen Willen bewegen können und immer wieder einen Punkt des Wiedererkennens der Prinzipien erreichen. Dies ist so, als würden wir uns durch bestimmte Gegebenheiten unseres irdischen Daseins immer wieder an das Jenseitige erinnern. Das Gesetz, das uns dieses erlaubt, ist das Dogma der Analogie. Wir merken schnell, dass dieser Grundsatz ohne unser Zutun in uns wirkt. Es liegt an uns selbst, diesen erwachten Keim der analogen Betrachtung mit dem Wasser der Einsicht zu begießen und durch das Feuer der Erkenntnis heranwachsen zu lassen oder ihn mit dem vordergründigen Durcheinander unserer modernen Weltbetrachtung zu ersticken. Der Kosmos ist Ordnung, und nur der Mensch in seiner Orientierungslosigkeit schafft es, auf der untersten Ebene der Schöpfung Unordnung zu verbreiten. In der endlichen Welt wird dieses kaum noch von jemandem erkannt. Dies alles wussten aber zu früheren Zeiten schon die jüngsten Novizen der Mysterienschulen.

    4. Dieses Dinges Vater ist die Sonne, dieses Dinges Mutter ist der Mond. Der Wind hat es in seinem Bauche getragen. Dieses Dinges Säugamme ist die Erde.

    Diese vierte Grundaussage steht ganz in der Entsprechung zu den Buchstaben des Gottesnamens Jod Heh Vav Heh. Das feurige Jod entspricht der Ausstrahlung der Sonne, das erste Heh beschreibt die Aufnahme durch den Mond, das Urbild der Weiblichkeit, das Vav verbindet beide im Wind durch den neutralen Aspekt der Luft. Das zweite Heh manifestiert das Ergebnis der Dreieinheit auf einer neuen Ebene außerhalb der Trinität, auf der Erde, die nun als Amme dient.

    Das Ding an sich können wir mit „Wille“ übersetzen, es ist der Urwille, Thelesma oder Thelema (griech. thelein, wollen). Nach Ansicht der alten Mysterientradition, die uns Papus in seinem Werk „Grundlagen der okkulten Wissenschaft“ beschreibt, existiert ein gemischtes Agens, ein natürliches, göttliches, körperliches und geistiges Agens, ein plastischer universeller Mittler, ein gemeinsames Empfangsorgan der Schwingungen, der Bewegung und der Bilder der Form, ein Fluidum und eine Kraft, die man gewissermaßen die Einbildungskraft der Natur nennen könnte. Durch diese Kraft ist alles Existierende miteinander verbunden. Von ihr kommen Sympathie und Antipathie, die Träume, durch sie entstehen die Phänomene des zweiten Gesichts und der übernatürlichen Erscheinungen. Dieses universelle Agens ist identisch mit der Odkraft der Hebräer. Es bezeichnet auch das astrale Licht der Martinisten sowie das Nous der Hermetiker und Rosenkreuzer. Der Gebrauch dieser Urkraft stellt das große Arkanum der praktischen Magie dar.

    Hermes zeigt uns hier die Entstehung dieses besonderen Willens, denn es wirken zwei gegensätzliche Kräfte in „diesem Ding“. Es ist zerfallen in die Sonne, den Vater (positiv) und den Mond, die Mutter (negativ). Die Kontaktstelle zwischen beiden ist der Wind, die Luft. Dies wird verständlicher, wenn wir uns die Qualität des Luftprinzips einmal anschauen. In der Alchemie verfügen wir für die Vermittlung des Gegensätzlichen über ein symbolisches Gefäß, das mutterschoßartige, gläserne Vas Hermeticum, in welchem die dualen Stoffe, die getrennt wurden (solve), wieder zusammengeführt (coagula) werden können. Deswegen kann in der Alchemie „der Wind etwas in seinem Bauche tragen“.

    Die Erde wird als die Säugamme dieses Dinges bezeichnet. Man merke hier auf: Die Erde ist initiatisch gesehen also nicht die Mutter! Dies wird in der Vermischung von Naturreligion und Esoterik meistens grundfalsch dargestellt. Die Erde gleicht nur der Amme, und es gibt keinen Grund, für immer in ihren Armen zu verweilen. Sie gibt uns Nahrung und sorgt für unser Wachstum. Sind wir jedoch erwachsen geworden, müssen wir unsere Amme verlassen und den Mond sprich die Göttin als Mutter finden.

    5. Allhier bei diesem einigen Dinge ist der Vater aller Vollkommenheit der ganzen Welt.

    6. Desselben Dinges Kraft ist ganz beisammen, wenn es in der Erde verkehret worden.

    Der Vater und das einige Ding sind eins. In ihm ist alles enthalten. In der Erde verkehret bedeutet, dass sich Gott in der Erde spiegelt. Es ist im ganzen Schöpfungsprozess nichts verloren gegangen, es ist nur in die Form geronnen. Von dem Lebensbaum wissen wir, die Sephirah Kether ist zwar nicht einfach dasselbe wie Malkuth, spiegelt sich aber in Malkuth. In der weiteren Deutung wird mit diesem Satz die Inkarnation Gottes in der Welt gemeint. Im Menschen spiegelt sich Gott. Der Mensch ist dadurch in der Lage, den Willen Gottes zu erkennen und ihn von der Schlacke der Erde zu befreien, um sich selbst in der Erde wieder zu verkehren, d.h. umzukehren, nach oben umzukehren. Das ist auch der rituelle Zweck, wenn der Adept den mystischen Tod erleidet, also das Geheimnis der eigenen Grablegung erfährt und diesem Auferstehung und Himmelfahrt folgen lässt.

    7. Die Erde musst du scheiden vom Feuer, das Subtile vom Dicken, lieblicher Weise, mit einem großen Verstand.

    Der Adept trägt nun die Verantwortung das Werk fortzusetzen. Dies ist die Konsequenz der bewussten Inkarnation. Er muss die Dinge nun wieder trennen. Darin verbirgt sich die alchemistische Separation. Die Rosenkreuzer sprechen hier auch von dem Reinigen der Elemente. Die Erde ist so etwas wie eine Wendeboje der Schöpfung. Der Mensch muss also abtrennen lernen, was Materie darstellt und zwingend nach unten gehört, von dem, was durch die Kraft des Feuers nach oben getragen werden kann. „Das Subtile vom Dicken scheiden“ meint, das Feinstoffliche vom Grobstofflichen abzulösen, es getrennt betrachten zu können, um den Unterschied zu erfassen. Das bedeutet, die zeitliche Illusion, die uns an der Materie haften lässt, muss getrennt werden von der ewigen Wahrheit, die uns mit Gott verbindet. Allein wenn dies auf „liebliche Weise“ geschieht, d. h. voller Liebe zum Schöpfer, vermögen wir uns auf den Fittichen der Wahrheit zum Himmel zu erheben.

    8. Es steiget von der Erden gen Himmel, und wiederum herunter zur Erden, und empfängt die Kraft der oberen und der unteren Dinge.

    Das Subtile und das Feurige wird zum Himmel getragen und kann wieder zurückkehren. Hat der Adept diese Stufe erreicht, ist es ihm erlaubt, erhobenen Hauptes vollbewusst durch die kosmischen Sphären zu schreiten. Das Mittel hierzu bildet das Ritual, weil dort die Scheidung stattfindet. Das weltzugewandte Ich bleibt sozusagen im Tempel sitzen, das Subtile und das Feurige, das Ewige im Menschen unternimmt die Reise zu den himmlischen Sphären, mitunter völlig unbemerkt von der Person. Das Ritual ist nach dem obersten Gesetz der Einheit geordnet und zeigt, wie alles aus der Einheit entsteht und zu dieser wieder zurückkehrt. Die Seele kann bis vor das Angesicht Gottes aufsteigen, kehrt dann wieder zur Erde zurück und bereichert das normale Bewusstsein mit allen irdischen und himmlischen Kräften. Dies ist der Zustand, den jeder Adept anstrebt.

    9. Also wirst du haben die Herrlichkeit der ganzen Welt. Derohalben wird von dir weichen aller Unverstand.

    Das Ergebnis dieser Arbeit ist also eine volle Bewusstheit. Alles Nichtverstehen weicht vom Menschen. Der Mensch ist dann im wahrsten Sinne des Wortes an den Himmel angebunden, er ist wahrhaft religiös geworden, befindet sich in ritueller Hochgradesoterik. In einem Ritual besteht für den persönlichen Teil des Menschen keine Notwendigkeit, alle Ritualhandlungen bis in das letzte Detail analysiert zu haben. Denn allein die Seele, das Subtile im Menschen, wird durch das regelmäßige Zelebrieren jedes Mal ein wenig mehr vergeistigt. Der äußere Mensch kann die Subtilität dieses Prozesses oft erst nach Jahren wahrnehmen. Deshalb beinhaltet das Zentrum einer jeden Religion, einer Bruderschaft oder Mysterienschule ein feststehendes Ritual, das die Gesetzmäßigkeiten des Kosmos widerspiegelt und in dem sich die Gläubigen, bzw. Schüler oder Brüder, regelmäßig zusammenfinden.

    10. Dieses einige Ding ist von aller Stärke die stärkste Stärke, weil es alle Subtilitäten überwinden und alle Festigkeiten durchdringen wird.

    Das Wissen wandelte sich in Weisheit. Der Adept ist illuminiert worden, der Geist zog für immer in seine Seele ein. So ist er nun ein Eingeweihter geworden, der den Stein der Weisen bereitet hat. Der philosophische Stein ist die Kraft des Nous, die der Magier nutzt, um den wahren Willen zu erfüllen. Darin liegt jene Stärke, die von Hermes Trismegistos gemeint ist. Diese vermag alle Subtilitäten zu überwinden und das Feste zu durchdringen. Der Lehrsatz wird auch so gedeutet, dass die Stärke hilft, die intellektuellen Haarspaltereien der Welt zu überwinden und den Intellektualismus aufzulösen, denn erstarrte Systeme werden einfach heilsam durchdrungen.

    11. Auf diese Weise ist die Welt erschaffen. Daher werden wunderliche Nachahmungen sein, die Art und Weise derselben ist hierin beschrieben.

    Hier schließt sich der Kreis. Es wird uns noch einmal mitgeteilt, wie nach den in der Tafel aufgeführten Gesetzen alles erschaffen ist. Da alle Wesen von Gott geschaffen sind, sind sie auch fähig, sich dieser Einheit Gottes als sein Ebenbild und Gleichnis anzugleichen.

    12. Und also bin ich genannt Hermes Trismegistos, der ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt.

    Als Eingeweihter wurde Hermes zum Begründer der Hermetischen Philosophie, zu einem der Stammväter der Mysterienbünde. Er besitzt die drei Teile der Weisheit, wie sie in seinem Signum vereint sind. Sonne, Mond und Kreuz bilden die Einheit des Dreimalgroßen. Hermes besitzt den Stein der Weisen und kennt damit den wahren Willen Gottes. Mit Hilfe dieses Willens kann er alle Gegensätze vereinen. Das Mischen von Gegensätzen ist in der Form nicht möglich: Wo Feuer ist, kann Wasser nicht sein und umgekehrt! Feuer und Wasser sind aber im Bewusstsein miteinander vereinbar. Es gab eine Übung in den alten Mysterienschulen, in der der Schüler einen Standpunkt beziehen und diesen öffentlich verteidigen musste. Anschließend musste er das Gegenteil beweisen. Diese Übung sollte helfen, die Fähigkeit zu entwickeln, die Antagonisten im eigenen Bewusstsein zu vereinen. Der Adept, der diese Stufe gemeistert hat, verdrängt seine unbewussten Anteile nicht mehr. Der Magier ist ein Wagenlenker geworden. Er vermag die gegensätzlichen Kräfte zu lenken, er findet in sich selbst Sonne und Mond, Jenseits und Diesseits, Licht und Schatten, Vater und Mutter, Gut und Böse, Engel und Dämon, Oben und Unten, etc. und kann sie durch die Analogie am dritten Punkt des Dereiecks verbinden. Den exoterischen d. h. unvorbereiteten Menschen würde das extreme Spannungsfeld der Polarität zerreißen, denn er weiß diese magische Welt nicht zu meistem. Aus diesem Grund muss der Mensch zuvor eingeweiht werden, wenn er beabsichtigt, dem Kosmos zu dienen.

    13. Was ich gesagt habe von dem Werk der Sonne, daran fehlet nichts.

    14. Es ist ganz vollkommen.tab_symb_400

    Mehr Gesetze gibt es nicht. Alles kann aus diesen Sätzen abgeleitet werden, und keine erhabene Philosophie beschreibt eine andere Wahrheit, als die, die sich nach diesen Lehrsätzen ausrichtet.

    Der Tabula Smaragdina Hermetis ist eine sehr schöne und inhaltsreiche Figur beigefügt. Ihre Anschaulichkeit ergänzt die Aussagen der Tafel auf wunderbare Weise. Vielleicht gönnen Sie sich selbst einmal einige Musestunden und erforschen in innerer Betrachtung die Symbole der Figur und finden Ihre Bedeutung heraus. Soviel sei Ihnen schon mit auf den Weg gegeben. Auf dem äußeren Rand stehen die Worte: Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidum. Dringe mit Hilfe der Reinigung in das innere der Erde, so findest du den verborgenen Stein. Eine freiere Übersetzung lautet: Erforsche das Innere der Erde; indem du dich läuterst wirst du den verborgenen Stein finden. Dieser Satz wird auch als eine Aufforderung verstanden in die Stille zu gehen. Seine Anfangsbuchstaben bilden das Wort: „VITRIOL“

    Wir wollen nun zu der Erklärung dieser alten Figur übergehen. Das Akronym VITRIOL, das hier angesprochen wird und welches den Adepten in das Innere der Erde vordringen lässt, meint natürlich nicht das chemische Vitriol, wie dies in oberflächlichen Ansätzen angeführt wird. Es handelt sich nach der alchemistischen Überlieferung um jene geheimnisvolle Essenz, die am Anfang des Großen Werkes zur Wirksamkeit gebracht werden soll. Wer diese Aussage wörtlich nimmt und in der Erde gräbt, um dann diese Flüssigkeit aus den Stoffen der Materie chemisch zu synthetisieren, wird selbstverständlich in seinen Bemühungen scheitern und diesen Satz als unwahr bezeugen müssen. Wir haben es hier mit einem metaphysischen Kunstwort zu tun, hinter dem sich ein herausragendes Ereignis im Leben eines Geweihten verbirgt, das nur als Randnotiz erklärt werden kann, so gewaltig ist es in Wirklichkeit. Wenn dem nach Erleuchtung strebenden Adepten die Augen geöffnet wurden, wird er sehr bald merken, dass es eine okkulte Bedeutung dieses Wortes gibt. Eine Bedeutung, die in ihm eine ganz besondere Seelenschicht in Resonanz geraten lässt, gleichsam einen Prozess auslöst, und damit wären wir wieder mitten in der Alchemie. In der Tradition der Rosenkreuzer greift man immer wieder zu solchen Wortkonstruktionen, um mystische Zusammenhänge zu erklären. Der Profane wendet sich der Welt zu, jagt einer materiellen Sensation nach und beginnt sinnbildlich in der Erde zu wühlen, der Adept jedoch trachtet danach, das unsichtbare Geheimnis in seinem Bewusstsein zu entschlüsseln. Durch solche Irreführungen wird stets das Geheimnis des Tempels vor der Niedertracht der Profanität geschützt. Dass es sich bei dieser Figur ganz sicher nicht um eine chemische Synthesevorschrift im Sinne einer Kochrezeptur (oder einer Übung!) handelt, wird nur dem geschulten Betrachter klar. Eine Reihe von Symbolen vermitteln in ihrem Zusammenklang eine mystische Botschaft. Es liegt an uns, den Inhalt dieser Botschaft herauszuarbeiten.

    Wenn die Inschrift auffordert, mit Hilfe der Reinigung in das Innere der Erde vorzustoßen, um den verborgenen Stein zu finden, dann können wir dieses Symbol so lesen, dass der Kreis mit der Inschrift, der um die Figur gezogen ist, den Menschen und sein Inneres beschreibt, in das er vordringen muss. Damit bezeichnet das Wort VITRIOL jenen Menschen, der den Weg in das Innere der Mysterien gefunden hat, um das Große Werk zu vollbringen. Ritual, Kontemplation und Meditation helfen ihm dabei. Alle Symbole, die im Inneren des Kreises abgebildet sind, beschreiben kosmische Gesetzmäßigkeiten, die den Menschen formen und ihm zur Erkenntnis gereichen. Die Rosenkreuzer gebrauchten statt des Akronyms VITRIOL auch die Bezeichnung „Essig“. Im Christentum steht der Essig für das Leiden Christi. Der beißende ätzende Essig sorgt für die Reinigung bzw. Vernichtung der grobmateriellen Anteile im Menschen. Wir können ihn als jene Geisteskraft bezeichnen, die dank seiner feurigen Eigenschaften alles Unreine hinwegätzt. Essig steht in der Alchemie auch als Symbol für das Gewissen, das uns dabei unterstützt, das Unwahre und Unechte abzutrennen vom Wahren und Echten. Ist das menschliche Gewissen erst einmal geläutert, d.h. von profan-moralischen Fesseln befreit und durch die Hingabe an den Kosmos angebunden, wird es zu einer verlässlich führenden Stimme. Es wird gleichsam jenes Wesen im Hermetiker aktiviert, das streng und genau all seine Taten und Gedanken bewertet und abwägt, sie im Hinblick auf seine eigene Weiterentwicklung und ohne Berücksichtigung von Erfolg oder Misserfolg im äußeren Leben entweder gutheißt oder verwirft. Ob es ihm gefällt oder nicht, ein inneres Gesetz erhebt sich über das äußere.

    Wenn wir uns diese Arbeit als Aktivierung des Gewissens vergegenwärtigen, dann verstehen wir, dass es zugleich eine fressende und brennende, aber auch reinigende Kraft ist, die uns bei unserer seelischen Entwicklung unterstützt. Das mystische Gewissen ist unser geistiges Fundament, und darum beginnt das Beschreiten des magischen Weges von diesem Fundament aus; der Pfadwanderer muss sich zunehmend auf sein übernatürliches Gewissen verlassen können, sonst vermag er gewisse Schwellen nicht zu überschreiten und gerät in eine Stagnation. Darum ist eines der Werkzeuge des Großen Werkes das geläuterte Gewissen, der Essig oder das alchemistische VITRIOL. Dieses VITRIOL beinhaltet die göttliche Kraft, die das Unkraut vom Weizen sondert bzw. die unedlen Metalle auflöst und verbrennt, damit nur Gold zurückbleibt.

    Die nachfolgende erwähnenswerte Szene aus dem Neuem Testament kann uns die Kraft des Essigs verdeutlichen. Es berührt die letzte Sterbephase Jesu am Kreuz.

    Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli lema sabachtani, das heißt, mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht. Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elia. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Die anderen aber sagten: Lass’ doch, wir wollen sehen, ob Elia kommt und ihm hilft. Jesus aber schrie noch einmal laut auf, dann hauchte er den Geist aus. (Mt 27, 45-56)

    Johanneisch heißt dies: Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte sein Haupt und gab seinen Geist auf (Joh 19, 28–30)

    Der Ysopzweig steht für das Purgatorium, also die Fegefeuer-Reinigung. Im Christentum bedeutet er Buße (besser matanoia, Umkehr) und Demütigung. Seine reinigenden Eigenschaften versinnbildlichen die wiedergewonnene Unschuld und die Taufe. Wenn Jesus nun auf einem Ysopzweig den Schwamm mit Essig gereicht bekommt, liegt darin ein doppelter Ausdruck für die Reinigung. Die letzten weltlichen Reste werden durch Ysop und Essig hinweggewaschen, und Jesus ist für die Auferstehung als Christus vorbereitet.

    In dem Text von den Älteren Brüdern, der die Smaragdtafel begleitet, erhalten wir noch folgenden Hinweis über die Scheidung der vier Elemente, die ebenfalls einen Bezug zu dem Essig darstellt.

    Auch Scheidung der vier Element,

    Ist von den Weisen also genennt.

    Luft, Wasser, Feuer rectificiert,

    Die Erd am Grund hat viel verführt

    Die wird für ein schlecht Ding geacht,

    Und liegt an ihr die ganze Macht.

    Etlich wissen die nicht zu scheiden

    Von ihm Corticibus, drum fehlts beiden.

    Sie wird geworfen hinter die Thür,

    Der Weise aber zeuchts herfür,

    Reiniget die schneeweiß und klar,

    Dies ist der Grund sag ich fürwahr,

    Wenn du sie aber scheiden willst,

    So merk daß es nicht schlecht dich gilt.

    Dann so sie nicht wird seyn bereit,

    So irrst, sag ich bey meinem Eid.

    Daher mußt haben Essig zwar,

    Der den Weisen ist offenbar,

    Dadurch wirst du der Scheidung bricht,

    Daß sie nichts Irdisches mehr anficht.

    Die Alten fordern uns mit diesen Worten auf, die Elemente zu rektifizieren. Rektifikation besagt Berichtigung, Zurechtweisung und Läuterung. In der Chemie ist damit die wiederholte Destillation gemeint, also das wiederholte Verdampfen und Kondensieren einer Flüssigkeit, bis die vollkommene Reinheit erreicht wurde. Wenn wir diese Bedeutung auf die alchemistischen Zusammenhänge übertragen, dann meint dies, die Arbeit der Reinigung der vier Elemente in uns, also die klare Trennung von Feuer, Wasser, Luft und Erde in unserer Seele. Die Seele ist dann die Flüssigkeit, die destilliert wird. Der gewöhnliche Alchemist, so im Textauszug ausgeführt, wirft die Erde hinter die Tür, weil er nichts mit ihr anzufangen weiß. Der hermetische Adept hingegen reinigt sie wie alle anderen Elemente, und führt sie ihrer Bestimmung zu, damit sie schneeweiß und klar wird.

    Es scheint, als würde uns die Reinigung der Erde am schwersten fallen. Für diesen Prozess benötigt der Alchemist den Essig, damit seiner geläuterten Reste der Erde nichts Irdisches mehr anhängt, so dass sie von erdgebundenen Mächten auch nicht mehr angegriffen werden kann – das schwierigste Werk, das es gibt! Dies mag paradox klingen, doch gibt es tatsächlich einen feinen Aspekt der Erde, der die volle Erlösung auf den Plan ruft. Der Adept, der die vollständige Reinigung der Erde vollbracht hat, kann in diesseitige Angelegenheiten nicht mehr verwickelt werden. Erst damit wird sein Weg in die angestrebte jenseitige Einweihung ganz frei. Nun kann er sich in die höchsten kosmischen Sphären erheben, um die reinen Impulse des allumfassenden All-Geistes zu empfangen. Kehrt der Erhobene dann zur Erde zurück, ist er von dem Geist Gottes durchdrungen, er ist dann der Erwachte, der Wiedergeborene und Auferstandene. Dann kann nichts in der Welt seiner Willenskraft widerstehen, er wird zum wohlwollenden Herrn über alle Geschöpfe und zum Herrscher über die ganze Natur.

    Wenden wir uns nun der Figur im inneren Kreis zu, so haben uns die Rosenkreuzer in ihrer Auslegung den folgenden Vers überliefert:

    Diß Gemähl anzusehen schlecht und ring,

    Helt in sich groß und wichtig Ding.

    Ja solch geheimbnuß in sich helt,

    Welchs ist der höchste Schatz der Welt.

    Dann was ist worden je erhört,

    Höher zu sein auf dieser Erd.

    Dann alle Zeit zu sein ein Herr

    Dem kein Geld zurinnt nimmermehr.

    Und hat ein gsunden Leib daneben,

    Frischt im darzu so lang sein Leben

    Biß zur prädestinirten Zeit,

    Die kein Creatur überschreit,

    Solchs alles wie ich jetzt gemeldt

    Die Figur klärlich in sich hält.

    Die Figur birgt also in sich das Geheimnis, das den Menschen zum Herrn über die Erde, die Zeit und das Leben bis zur vorherbestimmten Endzeit macht. Im inneren Kreis der Figur erkennen wir drei Schilde, die mit einer Kette verbunden sind. Als Symbole finden wir links einen doppelköpfigen Adler, rechts einen Löwen und unten einen Siebenstern auf den Schilden.

    Der Adler

    Der Adler wird uns im begleitenden Text der Älteren Brüder als ein gelber und weißer Adler beschrieben. Die Schlange im Tierkreiszeichen Skorpion erhebt sich nach ihrer Erhöhung als befreiter Adler zu einem solaren Symbol in den Himmel, er kann sich aber bei Bedarf wieder herablassen in die unteren Gefilde der Erde. In der Symbolik steht der Adler als Vogel des Zeus für Weisheit. In der Alchemie versinnbildlicht der aufsteigende Adler den befreiten Anteil der Prima materia. Als Signum des Apostels Johannes steht er außerdem für Inspiration, Erlösung aus der Knechtschaft, Sieg, Stolz und Auferstehung. Da man annahm, der Adler könne sich bis zur Sonne erheben und sie standhaft anblicken, gilt er als ein Symbol für das geistige Prinzip im Menschen, das sich erhebt und in das Angesicht Gottes schaut. Der Doppeladler stellt das männlich-weibliche Quecksilber in seiner Fähigkeit dar, sowohl in das Diesseits als auch in das Jenseits zu schauen.

    Der Löwe

    Der Löwe ist ein ambivalentes Symbol, das in Form der Löwin sowohl lunare als auch solare Eigenschaften in Form des Löwen verkörpert. Als solares Symboltier repräsentiert er die Wärme der Sonne, das Strahlen und die Kraft der Mittagssonne. Das feurige Prinzip steht für Mut, Tapferkeit, Stärke und Gerechtigkeit. In unserer Figur symbolisiert er das äußere Ego, das es zu überwinden gilt, damit aus seinem Blute der rote Löwe als Himmels-Ego ersteht. In diesem Sinne bildet er den Sulfur-Aspekt.

    Der Siebenstern

    Auf dem dritten Schild erkennen wir den Siebenstern, der auf der linken Seite von der Erdscheibe und auf der rechten Seite von dem Sternenhimmel mit Sonne und Mond begleitet wird. Der Siebenstern mahnt uns zur Arbeit an den sieben Prinzipien, die in Licht und Schatten sowie im Himmel und auf der Erde bearbeitet werden wollen.

    Der Reichsapfel

    Über dem Siebenstern ist der Reichsapfel gezeichnet. Als Kugel, über der sich ein Kreuz erhebt, stellt er die Einheit und die Macht über die Welt dar, die durch das Kreuz, also die Arbeit an den vier Elementen erlangt worden ist. Wenn der Reichsapfel dem Siebenstern beigefügt ist, geht die Forderung der Bewusstwerdung über die sieben Prinzipien so weit, dass wir uns dieser Aufgabe in den vier Daseinsebenen Körper, Seele, Geist und Transzendenz annehmen müssen. Hier – gänzlich jenseits persönlicher Horoskopie – beginnt die wahre Astrosophie ihren Sinn zu entfalten, nämlich den Menschen in alle vier Ebenen seines Seins an die Kräfte des Kosmos zu binden.

    Diese drei Schilder – der Löwe, der Adler, der Siebenstern – verbergen in sich Schwefel, Quecksilber und Salz, wobei hier der Schwefel den alles durchdringenden himmlischen Geist, das Quecksilber die geläuterte Seele und das Salz den Körper repräsentieren. Der Siebenstern ermahnt uns zur siebenfachen Reinigung und symbolisiert in diesem Bild unseren Körper, das Salz. Der Merkur ist der geistige Vermittler zwischen allen, denn er verbindet den Körper mit dem Geist. Er hält sie buchstäblich zusammen. Die Älteren Brüder erklären uns, dass Seele und Körper, Seele und Geist sowie Geist und Körper als Paar nie bestehen können, denn sie benötigen stets die Dreiheit zu ihrer Vollendung. Die Zweiheit hat keinen Bestand. Köper, Seele und Geist entspringen dem siebenstrahligen flammenden Stern, der die sieben göttlichen Kräfte beschreibt, aus denen alles geschaffen wurde. Auch die segnenden Hände, die beiderseits aus den Wolken hervorkommen und das Zeichen des Hierophanten bilden, beschwören damit gewissermaßen aus dem Numinosen heraus die Wahrheit dessen, was in der Figur als heilige und unveränderliche Wahrheit zum Ausdruck gebracht wird.

    Sonne und Mond

    Zwischen den segnenden Händen erkennen wir einen Kelch, in den sich Sonne und Mond ergießen. Es ist der vollendete Mensch, in dem die mystische Vereinigung der Gegensätze stattfindet. Der Kelch steht auf dem Merkurzeichen, das die Vereinigung von Sonne, Mond und Erde symbolisiert. Um den Kelch herum finden wir die übrigen Planeten, so dass alle sieben klassischen Metalle, sprich Urprinzipien anwesend sind.

    Nun bleibt nichts als die sieben Wort,

    Was sie bedeuten, weiter hört.

    So ihr nun dies verstehet wol,

    Euch nimmermehr mißlingen soll.

    Ein jegliches Wort bedeut eine Stadt,

    Deren jede nur ein Porten hat.

    Die erst bedeut gold, ist gelb mit Fleiß.

    Die ander Silber, ist schön weiß.

    Die dritt Mercurium ist gleich grau.

    Die vierdt ist Zinn, ist himmelblau.

    Die fünft deut Eisen, ist blutroth.

    Die sechst Kupfer, ist grün ohn Spot.

    Die siebend BIey, ist schwarz wie KoI,

    Merk wie ichs meyn, versteh mich wol:

    In dieser Stadt Porten fürwahr,

    Stehet der Kunst Grund ganz und gar.

    Denn kein Stadt wirket nichts allein,

    Die andern müssen darbeyauch seyn.

    Auch könnt man in kein Stadt nicht gahn,

    So die Porten wurden zugethan.

    Und da sie gar kein Porten hätten,

    Sie durchaus nichts ausrichten thäten.

    So diese Porten beysammen seyn,

    Gebiert von sieben Farben ein Schein.

    Thun mit einander gar hell leuchten,

    Ihrer Macht ist nichts zu vergleichen.

    Ihr’s Wunders finds tu auf Erden nicht,

    Drum weiter höre solchen Bricht.

    Sieben Buchstaben, sieben Wort,

    Auch sieben Städt, und sieben Port.

    Sieben Zeit, auch sieben Metall,

    Auch sieben Tag, und sieben Zahl.

    Darzu ich sieben Kräuter meyn,

    Auch sieben Künst, und sieben Stein.

    Darinn steht aller Kunst bestandt,

    Wol dem, der solches jemals fand.

    In den Rosenkreuzerschriften werden die Planeten oder Metalle auch Tore oder sieben Städte genannt. Basilius Valentinus sagt: „Sechs Städte durchwandert der König am himmlischen Firmament, aber in der siebten behält er seinen Sitz.“ Da jedes Metall und jeder Planet seine Farbe hat, entsteht aus ihrer Vereinigung und Zusammenarbeit der siebenfache Farbenschein, wie er im Text oben beschrieben wird. Wir können ihn als Regenbogen aus den Planetenprinzipien verstehen. Wir kennen diese Vorgänge auch aus der Retorte des Alchemisten, in der kurz bevor der Stein entsteht die sieben Farben als sogenannter Pfauenschweif erscheinen müssen. In dem Kelch sind somit alle Prinzipien vereint. Der Kelch gleicht dem Menschen, der wieder in die Einheit zurückgefunden hat. Er ist Adam vor der Vertreibung aus dem Paradies, also der Mensch, der am sechsten Schöpfungstag geschaffen wurde. In der Genesis heißt dies wie folgt:

    Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Männin schuf er ihn. (Gen. 1.26)

    Dieser erste Adam, der am sechsten Tag geschaffen wurde, ist noch androgyn und wird in der hermetischen Tradition Adam Kadmon genannt. Er ist noch Mann und Frau in einem Prinzip vereint. Gott schuf also nicht Männer und Frauen in der Mehrzahl. Dies würde etwas anderes bedeuten. Die ersten Menschen waren biblisch gesehen zweigeschlechtlich, sie waren Mann und Frau in einem Wesen. Diese Zweigeschlechtigkeit bezeichnet das Wesen der ersten Menschen vor dem Sündenfall, wo beide Prinzipien, das männliche und das weibliche, im Menschen vereinigt waren. Der Mensch war also noch in paradiesischem Zustand. Dies ist die Einheit, in die der Adept auf dem Erlösungsweg wieder zurückkehrt, wenn er die höchste Einweihung durch die Vereinigung aller Gegensätze durch der Hieros gamos, die Chymische Hochzeit erreicht hat, wenn Körper, Seele und Geist in allen vier Seinsebenen mit Hilfe der sieben Prinzipien geläutert, um als wahrer Mensch, Ecce Homo, in die Einheit zurückzukehren. .

    Artikel erschienen in Pleroma Nr. 11 und 13,
    FMG-Förderkreis für Mythologisches Gedankengut


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