• GÉRARD DE SÈDE
    Die Templer sind
    unter uns
    ODER
    DAS RÄTSEL VON GISORS
    MIT 13 ABBILDUNGEN IM TEXT
    UND 16 TAFELN
    ULLSTEIN


    Die französische Ausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel
    ›LES TEMPLIERS SONT PARMI NOUS OU LENIGME DE GISORS«
    im Verlag Rene Julliard, Paris. Deutsch von Liselotte Julius
    Photos von Daniel Lefebvre. Zeichnungen von Pierre Plantard
    Dokumentation von Margit Rowell und Sophie de Sède
    VERLAG ULLSTEIN GMBH • BERLIN • FRANKFURT/M • WIEN
    Umschlag und Einbandentwurf von Wolfgang Dohmen
    © 1962 by Rene Julliard, Paris
    Alle deutschen Rechte bei Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin
    Printed in Germany, Berlin West 1965 • Gesamtherstellung Druckhaus Tempelhof
    »Der Herr, dem das Orakel zu Delphi gehört,
    sagt nichts – und birgt nichts, sondern er bedeutet.«
    HERAKLIT

    Erster Teil
    DER ALTE MANN UND DIE ERDE
    »Laßt uns suchen wie jene, die finden
    müssen, und laßt uns finden wie jene,
    die noch suchen müssen.«
    AUGUSTINUS

    Wenn ich nicht nach zehn Jahren journalistischer Tätigkeit beschlossen
    hätte, mich eine Zeitlang mit Landwirtschaft zu beschäftigen,
    wäre ich nie auf die Spur des Templerschatzes gestoßen.
    Diese Feststellung mag seltsam klingen. Ich werde sie erklären
    müssen. Zum Glück beginnt mit dieser Erklärung aber bereits die
    weitaus seltsamere Geschichte, für die ich den Leser gewinnen
    möchte.
    Im Jahre 1959 züchtete ich also Schweine. Eines Morgens stellte
    sich ein Knecht vor, der Arbeit suchte. Er kam zu Fuß aus der
    Normandie. Ein Rucksack enthielt seine kümmerlichen Habseligkeiten.
    Sein Alter sprach gegen ihn, seine offensichtliche Notlage
    und jenes gewisse Etwas, das Vertrauen einflößt, jedoch für ihn.
    Ich will nicht heucheln. Über seine Einstellung entschied weniger
    mein Mitleid oder mein gutes Herz, sondern meine Neugier.
    Ich sollte es nicht bereuen.

    11
    EIN EXORZIST IM STALL
    Ich sehe Roger Lhomoy noch vor mir, wie er sich am Morgen
    seiner Ankunft mit den Ellbogen auf den weißen Zaun stützte.
    Der Tabak, den er mit den großen Händen zerkrümelte, dürfte
    schon seit Tagen sein Hauptnahrungsmittel gewesen sein. Doch
    er war wortkarg. Die Selbstachtung verbot es ihm, als lästiger
    Bettler zu erscheinen.
    Er war einundfünfzig, wirkte aber wie ein guter Sechziger.
    Das weiße Haar, die hohe Stirn, das zerfurchte Gesicht, die spärlichen
    Zähne, die durch ein fortgeschrittenes Emphysem hervorgerufene
    Kurzatmigkeit – all das zeugte von einem selbst für
    seine robuste Natur allzu harten Leben. Seine stahlgrauen Augen
    allerdings blickten hart und offen: die Augen eines Mannes, der
    seine Aufgabe zu Ende führt. Auf dem Land fehlt es nie an
    Arbeit. Roger saß also noch am selben Tag an unserem gemeinsamen
    Tisch. In der ersten Zeit brachte er die Zähne nicht auseinander.
    Ich erkannte bald, daß der alte Mann seine Angst vor Schweinen
    mühsam beherrschte. Eines Tages machte ich darüber eine
    scherzhafte Bemerkung.
    »Man kann nie wissen«, erwiderte Lhomoy ebenfalls lachend.
    »Vielleicht sind es die Dämonen aus dem Evangelium, die Jesus
    in Schweine verwandelt hat. Wissen Sie«, fuhr er fort, »in dem
    Fall würde ich mir nichts daraus machen, sie wegzujagen.«
    Und er begann zu meiner größten Verblüffung das Exorzistat
    (1a) auf lateinisch zu zitieren.
    »Woher haben Sie denn das, Roger?«
    12
    »Das ist ganz einfach«, erklärte er gelassen. »Heute bin ich
    Stallknecht bei Ihnen, aber früher war ich Seminarist. Ich habe
    sogar die niederen Weihen empfangen. Sie wissen doch sicher,
    daß dazu das Exorzistat gehört.«
    An jenem Tag wollte ich nicht näher darauf eingehen. Doch
    das war der Beginn einer ungewöhnlichen Geschichte, die ich ihm
    zunächst Stück für Stück entreißen mußte. Und selbst als Roger
    Lhomoy sie beendet hatte, ahnte ich nicht im entferntesten, wohin
    sie mich führen würde.
    Nun kann niemand ein außergewöhnliches Abenteuer besser
    erzählen als derjenige, der es erlebt hat. Und so hatte ich vor,
    Lhomoy selber die ersten Seiten dieses Buches schreiben zu lassen.
    Wenn er es nicht getan hat, so deshalb, weil er es nicht konnte.
    Roger Lhomoy ist nämlich kein gescheiterter Intellektueller, sondern
    im Gegenteil ein rauher, ungeschliffener Bauer. Es gelang
    ihm zunächst, sich emporzuarbeiten. Dann aber stürzte er viel
    tiefer hinab als zuvor. Er hat die positive Einstellung des ländlichen
    Menschen und zeigt zumindest keinerlei Neigung für Abstraktionen.
    Das Latein, das er zitiert, ohne es wirklich zu können,
    gehört zu den vielfältigen unzusammenhängenden Kenntnissen,
    die er dank seines wachen, jedoch völlig durchschnittlichen Verstandes
    im Laufe seines bewegten Lebens aufzulesen vermochte.
    Übrigens bedauert er selber seine mangelhafte Bildung. Dieser
    knappe Umriß seiner Persönlichkeit wird später das Verständnis
    dafür erleichtern, daß man ihm gewisse Motive und Kenntnisse
    nicht unterschieben kann.
    Damals, als er sich auf das friedliche Dasein eines bescheidenen
    Landpfarrers vorbereitet, setzt sich in Roger Lhomoy ein Gedanke
    fest, der den Verlauf seines Lebens von Grund auf verändern
    soll: unter der mittelalterlichen Burg, die hoch über seiner Geburtsstadt
    Gisors liegt, ist ein sagenumwobener Schatz vergraben.
    Und den will er finden.
    Ein verrückter Gedanke. Tatsächlich hat nur der Volksglaube
    die Burg mit einem geheimnisvollen Nimbus umrankt. Eine uralte
    Sage berichtet, daß Königin Blanka in Gisors belagert wurde,
    die feindlichen Reihen durchbrach und sich in die benachbarte
    13
    Burg von Neaufles flüchtete. Diese wurde nun die ganze Nacht
    hindurch umzingelt. Als man sie jedoch am Morgen stürmte, war
    die Königin verschwunden. Bald darauf tauchte sie wieder in
    Gisors auf und schlug die Angreifer in die Flucht. Es gab also
    eine unterirdische Verbindung zwischen den Burgen von Neaufles
    und Gisors. Die Sage berichtet ferner, daß in diesem längst verschütteten
    unterirdischen Gang ein Schatz verborgen ist, der durch
    hermetisch verschlossene Eisengitter geschützt wird. Nur einmal
    im Jahr könne man an diesen Schatz gelangen: am Heiligen
    Abend während der Mitternachtsmesse, und zwar, wenn der Priester
    den Stammbaum Jesu vorliest. Dann öffnen sich die Eisengitter,
    schließen sich aber sofort danach wieder.
    Ein verrückter Gedanke also, und dennoch ist Lhomoy nicht
    verrückt. Was hat nun den Fünfundzwanzigjährigen, der bereits
    über die Hälfte seiner Vorbereitung auf den Priesterstand hinter
    sich hatte, dazu veranlaßt, auf eine sorgenfreie Zukunft zu verzichten
    und sich völlig einer Aufgabe zu widmen, die jeder nur
    für das Hirngespinst eines Geisteskranken halten kann?
    Es ist nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Um so schwieriger,
    als Lhomoy in diesem Punkt stets äußerste Zurückhaltung
    gewahrt hat, auch nachdem ich sein volles Vertrauen gewonnen
    hatte. Setzt man ihm mit diesem Thema zu, so antwortet er aus
    Höflichkeit. Doch seine Erklärungen sind ausweichend und wechseln
    ständig.
    Wie dem auch sei, Lhomoy läßt niemandem gegenüber etwas
    von seinem phantastischen Vorhaben verlauten. Er bereitet einen
    reiflich durchdachten Plan vor, dessen Durchführung Zeit kosten
    wird. Systematisch macht er sich daran, ihn etappenweise zu verwirklichen.
    Er entsagt dem Priesterstand, ohne Skandal zu verursachen
    oder sich die Sympathien des Klerus zu verscherzen, und läßt
    eine angemessene Frist verstreichen, ehe er sich verheiratet. Die
    Liebe zu seinen zwei Kindern überdauert alle späteren Belastungen.
    Geduldig reicht er wiederholt Gesuche ein, um die einzige
    Anstellung zu erhalten, die ihn völlig legal und sozusagen als
    Herrscher an den Ort seiner Sehnsucht bringen kann. 1929 stellt
    14
    die Gemeinde von Gisors Roger Lhomoy, geboren am 17. April
    1904, als Kastellan, Führer und Gärtner für die Burg ein, die
    Eigentum der Stadt ist.
    EIN RUHIGER GÄRTNER
    Lhomoy liebt Gärten und weiß, was ihnen guttut. Für einen
    Bauern, der schwere Arbeit gewohnt ist, bedeutet die Gärtnerei
    ein Vergnügen. Man kann dabei nachdenken, der Körper ermüdet
    nicht. Das kleine Beamtengehalt wird durch die Trinkgelder der
    Fremden aufgebessert, so daß der Haushalt gut geführt werden
    kann. Frau Lhomoy hat sogar eine Aufwartefrau. Die Wohnung
    ist hübsch. Sie liegt in einem alten runden Turm. Lhomoy ist
    beinahe zum Bürger geworden und führt die Besucher voller
    Besitzerstolz herum.
    Kurz, er hat einen festen Beruf und ein glückliches Familienleben.
    Siebzehn Jahre geht alles geruhsam und unauffällig so
    weiter. Und doch ist das nur Fassade. Wenn er zögert, seinen
    Plan in die Tat umzusetzen, so deshalb, weil er sich noch im
    unklaren darüber ist, wo er beginnen soll.
    Erst Anfang 1944 nimmt Roger Lhomoy seinen großen Kampf
    auf.
    Für die Einwohner von Gisors ist die Burg ein angenehmer
    Aufenthalt. Die Ringmauer umgibt die Gartenanlage mit ihren
    Bänken, Rasenflächen, großen Bäumen. Tagsüber stricken hier
    Frauen und spielen Kinder. In der Dämmerung kommen dann
    die Liebespaare. Am Sonntag kann man den Wehrturm besteigen,
    von dem aus man an klaren Tagen mit dem Fernglas Montmartre
    sieht, denn Paris ist nur siebzig Kilometer entfernt. Aber bei
    Kriegsbeginn wurde der Zutritt zur Burg für das Publikum verboten.
    »Dieser Umstand begünstigte meine Pläne sehr«, erzählt Lhomoy
    heute. »Ich konnte sicher sein, daß meine Arbeit nicht durch15
    vorzeitige Neugier zunichte gemacht wurde. Und Mut brauchte
    ich! Hundertmal war ich soweit, aufzugeben. Das gewaltige Ausmaß
    meines Vorhabens erdrückte mich. Zum Glück glaubte ich
    bedingungslos an den Erfolg.«
    Der Glaube versetzt Berge, heißt es im Evangelium. Für den
    ehemaligen Seminaristen war das nicht nur eine rhetorische Floskel.
    Er war vielmehr dadurch imstande, tatsächlich Berge von
    Erdreich zu versetzen. Roger vollbrachte im Innern der Erde eine
    Heldentat, die jedes Fassungsvermögen übersteigt.
    Von nun an kann ein gut verborgener Neugieriger den matten
    Schein einer Laterne wie ein Irrlicht durch die Gänge der verschlafenen
    Burg flattern sehen. Es ist Lhomoy, der sich nach dem
    letzten hastig verschlungenen Löffel Suppe und nach einem immer
    flüchtigeren Kuß auf die Stirn seiner Frau an die Arbeit begibt.
    Drei Jahre lang geht er Nacht um Nacht zum Wehrturm und
    gräbt dort. Seine ganze Ausrüstung besteht aus einem Spaten,
    einer Spitzhacke, einer Kabellampe, einer alten Winde und einem
    Korb, mit dem er Erde und Schutt wegschafft.
    Auf dem Hügel hinter der Ringmauer des Wehrturms ist links
    von der Tür ein uralter Brunnen. Von dort aus wird er die Wahrheit
    ergründen, meint Lhomoy. Der Brunnen ist seit langem bis
    zum Rand verschüttet. Er legt ihn frei, dringt zehn Meter tief
    hinunter, dann zwanzig, dann dreißig. Jeden Abend gelangt er
    mit dem geknoteten Seil etwas tiefer in den engen Schacht, der
    ohne Grund zu sein scheint. Ein Schlag mit der Spitzhacke, eine
    Schaufel voll Erdreich, der gefüllte Korb wird mit der verrosteten
    Winde hochgezogen, Lhomoy klettert hinterher, leert den Korb
    aus, steigt wieder hinunter. Abermals ein Schlag mit der Spitzhacke
    ... Das Loch ist jetzt so tief wie ein sechsstöckiges Haus.
    Eines Abends wäre beinahe ein Unglück geschehen.
    Ganz unten sind die Steine abgebröckelt und legen eine Art
    Ausbuchtung frei. Ob wohl ein Vorgänger, vielleicht vor Jahrhunderten,
    den Weg zu dem Schatz gefunden und ihn womöglich
    geraubt hat? Voller Sorge tastet sich Roger weiter: die Ausbuchtung
    endet in einer Sackgasse. Beruhigt will er umkehren. Da
    stürzt das überhängende Erdreich über ihm zusammen. Um
    16
    Haaresbreite entgeht er dem Schicksal, hier begraben zu werden.
    Aber es ist immer noch schlimm genug – er hat sich ein Bein
    gebrochen. Wenn er um Hilfe ruft, würde man ihn nicht hören.
    Außerdem will er sich nicht bemerkbar machen, denn das hieße,
    sein Geheimnis verraten. Doch in diesem Loch langsam dahinzusterben,
    diesem Symbol seiner jahrelangen, nunmehr sinnlos
    gewordenen Arbeit, der bloße Gedanke daran hilft ihm, seine
    letzten Kräfte zu sammeln. Zentimeter um Zentimeter arbeitet
    er sich mit zusammengebissenen Zähnen an seinem geknoteten
    Seil empor.
    Kaum genesen, hat er alle Mühsal vergessen und macht sich
    eilig wieder an sein Werk. Er hat zuviel gesunden Menschenverstand,
    um gegenüber dieser Warnung des Schicksals taub zu
    bleiben. Deshalb läßt er den Brunnen, wo ihm beim ersten falschen
    Hackenschlag der sichere Tod droht, in Ruhe und beginnt
    jetzt fünfzehn Meter vom Brunnenrand entfernt zu graben. Sein
    Handwerkszeug ist dasselbe geblieben. Nach wie vor arbeitet er
    nachts, denn bei Tag muß er weiterhin den pflichttreuen Kastellan
    und Gärtner spielen.
    Nach der bitteren Erfahrung wird Lhomoy vorsichtiger. Er
    gräbt jetzt ein größeres, sich nach unten trichterförmig verengendes
    Loch. Aber ohne Wetterschacht, sogar ohne Stützbalken, vor
    allem aber ohne Wache und Hilfe im Notfall, bleibt ihm auch
    so nur das Gefühl einer trügerischen Sicherheit. Doch er gibt sich
    damit zufrieden, so sehr hat ihn der Ehrgeiz gepackt. Im Juni
    1944 ist er sechzehn Meter unter der Erde. Hierher dringt der
    Lärm der alliierten Invasion kaum. Der Abzug der Deutschen,
    die so sehr hinter Buntmetallen her waren, veranlaßt ihn jedoch,
    sein selbstauferlegtes Schweigen zu brechen. Er zieht einen Jugendfreund
    ins Vertrauen, Lesenne, der später sein Nachfolger als
    Kastellan wird. Einige Wochen lang hilft ihm Lesenne. Er wird
    Zeuge von Lhomoys erster Entdeckung: einem kleinen unterirdischen
    Raum von ungefähr vier mal vier Meter Größe. Ein
    Archäologe wäre auf einen solchen Erfolg bereits stolz gewesen.
    Aber für Roger, der einen Schatz sucht, ist das nur eine Kleinigkeit.
    Der Raum ist völlig leer und führt auch nirgendwohin.
    17
    Nachdem er ihn seinem Freund unter dem Siegel der Verschwiegenheit
    gezeigt hat, schüttet er ihn wieder zu und nimmt seine
    Suche von neuem auf.
    Roger beginnt nun aus wer weiß welchen Gründen, einen
    waagerechten Stollen zu graben. Dieser führt vom Grund des
    neuen Loches aus in Richtung auf den Brunnen, wo er zuvor
    schon beinahe den Tod gefunden hätte. Es ist ein enger Gang
    von fünfzig Zentimeter Durchmesser, den er nur flach auf dem
    Bauch liegend weiter ausheben kann. Eimer um Eimer kratzt er
    die Erde zusammen, schafft sie dann rückwärts kriechend bis zum
    Grund des vertikalen Trichters und hißt sie mit Hilfe eines einfachen
    Seilzuges sechzehn Meter empor. In diesem wahren Rattengang
    kann er sich nur ganz langsam und vorsichtig bewegen,
    weil kaum Luft hereinkommt. Außerdem droht bei der geringsten
    falschen Bewegung die Gefahr eines elektrischen Schlages. Denn
    das Kabel seiner Behelfsbeleuchtung ist von der Feuchtigkeit angefressen,
    so daß der Draht größtenteils frei liegt, der leichtsinnigerweise
    an die Starkstromleitung im Schloß angeschlossen
    ist. Die geringste Ungeschicklichkeit bedeutet unausweichlich den
    Einsturz. Dennoch erreicht der Stollen bald eine Länge von neun
    Metern.
    Zweimal habe ich diesen unwahrscheinlichen Teil von Roger
    Lhomoys abenteuerlichem Unternehmen mit angehört. Zuerst
    aus dem Mund des Helden selber, der sich die Füße an einem
    hell flackernden Holzfeuer wärmte. Doch seine Worte besaßen
    nicht die Kraft, seine Erlebnisse wirklich plastisch darzustellen.
    Mein skeptisches Naturell vermutete, daß sich bei ihm in der
    Erinnerung die Proportionen des Ganzen gewaltig verschoben
    hatten. Das zweite Mal hörte ich einen Augenzeugen: Emile
    Beyne, ehemaliger Pionieroffizier, war in bezug auf unterirdische
    Stollen immerhin Fachmann und trug im Artilleriefeuer erworbene
    Orden. Er verhehlte durchaus nicht, mit welcher Angst er
    den Spuren Lhomoys in diesem Labyrinth gefolgt war.
    Seit jenem Tag glaubte ich ihm auf s Wort. Denn ich kam selber
    müde und erschöpft aus einem Teil der furchteinflößenden Unterwelt,
    die Roger Lhomoy mit bloßen Händen geschaffen hatte.
    18
    DIE SAGENHAFTE KRYPTA
    Hinter dem scheinbaren Wahnsinn trägt das Unternehmen Roger
    Lhomoys immer die Merkmale eines durchaus vernünftigen Planes.
    Zunächst verwischt er stets alle Spuren, die seine Arbeit vorzeitig
    verraten könnten. Wenn als Preis eines solchen Kampfes ein
    Schatz winkt und das ruchbar wird, kann man sich leicht ausmalen,
    daß man nicht lange allein bleiben wird. Mit viel Mühe
    tarnt er nach jeder Arbeitsnacht die Öffnung des Trichters. Die
    ausgehobene Erde verteilt er sorgfältig. Das wird allmählich
    schwierig, da er bisher bereits fünfzig Tonnen Erdreich gefördert
    hat.
    Allerdings treibt er die notwendige Geheimhaltung nie so weit,
    daß er die rechtliche Seite außer acht läßt. Er hat bei der zuständigen
    Behörde, dem Staatssekretariat der Schönen Künste,
    eine schriftliche Genehmigung beantragt und erhalten, im Bereich
    einer als historisches Denkmal klassifizierten Burg Ausgrabungen
    zu machen. Doch diese Genehmigung allein genügt nicht. Er
    braucht auch noch die der Stadt Gisors, der das Terrain gehört.
    Bevor er also Höhlenforscher auf eigene Faust spielt, geht er
    zum Bürgermeister, einem Bekannten. Dieser macht aus seiner
    Skepsis kein Hehl, gibt Lhomoy aber trotzdem »grünes Licht«
    und verspricht ihm, alles Nötige zu veranlassen, wenn seine
    Arbeit doch zufällig eine Entdeckung bringen sollte.
    Man muß zugeben, daß all das für einen einfachen Gärtner
    nicht schlecht eingefädelt ist. Wohlverstanden hat Lhomoy weder
    dem Staatssekretariat der Schönen Künste noch dem Bürgermeister
    gegenüber auch nur das geringste von einem Schatz verlauten
    lassen, sondern nur von archäologischen Ausgrabungen gesprochen.
    Es ist mittlerweile März 1946 geworden. Der Stollen, an dem
    er wie ein Galeerensträfling gearbeitet hat, enttäuscht Rogers
    Hoffnungen: er führt nirgendwohin. Doch seine Hartnäckigkeit
    ist nicht gebrochen. Er beginnt, diesen Stollen durch einen neuen
    vertikalen Schacht zu verlängern. Er arbeitet jetzt mit nacktem
    Oberkörper. Natürlich weiß er, daß er sich damit seine Gesund19
    heit ruinieren wird, und bei dem Sauerstoffmangel hat er das
    unerträgliche Gefühl, zu ersticken. Innerhalb einer Stunde muß
    er mehrfach hinauf an die frische Luft. Entweder weil er beinahe
    ohnmächtig wird, oder er muß seine Kabellampe reparieren. Er
    kann sie keinen Augenblick entbehren, denn in dieser Tiefe brennen
    die Kerzen, mit denen er ausgerüstet ist, nicht mehr. Seit
    langem hat er Spaten und Spitzhacke weggetan. Der Schacht ist
    zu eng, als daß sie ihm noch helfen könnten. Er gräbt mit bloßen
    Händen und benutzt eine Brechstange. Sie ist handlicher, und er
    kann damit Gesteinsbrocken lösen, die weiter unten immer zahlreicher
    werden.
    Dieser letzte Schacht wird nie mehr als vier Meter tief. Es
    fehlen noch einundzwanzig Zentimeter daran, als eines Abends ...
    Doch hier müssen wir Roger selbst das Wort erteilen, weil
    niemand außer ihm das erblicken sollte, was er nun sah:
    »Meine Brechstange stößt auf Stein. Ich achte nicht darauf,
    denn ich arbeite bereits über zehn Stunden in einer Kieselschicht
    und bewege mich nur mehr wie ein Automat. Mechanisch beseitige
    ich den Lehm mit den Händen, um diesen großen Felsbrocken
    freizulegen. Aber bei der Berührung zeigt sich, daß er
    glatt ist: kein Zweifel, es handelt sich um einen behauenen Stein.
    Daneben ist noch einer und dann ein weiterer. Ich bin auf eine
    Mauer gestoßen. Wenn es mir gelingt, auch nur zwei dieser Steine
    herauszubrechen, habe ich gewonnen. Das Loch wäre dann zum
    Hindurchkriechen groß genug. Die Fugen sind nicht zementiert.
    Das ist ganz normal, da es sich um eine alte Mauer handelt. Es
    genügt, die Steine mit der Stange zu lockern und sie dann herauszustemmen.
    Das kostet Zeit, aber ich spüre keinerlei Müdigkeit
    mehr. Ich lege den ersten Stein frei wie einen großen Zahn und
    kann jetzt den danebenliegenden mit der Hand wegnehmen.
    Mein Kopf geht durch, die Schultern ebenfalls – die Lücke reicht.
    Doch ich sehe überhaupt nichts. Das Kabel meiner Lampe liegt
    aufgerollt zwei Meter hinter mir. Ich habe nicht die Geduld,
    zurückzukriechen. Also stoße ich einen lauten Schrei aus, um mir
    Gewißheit zu verschaffen. Das Echo, das ihn zurückwirft, ist so
    stark, daß ich vor Schreck zusammenfahre. Dann erfaßt mich
    Freude – hier ist ein Raum, ein sehr großer Raum. Man kann
    sich vorstellen, daß ich meine Kabellampe im Handumdrehen
    holte und schleunigst über die Mauer kletterte.
    Nie werde ich vergessen, was ich dann gesehen habe. Es war
    ein phantastischer Anblick. Ich bin in einer romanischen Kapelle
    aus Louveciennes-Steinen. Sie ist dreißig Meter lang, neun Meter
    breit und etwa viereinhalb Meter hoch bis zum Schlußstein des
    Gewölbes. Gleich links vor mir neben dem Loch, durch das ich
    gekommen bin, ist der Altar. Zu meiner Rechten liegt der übrige
    Teil des Baues. In halber Höhe der Wände sind lebensgroße
    Statuen von Christus und den zwölf Aposteln auf Steinkonsolen.
    Auf dem Boden an den Wänden stehen Steinsarkophage von
    zwei Meter Länge und sechzig Zentimeter Breite: neunzehn im
    ganzen. Und im Schiff fällt der Schein meiner Lampe auf etwas
    Unglaubliches: dreißig Truhen aus kostbarem Metall, die in
    Zehnerreihen aufgestellt sind. Das Wort Truhen genügt nicht -
    man müßte vielmehr von liegenden Schränken sprechen. Jeder
    dieser Schränke ist zweieinhalb Meter lang, einen Meter achtzig
    hoch und einen Meter sechzig breit.« (Tafel VI, oben.)
    Lhomoy ist zweifellos ein vorsorglicher Mensch. Aber wenn er
    hundert Fuß unter der Erde durch enge Gänge, die einer Katze
    Angst einflößen würden, kriecht, belastet er sich nicht mit Vermessungsgeräten.
    Deshalb mißt er jetzt die märchenhafte Krypta
    mit großen Schritten aus. Doch ein Mensch vom Lande, der noch
    dazu Gärtner ist, hat ein untrügliches Augenmaß. Für ihn sind
    fünfundzwanzig Zentimeter mehr oder weniger keine Kleinigkeit.
    Roger läuft nicht Gefahr, daß ihn sein Gedächtnis im Stich
    läßt. Was er einmal mit eigenen Augen gesehen hat, vergißt er
    auch nicht. Außerdem kann er sich auf sein Augenmaß verlassen.
    Jetzt kann er ruhig wieder hinauf an die frische Luft. Heute ist
    die Nacht noch nicht zu Ende. Zum erstenmal seit langem kann
    er schlafen.
    21
    WEHE DEN SIEGERN!
    Am nächsten Morgen erwacht Roger als neuer Mensch. Ohne
    Übergang ist er aus einem Alptraum in eine Märchenwelt versetzt
    worden. Er glaubt fest daran, daß die Truhen in der unterirdischen
    Kapelle mit Gold vollgepfropft sind. Und da er nicht zu denen
    gehört, die von großen Autos, Kasinos und Kreuzfahrten träumen,
    sieht er sich bereits als Besitzer eines schönen Hofes in der
    Normandie mit gut hundert Hektar Land, vollen Scheunen und
    Ställen. Vor allem kann er jetzt seinen beiden Kindern eine Ausbildung
    und Mitgift geben, die seinem Ehrgeiz entspricht.
    Das alles ist durchaus nicht abwegig. Seiner Meinung nach hat
    er ja sämtliche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und sich restlos gedeckt.
    Er besitzt Genehmigungen und hat zu keinem Menschen
    von dem Schatz gesprochen. Über diesen Punkt hat er sich bereits
    seit langem bei einem Rechtsanwalt informiert. Er weiß, daß der
    Finder eines Schatzes auf einem Gebiet, das einem anderen gehört,
    seinen Anteil daran nur beanspruchen kann, wenn er ihn
    durch reinen Zufall entdeckt hat. Das erklärt auch das Mißtrauen,
    mit dem er heute noch Fragen begegnet, wieso er zu seinen Ausgrabungsarbeiten
    gekommen ist. Er ist der festen Überzeugung,
    daß sein gesetzmäßiger Anteil an dem Fund ein Drittel beträgt.
    In erster Linie aber fühlt er sich befreit. Seit Jahren hat er
    unter einer Erstickungspsychose gelitten. Sein Körper war in die
    beklemmenden unterirdischen Gänge eingezwängt, auf seiner Seele
    lastet sein Geheimnis. Und so entgeht ihm selbst die einfache
    Freude, die auch der ärmste Vagabund genießt: im hellen Tageslicht
    zu leben. Doch von jetzt an hat dieser Zustand ein Ende.
    Roger verläßt sein Haus leichten Herzens und von Gewißheit
    erfüllt. Er geht die ersten Schritte eines Weges, der ihn bis zu
    den Markthallen von Paris führen wird, als einsamen, elenden
    Clochard.
    Sein erster Besuch gilt der Bürgermeisterei. Mit falscher Bescheidenheit,
    deren Wirkung er wohl berechnet, erstattet er den
    Gemeindevätern Bericht über seinen Fund. Er ist im richtigen
    22
    Augenblick gekommen, am großen Sitzungstag. Sogar ein
    Departementsrat ist anwesend. Alle hören Roger mit einer Aufmerksamkeit
    zu, in der er keinerlei Bosheit entdeckt.
    »Sie machen keine Witze?« fragt man ihn. »Bestimmt nicht?
    Dann wollen wir gleich zum Wehrturm gehen.«
    Gesagt, getan. Roger frohlockt. Vor dem Erdloch erläutert er
    den Herren, die ernst die Köpfe schütteln, sein Vorgehen. Er
    spricht von seinen behelfsmäßigen Mitteln, von den überstandenen
    Gefahren, den schlaflosen Nächten und schließlich von
    seinem Erfolg. Bis in die kleinsten Einzelheiten beschreibt er die
    phantastische Krypta, die jahrhundertelang verborgen lag, und
    die er mit einem Schlag aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt hat.
    Ein Stadtrat löst sich von der Gruppe, weist mit ernster Miene
    auf den gähnenden Abgrund und sagt zu den anderen:
    »Ich stelle Ihnen hiermit das Werk eines Narren vor.«
    »In diesem Augenblick habe ich den Kopf abgewandt und die
    Zähne zusammengebissen, damit sie mich nicht weinen sehen«,
    erzählt Roger.
    Doch er fängt sich rasch wieder. Sie werden schon sehen, ob er
    verrückt ist! Vor allem muß er sich die Wahrheit seiner Behauptungen
    bestätigen lassen. Das ist wichtig für die Wahrung seiner
    Rechte. Er geht also in Gisors herum und erzählt jedem, der es
    hören will, von seinem Abenteuer. Aber die Normannen sind
    von Natur aus mißtrauisch. Was ist denn in den sonst so verschlossenen,
    schweigsamen Kastellan gefahren? Woher nimmt er
    nur diese unglaubliche Ausgrabungsgeschichte, ausgerechnet er, der
    in den ganzen siebzehn Jahren noch nie zu jemand über dergleichen
    gesprochen hat? Er ist amüsant, und man möchte ihm
    gern ein Glas anbieten, aber wenn er mit seiner Erzählung zu
    Ende ist, kommt meist dieselbe Frage:
    »Du bist nicht zufällig Blaiseau begegnet?«
    Blaiseau dArdent ist eine Sagengestalt der Gegend: der Mann
    ohne Kopf, der in den keltischen Steindenkmälern wohnt und
    sich bei Nacht damit vergnügt, Reisende irrezuführen. Im Scherz
    gibt man ihm die Schuld, wenn Männer wegen eines Mädchens
    oder eines Kruges Calvados die Nacht außer Haus verbringen.
    23
    Lhomoy ist keineswegs um Antwort verlegen. Was er gesehen
    hat, kann jeder andere auch sehen, wenn er nur will. Die Ungläubigen
    brauchen nur in sein Erdloch hinunterzusteigen, und
    zwar am liebsten sofort. Er begleitet sie gern.
    Als sie vor dem schwindelerregenden Krater, den Roger gegraben
    hat, stehen, vergeht ihnen die Lust zu lachen. Doch haben
    sie ebensowenig Lust zum Selbstmord. Wer will sich schon in
    einem Korb an einem morschen Seil in diesen gefährlich tiefen
    Schacht hinunterlassen, wo man nicht weiß, ob man lebend
    wieder herauskommt?
    Trotzdem finden sich zwei Freiwillige. Der eine ist Marcel, der
    Bruder Rogers. Ein bedächtiger Mann, der seinen Weg im Leben
    gemacht hat. Er ist Gemeinderat in einer großen Ortschaft an der
    Bannmeile von Paris, Hausbesitzer und Geschäftsmann. Nicht
    ohne Schwierigkeiten zwängt er sich in den senkrechten Schacht.
    Doch als er dreizehn Seilknoten vor dem Grund ankommt, muß
    er aufgeben. Die Einsturzgefahr ist zu groß. Als er mir später
    von seinem Versuch berichtet, betont er nachdrücklich, daß er
    Rogers Entdeckung keinen Augenblick angezweifelt hat.
    Der zweite Freiwillige ist Emile Beyne. Der ehemalige Pionieroffizier,
    von dem bereits die Rede war, ist jetzt Kommandant
    der Feuerwehr von Gisors. Ein turnerisch gewandter Mann und
    zudem ein gewissenhafter Zeuge. Er gelangt bis auf den Grund
    des senkrechten Schachtes und riskiert bei jeder Bewegung sein
    Leben, als er die neun endlosen Meter des Querstollens hindurchkriecht.
    Es verbleiben noch die letzten vier Meter des zweiten
    Schachtes. Aber er kommt nicht bis zum Ende, sondern muß sich
    damit zufriedengeben, Steine dorthin zu werfen. Er stellt fest,
    daß ein Echo erschallt. Er erklärt Lhomoys Behauptung zwar
    nicht für falsch, aber er kann auch nicht sagen: »Ich habe es ebenfalls
    gesehen«; denn die Luft wird zu knapp, und es wäre zu
    gefährlich, um jeden Preis weiterzumachen.
    Innerhalb weniger Stunden ist Lhomoy merklich im Kurs gestiegen.
    Eines braucht er bestimmt nicht zu befürchten: totgeschwiegen
    zu werden. Die ganze Stadt erörtert bald das Für
    und Wider der Angelegenheit.
    24
    Er macht sich das zunutze, geht abermals in die Bürgermeisterei,
    zeigt die Genehmigung vom Staatssekretariat der Schönen Künste
    vor und erinnert an die früheren Versprechungen. Dabei vergißt
    er, daß sich in den letzten drei Jahren einiges ereignet hat. Gisors
    hat einen neuen Magistrat, der sich keineswegs an die Zusicherungen
    seiner Vorgänger gebunden fühlt. Lhomoy erhält die
    einigermaßen überraschende Antwort:
    »Wer hat Ihnen überhaupt erlaubt zu graben? Sie hatten keine
    schriftliche Genehmigung der Stadt. Sie haben sich einer Denkmalsbeschädigung
    schuldig gemacht. Das bedeutet Ihre sofortige
    Entlassung. Das Erdloch wird umgehend wieder zugeschüttet,
    mag ein Schatz unten sein oder nicht. Doch Sie sollen sehen, daß
    wir gute Stadtväter sind. Wir erlassen Ihnen die Kosten.«
    Nun sitzt Roger Lhomoy auf der Straße. Aber es geschieht
    noch Schlimmeres: seine Frau, die Nacht für Nacht wegen des
    Schatzes vernachlässigt worden ist, hat genug von ihm. Sie verläßt
    ihn und nimmt die beiden Kinder mit.
    Und am selben Tag schüttet eine Gruppe von deutschen Kriegsgefangenen
    auf Befehl der Gemeinde das in tausendundeiner
    Nacht gegrabene Erdloch in ein paar Stunden wieder zu.
    Von jetzt an teilt Roger das Schicksal von Hemingways altem
    Fischer, der sein ganzes Leben lang einem großen Fisch nachjagt,
    am Schluß nur ein Skelett fängt und langsam darüber stirbt.
    ZWEI MÄZENE UND EIN MAULWURF
    Eine Zeitlang beugt sich Lhomoy unter den wiederholten
    Schicksalsschlägen, doch nach einem weiteren richtet er sich
    wieder auf.
    Was er einmal aufs Geratewohl getan hat, kann er ohne
    weiteres wiederholen. Er weiß ja jetzt, wo dieser dunkle Weg
    mündet. Was fehlt ihm eigentlich? Die formelle Genehmigung
    der Stadt. Also reicht er schriftlich darum ein.
    25
    Der Sekretär des Bürgermeisters läßt ihn nicht lange warten.
    Seine Antwort ist in einem Ton abgefaßt, wie man ihn selten in
    behördlichen Mitteilungen findet:
    »Ich verbiete Ihnen ausdrücklich, Ihre verrückte Nachtarbeit
    fortzusetzen. Sie können sich glücklich schätzen, daß noch keine
    Maßnahmen für Ihre Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt
    ergriffen worden sind. Dies könnte Ihnen jedoch in Zukunft
    sehr wohl geschehen.«
    Die Prophezeiung trifft nicht ein. Lhomoy ist geistig völlig
    gesund und bleibt in Freiheit. Aber er verläßt nach dieser Demütigung
    bedrückt seine Geburtsstadt.
    Mit seiner »verrückten Nachtarbeit« jedoch befaßt sich der
    Stadtrat eigenartigerweise zur gleichen Zeit in zahlreichen Sitzungen,
    deren Protokolle sich noch in den Archiven befinden.
    Davon kann Roger nicht leben. Er ergreift hundert Berufe und
    lernt tausendfältiges Elend kennen. In seinem mittlerweile so
    wildbewegten Leben bleibt nur ein fester Punkt: der unerschütterliche
    Glaube an seinen Enderfolg.
    Ohne Geld, ohne Hilfsmittel, ohne alles vermag der Umherirrende
    immer noch zu überzeugen. Er gewinnt zwei Geschäftsleute
    in Versailles dafür, einen Hotelbesitzer und einen reichen
    Industriellen. Mit Hilfe des Kredits, den sie ihm gewähren, wird
    1952 eine Forschungsgesellschaft gegründet. Roger füngiert darin
    sozusagen als Erfinder, der Hotelier als technischer Berater und
    der Industrielle als geschäftsführender Unternehmer.
    Es werden Aktenstücke mit Gesuchen und den dazugehörigen
    Dokumenten angelegt. Ein technischer Zeichner wird beauftragt,
    einen genauen Plan der unterirdischen Kapelle anzufertigen. Da
    er nie den Fuß dorthin gesetzt hat, hat er nur die mündlichen
    Angaben von Lhomoy zur Verfügung. Diese sind allerdings sehr
    genau. Während er mit dem Zeigefinger auf unsichtbare Truhen
    weist, mit den Augen die imaginären Sarkophage und mit großen
    Schritten die Wände ausmißt, erlebt Roger vor seinen faszinierten
    Mitarbeitern noch einmal jene phantastische Nacht.
    Nach Erhalt der Unterlagen schickt das Staatssekretariat der
    Schönen Künste unverzüglich eine neue Ausgrabungsgenehmigung.
    26
    Diesmal tut die Stadt Gisors dasselbe, knüpft jedoch mehrere
    Bedingungen daran.
    Die meisten sind durchaus berechtigt. In Gisors denkt man mit
    Schrecken an die Maulwurfsgräben Lhomoys, denen die elementarsten
    Sicherheitsvorkehrungen fehlten. Man fordert also, daß
    die Risiken künftiger Arbeiten durch eine Versicherung gedeckt
    werden und daß ferner eine Kaution von einer Million Francs
    gestellt wird. Außerdem verlangt die Stadt vier Fünftel von
    jedem eventuellen Fund. Langwierige Verhandlungen werden geführt,
    die an der Frage der Teilung scheitern. Die beiden Mäzene
    Lhomoys rechnen sich aus, daß unter diesen Bedingungen für sie
    keinerlei Gewinn herausspringen würde, ja, daß sie dabei sogar
    zusetzen müßten, da die vorgesehenen Arbeiten aus ihrer Tasche
    bezahlt werden sollen. »Wenn man uns absichtlich entmutigen
    wollte, hätte man nicht anders handeln können«, erklären sie.
    Wird diese Entmutigung etwa nur vorgetäuscht, um Lhomoy
    auszuschalten, nachdem er jetzt seine ganzen Angaben gemacht
    hat? Das läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Tatsache ist
    jedoch, daß sich in dem Augenblick, da die Stadt Gisors ihre
    Forderungen senkt, eine ziemlich unklare Episode abspielt, die
    mit dem Weggang von Roger endet.
    »Ich erwarte nicht, daß man mir aufs Wort glaubt«, sagt
    Lhomoy eines Tages zu mir. »Sie sind durchaus imstande, selber
    zu urteilen. Sie sollen nur wissen, daß ich nichts zu verbergen
    habe. Nicht einmal die Adresse, wo Sie zehn handschriftliche
    Zeilen von mir finden werden, für die Sie mich hängen lassen
    können. Ich könnte Ihnen alles erklären. Aber es wäre mir lieber,
    wenn Sie alles von anderer Seite hören würden, und nicht von mir.«
    Später fuhr ich zu der angegebenen Adresse in Begleitung eines
    Bildreporters, dem es die Geheimnisse von Gisors ebenso angetan
    hatten wie mir. Unser Gastgeber zog, ohne sich bitten zu lassen,
    ein altes Stück Papier aus der Schublade. Es war ein von Lhomoy
    unterzeichneter Brief, in dem er »freiwillig und ohne jeden
    Zwang« bekannte, er habe das Vorhandensein der Kapelle in
    allen Einzelheiten zu betrügerischen Zwecken erfunden. Unser
    Gastgeber erklärte unbeirrt:
    27
    »Ich habe nach wie vor volles Vertrauen zu Lhomoy. Das
    wundert Sie? Dieser Brief wurde in doppelter Ausfertigung geschrieben.
    Das zweite Exemplar befindet sich noch immer in den
    Händen desjenigen, der es von Roger erpreßt hat, nachdem er
    ihn mit Hilfe eines Komplicen in einen Keller eingesperrt und
    geschlagen hat. Ich kann Ihnen die Namen der beiden geben.«
    Wir statteten nun dem Mann, den man so schwer beschuldigt
    hatte, einen Besuch ab. Was hielt er von dem Fall Gisors? Vielleicht
    würde er uns als Journalisten, die nach der Wahrheit suchen,
    die Geständnisse des besessenen Schwindlers zeigen. Er erwähnte
    den Brief mit keinem Wort, sondern versicherte uns im Gegenteil,
    zu angemessenen Bedingungen würde er gern die Ausgrabungsarbeiten
    übernehmen. Und das stimmte völlig. Denn lange nach
    dem Datum, das Lhomoys »Geständnis« trug, reichte er mehrfach
    Gesuche ein, um die Genehmigung zur Wiederauffindung der
    »imaginären« Kapelle zu bekommen .. .
    Wir wollen aus dieser Episode zumindest im Augenblick keine
    Schlußfolgerungen ziehen, sondern sie zu den Akten nehmen.
    Lhomoy glaubt sich also dem Ziel nahe, und wiederum schwanden
    seine Hoffnungen dahin. Sein materielles Dasein gleicht einem
    langsamen Ertrinken. Manchmal erreicht er den Grund: er schnitzelt
    Kartoffeln auf Jahrmärkten und schläft auf den Bänken der
    Markthallen neben den Clochards.
    Doch dieser Mann weiß zu kämpfen, wenn er ganz am Boden
    liegt. Er findet wieder Arbeit, zieht von Bauernhof zu Bauernhof
    und nähert sich dabei allmählich Gisors.
    Weit davon entfernt, sich geschlagen zu geben, hat er einen
    neuen Plan entworfen, um den ersehnten Erfolg zu erringen. Der
    senkrechte Zugang zu der Kapelle ist zugeschüttet worden, doch
    was macht das! Jetzt wird er den Wehrturm seitwärts angehen.
    Er wird schräge Stollen graben, die ihn ebenso sicher ans Ziel
    führen werden. Da er keinen Pfennig für eine Kaution besitzt,
    kann er auch nicht mehr auf die Zustimmung der Stadt rechnen.
    Also kehrt er regelmäßig nach jeder Arbeitswoche heimlich zu
    dem alten Wehrturm zurück.
    Die paar Scheine, die er verdient, gehen für den Kauf arm28
    seliger Werkzeuge drauf. Eine einfache Kerze ersetzt jetzt die
    einstige Kabelbirne. Nachts klettert er – ohne daß es jemand
    weiß – über die Ringmauer und schleicht zu dem Erdwall, wo er
    jeden Strauch, jeden Stein kennt. Wie ein unermüdlicher Maulwurf
    fördert er Bruchstücke von unterirdischen Gängen zutage,
    die den Archäologen unbekannt sind. Wenn sie verschüttet sind,
    legt er sie frei. Wieder ergreift ihn das Schatzfieber. Er gräbt und
    gräbt, und diese neuerliche Arbeit ist noch gewaltiger als die vorige.
    Im Oktober kommen die ersten Ringeltauben. Drei werden
    bereits am ersten Abend geschossen und brutzeln am Rost. Die
    Flammen lassen das Gesicht des alten Roger noch brauner erscheinen.
    Mit offenen Mündern lauschen die Kinder der Geschichte,
    die hundertmal unterbrochen und hundertmal wiederholt
    wird. Der Mann, der sie erzählt, ist ihr Freund geworden. Doch
    heute ist die Geschichte zu Ende. Roger hebt sein Glas und sagt
    zu mir:
    »Das alles ist wahr. Sie können hingehen und sich überzeugen.«
    EINE »ARIADNE«, EIN LABYRINTH …
    UND EIN ARIADNEFADEN
    Es mir anzusehen, war wirklich das mindeste, was ich tun konnte.
    Der Mann, der seit einem Jahr bei mir lebte, war maßvoll in
    seinen Bewegungen und Urteilen, diskret, fleißig und pünktlich
    bei der Arbeit und in keiner Weise außergewöhnlich. Derselbe
    Mann aber gab mir auf die geringste Ermunterung hin Stoff für
    ein neues aufregendes Feuilleton. Wenn seine Geschichte von
    Anfang bis Ende nur seiner Phantasie entsprang, war Roger
    Lhomoy ein psychologischer Fall, wie man ihn nicht zweimal im
    Leben trifft, und dieser Fall verdiente es, geschildert zu werden.
    Falls er aus dem Nichts heraus den Mythos von der Krypta mit
    dem Schatz erfunden und tatsächlich die Arbeit, deren er sich
    rühmte, ganz oder teilweise vollbracht hatte, so war sein Leben
    29
    ein gewaltiges Epos des Wahnsinns. Wie sollte man da der Versuchung
    widerstehen, den Dingen auf den Grund zu gehen?
    Pierre Branche und Daniel Lefebvre waren genau die Männer,
    die ich brauchte. Der Große und der Kleine, der Impulsive und
    der Vernünftige, der Dichter und der ehemalige Ingenieur im
    Straßenbau, und beide hervorragende Bildreporter. Überdies begeisterte
    sie der Fall.
    So kamen wir an einem schönen Junimorgen 1960 in Gisors
    an. Unterwegs hatten wir, trotz allem leicht amüsiert, das Für
    und Wider erörtert. Und der Name dieser unbekannten Stadt
    klang in unseren Ohren beinahe lyrisch.
    Der erste Eindruck war fraglos enttäuschend. Die Hauptstadt
    des normannischen Vexin wurde 1940 durch Phosphorbomben
    zerstört. Die Burg blieb verschont, aber die Stiftskirche brannte
    bis auf die Grundmauern nieder. Sie wurde mit Liebe wiederaufgebaut.
    Zunächst schien sie uns hinter ihrer neuen Fassade keineswegs
    die Geheimnisse zu bergen, die wir später erlebten.
    »Es ist nicht mehr wie früher«, hatte uns Lhomoy gesagt. »Der
    Zugang zum Wehrturm ist durch einen Zaun versperrt. Der neue
    Kastellan hat den Schlüssel zu dem Vorhängeschloß. Aber wenn
    Sie Ihr Glück unbedingt in meinen Gängen versuchen wollen,
    sage ich Ihnen, wo Sie anfangen müssen. Vor allem müssen Sie
    bei Tagesanbruch da sein. Sonst wird man gleich auf Sie aufmerksam.
    Um neun Uhr ist der Garten bereits voll.«
    Sobald sie keine Nylonseile, keine Taschenlampen, keine Verbandskästen,
    keine Kameras – und die unseren waren gut getarnt
    - haben, sind Soldaten auf Urlaub vor einer alten Burg nichts
    Ungewöhnliches. Und als Soldaten auf Urlaub hatten wir uns
    angezogen. Unsere Aufmachung bewies im übrigen, daß wir doch
    etwas Vertrauen zu Lhomoy hatten. Mit unseren Overalls und
    Stiefeln waren wir nicht für einen Marsch auf der Landstraße
    eingerichtet. Was wir jedoch zu sehen bekamen, übertraf alle
    unsere Erwartungen.
    Der Anfang war viel versprechend: ein unterirdischer Gang, in
    dem man sich bequem aufrecht bewegen konnte. Die Stufen, die
    wir dann herabklettern mußten, waren zwar kaum ausgehauen,
    30
    ließen sich aber auch noch bewältigen. Doch nach dreißig Metern
    war es kein Spaß mehr. Die erste Schwierigkeit bestand darin,
    zwischen den zahllosen engen Stollen zu wählen, von denen einer
    abschreckender als der andere wirkte. Die zweite war, sich hineinzuzwängen.
    Dem Himmel sei Dank, daß uns dieser Versuch
    keine Zeit ließ, an die dritte zu denken, nämlich wieder herauszukommen,
    was wir ja hofften.
    Heimliche Höhlenforschung hat ihre Reize, aber auch ihre
    Nachteile. Vor allem kann man sich nicht für mehrere Tage
    verproviantieren. Nach dieser materialistischen Feststellung beschlossen
    wir, es bei dem Besuch von drei Stollen bewenden zu
    lassen. Dank unserer verhältnismäßig guten körperlichen Verfassung
    kostete uns das nur den ganzen Tag. Danach war uns
    klar: Roger Lhomoy schnitt nicht auf, wenn er von seiner Arbeit
    erzählte. Er blieb sogar hinter der Wirklichkeit zurück.
    Wir suchten die Zeugen seiner Demütigung, die Honoratioren
    von Gisors, auf und freundeten uns schnell mit ihnen an. Dann
    forschten wir in Versailles nach, und damit war unsere Untersuchung
    beendet.
    Sie kann wohlgemerkt nur mit einem großen Fragezeichen
    abschließen. Niemand außer Lhomoy hat die unterirdische Kapelle
    gesehen, so daß man mit Recht skeptisch bleibt. Dennoch
    hat ein Mann die Arbeit, die Hoffnungen eines ganzen Lebens
    auf eben dieses Fragezeichen konzentriert.
    Das war schon eine Reportage wert. Eine Wochenzeitschrift
    mit großer Auflage veröffentlichte sie, illustriert mit einem Plan
    der Kapelle, den der Zeichner nach der Beschreibung Rogers
    angefertigt hatte.
    So weit standen die Dinge, als eines Morgens mein Telefon
    läutete.
    »Ihre Reportage hat viel Erfolg gehabt«, sagte eine etwas
    ironische Stimme. »Ich kann verstehen, daß Sie sich von einem
    solchen Thema bestechen ließen. Doch ich fürchte, Sie haben
    ungewollt Ihre Nase in eine Angelegenheit gesteckt, die nicht
    an die Öffentlichkeit gehört. Sie wissen ja, es gibt manchmal
    merkwürdige Zufälle. Wenn Sie Interesse daran haben, mehr
    31
    zu erfahren, besudien Sie mich. Ich gebe Ihnen jedenfalls Namen
    und Adresse.«
    Der geheimnisvolle Anrufer wohnte in einer hinter Bäumen
    versteckten Villa eine Viertelstunde von Paris entfernt. Er entsprach
    dem Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte: ein großer,
    interessanter Mann. Sein Arbeitszimmer glich einer Benediktinerzelle
    – wenig Möbel und viel Bücher. Er kam sofort zur Sache.
    »Etwas in Ihrer Reportage macht mich stutzig«, sagte er.
    »Und zwar der Plan, den Sie veröffentlicht haben. Niemand
    hat die Kapelle gesehen. Sie zweifeln ja sogar ihre Existenz an.
    Wie konnte dann dieser Plan entstehen?«
    Ich erzählte es ihm.
    »Das ist mehr als seltsam«, meinte er und entrollte ein altes
    Papier, das er aus einer Schublade gezogen hatte. »Dieser Plan
    hier ist seit mehreren Jahren in meinem Besitz. Seitdem bemühe
    ich mich vergebens, festzustellen, wohin er wohl gehören könnte.
    Das möchte ich zu gern erfahren. Die zu dem Plan gehörenden
    Dokumente bezeugen nämlich, daß er einen Ort angibt, an dem
    im 14. Jahrhundert die wichtigsten Geheimnisse des Templerordens
    in Sicherheit gebracht wurden. Ich kann Ihnen die Dokumente
    nicht zeigen, weil ich dazu nicht befugt bin. Aber sehen
    Sie sich den Plan an. Ich glaube, er wird Sie interessieren.«
    Der Plan entsprach so genau demjenigen, der nach den Angaben
    Lhomoys von der unterirdischen Kapelle gemacht worden
    war, daß mir zunächst der Gedanke an eine geschickte Mystifikation
    durch den Kopf schoß. Mein Gastgeber konnte ja sehr
    wohl den Plan nach der Veröffentlichung kopiert haben.
    Bei näherer Überlegung mußte ich jedoch einsehen, daß diese
    Erklärung zu einfach war. Die Reportage war gerade erschienen.
    Ein Fälscher hatte demnach keine Zeit, eine auf den ersten Blick
    derart gelungene Kopie herzustellen. Überdies war dieser Plan
    ohne Zweifel alt. Und schließlich erhob sich die Frage, weshalb
    der Urheber einer möglichen Fälschung in manchen Punkten vom
    Original abgewichen war. Denn eine aufmerksame Prüfung ergab
    unterschiedliche Einzelheiten: auf dem nach Lhomoys Angaben
    gefertigten Plan maß die Kapelle dreißig auf neun Meter;
    32
    auf diesem hier aber waren es einunddreißig Meter achtzig auf
    zehn Meter sechzig. Lhomoys Plan verzeichnete ein Kuppelgewölbe,
    das auf dem anderen fehlte.
    Vor allem eines fesselte meine Aufmerksamkeit: unten auf
    dem Plan entdeckte ich eine eigenartige Zeichnung – ein schraffiertes
    Kreuz in einem Kreis, der wiederum in ein Viereck eingezeichnet
    war. Das berühmte Templerkreuz? Vielleicht, doch
    das bewies nicht viel. Weit erstaunlicher war, daß ich dieses
    unverwechselbare Emblem bereits irgendwo gesehen hatte. Aber
    wo und wann?
    Es fiel mir rasch wieder ein. Das seltsame Steinkreuz, das seit
    1188 vergessen inmitten eines Feldes steht, war mir erst vor
    acht Tagen aufgefallen, und zwar auf der Straße von Neaufles
    nach Gisors. Die Generalstabskarte verzeichnet sie als »Straße
    der Königin Bianca«.
    »Kennen Sie die Schweiz?« fragte mich mein Gastgeber auf
    dem Weg zum Bahnhof. »Ich auch. Ich bin von Beruf Archäologe.
    Die schweizerische Regierung hatte mich mit der Suche nach
    verlorengegangenen mittelalterlichen Urkunden beauftragt, und
    ich habe Glück dabei gehabt. In Genf können Sie Näheres darüber
    erfahren.«
    Doch ich hörte nicht mehr zu. Die Geschichte, die damit begonnen
    hatte, daß ein abgerissener Vagabund auftauchte und
    sich als Stallknecht verdingte, wurde immer ungewöhnlicher. Ich
    wußte genau – wenn ich das Geheimnis ergründen wollte, mußte
    ich jetzt in Archiven und Bibliotheken herumstöbern. Das erwies
    sich in diesem Fall als ebenso schwierig wie Lhomoys Grabungsarbeiten.
    Zu meiner Verblüffung mußte ich nämlich bei meinen
    Nachforschungen in öffentlichen Bibliotheken und Archiven feststellen,
    daß die Gisors betreffenden Unterlagen entweder größtenteils
    verschwunden waren oder daß gerade die Seiten fehlten,
    auf denen sich ein Hinweis finden könnte. (Eine komplette Liste
    findet sich im Anhang.)
    Es bleibt nun dem Leser überlassen, sich in den Fall zu vertiefen,
    den verschlungenen Fäden zu folgen und seine Rückschlüsse
    zu ziehen.
    Tafel I: Der achteckige Wehrturm. Die Templer hatten auf die oktogonale
    Bauweise besonderen Wert gelegt
    Tafel II: Neaufles; der Turm der Königin Blanka
    Später werden wir die außergewöhnliche Geschichte von Roger
    Lhomoy fortsetzen. Als Abschluß dieses ersten Abschnittes möge
    eine Bibelstelle dienen:
    Er hat meinen Weg verzäunt,
    daß ich nicht kann hinübergehen,
    und hat Finsternis auf meinen
    Steig gestellt.
    Er hat meine Ehre mir ausgezogen ...
    Er hat mich zerbrochen um und um
    und läßt mich gehen
    und hat ausgerissen meine Hoffnungen wie einen Baum…
    Meine Nächsten haben sich entzogen,
    und meine Freunde haben mein vergessen ...
    Mein Odem ist zuwider meinem Weibe,
    und ich bin ein Ekel den Kindern meines Leibes.
    Auch die jungen Kinder geben nichts auf mich,
    wenn ich ihnen widerstehe, so geben sie mir böse Worte...
    Ach, daß meine Reden geschrieben würden!
    Ach, daß sie in ein Buch gestellt würden!...
    Wenn ihr sprecht: Wie wollen wir ihn verfolgen? ...
    so fürchtet euch vor dem Schwert; denn das Schwert
    ist der "Zorn über die Missetaten, auf daß ihr wisset,
    daß ein Gericht sei.
    (Buch Hiob, 19, 8-29)

    Zweiter Teil
    DAS DOPPELLEBEN DER TEMPLER
    Von unserem Leben seht ihr nur die Borke,
    die draußen ist, doch ihr seht nicht die mächtigen
    Gebote im Innern.
    REGEL DES TEMPLERORDENS

    37
    Mitten im Herzen von Paris erwacht jeden Morgen ein malerischer
    Platz zum Leben. Es ist zwar nur ein Markt wie viele
    andere, aber hier herrscht von Tagesanbruch an ein Gewimmel
    wie in einem Ameisenhaufen. Eine bunte Menge von Trödlern
    schreit und schwatzt in allen Sprachen durcheinander. Mit langen
    Hakenstangen werden die eisernen Rolläden heraufgeschoben und
    enthüllen ein seltsames Bild: eine große Balltoilette hängt neben
    einem Konfektionskleid, ein Maskenkostüm neben einer Soutane,
    alte deutsche Uniformen neben neuen blauen Arbeitsanzügen, die
    noch den faden Geruch nach Appretur ausströmen.
    Dieses Hauptquartier der Trödler heißt »Carreau du Temple«.
    Doch kaum ein Besucher wüßte noch den Grund dafür zu nennen.
    Im 12. Jahrhundert war hier eine Stadt innerhalb der Stadt.
    König Philipp II. August von Frankreich machte den Platz dem
    mächtigsten geistlichen und militärischen Orden Europas und des
    Heiligen Landes zum Geschenk: den Tempelrittern. In der gewaltigen
    Festung, die sie sofort errichten ließen, befand sich das
    geistige Zentrum des gesamten Ordens. Der Hauptturm war
    von kleinen Türmen und steinernen Schilderhäuschen flankiert.
    Er überragte die Stadt. Der kunstvolle Rundbau der Kapelle gab
    den Bauherren Rätsel auf. Der weite Innenhof war ganz mit
    Marmorfliesen mit allegorischen Figuren ausgelegt und wirkte
    dadurch wie ein riesiges Schachbrett. Das war der Temple von
    Paris, von dem nichts als ein alter Stich erhalten geblieben ist,
    eine Erinnerung an die Französische Revolution, als der letzte
    König im Turm des Temple gefangengehalten wurde. Außerdem
    38
    erinnert noch ein Straßenname an die Templer: die »rue des
    Blancs-Manteaux« (Straße der Weißen Mäntel).
    Wenn man lange auf ein Fliesenmuster blickt, zeigt sich ein
    eigentümliches optisches Phänomen: man entdeckt plötzlich
    andere Figuren als diejenigen, die man eben noch gesehen hat.
    Das betrachtende Auge hat unmerklich die Perspektive geändert.
    Die Geschichte der Templer gleicht dem mit Symbolen verzierten
    Fliesenboden in ihren Wohnstätten. Das Gesamtbild aller
    Tatsachen kann jeweils unter zwei Gesichtspunkten betrachtet
    werden, die zwar voneinander abweichen, jedoch erst den eigentlichen
    Zusammenhang ausmachen. Diese Geschichte fasziniert,
    weil sie so doppelbödig ist. Deshalb hat sie auch in sechs Jahrhunderten
    nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.
    Ein Güterwagen würde nicht für die Bücher ausreichen, die
    sich mit ihr befassen. Vor etwa dreißig Jahren hat ein Gelehrter
    namens Dessubré in einem dicken Band nur deren sämtliche Titel
    aufgeführt und dabei noch viele vergessen.
    Die positiven Werke dieser Liste kann man an fünf Fingern
    abzählen, die unendliche Menge der übrigen ist durch Haß oder
    übertriebene Verehrung entstellt. Das Ganze wird noch dadurch
    kompliziert, daß bei den einen wie bei den anderen zu der maßlosen
    Parteilichkeit häufig ein Übermaß an Phantasie kommt.
    Die mythische Gewalt des Themas ist unvorstellbar. Erst kürzlich
    hat ein französischer Großindustrieller behauptet, eine Serie
    von gewaltsamen Todesfällen in seiner Familie sei auf den Fluch
    der Templer zurückzuführen.
    Es ist merkwürdig, daß eine über sechshundert Jahre alte
    historische Frage, den Gesetzen der Vergänglichkeit zum Trotz,
    heute noch dieselbe leidenschaftliche Anteilnahme wie bei den
    Zeitgenossen erweckt. Und was für Leidenschaften! Zur selben
    Zeit, als Wolfram von Eschenbach im »Parzival« die Tempelritter
    zu den Hütern des Grals machte, gaben seine Landsleute
    den Freudenhäusern den Spitznamen »Templerhäuser«. So wurden
    die Templer schon zu ihren Lebzeiten entweder ganz weiß
    oder ganz schwarz gesehen.
    Auch wenn man sich nur flüchtig mit dem Schicksal der Templer
    beschäftigt, erscheint es zugleich profan und fromm, kurz und
    dauerhaft, tragisch und siegreich. Schwarz und weiß wie ihre
    Fahne leuchtet es einmal grell auf und wird dann wieder in
    geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Es hat zwei Gesichter. Und eines
    verdeckt das andere. Man muß die beiden Gesichter Zug um Zug
    heraufbeschwören, um festzustellen, was ihnen gemeinsam ist.
    Ihr Geschick scheint durch das Siegel der Ordensgroßmeister geprägt
    zu sein: zwei Templer, die hintereinander ein Pferd besteigen.
    Ob gewollt oder ungewollt – eine tiefe Symbolik.
    40
    NEUN RITTER BEWACHTEN EIN FELD...
    Es waren einmal zwei Brüder, die gemeinsam ihr Kornfeld bestellten.
    Der ältere hatte für eine zahlreiche Familie zu sorgen, der
    jüngere war unverheiratet. Nach der Ernte teilten sie diese in
    zwei gleiche Teile. Doch zu Hause begannen beide nachzudenken.
    Es wäre ungerecht, überlegte der Junggeselle, wenn mein Bruder,
    der seine Familie ernähren muß, nicht mehr bekäme als ich. Und
    er ging bei Nacht wieder aufs Feld und legte einen Teil seiner
    Korngarben auf die seines Bruders. Doch dieser hatte sich gesagt:
    es wäre nur gerecht, wenn mein Bruder mehr bekäme als ich, da
    er allein ebensoviel Arbeit geleistet hat wie ich mit Hilfe der
    Meinen. Und so kehrte auch er auf das Feld zurück, um den Anteil
    des Jüngeren zu vermehren. Bei Tag wollten sie ihre Ernte
    einbringen – und beide Teile waren gleich, wie am Abend zuvor.
    Dieses Feld liegt auf dem Gipfel des Berges Morija. Nach der
    Bibel wählte ihn der Baumeister Hiram aus dem Libanon aus,
    um dort auf Wunsch König Salomos den Tempel von Jerusalem
    zu erbauen.
    Als die ersten Kreuzfahrer 1099 in Palästina landen, um das
    Heilige Grab zu befreien, ist von dem Tempel nur noch ein Rest
    der Klagemauer und ein herrlicher, fast intakter Fliesenboden
    vorhanden. Innerhalb von zwanzig Jahrhunderten wurde er von
    Sisak, König von Ägypten, geplündert, von Ahas, König von
    Juda, geschlossen, von dem Götzendiener Manasse entweiht, von
    Nebukadnezar zerstört, unter Cyrus wiederaufgebaut, abermals
    von Antiochus und Crassus geplündert und zerstört, von Herodes
    wieder auf gebaut und endgültig von Titus im Jahre 70 n. Chr.
    41
    eingeäschert. An seiner Stelle erhebt sich die herrliche Moschee
    El Aksa, die Kalif Omar I., ein Vetter und Stellvertreter Mohammeds,
    637 erbauen ließ. Denn Omar war nicht nur ein Vandale,
    der sechs Monate lang die öffentlichen Bäder von Alexandrien,
    den Aufenthaltsort der Dirnen, mit den Originalhandschriften
    der Bibel, einer Abhandlung des Euklid und tonnenweise aus der
    alten Bibliothek geraubten ähnlich wertvollen Schätzen heizen
    ließ. Das geschah unter dem töricht anmutenden Vorwand, sie
    stünden entweder im Gegensatz zum Koran und seien daher
    schädlich, oder sie stimmten mit ihm überein und seien daher überflüssig.
    Später übten die Christen ihre traurige Rache: im 12. Jahrhundert
    ließ Kardinal Ximenez die achttausend arabischen Handschriften
    der Bibliothek von Granada verbrennen.
    In jener Epoche ist nichts mehr von dem selbstlosen Denken der
    beiden erntenden Brüder erhalten. Jede der heiligen Stätten, ob
    sie nun von den Juden oder den Christen des Orients oder von
    den Muselmanen verehrt wird, ist ein Zentrum des religiösen
    Tourismus, ein Ort einträglicher Pilgerfahrten. Die Kuppeln von
    El Aksa und dem Heiligen Grab wölben sich hoch über Jerusalem.
    Das alles stellt eine Einkommensquelle dar, die ganz Palästina
    reich gemacht hat. Die Schirmherrschaft darüber bringt reichen
    Gewinn. Nach den Ungläubigen scheuen sich später auch die
    Kreuzfahrer nicht, davon zu profitieren. Doch noch ist es nicht
    soweit. Sie sind zunächst entsetzt über die Geschäftemacherei und
    glauben, durch die Besetzung der heiligen Stätten ihrem Glauben
    zum Sieg verholfen zu haben.
    Der Berg Morija fällt französischen Rittern zu. Im Jahre 1118
    bildet sich zu seiner Bewachung eine Gruppe von neun Mann.
    Diese Zahl und die Namen muß man sich gut merken. Befehlshaber
    ist Hugues de Payen, sein Stellvertreter Bisol de Saint-
    Omer. Die anderen sind Hugues I., Graf der Champagne, Andre
    de Montbard, Archambaud de Saint-Aignan, Nivard de Montdidier,
    Gondemar und Rossal. Damit sind die Templer geboren,
    die »armen Ritter Christi«. Selbst ihre Kleider stammen von
    Almosen. Wenn einer von ihnen stirbt, bleibt der Tisch vierzig
    Tage für ihn gedeckt, und ein Bettler darf den Platz einnehmen.
    42
    Ein mit militärischen Mitteln durchgeführtes religiöses Unternehmen
    oder, wenn man so will, eine militärische Expedition
    unter religiösen Vorzeichen muß eine vielschichtige, widersprüchliche
    Lebens- und Denkweise zeitigen. Fröhliches Garnisonleben
    und fromme Meditation prallen aufeinander und verschmelzen
    alsbald. Um diese noch nie dagewesene Situation zu meistern
    und die ursprüngliche Reinheit der Ziele den gegebenen Tatsachen
    anzugleichen, kommt Hugues de Payen auf eine erstaunliche neue
    Idee: seine Ritter sollen Soldaten und Mönche in einem sein.
    Der ideale Schirmherr für eine solche seltsame Synthese war
    Sankt Johannes. Der Verfasser der Apokalypse, deren mystische
    Visionen von Posaunenklängen begleitet werden, der Künder der
    bewaffneten Engel und der apokalyptischen Reiter schmeichelte
    dem Selbstgefühl der Templer. Übrigens wurde Payen von dem
    siebenundsechzigsten Nachfolger des Johannes, dem Patriarchen
    Theoklet, in sein Amt eingesetzt.
    Die Verehrung des Evangelisten unterschied die Templer auf
    ihren Wunsch von dem rivalisierenden Orden der Hospitaliter,
    der seinerseits unter dem Patronat von Johannes dem Täufer
    stand. Alles wurde jedoch von dem Marienkult der Templer weit
    übertreffen. »Die Mutter Gottes war zu Beginn unserer Religion,
    und mit ihr und zu ihren Ehren wird unsere Religion enden,
    wenn es Gott gefällt«, besagt die Ordensregel.
    Zehn Jahre später gibt es dreihundert Tempelritter. Sie befehligen
    dreitausend Mann. Jetzt ist der Augenblick für die offizielle
    Anerkennung durch die katholische Kirche gekommen.
    Sankt Bernhard ist sehr angetan von den Mönchsoldaten. Auf
    ihre Bitte verfaßt er eine Propagandaschrift, in der er einigermaßen
    naiv ihre einfachen Sitten mit dem dekadenten Luxus der
    anderen Ritter vergleicht: »Man sieht sie niemals gekämmt, selten
    gewaschen, ihr Bart ist struppig, sie riechen nach Schmutz und
    Staub.« Der Heilige findet das »nicht nur wunderbar, sondern
    auch all unseres Lobes würdig«. Dieses Bild entspricht nicht mehr
    ganz der Wahrheit. Zu jener Zeit haben die Templer bereits eine
    Geldwechselstelle für Pilger gegründet und unter dem Tempel
    Salomos unterirdische Ställe für zweitausend Pferde bauen las43
    sen, die alle Besucher erstaunen. Doch Sankt Bernhard kann den
    Templern diesen Dienst ruhig erweisen: ist er nicht der Neffe
    von Andre de Montbard, und verdankt er nicht Hugues de Champagne
    die Erlaubnis, das Kloster Clairvaux zu erbauen? Hugues
    de Payen kann nun nach Rom ziehen und dann nach Frankreich.
    Im Jahre 1128 verleiht das Konzil von Troyes den Templern
    ihre offiziellen Statuten.
    Diese Statuten enthalten zwar das dreifache Gelübde der
    Armut, der Keuschheit und des Gehorsams. In manchen Punkten
    aber werden bereits Widerspräche deutlich. Als Mönche versagen
    sie sich die Jagd. Doch als große Herren, die vornehm leben
    wollen, nehmen sie die Löwenjagd aus. Vom religiösen Standpunkt
    aus müssen sie sich jeder Schlemmerei enthalten, als Soldaten
    jedoch ist ihnen »übertriebene Abstinenz« untersagt. Ein
    Verbot, das manche offenbar mehr als genau befolgen, denn
    der Ausdruck »saufen wie ein Templer« wird bald sprichwörtlich.
    Und ebenso rasch heißt es »fluchen wie ein Templer«. Daraus
    kann man folgern, daß sie auch nach der Bestätigung als Ordensritter
    die raube Kriegersprache nicht verleugnen.
    Vor allem aber sind dem Templerorden nun eine Reihe von
    außergewöhnlichen Privilegien gesichert. Er ist von Steuern, Abgaben
    und Zöllen befreit und darf seinerseits sogar welche erheben.
    Er ist weder der weltlichen noch der kirchlichen Justiz
    unterstellt, sondern nur dem Papst. Dagegen übt er in seinem
    Herrschaftsbereich sämtliche Rechte der Lehnsjustiz aus. Seine
    Geheimnisse bleiben gewahrt, da er Kaplane und Beichtväter aus
    den eigenen Reihen rekrutiert. Schließlich bedarf er für die Wahl
    des Großmeisters keinerlei Genehmigung. Desgleichen existiert
    seine Abhängigkeit vom Heiligen Stuhl vorwiegend auf dem
    Papier. Der Keim für die Souveränität des Templerordens liegt
    bereits in seinen Statuten.
    Mehrfach haben sich Anhänger des Ordens bemüht, die Templer
    als Pioniere demokratischer Institutionen hinzustellen. Aber
    ein knappes halbes Jahrhundert nach der Gründung bietet sich
    bereits das Bild einer straff organisierten Republik von Standesherren.
    44
    Ihre schlichte Demut mag in ihrem Wahlspruch weiterleben:
    Non nobis, Domine, non nobis sed nomine tuo da gloriam –
    Nicht uns, Herr, nicht uns den Ruhm, sondern Deinem Namen.
    Das Siegel des Großmeisters mit den beiden Reitern auf einem
    Pferd wirkt auf den ersten Blick wie ein Sinnbild der Armut. Es
    hindert jedoch nicht, daß ebenderselbe Großmeister mit dem
    schwarzweißen Banner und dem Befehlsstab ein großes Zelt, zahlreiche
    Pferde, Diener und Ehrenbezeigungen erhält. Man muß
    den Adelsnachweis erbringen, wenn man den weißen Mantel mit
    dem Kreuz tragen will. Wer nicht als Ritter geboren ist, kann nur
    die schwarze oder braune Kutte der dienenden Brüder beanspruchen.
    Sie sind den Rittern zahlenmäßig um das Zehnfache überlegen
    und bilden den Großteil der Truppe.
    DAS SCHWERT UND DER SCHILD
    In weniger als einem Jahrhundert erstreckt sich die Machtfülle
    der Templer über zwei Kontinente. Kein geistlicher Orden nach
    ihnen hat dasselbe jemals erreicht, und auch die heutigen internationalen
    Gesellschaften könnten sie darum mit Recht beneiden.
    Diese Macht, die auch ihren Untergang herbeiführt, entsteht in
    Kleinasien und breitet sich dann in Europa aus. Sie geht bald vom
    militärischen Gebiet auf Politik und Finanzwesen über. Denn die
    Mönchsoldaten sind vor des Begriffes wörtlicher Bedeutung zu
    Jesuiten geworden und entwickeln rasch eine Vorliebe für Diplomatie
    und Geschäfte.
    Es ist verlockend, die Kreuzzüge als Generalprobe für die kolonisatorischen
    Unternehmungen des 19. Jahrhunderts zu betrachten.
    In vieler Hinsicht stellten sie das Abendland tatsächlich vor
    Probleme, die sich später wiederholen sollten: militärische Eroberung,
    Ansiedlung von Menschen, wirtschaftliche Niederlassungen,
    Koexistenz mit den Eingeborenen, Wahrung der Machtinteressen,
    Belastung und Verantwortung. Doch hinter dieser Analogie ver45
    birgt sich ein Gegensatz, der nicht weniger frappierend ist. Die
    Kolonialmächte des vorigen Jahrhunderts hatten eine hohe Entwicklungsstufe
    erreicht und eigneten sich für eine verhältnismäßig
    kurze Zeitspanne, die heute zu Ende geht, Länder ohne oder mit
    einer nur noch aus Trümmern bestehenden Zivilisation an. Die
    abendländischen Eroberer des Mittelalters dagegen sahen sich
    einer Zivilisation gegenüber, die der ihren fraglos überlegen war.
    Jeder Kreuzfahrer hatte vor dem Aufbruch in den Orient eine
    höchst naive Vorstellung von dem Gegner und mußte diese an
    Ort und Stelle revidieren.
    Denn diese Ungläubigen, diese Götzendiener, diese Barbaren,
    die man erwartete, repräsentierten in Wahrheit den Islam auf
    dem Höhepunkt seiner Macht und Kultur. Die europäischen Ritter
    schwitzten unter ihren schweren eisernen Rüstungen. Sie saßen
    auf klobigen Pferden, waren leicht aus dem Sattel zu heben und
    konnten sich zu Fuß nur unbeholfen bewegen. Der gewaltige
    Schwärm von orientalischen Reitern dagegen war dem Klima
    entsprechend leicht ausgerüstet und handhabte den Krummsäbel
    so geschickt, daß er Seidentücher mit einem Schnitt durchtrennte.
    Und dann waren da AI Chwarasmi, der die arabischen Ziffern einführte,
    Averroes, der Aristoteles kommentierte, Avicenna, dem
    die Medizin enorme Fortschritte verdankte, und die Abhandlung
    »Khitab Al Firist«, in der die gesamten Erkenntnisse der zeitgenössischen
    Chemie zusammengefaßt waren. Angesichts der Gedichte
    von Omar Chaijam wirkte das Rolandslied plump und
    ungefüge. Und verglichen mit dem glanzvollen Hof Saladins hatten
    die Versammlungen der christlichen Barone etwas bäuerlich
    Schwerfälliges. Den muselmanischen Chronisten machten die im
    Morgenland landenden Kreuzfahrer offensichtlich denselben Eindruck
    wie einst den Römern die Gallier, als sie in die Ewige Stadt
    kamen und die alten Senatoren am Bart zogen, weil sie sie für
    Statuen hielten.
    Der hohe Zivilisationsstand des Islams erklärt, warum die
    Kreuzzüge zwar mit einer militärischen Schlappe, jedoch mit
    einem erfolgreichen Austausch auf allen übrigen Gebieten enden
    mußten. Die beiden Welten waren einander bisher nur in Spanien
    46
    begegnet, und natürlich zeigte sich die weniger fortgeschrittene
    europäische für die islamische sehr aufnahmebereit. Über den Umfang
    dieses Verschmelzungsprozesses sagt das Werk eines Dichters
    weit mehr aus als die kurzsichtige Akribie eines Chronisten. »Das
    befreite Jerusalem« Torquato Tassos steht hoch über dem Gesamtopus
    von Jean de Joinville.
    Die Stärke der Templer bestand darin, daß sie rascher und
    tiefergehend als die anderen die ungeahnt komplexe Situation
    begriffen und meisterten.
    Zu Anfang, als nur die Waffen sprechen, kämpfen sie in den
    vordersten Reihen. Ihre Hierarchie ist streng und ihre Disziplin
    sehr straff. Auf militärischem Gebiet spielt das eine erhebliche
    Rolle, zumal die Schlachten zu jener Zeit häufig in ein wildes
    Durcheinander ausarteten. Die Burgen, die sie an den ihrem Schutz
    unterstellten Straßen des Orients errichten, tragen poetische Namen:
    Kerak, Bohnenburg, Furt Jakobs, Stein der Wüste, Rote
    Erde, Weiße Garde, Pilgerburg, Burg zum Ei, Salzburg. Die
    meisten sind noch erhalten.
    Überall kämpfen die Templer leidenschaftlich, manchmal mit
    schweren Verlusten. Die Großmeister halten sich nicht im Hintergrund
    – dreizehn von ihnen fallen. König Ludwig VII. von
    Frankreich schrieb an Suger: »Wir wissen nicht und können es
    uns nicht einmal vorstellen, wie wir auch nur einen Augenblick
    in jenen Ländern hätten bestehen können ohne die Hilfe und Unterstützung
    der Templer.«
    Nach der Eroberung setzen sich die Kreuzfahrer fest. Das
    christliche Königreich von Jerusalem wird gegründet. Kaplan
    Foucher de Chartres schildert die innere Situation mit Worten,
    die heute geschrieben sein könnten: »Wer in seinem Land arm
    war, den hat Gott hier reich gemacht. Wer wenig Geld hatte, besitzt
    es hier in unvorstellbarem Maße. Wer nur ein kleines Lehen
    sein eigen nannte, dem gibt Gott hier eine ganze Stadt. Weshalb
    sollte er ins Abendland zurückkehren, wenn ihm der Orient
    so wohlgesonnen ist?«
    Es ist nun ebenso notwendig geworden, miteinander zu leben
    wie gegeneinander zu kämpfen. Die Siedler sind stets bereit, die
    47
    neuerworbenen Vorteile zu verteidigen, jedoch nicht, sie durch
    eine unnötige Herausforderung des Gegners zu gefährden. Dieser
    ist ja mittlerweile vielfach zum Verbündeten, mitunter sogar zum
    Verwandten geworden. Der Ausgleich zwischen den zwei Welten
    vollzieht sich. »Wir, die einstigen Abendländer, werden zu Orientalen
    «, fährt Foucher fort, »viele von uns kennen bereits ihren
    Geburtsort nicht mehr. Manch einer hat eine Einheimische zur
    Frau genommen, eine Syrerin, eine Armenierin oder auch eine
    Sarazenin, welche die Gnade der Taufe empfangen hat.«
    Die entstandenen Bindungen und Interessen erfordern Weitblick
    und Klugheit. Eine Einstellung, die von den folgenden
    Wellen neuer Kreuzfahrer offensichtlich nicht begriffen wird. Sie
    kennen nur ein Ziel: Kampf gegen die Ungläubigen. Die Templer
    dagegen sind sich klar darüber, daß ein bewaffneter Friede wichtiger
    für sie ist als verlustreiche Schlachten.
    Sie stellen eine Truppe auf, in der die Mannschaften und selbst
    die niederen Offiziere Sarazenen sind. Mehrere Großmeister nehmen
    sich Muselmanen als Sekretäre. Manchmal schlagen sie sogar
    Edelleute aus dem gegnerischen Lager zu Rittern. Diese liberalen
    Neuerungen zeugen zwar von guter Politik, erregen jedoch Ärgernis,
    besonders die letztere. Ein Zeitgenosse entrüstet sich: »Ich
    weiß aus zuverlässiger Quelle, daß mehrere Sultane freudig und
    mit großem Pomp in den Orden aufgenommen wurden. Die
    Templer selber haben ihnen gestattet, ihrem Irrglauben zu frönen
    und Mohammed anzurufen.«
    Die Templer, die ja mittlerweile mit Land und Leuten vertraut
    sind, raten den neuangekommenen Kreuzfahrern oft von unüberlegten
    Angriffen ab. Werden ihre Warnungen nicht beachtet,
    kämpfen und fallen sie nach wie vor mit den anderen, die ihnen
    trotz der erlittenen Verluste die kalte Schulter zeigen.
    So entstehen manche Konflikte unter den Europäern. Insbesondere
    die Rivalität zwischen Templern und Hospitalitern
    spitzt sich zu, artet mitunter in offene Feldschlachten aus, in denen
    die Ritter beider Orden sich gegenseitig töten Wie Zwillinge, die
    einander im Mutterschoß erwürgen«. Bei diesen Kämpfen lockt
    oft Gewinn. 1153 schlagen sich die Templer vor Askalon mit
    48
    Türken und Kreuzfahrern zugleich, um die Beute für sich allein
    zu erringen.
    Auf diplomatischem Gebiet schließlich läßt sich der Orden
    keine Gelegenheit entgehen, mit dem Gegner zu verhandeln. Seit
    ihrer Gründung vermitteln die Templer zwischen dem christlichen
    König von Jerusalem und den mohammedanischen Ismaeliten
    über den Austausch von Tyrus gegen Damaskus. Danach
    verbünden sie sich achtzig Jahre lang mit den Ismaeliten. Später
    sind sie die einzigen Kreuzfahrer, die den mit Saladin geschlossenen
    Waffenstillstand einhalten. »In ihren Augen erforderte das
    Königreich Jerusalem Politik und Diplomatie ebenso wie Krieg«,
    schrieb Albert Ollivier. »Sie wollten die ursprüngliche Integration
    wiederherstellen und sich nicht in Gewaltakten verzetteln, die
    keineswegs Gewinn brachten, sondern nur Opfer kosteten. Lediglich
    die Umstände zwangen sie, den Muselmanen gegenüber abwechselnd
    eine kriegerische und freundschaftliche Haltung einzunehmen.
    « Eine liberale Konzeption, die auch nach sechs Jahrhunderten
    nicht überholt ist.
    In einer Epoche, in der sich der Templerorden in ganz Europa,
    von Spanien und Portugal bis Deutschland, von Frankreich bis
    Ungarn, von England bis Italien, verbreitet hat und zu einer
    echten Internationale geworden ist, drohen ihm durch seine
    Politik im Orient schwerwiegende Folgen.
    DER BRUCH
    In den Jahren 1178 bis 1188 vollzieht sich eine entscheidende
    Wendung in der Geschichte der Kreuzzüge. König Balduin IV.
    von Jerusalem erkrankt an Lepra und muß abdanken. Er kann
    die Hand nicht mehr bewegen, ohne daß ein Finger abfällt. Balduin
    hat keine männlichen Nachkommen. Sein einziger Erbe ist
    der junge Balduin V., ein Sohn aus der ersten Ehe seiner Tochter
    Sibylle. Wen soll er mit der Regentschaft betrauen? Den KandiTafel
    III: Der Illustrator scheint den Weg anzudeuten
    Tafel IV: Gisors. Eglise Saint-Gervais: Die Grabfigur in der Kapelle Saint-
    Clair (oben). – Der Wehrturm der Burg von Gisors (unten)..
    49
    daten der Hospitaliter, Raymond von Zypern, oder den zweiten
    Mann von Sibylle, den Südfranzosen Guy de Lusignan, der von
    den Templern unterstützt wird? Diese setzen sich ohne Zögern
    zugunsten Lusignans über das Veto der Zisterzienser, des Ordens
    von St. Bernhard, hinweg.
    Der lepröse König wählt schließlich Raymond von Zypern.
    Doch Balduin V., ein schwächliches Kind, stirbt, und Lusignan
    besteigt den Thron. Das Volk jubelt ihm zu und singt:
    Trotz der Polen [1b]
    haben wir einen König aus Poitiers.
    Der neue Großmeister der Templer, Gérard de Ridford, wird
    sein Berater.
    Über Ridford haben die Templer jetzt entscheidenden Einfluß
    auf das gesamte christliche Königreich Jerusalem, allerdings begünstigt
    durch eine Krise, die dem Königreich Jerusalem zum
    Verhängnis wird.
    Saladin ergreift erneut die Offensive. Er macht sich die allgemeine
    Verwirrung zunutze und nimmt einen Zwischenfall zum
    Vorwand, nämlich die Plünderung einer Karawane durch Renaud
    de Châtillon. Saladin steht auf dem Gipfel seiner Macht: Sein
    Reich erstreckt sich von Tripolis bis zum Tigris, vom Indischen
    Ozean bis nach Armenien. Er hat Mekka zurückerobert und
    brennt darauf, die Aksa-Moschee in Jerusalem zu befreien. Es ist
    der Kreuzzug der Gegenseite. Auch Saladin ist Verkünder des
    Heiligen Krieges und brutaler Eroberer in einem. »Mein Banner
    ist das aller, die den Islam verehren und die Christen hassen«,
    proklamiert er offen, »aber auch derer, die Reichtümer, Land
    oder Paläste begehren.«
    Die erste Schlacht findet auf dem Berg Tabor [2] statt. Die
    Hospitaliter verlieren dabei ihren Großmeister Roger des Moulins.
    Von den Templern kommen nur Gérard de Ridford und
    zwei Ritter mit dem Leben davon. Die zweite Schlacht wird auf
    dem Hattin [3] bei Sepphoris [4] geschlagen. Sie endet mit einer
    neuerlichen Katastrophe. Unter den zahlreichen Gefangenen sind
    Lusignan und Ridford. Saladin zeigt sich den Gefangenen gegen50
    über großmütig, nur Renaud de Châtillon enthauptet er eigenhändig.
    Da er die Templer und Hospitaliter jedoch für Erzfeinde
    des Islams hält, läßt er ihnen nur eine Alternative: ihrem Glauben
    abzuschwören oder zu sterben. Es ist anzunehmen, daß keiner
    das Kreuz verleugnet hat, denn es wurden alle mit dorn Krummsäbel
    enthauptet. Als einziger bleibt Gérard de Ridford, Großmeister
    des Templerordens, übrig ...
    Lusignan und Ridford sind in einer ungünstigen Position für
    Verhandlungen. Sie werden zwar befreit, aber von jetzt ab beginnt
    das militärische und religiöse Ansehen der Templer überall
    zu sinken. Nach dem letzten gemeinsamen Blutvergießen befehden
    sich Templer und Hospitaliter heftiger als je zuvor. Im Laufe
    desselben Jahres 1187 hält Saladin seinen Einzug in Jerusalem
    und nimmt damit dem christlichen Königreich seine Hauptstadt.
    Der Wind hat sich gedreht. Im Abendland überlegt man, wie
    man sich dem Islam gegenüber verhalten soll. Kampf bis zum
    letzten oder Kompromiß? Der Klerus und die Mehrzahl der Ritter
    neigen zur ersten Lösung, Bürger und Kaufleute zur zweiten.
    Und als man sich zum dritten Kreuzzug entschließt, sind durchaus
    gegensätzliche Hintergedanken im Spiel.
    König Philipp II. August von Frankreich und der deutsche
    Kaiser Friedrich Barbarossa haben eine Wiedereroberung im
    Sinn. König Heinrich II. Plantagenet von England und sein Sohn
    Richard Löwenherz dagegen erwägen, sich mit Saladin in die
    Herrschaft über das Heilige Land zu teilen.
    Dieser Plan findet starke Unterstützung bei dem Grafen von
    Toulouse, Raymond V., dem »König des Südens«.
    Raymond hat dafür zwei gute Gründe. Unter dem Vorwand,
    einen Kreuzzug gegen die ketzerischen Albigenser, Raymonds
    Schützlinge, zu führen, hat der König von Frankreich gegen sein
    Land einen Vernichtungskrieg entfesselt, der ein halbes Jahrhundert
    dauern soll. Bei der Verteidigung seiner bedrohten Unabhängigkeit
    kann der Graf einen Trumpf ausspielen – seine
    Verbindungen mit dem Orient. Von Marseille bis Narbonne gehört
    ihm die ganze Mittelmeerküste. Tripolis, die »Tochter von
    Toulouse«, ist seine Kolonie. Die südfranzösische Wirtschaft lebt
    51
    primär vom Handel mit den Muselmanen. Und schließlich ist das
    Schicksal seiner Schwester Inde vom diplomatischen Gesichtspunkt
    aus höchst bemerkenswert. Sie wurde als Sklavin an den
    seldschukischen Sultan Nureddin verkauft und dann dessen Frau.
    Nach ihrer Verwitwung heiratete sie Saladin. Da sich romantische
    Liebe mit hoher Politik verbindet, werben die musischen Fürsten
    Richard Löwenherz und Raymond ihre sämtlichen Troubadoure
    für den Kreuzzug an.
    Die anglo-meridionalen Pläne wiederum entsprechen durchaus
    der Politik der Templer im Orient. Während sich der Orden von
    Frankreich und Deutschland distanziert, nähert er sich England
    und Südfrankreich immer mehr an. Jenseits des Kanals steht er
    von Anfang an unter dem wohlwollenden Schutz der Könige.
    Seit der Heirat der Eleonore von Aquitanien mit Heinrich II.
    Plantagenet erhält er sogar noch weiterreichende Privilegien als
    zuvor. In Palästina hat der Templerorden Guy de Lusignan,
    einen Freund von Richard Löwenherz, gegen Raymond von Zypern,
    den Kandidaten der Franzosen und Deutschen, unterstützt.
    Seine Beziehungen zu den Grafen von Toulouse sind ebenfalls
    gut. Im Orient hat er dieselben Stützpunkte wie diese: Syrien und
    den Libanon. Graf Alphonse, der Vater von Inde, hat sich in
    der »Pilgerburg« der Templer beisetzen lassen. Schließlich wahrt
    der Templerorden in der albigensischen Frage Südfrankreich
    gegenüber eine wohlwollende Neutralität.
    So sind die Templer die Hauptstütze des Unternehmens, das
    unter dem Banner des dritten Kreuzzuges eine dauerhafte Brücke
    zwischen Okzident und Orient schlagen will. Da sie seit zwanzig
    Jahren die besten Beziehungen zu Saladin haben, fördern sie die
    Eheschließung seines Bruders Abd El Malek mit der Schwester
    Richards.
    Diese Mittlerrolle bringt ihnen praktischen Gewinn. Richard
    Löwenherz überläßt ihnen Zypern zur Empörung der Hospitaliter.
    Der Troubadour Robert de Sablé wird als erster einer langen
    Folge von Südfranzosen zum Großmeister gewählt: Gilbert
    Errail, Pierre de Montaigu, Armand de Périgord, Guillaume
    de Sonnac. Ihre Haltung birgt jedoch auch Risiken. Dadurch, daß
    52
    sie gegen die französische Politik opponieren, untergraben die
    Templer ihre Stellung in dem Land, das ihre Wiege, ihr Hauptsitz
    in Europa und die älteste Tochter der Kirche zugleich ist.
    Ehe sie noch zur Zielscheibe Philipps des Schönen werden, geraten
    sie in Konflikt mit Ludwig dem Heiligen. Die Könige von Frankreich
    spielen die Hospitaliter gegen sie aus und die deutschen
    Kaiser die Deutschen Ordensritter. 1229 schließlich gibt ihnen
    Kaiser Friedrich II. einen Vorgeschmack dessen, was sie riskieren:
    er verjagt sie aus Sizilien und konfisziert ihre Besitzungen.
    So wird in dem Augenblick, da der Ehrgeiz des Templerordens
    am größten ist, da er nach und nach die Zwistigkeiten zwischen
    orientalischen und aus Europa stammenden Christen, zwischen
    sämtlichen Christen und Muselmanen, zwischen orthodoxen und
    häretischen Muselmanen beseitigt hat und sich als Schiedsrichter
    über alle beteiligten Parteien stellen will, seine Zukunft fragwürdig
    und völlig abhängig vom Heiligen Stuhl, der bisher für
    ihn nur eine rein theoretische Autorität darstellte. Dem großen,
    weitblickenden Papst Innozenz III. widerstrebt zwar der Ehrgeiz
    der Templer. Trotzdem unterstützt er sie und festigt ihre
    bevorzugte Stellung innerhalb der geistlichen und militärischen
    Orden. Doch sobald einer seiner Nachfolger den Templerorden
    fallenläßt, wird dieser Koloß auf tönernen Füßen zusammenstürzen.
    Den Templern bleibt keine Wahl hinsichtlich ihrer Politik.
    Ihre freundschaftlichen Beziehungen zum Orient werden durch
    Klugheit wie durch Interessen bestimmt. Zweifellos sind sie sich
    als Soldaten klarer darüber als jeder andere, wie unsicher und
    fragwürdig militärische Eroberungen sind. Andererseits aber sind
    die Kreuzzüge hinter ihrer religiösen Fassade ein gewaltiges
    kaufmännisches Unternehmen. Die Templer nun stehen an der
    Spitze dieses Unternehmens. Ihre wachsende wirtschaftliche Macht
    gründet sich größtenteils auf den kleinasiatischen Markt. Als
    Reeder stehen sie an vorderster Stelle. Ihre gewaltige Flotte lebt
    von den orientalischen Häfen. Jedes ihrer Schiffe faßt 1500 Passagiere.
    Verständl:dierweise hätten sie lieber Waren befördert als
    die Truppen Ludwigs des Heiligen, zumal sie lange mit der
    53
    Stadtverwaltung von Marseille um das Recht gekämpft hatten,
    hier Fracht aufzunehmen.
    Der Siebte Kreuzzug wird eine einzige Niederlage. Der Mongole
    Baibars, ein einstiger Sklave, nimmt Ludwig IX. gefangen
    und ließ sich zum Sultan ausrufen. All das hatten die Templer vorausgesehen.
    Sie sträubten sich gegen die Finanzierung des Kreuzzuges
    und gaben erst nach, als Joinville theatralisch drohte, ihre
    Schatztruhen aufzubrechen. Dabei schwang er ein Beil und schrie:
    »Dieses Beil ist der Schlüssel des Königs!« Bevor sie ihr Blut vergossen,
    rieten sie von dem wahnwitzigen Angriff auf Mansurah
    ab. Trotzdem gibt der König von Frankreich ihnen die Schuld
    an den Folgen seiner eigenen Unbesonnenheit. Als er, durch Umstände
    gezwungen, die rechtzeitig einzusehen er abgelehnt hatte,
    Verhandlungen mit Baibars aufnimmt, wirft er den Templern
    Defaitismus vor. Seit den Lobeshymnen Ludwigs VII. ist viel
    Zeit verstrichen. Diesmal verkündet der Graf von Artois: »Wenn
    die Templer gewollt hätten, wäre das Heilige Land seit langem
    erobert.« Man sieht, politische Ablenkungsmanöver sind keine
    Erfindung unseres Jahrhunderts...
    Und 1291 verliert das Abendland in der Katastrophe von
    Akkon endgültig den Rest seiner Gebiete. Tapfer decken die
    Templer den Rückzug, begründen auf Zypern eine Zwischenlandestation
    und ziehen sich nach Europa zurück.
    Ihre hiesige Macht ist mit jedem Jahr gewachsen. In siebzehn
    Ländern haben sie ihre Komtureien und sind überall zu einem
    Staat im Staate geworden. Wie bereits erwähnt, genießt der
    Templerorden in England hohes Ansehen. Sein Einfluß in Spanien
    ist so groß, daß König Alfons I. von Aragonien ihm testamentarisch
    die Regentschaft überträgt. Doch das Volk will sein
    Schicksal nicht in den Händen einer reichen, internationalen
    Macht sehen. In Aragonien wird der König vom Volk gewählt,
    und so scheitert Alfons Plan. Überall gehört die Überwachung
    von Maßen und Gewichten zu den Aufgaben des Templerordens.
    Das verleiht ihm in jenen Zeiten ein fast mystisches Ansehen.
    Denn in der Bibel steht: »Falsche Waage ist dem Herrn ein
    Greuel; aber völliges Gewicht ist sein Wohlgefallen.« [5]
    54
    Doch der Orden vergißt nicht, daß seine Wiege in Frankreich
    stand. Ohne zu ahnen, daß er dort bald sein Grab finden wird,
    wählt er es als seinen Hauptsitz. Nach dem Verlust des Heiligen
    Landes wird der Temple von Paris das neue »Mutterhaus«. Von
    hier aus spinnen die Großmeister überallhin ihre Fäden.
    DAS FÜLLHORN
    Der Temple war ursprünglich ein bescheidener, umfriedeter
    Platz bei der Kirche Saint-Gervais et Saint-Protais neben dem
    Rathaus. König Ludwig VI. hatte ihn auf ausdrücklichen Wunsch
    Sankt Bernhards im Jahre 1137 zweien von den neun Begründern
    des Ordens geschenkt: Andre de Montbard und Gondemar.
    Die beiden ließen dort eine runde Kapelle erbauen, deren Plan
    in stark verkleinertem Maßstab dem des Heiligen Grabes entsprach.
    Den Templern wurde es hier bald zu eng. Sie errichteten weiter
    im Norden der Stadt die bereits erwähnte gewaltige Festung.
    Durch ein erhalten gebliebenes Register erfährt man, daß im
    Jahre 1247 ihr beiderseits der Seine liegender Grundbesitz ein
    Drittel von Paris ausmacht, von der Sorbonne bis zum heutigen
    Platz der Republik.
    Die Pariser Besitzungen bilden jedoch nur einen bescheidenen
    Bruchteil der angesammelten Reichtümer. Dem Orden gehören
    zehntausend in ganz Europa verstreute Burgen, und der Wert
    seiner beweglichen Habe kann auf einhundertzwölf Milliarden
    Francs geschätzt werden. Diese Zahl wirkt um so erstaunlicher,
    wenn man bedenkt, daß es im Mittelalter fast gar keine Industrie
    gab und das Volkseinkommen jedes europäischen Landes
    etwa tausendmal geringer war als heute.
    Seit seiner Gründung hatte der Templerorden zahlreiche Stiftungen
    erhalten. 1222 schenkte Philipp II. August ihm 2000 Goldmark,
    zwei Jahre später weitere 50 000. Andere Herrscher und
    55
    der Heilige Stuhl zeigten sich ebenso großzügig. Außerdem profitierte
    der Orden von der adligen Herkunft seiner Mitglieder.
    Wenn sie starben, beerbte er sie. Da er ja von Steuern und Abgaben
    befreit war, wuchs sein Reichtum rasch. Aber selbst all dies
    zusammengenommen erklärt noch keineswegs das riesige Vermögen
    der Templer.
    Die Könige von England, Johann ohne Land und später Heinrich
    III., vertrauen ihnen bald die Verwaltung ihrer persönlichen
    Einkünfte an. Und in Frankreich übertragen ihnen die Herrscher
    von Philipp II. August bis zu Philipp dem Schönen sogar die Verwaltung
    des Staatsschatzes.
    Darüber hinaus leihen Könige und Fürsten den Templern Geld,
    und mehrere Päpste, zum Beispiel Alexander III., ebenfalls.
    Der sagenhafte Reichtum der Templer beschäftigt die Zeitgenossen
    um so mehr, als über seine Herkunft strengstes Stillschweigen
    gewahrt wird. Er erregt Neid, der sich mit Bewunderung
    paart. Die häufigste Erklärung entspricht durchaus dem
    Zeitgeist: die Templer betreiben Alchimie und haben den Stein
    der Weisen gefunden, das heißt das Geheimnis, Blei in Gold zu
    verwandeln. Dieses Gerücht bleibt nicht ohne Folgen, wie sich
    noch zeigen wird. Der Stein der Weisen, den die Tempelritter
    angeblich gefunden haben, entstammt allerdings keiner Retorte,
    sondern einer geschickten, für die damalige Zeit umwälzend
    neuen Finanzgebarung.
    Die Templer sind nämlich Bankiers. Genaugenommen hat es
    bereits in der Antike Banken gegeben, eine Einrichtung, die in den
    Handelsstädten Italiens gerade wieder ins Leben gerufen wird.
    Doch die Banken der Antike haben mit den modernen nur den
    Namen gemeinsam. Sie waren lediglich »Speisekammern«, in
    denen das Geld, ohne Nutzen zu tragen, aufbewahrt wurde. Da
    es zu jener Zeit nur handwerkliche Erzeugnisse gab und die
    Kirche jede Art von Zinsdarlehen als Wucher ausdrücklich untersagte,
    war das auch gar nicht anders möglich.
    Nun ist das Banksystem der Templer von bisher unbekannter
    Kühnheit. Sämtliche modernen Manipulationen sind vertreten:
    Eröffnung von laufenden Konten, Aussetzung von Renten und
    56
    Pensionen, Darlehen, Bürgschaften, Konsignationen, Pfandleihe,
    Inkasso, Führung von Sonderkonten, internationaler Geldtransfer,
    Wechselgeschäfte.
    Durch diese Einrichtungen wird der Orden unentbehrlich. Die
    Unsicherheit der Straßen und die häufigen Schiffbrüche machten
    Geldtransporte damals gefährlich. Ein von einer Ordenskomturei
    auf die andere gezogener Wechsel ermöglichte es nun den reichen
    Kaufleuten, ohne großes Gepäck und Gefolge zu reisen und nach
    der Ankunft ihre Gelder in Empfang zu nehmen. Manche dieser
    Wechsel sind erhalten geblieben. Sie erregen heute noch die Bewunderung
    der Volkswirtschaftler. Es gibt darauf zehn Spalten:
    Datum, Herkunftsort, Bestimmungsort, Höhe des Betrages, Art
    der Devisen, Verfalltag, Name der Aussteller, Name der
    Wechselnehmer, Bemerkungen und Kurs. Die letzte Spalte ist am
    interessantesten. Sie zeigt, wie die Templer das kirchliche Verbot,
    Zinsdarlehen zu geben, dadurch umgingen, daß sie auf den von
    Ort zu Ort schwankenden Wechselkurs spekulierten. Außerdem
    erhoben sie Aufgeld und Maklergebühr im voraus. Mit Hilfe
    dieser beiden Maßnahmen wuchs ihr Kapital schnell an. Ein Jahrhundert
    später begründet Jacques Coeur, ebenfalls Alchimist,
    Reeder und Bankier, mit denselben Mitteln sein außerordentliches
    Vermögen. Um der Wahrheit willen muß betont werden, daß zwar
    der Templerorden ungeheuer reich geworden ist, daß aber manche
    seiner Mitglieder trotzdem arm blieben. Einem Großmeister bot
    Saladin die Freilassung an und erhielt die stolze Antwort: »Ein
    Templer kann als Lösegeld nur seinen Gürtel und sein Schwert
    bieten.« Die große Geste vergangener Zeiten – und dabei hätte es
    ihn nur ein Wort gekostet, mit einem Goldregen sofort die Tore
    seines Gefängnisses zu öffnen.
    Anfang 1300 haben die Templer fast zwei Jahrhunderte unaufhörlichen
    Aufstiegs hinter sich. Ihre weltliche Macht hat sich
    allerdings durch den Verlust des Orients verringert, bleibt aber
    immer noch gewaltig. Nach weiteren sieben Jahren jedoch erfolgt
    der völlige Zusammenbruch. Bevor wir auf ihren Sturz kommen,
    wollen wir noch einmal ihr Werk betrachten.
    Für dieses Werk, das völlig im Mittelalter wurzelt, gibt es nur
    57
    eine Kennzeichnung: reiner Renaissancestil. Als Mönchsoldaten
    sind sie Jesuiten vor Ignatius von Loyola; Kreuz- und Seefahrer
    vor Kolumbus; Konquistadoren vor Cortez und Pizarro; Verhandlungstaktiker
    vor den Dogen; Stifter des Religionsfriedens
    vor Heinrich IV; Föderalisten vor Karl V.; Finanziers und
    Bankiers vor den Medici. Doch die Geschichte duldet weder Vorläufer
    noch Epigonen. Wer die Früchte zu grün pflückt, für den
    bleiben sie stets giftig. Philipp der Schöne war ein großer König.
    Er wußte sie stets zum rechten Zeitpunkt zu pflücken.
    DER STURZ
    Philipp besteigt den Thron von Frankreich im Jahre 1285. Der
    Enkel Ludwigs des Heiligen ist siebzehn Jahre alt. Ein unzugänglicher
    Jüngling, der nicht antwortet, wenn man ihn anspricht, und
    den ein Besucher als »Gespenst« in Erinnerung behält. Er hat sich
    eine zweifache Aufgabe gestellt: das Land zu einen und einen
    zentralistischen Staat aufzubauen. An der Erfüllung dieser Ziele
    arbeitete er unermüdlich und ohne jeden Skrupel, gegen die Engländer,
    gegen die Feudalherren und den Klerus im Innern und in
    mancher Hinsicht gegen die Wünsche des Papstes.
    Von Kindheit an hat ihn sein ghibellinischer Hofmeister Gilles
    Colonna, Erzbischof von Bourges, gelehrt, daß der König von
    Frankreich seine Machtvollkommenheit allein von Gott empfängt
    und daß Jesus Christus seiner Kirche niemals irgendwelchen
    weltlichen Besitz gegeben hat.
    Als er mit König Eduard I. von England in Konflikt gerät,
    läßt er sich nicht einmal soweit herab, ihm den Krieg wie einem
    Souverän zu erklären, sondern behandelt ihn als aufrührerischen
    Vasallen. Und als Papst Bonifatius VIII. sich als Vermittler anbietet,
    verlangt er von ihm, er solle es als Privatmann unter
    seinem Taufnamen Benedikt Cajetan tun. Später kämpft der
    ultramontane Papst mit allen Mitteln darum, daß der franzö58
    sische Klerus keine Abgaben an den Staat entrichten muß.
    Daraufhin schickt ihm der junge König folgenden Brief: »Philipp,
    König der Franzosen von Gottes Gnaden, grüßt Bonifatius, den
    vorgeblichen Pontifex maximus, kaum oder auch gar nicht. Euer
    Allerhöchster Wahnwitz möge zur Kenntnis nehmen, daß Wir im
    weltlichen Bereich keinem untenan sind.«
    Bonifatius erwidert in derselben Tonart: »Ich werde Euch absetzen
    wie einen kleinen Jungen«, und läßt dem Wort die Tat
    folgen. Er exkommuniziert Philipp und bietet Albert von Österreich
    die Krone Frankreichs an. Nun läßt Philipp ihn durch
    seinen Großsiegelbewahrer und Generalsekretär Guillaume de
    Nogaret verhaften und durch einen seiner ergebenen Colonna mit
    einem Eisenhandschuh ohrfeigen. Der Papst wird befreit, stirbt
    aber wenige Tage später an dem erlittenen Schock.
    Darf man an große Herrscher die Maßstäbe der allgemeingültigen
    Moral anlegen? Die Macht des »Eisernen Königs« stützt
    sich im wesentlichen auf das Bürgertum der Städte, dessen wachsende
    Bedeutung er erkannt hat. Wenn er auf Widerstand trifft,
    bricht er ihn dadurch, daß er die Generalstände einberuft, mit
    denen er die kommunale Revolution legalisiert und eine Vertretung
    des dritten Standes geschaffen hat. Läßt es sich gar nicht umgehen,
    scheut er auch vor Unpopularität nicht zurück. Aber – und
    das ist zu seiner Zeit etwas völlig Neues – er erkennt die Bedeutung
    der öffentlichen Meinung und beherrscht die Kunst, die
    Massen zu mobilisieren. Bei seinem Tod sind die Wunden geheilt,
    die der Kreuzzug gegen den Süden des Landes geschlagen hat. Er
    hat Guyenne, Quercy und die Stadt Lyon der Krone angegliedert
    und dieses neugeschaffene einheitliche Staatsgebilde einer zentralisierten
    Verwaltung unterstellt. Aus allen diesen Gründen kann
    man seine Regierung trotz ihrer Doppelbödigkeit positiv beurteilen.
    Zwanzig Jahre hindurch stehen Philipp und die Templer in
    guten Beziehungen zueinander. In politischer Hinsicht sind beide
    gleichermaßen über die Willkür von Bonifatius beunruhigt, der
    ihre Souveränität zu zerstören droht. Der Orden verkündet, er
    werde das Königreich selbst gegen den Papst verteidigen, wäh59
    rend der König wiederum den Orden »seiner besonderen Gunst
    und seiner aufrichtigen Zuneigung« versichert und ihm neue
    Privilegien bewilligt. Im Finanzwesen plant Philipp vorübergehend,
    dem Louvre, dem von ihm geschaffenen ersten Vorläufer
    einer Art Staatsbank, die vom Temple innegehabten Verwaltungsaufgaben
    teilweise zu übertragen. Schnell sieht er jedoch
    ein, daß er den Temple nicht ausschalten kann, und gibt diesem
    daher alle seine Vollmachten zurück. Anscheinend ist sogar der
    Ansatz zu einer menschlichen Beziehung vorhanden: der neue
    Großmeister des Ordens, Jacques de Molay, wird Taufpate der
    Tochter des Königs. So laufen die Dinge bis zum Jahre 1304.
    Die Anhänger der Templer stellen den Keulenschlag, den ihnen
    Philipp der Schöne versetzt hat, stets als schandbares Verbrechen
    eines Mannes dar, der seinen Wohltäter umbringt, um ihn zu
    bestehlen. Doch das ist Schwarzweißmanier. Es hat vielmehr
    durchaus den Anschein, als sei unter der Maske ungetrübter Beziehungen
    von beiden Seiten sehr bald ein doppeltes Spiel getrieben
    worden.
    Der Reichtum des Templerordens hat seit langem Neid und
    Eifersucht erregt. Bistümer und Abteien fühlen sich betrogen bei
    jedem Testament, das ein reicher Ritter zu seinen Gunsten macht.
    Bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts wird vorgeschlagen,
    alle vom Orden innerhalb der vergangenen zehn Jahre erworbenen
    Vermögenswerte zu konfiszieren. In den ersten Reihen
    dieser Neider befinden sich die ständigen Rivalen der Templer,
    die Hospitaliter. Sie intrigieren unaufhörlich bei den Päpsten,
    um eine Verschmelzung der beiden Orden zu erlangen. Dabei
    weisen sie auf die schädliche Wirkung des andauernden Konfliktes
    hin. Eine solche Verschmelzung hätte die Hospitaliter
    beträchtlich bereichert. Ihr Besitz, vor allem an Grund und
    Boden, hat sich keineswegs im selben Tempo an Wert erhöht wie
    die bewegliche Habe der Templer. Diese lehnen allerdings bis
    zum Schluß eine Zusammenlegung beider Orden ab.
    Es stimmt, daß einer der Ratgeber Philipps, der einfallsreiche
    Pierre Dubois, diesen Plan genau ausgearbeitet hat. Nach einer
    Verschmelzung sollen Templer und Hospitaliter höflich, aber
    60
    bestimmt in den Orient zurückgeschickt werden und die verschiedenen
    Staaten sich ihrer europäischen Besitzungen bemächtigen.
    Dubois schätzt die dabei zu gewinnenden Einkünfte auf 800 000
    tourische Livres im Jahr.
    Es stimmt ferner, daß Philipp Etatsdiwierigkeiten hat und
    mehrfacher Schuldner der Templer ist. 1297 läßt er sich von
    ihnen 2500 Livres vorstrecken. Ein Jahr später entleiht er ohne
    Wissen des Großmeisters abermals 200 000 Florin. Der Großmeister
    setzt daraufhin seinen leichtsinnigen Schatzmeister ab.
    1300 borgt der König für die Mitgift seiner Schwester wiederum
    500 000 Francs. Außerdem ist er dem Orden moralisch verpflichtet,
    was seinen Stolz bestimmt viel schwerer trifft als alles andere.
    1306 steigen die Preise infolge einer Geldabwertung um 65 Prozent
    – der dritten – sprunghaft an. Das löst einen Volksaufruhr
    aus, so daß der König Hals über Kopf im Temple von Paris
    Zuflucht suchen muß. Die Erinnerung daran ist in zweifacher
    Hinsicht demütigend für Philipp. Einige Zeit vorher verlangte er
    seine Aufnahme in den Orden und das Amt des Großmeisters in
    der Hoffnung, dadurch viel Geld zu gewinnen. Er erfährt kalte
    Ablehnung. Außerdem weiß er, daß die Templer unterderhand
    den Volksaufstand gefördert haben. Nun ist aber durch die Finanzgeschäfte
    des Temple der Münzenumlauf verringert worden, was
    dazu beigetragen hat, die Geldabwertung unvermeidlich zu
    machen.
    Es sind also bei Philipps Aktion gegen den Orden sehr wohl
    wirtschaftliche Beweggründe vorhanden, doch sie beruhen nicht
    auf reiner Habsucht.
    Aber es gibt noch andere Motive. Wie hätte Philipp im selben
    Augenblick, da er die Münzrechte des Adels und die Rechtsprechung
    des Klerus einschränkt, einen geistlichen Ritterorden weiterhin
    dulden können, der von Steuern und Abgaben befreit ist
    und seine eigene Jurisdiktion hat? Den seit langem Interessen und
    Sympathien mit England verbinden, während Philipp gegen England
    Krieg führt. Der in Frankreich über ein Heer von 30 000
    Mann verfügt und dessen Großmeister ebenso wie er behaupten,
    ihr Amt nur »von Gottes Gnaden« empfangen zu haben, wäh61
    rend Philipp einen Staat mit absolutem Monarchen geschaffen hat.
    Der die verschiedenen Nationen, die im Schutz gewähren, offiziell
    als »Provinzen« bezeichnet, während Philipp sein Land eint.
    Seit dem Verlust von Jerusalem sind die Ziele der Templer
    immer undurchsichtiger geworden. Ihre finanzielle Unterstützung
    kann sich als ebenso zweischneidig erweisen wie ihre politische.
    Gestern haben sie den König gegen einen Papst ausgespielt, aber
    morgen schon können sie einen anderen Papst gegen den König
    ausspielen.
    Denn es folgen einander sehr ungleiche Päpste. Nach dem ultramontanen
    Bonifatius kommt der Sonderling Benedikt XI. Er
    stirbt bezeichnenderweise am übermäßigen Genuß von frischen
    Feigen. Und der unter dem Namen Clemens V. gewählte ist wieder
    von anderer Art.
    Bertrand de Got [6] stammt aus dem alten vornehmen gascognischen
    Geschlecht der Vicomtes de Lomagne, das der Kirche
    bereits mehrere Häretiker und einige Kardinale beschert hat und
    das – getreu der Tradition seiner Provinz – mehr Ahnen und
    Nachkommen besitzt als Geld. Sein Vater war ein bedeutender
    Mann, aber arm wie Hiob. Die Biographen berichten, daß Bertrand
    als Kind die Schafe seiner Familie hütete und von einem
    armen Schuhmacher aus Bazas das erste Paar Schuhe und den
    ersten Unterricht im Lesen bekam.
    Der glänzend begabte Junge besucht nach der Schule mehrere
    Universitäten – Agen, Paris, Bologna. Über das Studium der
    Rechtswissenschaften hinaus eignet er sich eine umfassende Bildung
    an, die sich immer wieder während seiner raschen geistlichen
    Karriere zeigt. Bald steht er an der Spitze des Bistums Comminges.
    Er wird »der Bischof mit dem Einhorn« genannt, da das
    Hörn dieses Fabeltieres als Bischofsstab dient. [7] Er hat eine
    Vorliebe für Architektur und läßt Saint-Bertrand-de-Comminges
    bauen, ein eigenartiges gotisches Kleinod, halb Kathedrale, halb
    Festung. Vom Orient fasziniert, gründet er Lehrstühle für Hebräisch,
    Syrisch und Arabisch an mehreren Universitäten. Als begeisterter
    Leser von Albertus Magnus zieht er den berühmten Arzt
    und Alchimisten Arnold von Villanova heran. So gleichen seine
    62
    geistige Richtung und seine Interessen denen der Templer in erstaunlicher
    Weise.
    Viele Schriftsteller haben ihn als Schwächling, als Marionette
    Philipps des Schönen geschildert, was jedoch keineswegs zutrifft.
    Er nimmt für Bonifatius gegen den König Stellung. Deshalb wird
    sein gesamter Besitz beschlagnahmt. Trotz des königlichen Verbots
    geht er im kritischen Augenblick nach Rom. Das geschieht
    nicht aus Mut, sondern aus Berechnung. Denn Bertrand treibt
    trotz des stolzen Wahlspruchs seiner Familie par infimis – Den
    Ärmsten gleich – großen Aufwand und ist vor allem ein Karrieremacher.
    Er geht nirgendwohin ohne seine Geliebte, die schöne
    Brunissende, eine Nachfahrin von Bernard Aton, Vicomte dAlbi,
    Gemahlin von Hélie, Graf de la Marche. »Sie kostet ihn mehr als
    das Heilige Land«, sagt man von ihr. Er schreibt für sie provenzalische
    Verse, die weniger leidenschaftlich – was nicht seiner Art
    entspricht – als vielmehr preziös sind:
    Schöner bist du als der Tag;
    Und weißer noch als der Schnee.
    Keine andre Barke ich wünschen mag,
    Um den Quell unsrer Liebe zu finden.
    Mit zweiunddreißig Jahren ist er Bischof, mit sechsunddreißig
    Kardinal. Da dieser Mann von Stendhalscher Prägung mit Vierzig
    die Tiara begehrt, muß er seinen Frieden mit dem König von
    Frankreich machen.
    Nun ist das Konklave in die Anhänger der Colonna, die für
    Philipp sind, und die der Orsini, die das Andenken von Bonifatius
    hochhalten, gespalten. Es tagt seit zehn Monaten ohne Ergebnis.
    Um aus der Sackgasse herauszukommen, wird beschlossen,
    daß die Colonna den Orsini eine Liste mit drei Kandidaten zur
    Abstimmung unterbreiten. Die Stunde des Diplomaten Bertrand
    hat geschlagen. Bisher hat er eindeutig für Rom Stellung bezogen.
    Wenn er sich ebenso eindeutig für den König entscheidet, wird
    man sich auf seine Wahl einigen.
    Der Kirchenfürst und der König treffen sich in Saint-Jeand
    Angély. Nach dem Bericht des Chronisten Villani ist die Begeg63
    nung streng geheim. Philipp weiß, was von Versprechungen zu
    halten ist. Deshalb läßt er Bertrand auf die Hostie schwören, daß
    er nach seiner Wahl ein Programm von sechs Punkten erfüllen
    werde. Die ersten fünf entscheiden rückwirkend alle Zwistigkeiten
    mit Bonifatius zugunsten des Königs. Der sechste ist ein
    Blankoscheck: Philipp behält sich vor, dessen Inhalt zu dem von
    ihm gewünschten Zeitpunkt bekanntzugeben. Historiker behaupten
    später, es habe sich dabei um die Auflösung des Templerordens
    gehandelt.
    Die Inthronisation Bertrands findet in Lyon statt. Der König
    persönlich hält ihm die Steigbügel. Das ist mehr als ein Symbol.
    Aber ein Unfall beschattet die Zeremonie: eine Mauer stürzt unter
    dem Gewicht der Zuschauer ein. Zwölf Mitglieder des Gefolges
    werden getötet, darunter der Herzog der Bretagne, ein souveräner
    Fürst. Der neue Papst selber fällt aus dem Sattel. Er verliert dabei
    den schönsten Stein aus seiner Tiara, einen Karfunkel im Wert
    von 6000 Florin. Während des abendlichen Festmahls bricht ein
    Streit zwischen den Angehörigen des Papstes und denen der Kardinale
    aus. Man hat reichlich getrunken, man zieht vom Leder,
    und einer der Brüder Bertrands wird getötet. All das läßt Unheil
    ahnen – ein Pontifikat, das unter einem Unglücksstern beginnt.
    Clemens V. erfüllt nacheinander die fünf Punkte, jedoch auf
    seine Weise. Er operiert nämlich mit sämtlichen ihm als Rechtsgelehrten
    vertrauten Kniffen. Von den versprochenen neun französischen
    Kardinalen ernennt er vier aus seiner Familie, um nicht
    von der Gnade des Königs abzuhängen. Wie Philipp ihn gebeten
    hat, setzt er eine päpstliche Kommission ein, die eine Untersuchung
    über das Pontifikat Bonifatius VIII. führen soll. Diese
    Kommission stellt nun fest, daß der selbstherrliche Papst nicht
    nur seinen Vorgänger, den Mystiker Zölestin V., vergiftet hat,
    sondern außerdem noch homosexuell, Magiker und obendrein
    Atheist gewesen ist. Clemens V. war Hauskaplan Zölestins und
    hat sich zu Bonifatius Zeiten lange in Rom aufgehalten. Damit
    ist er wohl in der Lage, diese Anschuldigungen zu beurteilen. Sofern
    er daran glaubt, muß er einen solchen Teufelspapst noch
    postum in Grund und Boden verdammen. Sofern nicht, muß er
    64
    Philipp als Verleumder brandmarken. Doch nein, er schafft es,
    weder die Tiara, die er sich gerade aufgesetzt hat, zu verunglimpfen
    noch den, dem er sie verdankt. Er spricht Philipp frei, ohne
    Bonif atius zu verurteilen.
    Während darüber ein Jahr hingeht, bereitet der König systematisch
    seine Offensive gegen den Templerorden vor. Er überläßt
    nichts dem Zufall, denn es handelt sich hier um einen schwerverdaulichen
    Brocken. Zunächst werden Polizeiberichte gesammelt.
    Ein zweifelhaftes Individuum namens Esquieu de Floyran, einstiger
    Mitprior des Temple von Montfaucon, hat in Béziers eine
    zivilrechtliche Strafe verbüßt und dabei die Geständnisse eines
    Mithäftlings gehört, ebenfalls eines ehemaligen Templers, der aus
    dem Orden ausgestoßen worden ist. Zunächst versucht Floyran,
    seine Informationen dem König von Aragonien zu verkaufen,
    wird jedoch abgewiesen. Dann wendet er sich an Philipp und findet
    williges Gehör. Doch ein paar Redereien ergeben noch keine
    fundierte Unterlage. Man sucht also weitere Denunzianten, bringt
    Spione im Orden unter und verhaftet schließlich hier und dort
    einige Templer, die man in Einzelhaft nach Corbeil bringt. Diesmal
    macht sich Nogaret, der Großsiegelbewahrer, persönlich die
    Mühe, sie zum Sprechen zu bringen. Allmählich steigt die Temperatur.
    Es findet sich ein Templer aus vornehmer Familie, der dem
    Papst direkt zuträgt, der ganze Orden sei abtrünnig geworden.
    Philipp hält nun den Augenblick für gekommen, Clemens V.,
    der ja als einziger das Recht dazu hat, aufzufordern, er möge
    Schritte gegen den Orden unternehmen, gegen den so schwere Anschuldigungen
    erhoben werden. Doch der schlaue Gascogner läßt
    sich nicht zum Narren machen. Er weist zunächst einmal die Anschuldigungen
    zurück. Sie seien »unwahrscheinlich und beinahe
    unglaublich«, schreibt er. Dann versucht er, auf seine Weise den
    Schlag zu parieren. Mit vorheriger Zustimmung des Großmeisters
    Molay ordnet er eine Untersuchung gegen den Templerorden an,
    und zwar in der Absicht, diesen von Gerüchten freizusprechen,
    die sich seit dem Verlust von Jerusalem fraglos immer mehr verdichtet
    haben. Aber der König ist ebenso gerissen. Er erkennt
    sofort, daß seine Pläne aufs schwerste gefährdet sind, falls die
    65
    Beauftragten des Heiligen Stuhles die Unschuld der Templer
    feststellen. Daher beschließt er, die Dinge gewaltsam voranzutreiben.
    Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, werden bei Morgengrauen
    sämtliche Templer des Königreiches durch eine vorbildlich aufeinander
    abgestimmte Polizeiaktion verhaftet. In Paris dringt Nogaret
    persönlich in den Temple ein, nimmt hundertfünfzig Ritter
    fest, darunter den Großmeister Jacques de Molay, der noch am
    Vorabend gemeinsam mit dem König das Bahrtuch beim Leichenbegängnis
    einer Prinzessin gehalten hat.
    Doch warum nur bleiben die Opfer sowie die Sieger dieses Gewaltstreiches
    nicht gelassener? Als sie gefangengenommen werden
    sollen, stürzen sich acht Templer von den Zinnen auf den Innenhof
    des Temple und bleiben zerschmettert liegen. König Philipp
    folgt seinen bewaffneten Leuten auf dem Fuß. Das »Gespenst«
    hat seine legendäre Kaltblütigkeit verloren. Er eilt geradewegs zu
    einem Grab, läßt es öffnen und schleudert bleich vor Wut eine
    Handvoll Gebeine in den Herbstwind. Sie stammen von Bruder
    Hubert, dem Architekten, der einst den Turm des Temple erbaut
    hat.
    DER PROZESS
    Vom 14. September ab hatte der König Rundschreiben an alle
    seine Statthalter und Seneschalle gesandt. Sie durften erst im
    letzten Augenblick geöffnet werden und enthielten den genauen
    Zeitplan für die Aktion. Der Großsiegelbewahrer Gilles Aiscelin,
    Erzbischof von Narbonne, weigerte sich nach bestem Wissen und
    Gewissen, diesen Beschluß zu unterzeichnen, da er die rechtliche
    Souveränität der Templer verletze und somit gegen das Gesetz
    verstoße. Er wurde daraufhin sofort abberufen und durch Nogaret
    ersetzt. Dieser klärte zunächst die Rechtsseite. Um der Kirche
    gegenüber formal den Schein zu wahren, handelte der Staat auf
    66
    Verlangen des Großinquisitors von Paris, Guillaume Humbert.
    Der Großinquisitor war zwar ein Werkzeug des Königs, erließ
    jedoch seinerseits den Verhaftungsbefehl erst mehrere Wochen später
    als Philipp. Der Betrug war also offenkundig.
    Übrigens war diese Blitzrazzia nicht die erste ihrer Art. Im
    Jahre 1291 war man mit den lombardischen Bankiers genauso
    verfahren und 1306 mit den Rabbinern. Abgesehen von jeder
    moralischen Erwägung, muß man zugeben, daß der Erfolg dieser
    Aktionen für das administrative Genie Philipps des Schönen
    spricht. Vor ihm war der Begriff zentralistischer Staat ein leeres
    Wort. Jetzt setzt sich auf einen einzigen Wink von oben das
    Räderwerk in Bewegung.
    Doch Philipps agitatorische Begabung ist nicht geringer. Am
    14. Oktober, dem Tag nach der Aktion, beginnt er die öffentliche
    Meinung in sämtlichen Volksschichten zu mobilisieren. Während
    Nogaret in Notre-Dame eine informative Sitzung für die Staatsbeamten
    abhält, wird in den Gärten des königlichen Schlosses
    unter Trompetengeschmetter eine Volksversammlung einberufen.
    Die Teilnehmer sind nach Berufsgruppen geordnet. Erst ergreifen
    Dominikaner, dann die Leute des Königs das Wort, um die abscheulichen
    Verbrechen der Templer zu verkünden, die bisher
    noch nicht einmal verhört wurden. Kuriere verbreiten Schmähschriften
    im ganzen Land, mit denen die öffentliche Meinung
    vollends gewonnen werden soll. Eine richtige Pressekampagne,
    lange vor der Geburt Gutenbergs. Zur weiteren Sicherung seines
    Erfolges betätigt sich der König selbst als Journalist. Er findet
    aufreizende Worte: »Eine schmerzliche, beklagenswerte, unausdenkbare,
    unanhörbare, verabscheuungswürdige Angelegenheit,
    ein widerwärtiger, scheußlicher Frevel, eine grauenvolle Tat, eine
    unvorstellbare, völlig unmenschliche, ja, schlimmer noch, eine
    teuflische Infamie ist Uns durch den Bericht vertrauenswürdiger
    Personen zu Ohren gekommen und hat Uns mit tiefster Bestürzung
    erfüllt, hat Uns vor unsagbarem Entsetzen schaudern lassen.
    Als Wölfe im Schafspelz und im Ordensgewand, eine schwere
    Beleidigung Unseres Glaubens, kreuzigen die Templer in Unseren
    Tagen Unseren Herrn Jesus Christus aufs neue...«
    67
    Die Massen sind leicht zu gewinnen, da der große Reichtum der
    Ritter beim Volk keineswegs in Gunst steht.
    Gold und Silbers reicher Segen
    liegen auf der Templer Wegen
    heißt es in einem zeitgenössischen Werk, das ihren schlechten Ruf
    bezeugt.
    Doch in den besser unterrichteten Kreisen der Chronisten, der
    Journalisten jener Zeit, läßt man Skeptizismus durchblicken. Die
    einen wahren weise Zurückhaltung:
    ... Die Templer wurden allesamt
    gefangen durch des Königs Hand;
    Weiß nicht, obs Recht, obs Unrecht war...
    Die anderen aber erheben laut ihre Stimme gegen den Anschlag:
    Wißt, daß im Jahre eintausenddreihundertundsieben
    die mächtgen Templer wurden ins Gefängnis getrieben;
    Die Tapfren behandelt gar schnöde man:
    Die Ungläubgen, mein ich, sind schuld daran.
    Philipp der Schöne ein Ungläubiger? Das ist wenig wahrscheinlich.
    Hierzu äußert sich Sismondi recht geschickt: »Bei seinen Angriffen
    gegen die Päpste hätte man ihn für einen Freigeist gehalten;
    allein seine Intoleranz bewies seine Orthodoxie.«
    In jedem Fall beweist die absolut moderne Taktik des Königs
    und Nogarets, daß sie die Volksmeinung zunächst zum Sieden
    bringen und dann damit argumentieren wollen, um dem, was man
    heute als »sofortige diplomatische Schritte« bezeichnen würde, zuvorzukommen.
    Diese lassen auch nicht auf sich warten.
    Vom Rechtsstandpunkt aus konnte nur der Papst die Anweisung
    zur Verhaftung der Templer geben. Und er allein kann sie
    verurteilen. Wenn man nun zu der vollendeten Tatsache der Verhaftung
    noch eine zweite schafft, nämlich das Eingeständnis der
    Ketzerei, hätte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
    Einerseits wird es sich Clemens V. zweimal überlegen, bevor er
    den Großinquisitor von Paris desavouiert und Männer verteidigt,
    68
    die ihre Verbrechen gestanden haben. Und wenn andererseits die
    Templer erwiesenermaßen Ketzer sind, gilt ihr Besitz nicht mehr
    als kirchliches Eigentum und fällt somit auch nicht an den Papst,
    sondern an den König zurück. Diese sehr realistischen Erwägungen
    erklären sowohl den Inhalt der Anklageschrift wie die Eile,
    Geständnisse zu erhalten, wie schließlich auch die dabei zumeist
    angewandten Mittel.
    Man legt den Templern vier schwerwiegende Vergehen zur
    Last. Sie stehen im Vordergrund des ganzen Verfahrens und lösen
    eine Kontroverse aus, die sich in sechs Jahrhunderten noch nicht
    erschöpft hat:
    1. Geheime Aufnahmezeremonien, begleitet von Verunglimpfung
    des Kreuzes, der Verleugnung Christi und verräterischen
    Küssen.
    2. Auslassung des Segens bei der Messe.
    3. Verehrung eines Götzenbildes, für sie das Abbild des wahren
    Gottes, an den allein man glauben soll.
    4. Erlaubnis, sogar Empfehlung, »widernatürliche Verbrechen«
    zu begehen, das heißt Homosexualität.
    Seltsam genug für Mönche – nicht etwa die Anklagen wegen
    Ketzerei, die direkt zum Scheiterhaufen führen, sondern die vergleichsweise
    milderen, fleischliche Sünden begangen zu haben,
    werden von der überwiegenden Mehrzahl der Templer am schärfsten
    abgeleugnet. Dennoch üben sie gerade in diesem Punkt die
    größte Zurückhaltung. Ein zeitgenössischer Kirchenhistoriker
    schreibt tatsächlich, ohne mit der Wimper zu zucken: »Alle Kinder
    sagen frei und unumwunden zueinander: Hütet euch vor den
    Küssen der Templer.«
    Trotzdem bekennen sich unter Hunderten von Angeklagten
    nur zwei, nämlich Guillaume de Varnage und Raoul de Taverney,
    zu dieser »Lieblingssünde«. Der erste erklärt einigermaßen naiv,
    man habe ihm die jüngsten der Novizen überlassen, »damit der
    Orden im Hinblick auf Frauen nicht entehrt werde«. Der zweite
    sagt vernünftiger: »Man muß das wegen des heißen überseeischen
    Klimas dulden.«
    69
    In der Frage der sittlichen Verfehlungen geht die Anklageschrift
    übrigens noch weiter. Man überlegt, ob die Verfasser sich
    von ihrem grimmigen Humor oder von krankhafter Phantasie
    hinreißen ließen, wenn man zum Beispiel den Artikel 10 liest:
    »Ein von einem Templer und einer Jungfrau (denn die Ritter
    waren zweifellos Eklektiker) gezeugtes neugeborenes Kind wird
    am Feuer gesotten und gebraten, sein ganzes Fett ausgelassen, und
    mit ebendemselben wird ihr Götzenbild gesalbt und geweiht.«
    Das sei wirklich zuviel? Man muß diese Frage wohl verneinen.
    Denn noch im letzten Jahrhundert ging der Metropolit von Moskau
    gegen andersgläubige religiöse Sekten mit denselben Mitteln
    vor. Das hat einen Historiker der Templer, Loiseleur, zu der
    Schlußfolgerung geführt, nicht das zaristische Rußland sei mittelalterlich,
    sondern die Anklageschrift des Inquisitors Guillaume
    Humbert wohlbegründet...
    Wie immer dem sei, knapp zehn Tage nach dem Fischzug hat
    Humbert eine wahre Flut von Geständnissen zur Verfügung; darunter
    das des Großmeisters Jacques de Molay. Dieser hat öffentlich
    vor einer Versammlung von Professoren und Studenten der
    Sorbonne bekannt, man habe ihn bei seiner Aufnahme in den
    Orden dazu veranlaßt, Christus zu verleugnen und auf das Kreuz
    zu spucken. Er selber habe zahlreiche Novizen in ähnlicher Weise
    aufgenommen. Mehrere hohe Würdenträger des Temple erklärten
    dasselbe, und weder die einen noch die anderen scheinen zu
    bereuen.
    Dennoch erschüttern diese Geständnisse Clemens V. nicht. Am
    27. Oktober schreibt er an den König: »Während Wir fern von
    Euch weilten, habt Ihr Hand auf die Brüder und Habe der
    Templer gelegt. Ihr seid soweit gegangen, sie ins Gefängnis zu
    werfen, und – dies ist der Gipfel der Bekümmernis – Ihr habt
    sie nicht wieder freigelassen. Man sagt sogar, Ihr hättet zu der
    Trübsal der Gefangenschaft noch ein weiteres Herzeleid gefügt.
    Wir glauben, Wir sollten letzteres, aus Schamgefühl für die Kirche,
    im derzeitigen Augenblick besser mit Stillschweigen übergehen.«
    Eine deutliche Anspielung auf die Folter, der viele Ritter unterworfen
    wurden.
    70
    Einige Tage später erhebt König Eduard II. von England Protest.
    Die Templer hätten in England einen ausgezeichneten Ruf,
    sagt er, und die Freveltaten, deren man sie bezichtige, seien unglaubhaft.
    Eduard fordert Gerechtigkeit für die Templer beim
    Papst, der ja in Aquitanien geboren und damit englischer Untertan
    ist.
    Clemens V. läßt es nicht bei seinem entschiedenen Protest bewenden.
    Er entzieht den französischen Inquisitoren ihre Vollmachten,
    verlangt die Auslieferung sämtlicher Protokolle und
    beschließt, die Angelegenheit selber in die Hand zu nehmen. Für
    den König von Frankreich und seine Ratgeber kommt dieser
    Widerstand völlig überraschend. Er zwingt sie, ihre gesamten
    Pläne umzustoßen.
    Als Clemens V. Ende November 1307 anordnet, die Templer
    in ganz Europa zu verhaften, weiß er genau, was er tut. Dieser
    Befehl ist nur die logische Folge davon, daß der Heilige Stuhl
    die Angelegenheit in die Hand genommen hat. Er bedingt ja die
    Auslieferung der einzigen gefährdeten Ritter an den Papst –
    jener nämlich, die Philipp der Schöne gefangenhält. Übrigens handeln
    die Herrscher Europas nach Gutdünken. In England und
    Portugal zum Beispiel bleiben die Templer unbehelligt. Der Orden
    versteht sich bekanntlich ausgezeichnet auf die Winkelzüge
    der Politik. Er ist sich keine Minute im unklaren über den eigentlichen
    Sinn der päpstlichen Verfügung. Überall tauchen die Ritter
    alsbald wieder auf. In Spanien verschanzen sie sich bewaffnet in
    der Festung Monzon. In Deutschland fordert Wallgenfer, der
    wilde Graf«, an der Spitze einer Gruppe von entschlossenen
    Templern von einem Provinzialkonzil die Freilassung der Ordensmitglieder
    und erhält sie auch. In Frankreich schließlich
    widerrufen Jacques de Molay und seine Gefährten ihre Geständnisse.
    Doch Philipp der Schöne ist nicht gewillt, auf ein Vorhaben zu
    verzichten, das er von langer Hand vorbereitet und beschlossen
    hat und das in seinen Augen die Staatsräson gebietet. Seine Gefangenen
    dem Papst überantworten? Unmöglich, es sind ihrer zu
    viele, und der Papst hat nicht genügend Gefängnisse. Ein trotz
    71
    seiner Kaltschnäuzigkeit unwiderlegbares Argument. Tatsächlich
    sind allein in Paris 666 Templer verhört worden. Da ihm geeignete
    Unterbringungsmöglichkeiten fehlen, muß der Papst bald
    auf seine Forderung verzichten. Die Templer sind zwar von jetzt
    an Gefangene der Kirche, verbleiben aber trotzdem in der Obhut
    des Königs. Gleichzeitig entfesselt Philipp eine »Pressekampagne«
    gegen Clemens V. Im ganzen Land werden Schmähschriften verbreitet,
    die den Nepotismus des Papstes aufs schärfste brandmarken.
    Das ist durchaus berechtigt. Clemens hat tatsächlich seinen
    sämtlichen Angehörigen, ob nah oder weitläufig verwandt, zahllose
    kirchliche Pf runden zuteil werden lassen. Und schließlich wendet
    sich der König, wie immer bei wichtigen Anlässen, an das
    Volk. Im Mai 1308 beruft er die Generalstände in Tours ein. Die
    meisten Adligen erscheinen nicht. Doch der eindeutig gallikanisch
    eingestellte Klerus und der dritte Stand, der sich über den Reichtum
    des Templerordens empört, fordern eine exemplarische
    Strafe.
    Mit diesen verschiedenen Druckmitteln ausgerüstet, begibt sich
    der König nun nach Poitiers, wo Clemens V. residiert. Es folgen
    zahllose Sitzungen und Beratungen. Einen Monat lang bringen
    Philipp und seine Ratgeber abwechselnd Versprechungen und
    Drohungen vor: »Wenn Ihr Euch darauf versteift, Ausflüchte zu
    machen«, erklären sie dem Papst, Werden Wir in einer anderen
    Sprache mit Euch reden müssen.« Zudem sind neben dem Widerruf
    der Würdenträger des Ordens Hunderte von aufrechterhaltenen
    Geständnissen vorhanden.
    Doch Clemens gibt wider alles Erwarten nicht nach. Auf Grund
    des ihm vorliegenden Materials kann er den Templerorden nicht
    übereilt verurteilen. Was die Geständnisse angeht, »ist er des
    öfteren zu der Auffassung gelangt, sie seien nicht zutreffend«.
    Also wird er persönlich zweiundsiebzig Templer verhören. Und
    was die Würdenträger des Ordens betrifft – den Großmeister
    Jacques de Molay, den Generalvisitator Hugues de Pairaud, die
    Befehlshaber von Zypern, Aquitanien und der Normandie, Raimbaud
    de Caron, Godefroy de Gonneville und Geoffroy de Charnay
    –, da der König erklärt, er habe sie wegen ihres schlechten
    72
    Gesundheitszustandes nicht nach Poitiers bringen lassen, wird der
    Papst sofort Kardinale entsenden, die sie in ihrem Gefängnis, dem
    Wachturm von Chinon, verhören sollen.
    Von nun ab – es ist Sommer 1308 – beginnt das in unseren
    Augen größte Rätsel dieses unbegreiflichen Prozesses. Was haben
    die zweiundsiebzig Templer, die Clemens V. persönlich in Poitiers
    vernimmt, ihm enthüllt? Man weiß es nicht – die Originalprotokolle
    dieser Verhöre liegen in den Geheimarchiven des Vatikans.
    Tatsache ist jedoch, daß der Papst, nachdem er sie gehört hat,
    seine Haltung völlig ändert. Er gibt den französischen Inquisitoren
    die entzogenen Vollmachten zurück, überstellt dem König von
    Frankreich wieder die paar Gefangenen, die in den Verliesen der
    Kirche waren, und beschließt, in Vienne, in der Dauphiné, ein
    Konzil einzuberufen, das über den Templerorden zu Gericht sitzen
    soll.
    Das Verhalten der Templer ist nicht minder seltsam. Molay,
    Pairaud und ihre Gefährten, die ihre Geständnisse in dem Augenblick
    widerrufen hatten, als sie erfuhren, daß die Kirche sich des
    Falles annähme, wählen genau den Moment, in dem die drei Kardinale
    nach Chinon kamen, um sich erneut schuldig zu erklären.
    Entsetzt lesen ihnen die Legaten die Aussagen nochmals vor und
    ermahnen sie, wohl zu überlegen, ehe sie diese unterzeichnen – sie
    unterzeichnen.
    Philipp wiederum macht sich die Kehrtwendung des Papstes
    zunutze und ergreift erneut die Initiative. Sorgfältig wählt er die
    Inquisitoren aus und läßt die Gefangenen foltern, wobei sechsunddreißig
    sterben. Nun erklären sich immer mehr Templer für
    nichtschuldig und treten für den Orden ein: 122 im März 1309,
    546 im April, 573 im Mai... Diese Haltung spricht durchaus für
    ihren Mut, denn die Strafprozeßordnung der Inquisition ist mehr
    als verschlungen. Sie berechtigt die Untersuchungskommissionen,
    die Aussagen der Angeklagten abzuändern, »um sie besser mit der
    Wahrheit in Einklang zu bringen«. Doch sie verbietet den Angeklagten,
    unter der Folter so viel einzugestehen, daß man sie für
    »rückfällig« halten könnte, also für Ketzer, die in ihre Irrtümer
    zurückverfallen sind und somit den Scheiterhaufen verwirkt
    73
    haben. Kraft dieser durchsichtigen Schlußfolgerung werden am
    13. Mai 1308 vierundfünfzig Templer bei lebendigem Leibe in
    Paris verbrannt.
    Während eines weiteren Jahres folgen Geständnisse, Widerrufe,
    erneute Geständnisse in unbeschreiblichem Durcheinander.
    Im Juni 1311 wird die Untersuchung für abgeschlossen erklärt.
    Die Protokolle werden dem Papst übermittelt, der jetzt in Avignon
    residiert.
    Endlich, am 10. Oktober 1311, wird in Vienne das geplante
    Konzil eröffnet. Man verspricht sich viel von der öffentlichen Verhandlung,
    die endlich Licht in den mysteriösen Fall der Templer
    bringen soll. Manche unvermutete Wendung ist zu erwarten.
    Die kommt nun allerdings, aber keineswegs wie erwartet. Clemens
    V. erhebt sich bereits in der ersten Sitzung und verliest die
    Bulle »Vox Clamantis«, die er verfaßt hat. Ist der Titel ein
    Wortspiel, so ist der Text eine Pirouette: »Nicht ohne Gram und
    tiefen Schmerz, nicht durch Gerichtsbeschluß, sondern kraft
    apostolischer Verfügung heben Wir den Orden der Templer und
    alle seine Einrichtungen auf.« Eine öffentliche Verhandlung ist
    damit hinfällig geworden. Das Konzil wendet sich anderen Fragen
    zu: Schaffung weiterer Freudenhäuser im Vatikan, Ernennung
    eines Erzbischofs in Peking...
    Wenn der Templerorden unschuldig ist und die ihm zur Last
    gelegten Verbrechen nicht begangen hat, warum verzichtet dann
    Clemens, der zunächst dem Orden so wohlgesinnt war, darauf,
    ihn zu verteidigen? Ist der Orden aber schuldig, warum löst er
    ihn auf, ohne ihn zu verurteilen? Unschuldig oder schuldig –
    warum weicht das Oberhaupt der Kirche der versprochenen Verhandlung
    aus?
    Die meisten Historiker deuten diese schwankende Haltung nur
    als Beweis der Schwäche, wenn nicht Feigheit des Papstes angesichts
    der wiederholten Anwendung von Druckmitteln durch
    Philipp den Schönen. Nun haben wir gesehen, daß Clemens zwar
    ein Taktiker, jedoch weder schwach noch feige ist. Und seine
    Widerstandskraft dem König von Frankreich gegenüber ist keineswegs
    erschöpft. So verhindert er nach Erledigung des Templer74
    falles zum Beispiel, daß der Kandidat, den Philipp mit allen Mitteln
    durchsetzen will, deutscher Kaiser wird.
    Im Gegenteil – die Haltung von Clemens V. wirkt durchaus
    unbeeinflußt. Einesteils läßt er neun Templer, die auf dem Konzil
    erschienen sind, um den Orden vor der Öffentlichkeit zu verteidigen,
    ins Gefängnis werfen. Andererseits behält er sich im
    gleichen Augenblick, entgegen der Forderung des Königs, vor,
    selber das Urteil über die Würdenträger des Templerordens zu
    sprechen.
    Grundsätzlich erscheint aber jede Zwischenlösung unmöglich,
    denn die Templer sind der klaren, eindeutigen Ketzerei angeklagt.
    Wären es nur einige gewesen, hätte man ohne weiteres die
    Schuldigen bestrafen können, ohne den ganzen Orden aufzulösen.
    Wenn sich aber der gesamte Orden der Ketzerei schuldig gemacht
    hat, wie es die Anklage behauptet, ist seine Verurteilung unumgänglich.
    Nun läßt es sich Clemens V. angelegen sein, eine Verhandlung
    über den eigentlichen Kern des Falles unbedingt zu vermeiden.
    Der Grund für seine Handlungsweise kann nur der sein, daß er
    einer öffentlichen Enthüllung gewisser Geheimnisse des Templerordens,
    die er in Poitiers erfahren hat, ausweichen will.
    Diese Geheimnisse machen es ihm zwar unmöglich, weiterhin
    offen für den Orden einzutreten. Sie hindern ihn jedoch nicht,
    diesem eine Verurteilung wegen Ketzerei zu ersparen. Ihm bleibt
    die Chance, den Sturm zu überstehen und ein mehr oder minder
    verborgenes Dasein fortzuführen.
    Am Montag, dem 18. März 1314, stand Philipp, die Ellbogen
    aufgestützt, an seinem Fenster im Louvre und wartete gelassen
    auf das Nachspiel zu der größten politischen Aktion seiner Regierungszeit.
    Seinem Palast gegenüber, auf der Ile du Bouvier – dem heutigen
    Square du Vert-Galant – errichteten seine Soldaten einen
    Scheiterhaufen. Er war für drei hochstehende Persönlichkeiten bestimmt:
    Jacques Bernard de Molay, zweiundzwanzigsten Großmeister
    des Tempelritterordens, einst der mächtigste in Europa
    75
    und dem Heiligen Land, Geoffrey de Charnay, Großpräzeptor
    der Normandie, und vermutlich einen dritten Würdenträger, über
    dessen Identität aus unbekannten Gründen stets Ungewißheit
    geherrscht hat. [8]
    Die drei Männer schienen das Feuer direkt heraufbeschworen
    zu haben. Am selben Morgen hatte Clemens V. drei Legaten entsandt,
    die das Urteil sprechen sollten. Sie hatten die Templer mit
    dem Leben davonkommen lassen. Bei der Verlesung des Urteils
    widerriefen die drei Angeklagten ihr vorheriges Geständnis und
    bekannten sich dann abermals schuldig. Ein klägliches Schauspiel.
    Plötzlich kam eine nochmalige Kehrtwendung, und sie beteuerten
    wiederum ihre Unschuld. Der Kardinal dAlbano konnte daraufhin
    nur noch die Achseln zucken. Er begriff überhaupt nichts mehr,
    nur daß ihn jetzt das Gesetz verpflichtete, die Angeklagten der
    weltlichen Rechtsprechung zu überantworten, vor der er sie gerade
    bewahren wollte. Als rückfällige Ketzer hatten sie selber ihr
    Todesurteil gesprochen. Allein der Generalvisitator Hugues de
    Pairaud, der – wie mehrere Zeugen bekundeten – »den Geheimriten
    am leidenschaftlichsten ergeben war«, bewahrte Schweigen
    und schien sich an die Hoffnung zu klammern, man werde ihn
    eines Tages freilassen. Er mußte sein Leben im Gefängnis beschließen.
    Bei bedeutenden Anlässen findet sich immer ein Reporter. An
    jenem Abend war es der Dichter und Chronist Geoffroy von
    Paris.
    »Als der Großmeister den aufgeschichteten Scheiterhaufen sah«,
    berichtet er, »entkleidete er sich ohne Zögern. Ich erzähle es, wie
    ich es gesehen habe. Er ging ganz nackt weiter, schnell und gefaßt,
    ohne im geringsten zu zittern, obwohl man ihn heftig stieß und
    zerrte. Man packte ihn, um ihn an den Pfahl zu binden, und man
    band ihm die Hände mit einer Schnur, aber er sagte zu seinen
    Henkern: ›Laßt mich doch wenigstens die Hände falten, denn das
    ist wohl der rechte Augenblick dafür. Ich werde bald sterben.
    Gott weiß, daß es zu Unrecht geschieht. Bald wird Unglück über
    die kommen, die uns ungerecht verurteilen. Mit dieser Gewißheit
    sterbe ich. Ich bitte euch, dreht mein Gesicht Notre-Dame zu.‹
    76
    Seine Bitte wurde erfüllt, und der Tod ereilte ihn in dieser Stellung
    so sanft, daß jeder sich darüber höchlichst verwunderte.«
    Einen Monat später, am 20. April, starb Clemens V. in Rochemaure
    in der Provence. Wenn man den alten Chroniken glaubt,
    so stimmt es, daß er seit langem ein Steinleiden hatte und daß
    Arnold von Villanova, den man eiligst herbeirief, Schiffbruch erlitt,
    bevor er an sein Krankenlager gelangen konnte. Das Standbild
    Clemens V. ist heute noch im Vorhof der Kathedrale von
    Bordeaux zu sehen. Vor langer Zeit haben unbekannte Täter die
    rechte Hand abgeschlagen, wie es einst Vatermördern geschah.
    Im selben Jahr beschieß Philipp der Schöne seine Tage in Fontainebleau.
    Auf der Jagd stürzte er durch ein Wildschwein vom
    Pferd. Dem alten Brauch gemäß trugen die Salzhändler den Sarg
    des Königs bis zur Grabstätte. Philipp hatte das sechsundvierzigste
    Lebensjahr noch nicht vollendet.
    DER SCHATTEN EINES ZWEIFELS
    Bisher ist von Geschichte die Rede gewesen. Jetzt wäre das Kapitel
    der Legende aufzuschlagen.
    Es handelt sich dabei zwar immer noch um Geschichte, jedoch
    diesmal um die geheime. Der Volksglaube, »alles spiele sich hinter
    den Kulissen ab«, ist ebenso kindlich, wie es naiv wäre zu leugnen,
    daß viele der großen historischen Unternehmungen sich im verborgenen
    vorbereitet haben und mitunter, nach ihrem Scheitern,
    auch dorthin zurückgekehrt sind. Unsere Zeit liefert dafür genügend
    Beispiele.
    Man geht von den bekannten Tatsachen aus und stellt sich vor,
    was dabei verborgen geblieben sein mag. Auf die Templer angewandt,
    hat uns diese Methode ebenso verführerische wie willkürliche
    Thesen beschert. Wir wollen uns nicht auf diesem Geleis
    festfahren. Die geheime Geschichte der Templer ist in sich so
    faszinierend, daß man auf die Würze der Fabel verzichten kann.
    77
    Man ist zu der Mutmaßung genötigt, daß eine solche Geschidite
    existiert, da uns die offiziellen Unterlagen die gesuchten Erklärungen
    versagen. Der Tempelritterorden, ein seit über sechshundert
    Jahren erloschenes Gestirn, sendet uns nur noch ein bleiches
    Licht. Um zu erfahren, woraus er bestand, muß man die
    Strahlen dieses Gestirns mittels einer Spektralanalyse untersuchen.
    Allerdings darf man sich dann nicht wundern, wenn diese etwas
    anderes enthüllt als das, was wir mit bloßem Auge wahrgenommen
    haben.
    Wurden die Templer Opfer eines Anschlags, oder waren sie
    wirklich schuldig? Je genauer man die Einzelheiten des Prozesses
    kennt, desto schwieriger wird es, diese Frage zu beantworten.
    Und wenn man – wie der Verfasser – einige hundert der zahllosen
    Abhandlungen liest, die sich mit diesem historischen Rätsel
    befassen, wird es nur noch unergründlicher.
    Wir haben gesehen, welche gewichtigen finanziellen und politischen
    Beweggründe beim Sturz des Templerordens mitsprachen,
    und wie hartnäckig Philipp der Schöne intrigierte, um sein Ziel zu
    erreichen. Bei der Lektüre der Anklageschrift sträubt sich der gesunde
    Menschenverstand. Wie kann man annehmen, ein geistlicher
    Orden habe jedes seiner neuen Mitglieder gezwungen, bei
    Ablegung des Gelübdes auf das Kreuz zu spucken, Christus zu
    verleugnen und ein Götzenbild zu verehren?
    Um so mehr, als diese Praktiken nicht die Ausnahme, sondern
    die Regel darstellten und aus einer weit zurückliegenden Zeit
    stammten, wenn man dem Prozeß glauben will. Und ist es, selbst
    im zutreffenden Fall, vorstellbar, daß sich unter Tausenden von
    Novizen kein einziger gefunden haben sollte, der nach der Zeremonie
    seine Empörung öffentlich hinausschrie? Zweifellos bekräftigten
    Hunderte von Geständnissen die Anklage. Doch die
    häufige Anwendung der Folter ist ebenfalls erwiesen. »Ich bin
    so viel gefoltert, so viel verhört und so viel ans Feuer gehalten
    worden, daß das Fleisch an meinen Fersen völlig verbrannt ist
    und die Knochen bald darauf abgefallen sind«, sagt zum Beispiel
    der albigensische Templer Bernard du Gué. »Ja, ich habe einige
    dieser Verfehlungen bekannt, ich gestehe es«, überbietet ihn der
    78
    Burgunder Aimery de Villiers-le-Duc. »Doch das geschah unter
    der Folter. Ach! Ich habe zuviel Angst vor dem Tod. Bevor ich
    mich verbrennen ließe, würde ich nachgeben.« Man könnte noch
    viele solcher Aussprüche anführen. Aufschreie des Herzens, alle
    von gleichermaßen erschütternder Aufrichtigkeit, mit denen die
    Templer ihre Geständnisse begründeten. Sie verleihen den Widerrufen
    volles Gewicht.
    Erschien überdies die Anklage glaubhaft und die Geständnisse
    aufrichtig, so fragt man sich, warum der Papst, der dem König
    von Frankreich viel verdankte, ihnen so lange nicht im mindesten
    Gehör schenkte. Und schließlich ist allgemein bekannt, daß die
    Affäre der Templer im 18. und 19. Jahrhundert zu den wirksamsten
    Waffen einer antiklerikalen Bewegung gehörte, welche die
    katholische Kirche damals heftig befehdete. Wenn der Tempelritterorden
    schuldig war, hätte der Vatikan leicht und schnell
    parieren können, indem er aus seinen Archiven die Beweise für
    diese Schuld hervorholte. Er hat jedoch nichts dergleichen getan.
    Alle diese Argumente wurden hundertmal wiederholt. Sie sind
    sehr einleuchtend und trotzdem nicht unwiderlegbar.
    Die Inquisition beschränkte sich nicht darauf, die Folter zu
    dulden. Sie befürwortete sie sogar. So schrieb beispielsweise der
    Verfasser eines Handbuches für Inquisitoren: »Der Notar muß
    nicht nur alle Antworten und alle Worte, die der Angeklagte
    unter der Folter ausspricht, niederschreiben, sondern auch alle
    seine Seufzer, alle seine Schreie, all sein Ächzen und alle seine
    Tränen.« [9] Um Geständnisse zu erhalten, empfiehlt derselbe
    Verfasser, den Angeklagten mit einem Seil an die Decke zu ziehen,
    ihn dann wieder herunterfallen zu lassen, ihm die Gliedmaßen zu
    verbrennen, nachdem man sie zuvor mit öl eingerieben hat, seine
    Fersen in einen eisernen Schraubstock zu spannen, ihm mit »kleinen
    Spießruten in Pfeifenform« die Fingerknochen zu brechen.
    Die Bräuche der Zeit – haben sie sich dermaßen verändert? –
    waren hart. Doch das galt nicht nur für die Henker. Ihrer Erbarmungslosigkeit
    entsprach – und auch das hat sich nicht geändert
    – die Seelengröße vieler ihrer Opfer. Sechzig Jahre vor
    der Verhaftung der Templer stiegen dreihundert provenzalische
    79
    Ketzer in Monségur auf den Scheiterhaufen. Sie hielten sich an
    den Händen und sangen fromme Lieder, statt ihrem Glauben
    abzuschwören. Die Folter erklärt also nur teilweise die Geständnisse,
    mit denen die Templer so freigebig waren. Zudem wurden
    sie in Frankreich zwar häufig gefoltert, jedoch keineswegs immer.
    So erklärte der Großmeister Molay selbst bei seinem ersten
    Widerruf, er habe seine früheren Geständnisse nicht wegen der
    erduldeten Folter abgelegt, sondern nur aus Angst davor. Und
    schließlich wurden die Templer in England überhaupt nicht gefoltert,
    sondern erschienen freiwillig vor den päpstlichen Kommissionen.
    Allerdings waren die Geständnisse auch weniger zahlreich.
    Trotzdem gaben etliche Ritter zu, das gotteslästerliche Aufnahmezeremoniell
    entspräche der Wahrheit.
    Wenn andererseits nur die Folter alle Geständnisse erzwungen
    hatte, wie erklären sich dann die Vorbehalte, unter denen die
    meisten abgegeben wurden, und vor allem das bereits erwähnte
    leidenschaftliche, fast einstimmige Abstreiten homosexueller Verfehlungen?
    Und wieso dann nach den Widerrufen die neuerlichen
    Geständnisse – unter Voraussetzungen, die sich zugunsten der
    Angeklagten gewandelt hatten?
    Die Anklageschrift war vorgefertigt und stützte sich auf höchst
    suspekte Quellen – das stimmt. Aber heißt das nun, sie war völlig
    aus der Luft gegriffen? Unseres Wissens hat sich noch niemand der
    Aufgabe unterzogen, zu erklären, warum im Jahre 1208, das
    heißt ein Jahrhundert vor dem Prozeß, Papst Innozenz III., der
    den Templern immerhin wohlgesinnt war, an den Generalvisitator
    des Temple schrieb: »Die Verbrechen Deiner Brüder bereiten
    Uns tiefen Schmerz durch den Skandal, den sie innerhalb
    der Kirche verursachen. Die Ritter des Temple betreiben Teufelskult.
    Ihr Gewand ist nichts als Heuchelei.« Einige Jahre später
    nahm Papst Clemens IV. diese Beschuldigung auf: »Die Templer
    mögen sich hüten, Meine Geduld zu erschöpfen, auf daß die
    Kirche sich nicht gezwungen sieht, die strafwürdigen Taten, die
    bis zum heutigen Tage mit allzu viel Nachsicht geduldet wurden,
    einer genauen Prüfung zu unterziehen; denn dann gäbe es keine
    Barmherzigkeit mehr.«
    80
    Wie man sieht, halten sich in diesem geheimnisumwitterten
    Fall die gegensätzlichen Argumente die Waage. Was man auch
    sagen mag, es bleibt immer der Schatten eines Zweifels.
    Man ist nun versucht, die unfruchtbare Frage »unschuldig oder
    schuldig« aufzugeben und sie in neuer Form zu stellen. Einerseits
    verbietet die Folter, alle Geständnisse für wahr zu halten; andererseits
    aber sind nicht alle Geständnisse auf die Folter zurückzuführen.
    Weist das nicht darauf hin, daß hinter dem sichtbaren
    Wirken des Templerordens ein geheimes Leben existierte, dessen
    Regeln und dessen Sinn nur bestimmte, sorgfältig ausgewählte
    Mitglieder kannten? Und hatten diese Regeln, die dem Außenstehenden
    als schuldhafte Verirrung erschienen, für die Eingeweihten
    nicht tiefen Wert und tiefe Bedeutung? Man stellt sich
    diese Frage mit um so mehr Berechtigung, als die offiziellen
    Statuten des Ordens selber verkündeten: »Von unserem Leben
    seht ihr nur die Borke, die außen ist, doch ihr seht nicht die
    mächtigen Gebote im Innern.«
    Das Äußere des Templerordens in den zwei Jahrhunderten
    seiner Existenz haben wir gesehen. Wenn uns nun das Innere entgangen
    ist, so dürfte es angezeigt sein, die Geschichte des Ordens
    noch einmal mit anderen Augen zu lesen und dabei auch auf die
    geringfügigsten Einzelheiten zu achten ...
    GEOLOGIE DER GÖTTER
    Die Gegend, in der die ersten Kreuzfahrer an Land gingen, war
    wie keine zweite ein Schnittpunkt der verschiedensten Rassen und
    Glaubensbekenntnisse. Die bebaute Landfläche Kleinasiens ist
    nicht sehr groß. Zwischen den blühenden Tälern des Euphrat und
    Nil herrscht überall Dürre. Doch wie der Wüstenwind weht auch
    der Geist, wo er will. Und in diesem kleinen Gebiet hieß man die
    Götter freundlicher willkommen als anderswo.
    81
    Hier hatten die Menschen von Jahrhundert zu Jahrhundert
    dem Traum der Turmbauer zu Babel nachgejagt, eines Tages den
    Himmel zu erreichen und zu entschleiern. Hier hatten nacheinander
    die Chaldäer die Geheimnisse der Gestirne ergründet,
    die Juden vor Jehova gezittert, die Christen über die Kreuzigung
    Christi geweint, die Muselmanen sich Allah unterworfen. Ihre
    Tempel jedoch schienen alle aus Steinen erbaut, die von demselben
    Steinbruch stammten.
    Von den Religionen des Orients war die ägyptische die weitaus
    älteste. Alle anderen hatten bei ihr, der Viertausendjährigen,
    ewig Jungen, von allen Wirren der Geschichte Unberührten, Anleihen
    gemacht.
    Zur Zeit seiner Macht und Stärke hatten Ägyptens Götter
    friedlich ihren Einzug jenseits des Mittelmeeres gehalten. Und
    später eroberten die Königspriester aus Judäa, Persien, Alexander
    der Große, die Ptolemäer, Rom, Byzanz und schließlich die
    Araber zwar die Erde Ägyptens, doch der Himmel Ägyptens
    drückte jedem seinen Stempel auf.
    Auf den Trümmern Thebens, zwischen Karnak und Luxor,
    stand die Sphinx mit dem Widderkopf, Hüterin der Flußquellen.
    Sie war bereits alt wie die Zeit, als die Priester Ramses II. sie
    dem Knaben Moses zeigten. Später war es wiederum die Sphinx
    von Theben, die ödipus die zeitlose Frage stellte: »Woher
    kommt der Mensch? Was ist er? Wohin geht er?« Und die
    Mönche der ersten christlichen Jahrhunderte, die sich in Oberägypten
    ihren Meditationen hingaben, sahen ihr Antlitz vor sich.
    Thot, der Gott in Gestalt des Ibis, Fürst der geheimen Schriften,
    der das Auge des Horus [10] geheilt hatte, bürgerte sich in
    Griechenland unter dem Namen Hermes ein. Er entsandte jenen
    anderen, des Wortes mächtigen Widder, dessen berühmtes
    goldenes Vlies die Argonauten eroberten.
    Götter, die einander entthronten, neuauftauchende Götter
    hatten die Menschen in heftige Verwirrung gestürzt. Doch Osiris,
    der »unwandelbar Gute«, war da von Anbeginn, erlebte einen
    grausamen Leidensweg und dann die glorreiche Auferstehung,
    und Isis, die »Himmelskönigin«, beweinte und begrub ihn. [11]
    82
    Die Vorliebe für das Geheimnisvolle, für chiffrierte Schriften
    und rätselhafte Embleme, der Kult des Mysteriums, die scharfe
    Trennung von Adepten und Laien sind wohl die hervorstechendsten
    Züge der ägyptischen Religion. Den Tempel – Schloß
    genannt – darf nicht jeder betreten. Sorgfältig ausgewählte
    Gläubige können durch das von zwei Türmen flankierte Portal,
    den Pylon, bis in den Vorhof gelangen. Der Saal des Schiffes
    jedoch steht nur den Priestern offen, und allein der Oberpriester
    als Beauftragter des Gott-Königs Pharao hat Zugang zum Sanktuarraum,
    dem sogenannten Naos oder Saal des Schreines. [12]
    Die größten Geister der Antike begaben sich nach Ägypten,
    um alle diese Geheimnisse zu ergründen. Im 6. Jahrhundert vor
    Christus fuhr Pythagoras bekehrt nach Griechenland zurück.
    Offenbar inspirierten Osiris, der Gott des Maßes, und Isis, die
    Göttin der Natur, den berühmten Mathematiker zu seiner
    philosophischen Lehre, wonach die Zahl das Wesen der Dinge ist
    und das Weltall regiert. Der Einfluß des Pythagoras war so groß,
    daß der von ihm gestiftete halb religiöse, halb politische Geheimbund
    ein halbes Jahrhundert lang ganz Süditalien beherrschte.
    Nach seinem Tod wurde er als Halbgott, als Sohn des Hermes
    mit seinem goldenen Oberschenkel verehrt.
    Während seines Niedergangs kommt das Heidentum noch einmal
    auf seine ägyptischen Ursprünge zurück. Und von Anfang
    an betrachtet das Christentum die Götter Ägyptens als seine gefährlichsten
    Feinde. Im Jahre 380 befahl der christliche Patriarch
    von Alexandrien, Theophil, das Standbild des Osiris-Hapi abzureißen
    und versetzte ihm selber den ersten Axthieb, um »auf
    diese Weise das eigentliche Haupt des Götzendienstes abzuschlagen
    «, wie es Rufinus treffend formulierte. Doch der
    Götzendienst verbreitete sich trotzdem weiter. Von Rom aus bis
    nach Gallien und Germanien verehrte das Volk »Isis, die Jungfrau,
    der ein Sohn geboren ist«. [13] Im 2. Jahrhundert verfiel
    der Philosoph und Dichter Apulejus – wie zuvor Pythagoras und
    Herodot – dem Zauber der Göttin. Ende des 4. Jahrhunderts
    zogen Isis-Prozessionen durch die Straßen der Ewigen Stadt,
    während sich in Alexandrien, mittlerweile wissenschaftliches und
    83
    kulturelles Zentrum der Welt, der ägyptische Einfluß auf die
    jüdischen Kabbalisten und die christlichen Gnostiker ebenso stark
    bemerkbar machte wie später auf die mohammedanischen Schiiten.
    Dieser kurze Querschnitt durch die Religionsgeschichte erleichtert
    das Verständnis für den Unterschied zwischen der
    geistigen Atmosphäre Kleinasiens im Mittelalter und der des
    katholischen Abendlandes. In einer Gegend, die Mittelpunkt eines
    ständigen Austausches zwischen Völkern und Ideen war, sperrte
    man sich hartnäckig gegen jede Einengung durch eine allzu strikte
    Orthodoxie. Judentum, Griechentum, Christentum, Islam existierten
    nebeneinander, ohne daß eine Lehre wirklich dominierte
    Die typisch orientalische Vorliebe für endlose, spitzfindige Diskussionen
    trug dazu bei, daß im Gegenteil von Byzanz bis
    Alexandrien über Jerusalem und Damaskus die verschiedenartigsten
    Strömungen sowie die ausgefallensten Sekten wuchsen
    und gediehen.
    In einem solchen Klima wurde der Anspruch jeder Religion,
    sie allein bringe die volle, ganze Wahrheit, schon seit langem
    skeptisch beurteilt. Man hatte hier eine endlose Reihe von Propheten
    vorüberziehen sehen, die einander verdrängten und die
    Menschen dazu veranlaßten, sich gegenseitig umzubringen. Viele
    Weise lehrten, ohne es laut von den Dächern zu verkünden, die
    verschiedenen Kirchen, die sich oft mit der Waffe bekriegten, seien
    nur die blind gewordenen Splitter eines Spiegels. Dieser Spiegel
    habe in grauer Vorzeit die unteilbare Wahrheit gezeigt, sei aber
    durch die Torheit der Menschen zerbrochen worden. Insgeheim
    und geduldig bemühten sie sich – wem sie auch Gehorsam gelobt
    haben mochten –, in vielfältigen Glaubenbekenntnissen das unberührte
    Bild des Gottes, den man in Stücke geschlagen hatte,
    wiederzufinden. Sie wußten, daß die Worte »Heilige Schrift«
    und »Hieroglyphen« gleichbedeutend sind. Deshalb hielten sie
    sich auch nicht beim Buchstaben der Bibel, des Evangeliums oder
    des Korans auf, in ihren Augen einfache Allegorien, deren verborgener
    Sinn zu ergründen war.
    Doch es tat nicht gut, dergleichen offen auszusprechen. Denn
    84
    Fürsten und Klerus hatten einen festen Rückhalt in den Dogmen
    und vernichteten erbarmungslos jeden, der es wagte, diese anzuzweifeln.
    Zudem hielt jeder, der die Wahrheit zu ahnen glaubte,
    es für geboten, sie sorgfältig zu hüten, damit ihr furchtbares Licht
    kein fremdes Auge unvorbereitet blenden könnte. Die Suche nach
    der Wahrheit war eine königliche Jagd des Geistes und nur den
    Auserwählten vorbehalten. Das niedere Volk mußte sich mit ein
    paar mageren Brocken der Beute begnügen.
    Zu Ende des Römischen Reiches gab es eine Million Juden in
    Alexandrien. Damals schuf ein vielleicht legendärer Rabbi namens
    Simon bar Jochai ein phantastisches algebraisches System. Mit
    dessen Hilfe errechnete er die Allmacht Gottes, indem er erklärte,
    daß 3 und 1 niemals vier ergäben. Die Kabbala war geboren.
    Das Wort Kabbala bedeutet in den semitischen Sprachen Tradition
    und Rechnung zugleich. [14] Gott ist mit unseren unzureichenden
    Begriffen nicht meßbar, lehrte Rabbi Simon. Er offenbart
    sich uns nur durch seinen Namen. Wer aber den Namen Gottes
    kennt und versteht, besitzt den Schlüssel zu allen Dingen der
    Schöpfung.
    Jedem der zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets
    entspricht zugleich eine Zahl und ein Begriff. [15] Nun besteht
    der Name Gottes im hebräischen aus vier Buchstaben: Iod,
    Hé, Vau, Hé. [16] »Die Allmacht Gottes ist im ersten, sein Abglanz
    im zweiten, er äußert sich durch den dritten und befruchtet
    sich durch den vierten.« Das Geheimnis der Dreifaltigkeit: ein
    einziger Gott in drei verschiedenen Manifestationen laßt sich also
    auf eine algebraische Formel zurückführen. Und da »Gott seine
    Welt in den drei Formen der Schrift, der Zahl und des Wortes
    erschaffen hat«, ist eben diese Formel unbegrenzt anwendbar.
    Von vier Buchstaben, vier Zahlen und vier Begriffen ausgehend,
    die alle anderen erzeugen, wollen die Kabbalisten nun den Aufbau,
    die Prinzipien und Gesetze des gesamten Weltalls erklären.
    Sie stellen es sich als lebendes Abbild des lebenden Gottes vor, das
    auf jeder Stufe enthält: 1. das männliche Prinzip, 2. das weibliche
    Prinzip, 3. beider Erzeugnis und 4. die Gesamtheit der drei.
    Dieses System mag einfach und sogar simplifizierend erschei85
    nen. In Wirklichkeit aber sind die kabbalistischen Buchstaben und
    Zahlen zu Synonymen von erschreckender Kompliziertheit geworden.
    Die Einführung der Mathematik in den Bereich des göttlichen
    Mysteriums ist ja gleichbedeutend damit, daß das göttliche
    Mysterium in den Bereich der Mathematik eingeführt wird. Gott
    ist Dreiheit und Einheit zugleich, doch ergeben diese Trinität und
    Einheit zusammengenommen nicht vier. In einer Welt, wo alles
    eine Manifestation Gottes und alles Zahl ist, vereinfacht dieses
    Postulat die Berechnung keinesfalls. Zum Beispiel: Drei beliebige
    Punkte grenzen eine vierte Sache ab, die ein Plan ist. Ein Vater,
    eine Mutter, ein Sohn bilden eine vierte Sache, die eine Familie ist.
    Unter einem bestimmten Aspekt ist 4 immer und überall gleich 3,
    unter einem anderen führt sie immer und überall zur Einheit. [17]
    Wie eine Familie niemals sichtbar ist, da man nur die Mitglieder
    sieht, aus denen sie besteht, ebenso hat schließlich für den
    Kabbalisten jede Zahl zwei Werte: einen offensichtlichen und
    einen geheimen. [18] All dies vorausgesetzt, beziehen drei kabbalistische
    Methoden – die Gematria, das Notariqon und die
    Temurah, eine Paarung von Algebra und Philologie – Zahlen,
    Buchstaben sowie umgewandelte und umgestellte Worte in einen
    wahren Hexensabbat von Zusammensetzungen, Gleichsetzungen
    und Umsetzungen ein, dessen Regeln ebenso verwirrend wie unumstößlich
    sind.
    Unter solchen Perspektiven ist die Heilige Schrift nicht nur ein
    allegorischer Text, sondern darüber hinaus ein verschlüsseltes
    Dokument, bei dessen Lektüre man sich hüten muß, den Kopf zu
    verlieren. Tatsächlich kann kein vernünftiger Mensch glauben,
    daß Adam beispielsweise mit hundertdreißig Jahren Seth zeugte
    und dann weitere achthundert Jahre lebte; daß Seth mit hundertfünf
    Jahren Vater wurde und im Alter von neunhundertzwölf
    Jahren starb, und so weiter bis zu Noah über den Rekordhalter
    Methusalem, der neunhundertneunundsechzig Lenze erreichte.
    Die Kabbalisten interpretieren diese langen Genealogien der Bibel
    jedoch als Einteilungen der Zeit, und diese Männer mit den seltsamen
    Namen, die im hohen Alter andere zeugen, als Zahlen, die
    andere erzeugen. Wie man sieht, findet sich hier ein Lieblings86
    gedanke der griechisch-römischen Antike wieder: nomen, numender
    Name ist ein Zeichen. [19]
    Im Jahre 1945 stieß ein Fellache aus dem Dorf El Dabbah bei
    Luxor mit der Pflugschar auf einen großen Tonkrug, der entzweiging,
    wobei zahlreiche alte Pergamente am Boden verstreut
    wurden. Statt damit ein Feuer zu machen, hatte der Fellache
    den glücklichen Einfall, sie für ein paar Groschen an einen Altertumsforscher
    zu verkaufen. Heute befassen sich die Gelehrten der
    ganzen Welt mit diesen altehrwürdigen Blättern, die im 3. und
    4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in koptischer Sprache geschrieben
    wurden. Es sind die heiligen Schriften der Gnostiker.
    Einer ihrer Lehrer, Simon Magus, wollte Sankt Petrus an Wundertaten
    überbieten. Er könne wie ein Vogel fliegen, erzählte man
    sich von ihm. Seine Lehre verführte mehrere Kirchenväter, die
    dann als Ketzer verurteilt wurden.
    Unter den Handschriften von El Dabbah ähneln die »Offenbarungen
    des Thot-Hermes« den »Geheimen Evangelien des Thomas
    und Philippus«. Die altägyptische Religion hat durch Pythagoras
    den Hellenismus und durch die Kabbala das Judentum
    beeinflußt, dasselbe wiederholt sich jetzt durch die Gnostiker
    beim neuerstandenen Christentum.
    Einzelheiten ihrer Lehre sind schwer zu erfahren. Denn die
    Gnostiker umgaben sich wie ihre Vorgänger, die Ägypter, gern
    mit einem undurchdringlichen Geheimnis. In den »Offenbarungen
    des Thot-Hermes« steht: »Dies ist die Schrift, die in sich birgt die
    Stimme und den Namen, die vom Gedanken und von der grenzenlosen
    Macht kommt. Deshalb wird sie versiegelt, verborgen
    und eingehüllt in das Haus.« [20]
    Das wenige, das von dieser Lehre bekannt ist, entzieht sich
    durch seine überspitzten, dunklen Gedankengänge jeder Analyse.
    Dennoch haben die Religionswissenschaftler aus der verwickelten
    gnostischen Glaubenslehre einige große Züge herausgeschält:
    1. Die Trinität Vater-Sohn-Heiliger Geist ersetzen die Gnostiker
    durch die Dreiheit Vater-Mutter-Sohn. Das Vaterprinzip
    87
    ist das Absolute. Es ist nicht zu definieren, ist überall und nirgends,
    man kann es weder erkennen noch auch nur denken. Die Mutter
    ist Sophia (die Weisheit). Sie ist das weibliche Prinzip des Heiligen
    Geistes, »die ohne Begattung zeugt«, die Mittlerin zwischen
    Gott und der Welt. Der Sohn schließlich ist der Erlöser. Hier
    liegt die schärfste Kontroverse zwischen Gnosis und Christentum.
    Denn für die Gnostiker ist die Vorstellung eines Mensch gewordenen
    Gottes ein blasphemischer Unsinn. Entweder war Jesus
    ein Mensch und somit nicht der Erlöser, oder er war der Erlöser
    und somit kein Mensch. Mit den Worten eines bedeutenden Sachkenners
    »begegnet man also in der Gnosis wieder dem Kult der
    göttlichen Frau, der Mutter, des ewig weiblichen Prinzips. Man
    wird zurückgeführt zu der alten ägyptischen Trinität des Vaters,
    der Mutter (Isis) und des Sohnes«. [21]
    2. Diesem Gott, der die übernatürliche Weltordnung geschaffen
    hat, losgelöst von Zeit und Raum und damit allein vollkommen,
    unterstellen nun die Gnostiker einen anderen, eine Art Statthalter
    des ersten, aus dem er hervorgegangen ist: den Demiurg, häufig
    Luzifer genannt, Gesetzgeber des Kosmos, Fürst dieser Welt. [22]
    3. Für die Gnostiker ist es nicht der Glaube, der erlöst, sondern
    das Wissen. Voller Verachtung blicken sie auf das Volk herab,
    das Opfer von Dogmen und Allegorien, mit seinem »Köhlerglauben
    « und streben nach der erlösenden Erkenntnis: der Gnosis,
    dem geheimen Schatz der auserwählten Eingeweihten.
    Bevor wir nun das Labyrinth der religiösen Strömungen im
    Vorderen Orient weiter erforschen und die Spur der Kreuzfahrer
    wiederaufnehmen, schalten wir einige interessante Ausführungen
    von Matila Ghyka ein:
    »So entstanden zugleich die Hermetik und die Kabbala, unauflöslich
    verbunden mit der Gnosis durch gemeinsame Aszendenz.
    Es sind die drei Gesichter – das ägyptische, jüdische und hellenistische
    – ein und derselben Gottheit.
    An der Schwelle des christlichen Zeitalters ist der strahlende
    alexandrinische Mikrokosmos ein wahrer Garten der Hesperiden
    für Metaphysik und Religionen, für Systeme und Riten. Von diesem
    Mittelpunkt zweigen die großen Wege des Denkens sowie
    88
    die dunklen Laubengänge der Sekten ab. Und vor ihm erhebt sich
    schützender als je zuvor der königliche Baum der reinen Philosophie.
    Ein Duft von Mysterien weht durch diesen Garten. Wie Thot-
    Hermes ist Demeter-Ceres ins Land der schwarzen Erde [23]
    zurückgekehrt, ist wieder zu Isis geworden, der ›duftenden Königin,
    in Linnen gekleidet‹. Sie hat sich, wie ihr Gefährte, erstaunlich
    verjüngt. Beider Bereich ist wieder die Magie und das beschwörende
    Wort.
    ›Kein Sterblicher hat je erfahren, was unter meinem Schleier
    sich verbirgt‹, sagte die Isis der Antike, die Göttin der Mysterien
    und der geheimen Riten. Die alexandrinische Isis hält in ihrer
    Handfläche die Frucht vom Baum der Erkenntnis, läßt den
    Schleier herabgleiten und erscheint, nach Ambra duftend und eingehüllt
    in makelloses Leinen – Göttin der Fruchtbarkeit, Ursprung
    und Inbegriff allen Lebens.
    Die junge christliche Kirche erkennt sofort in der alexandrinischen
    Gnosis den Feind. Sie weiß um den Reiz, um die Verlockung,
    die all diesen dunklen, magischen Dingen anhaftet. Die
    Bewegung wird scheinbar zur Vernichtung verurteilt. Wir werden
    jedoch sehen, daß sie ein zähes Leben besitzt und mit ihren Schwestern,
    der Kabbala und der Hermetik, im esoterischen Schatten
    weiterwandelt, wie es auch ihrer Herkunft entspricht. Von Jahrhundert
    zu Jahrhundert wird ihr rituelles und ideologisches Erbe
    weitergereicht, das nicht zum geringsten Teil aus pythagoreischen
    Riten und Symbolen besteht.« [24]
    Legen wir die dicken Bücher beiseite und nehmen wir nun die
    erste beste Illustrierte vor. Wir sehen das vertraute Gesicht eines
    Mannes, der die Chronik der großen Welt mit Stoff versorgt:
    Aga Khan. Ein Rennstall, schwere Sportwagen, ein Harem von
    Filmstars, ein Millionenregen. Wir erinnern uns dunkel, daß er
    in Pakistan eine Art Papst ist, daß er seinen Reichtum aus den
    Scherflein seiner Anhänger, der Ismaeliten, bezieht. Und daß er
    diese Gelder weit weg von ihnen für zweifellos sehr »pariserische«
    Vergnügungen ausgibt, deren geistiger Wert jedoch nicht unbedingt
    in die Augen springt. Keinesfalls kann man sich vorstellen, daß
    89
    die Vorfahren des Aga Khan in die geheime Geschichte des
    Templerordens verwickelt sein könnten. Und trotzdem...
    Die Sekte der Ismaeliten wurde um das Jahr 760 gegründet,
    nachdem der Imam Djafar AI Sadik zugunsten eines jüngeren
    Sohnes seinen legitimen Erben Ismael von der Nachfolge ausgeschlossen
    hatte. Er warf ihm vor, trotz des Verbotes durch den
    Koran Wein getrunken zu haben. Doch das Sprichwort »in vino
    veritas« war älter als der Koran, und seine Liebe zu der göttlichen
    Flasche schadete dem Ansehen Ismaels keineswegs – im Gegenteil.
    Sein Name wurde zum Banner derjenigen Islamiten, die
    glaubten, der Buchstabe töte, der Geist aber belebe. Sie leugneten
    seinen Tod. Ismael wurde für sie eine Art von Messias, der verborgene
    Imam, der auf Erden der Gleichheit zum Sieg verhelfen
    sollte. Zum großen Ärgernis der mohammedanischen Geistlichkeit,
    die lehrte, der Koran sei Mohammed Wie ein einziges
    Wort« diktiert worden, gaben die ismaelitischen Missionare, die
    von Persien bis nach Syrien predigten, dem heiligen Buch eine
    allegorische Interpretation.
    Um die Mitte des 11. Jahrhunderts gründeten die ismaelitischen
    Schiiten eine politisch-religiöse Geheimgesellschaft: die Assassinen.
    Pythagoras hatte das bereits lange vor ihnen getan, und die
    Templer folgten etwas später. Geraume Zeit führte man diesen
    Namen zu Unrecht auf das Haschisch zurück, das die Assassinen
    vielleicht zu sich nahmen, um sich in einen visionären und zugleich
    kriegerischen Seelenzustand zu versetzen. So tranken sie auch als
    erste Kaffee, um die langen Nachtwachen durchzuhalten, die sie
    der Meditation widmeten. In Wahrheit aber bezeichneten sich
    die Assassinen als Wächter des Heiligen Landes [25], eines rein
    allegorischen Heiligen Landes, eines mystischen Gebirges, das auf
    keinem Atlas zu rinden ist und das in ihren Augen die Erdachse
    darstellte.
    Zur Zeit der Kreuzzüge bildeten die Assassinen innerhalb des
    Islams einen geheimen Ritterorden, der in Asien einen ebenso
    beträchtlichen politischen und religiösen Einfluß ausübt wie der
    Templerorden innerhalb des Christentums. An ihrer Spitze steht
    der Scheich El Djebel – der Alte vom Berge. Der erste Alte vom
    90
    Berge, Hassan Sabah, hatte im Iran in Alamont eine Festung erbauen
    lassen, in der er – wie man erzählte – fünfunddreißig
    Jahre lebte, ohne sein Zimmer zu verlassen, »bis auf zweimal, wo
    er auf die Terrasse ging«. Doch trotz dieser Zurückgezogenheit
    ließ der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner Unbeugsamkeit
    gefürchtete Mann, dem alle Mitglieder des Ordens blinden Gehorsam
    schuldeten, ganz Kleinasien seine Macht spüren. In Alamont
    hatte er ein Observatorium und eine gewaltige Bibliothek
    mit wissenschaftlichen und philosophischen Werken eingerichtet.
    Größtenteils bestand sie aus alchimistischen Handschriften. Im
    13. Jahrhundert wurde sie von den Mongolen verbrannt.
    Die Lehre der Assassinen entspricht in ihrer Art der Hermetik,
    der Kabbala und der Gnosis, sie ist nur in noch höherem Maße
    abstrakt. Das enthebt uns der Aufgabe, uns über dieses System zu
    verbreiten, das mehr philosophisch als eigentlich religiös ist. In
    seinem Mittelpunkt stehen – von einer geheiligten Aureole umgeben
    – die Zahlen und die Berechnung, denen eine Fülle von
    geheimen Bedeutungen innewohnt. Diese islamische Kabbala gewann
    in dem größten Dichter des mittelalterlichen Islams, dem
    berühmten Omar Chajjam, einen leidenschaftlichen Anhänger.
    Verständlicherweise mußte eine solche Weltanschauung geheim
    bleiben. Als um 1250 der dritte Alte vom Berge, Hassan II., so
    unvorsichtig war, sie zu popularisieren, und dabei sogar sämtliche
    Kultbräuche, die er der Eingeweihten für unwürdig befand, abschaffte,
    wurde er von seinem eigenen Schwager erdolcht. Die
    orthodoxen Mohammedaner beseitigten die Assassinen vollends,
    denen sie seit langem vorwarfen, sie unterhielten zu gute Beziehungen
    zu den Juden und den Christen.
    Aufbau und Hierarchie des Ordens der Assassinen sind identisch
    mit denen der Templer, ihren Zeitgenossen. Bei beiden gab
    es sechs Rangstufen. Auch die Kleidung der beiden Orden glich
    sich erstaunlich. Templer wie Assassinen trugen den weißen, rot
    verzierten Mantel. Bei den Templern war es das Kreuz, bei den
    Assassinen der Gürtel.
    Kabbalisten, Gnostiker, Assassinen... Eine wesentliche Tatsache
    zeichnet sich bei diesem kurzen Überblick zumindest ab.
    91
    Während die Kreuzzüge den schwankenden Glauben des katholischen
    Abendlandes gegen die monolithische Sicherheit des mohammedanischen
    Orients verteidigen und beide Seiten vom Kampf
    erschöpft sind, gibt es auf demselben Schlachtfeld geistige Strömungen,
    die in ihrem religiösen Symbolismus einander zuinnerst
    verwandt sind. Für sie besteht der eigentliche Gegensatz nicht
    zwischen Juden, Christen und Mohammedanern, sondern nur
    zwischen dem, der glaubt, und dem, der weiß, zwischen dem Profanen
    und dem Eingeweihten.
    UND AUF DIESEN FELSEN...
    Auf der schwarzen Erde des Nils wuchs noch eine andere Blume,
    deren Duft mehr als einem zu Kopf gestiegen ist: die Alchimie.
    Im 3. nachchristlichen Jahrhundert ist sie in Ägypten entstanden.
    Die ersten alchimistischen Schriften wurden in Theben, der
    Heimat des Widders, aufgefunden. [26] Ihr erster Apologet,
    Zosimos von Panapolis, lebte in Alexandrien. Und ihr erster
    Märtyrer, Synesios, wurde gleichfalls in Alexandrien von den
    Christen gelyncht. Mit dem ersten Verbot belegt wurde sie durch
    einen Erlaß des Diokletian. Er bestimmte, daß sämtliche Bücher,
    die sich mit der Transmutation der Metalle befassen, zu vernichten
    sind.
    Jede okkulte Lehre behauptet bei ihrer Entstehung gern von
    sich, sie beruhe auf einer uralten Tradition und sei göttlichen Ursprungs.
    Zosimos berichtet von Engeln, die, von der Liebe zu
    Frauen ergriffen, auf die Erde herabstiegen, Riesen zeugten, die
    Menschen alle Geheimnisse der Natur lehrten und niemals wieder
    in den Himmel zurückkehren durften. [27] Zunächst waren die
    ägyptischen Priester die einzigen Mitwisser dieser Geheimnisse,
    die Juden jedoch entlockten sie ihnen und verbreiteten sie unter
    den Völkern.
    Andere Schriftsteller berufen sich auf die Lehre des Hermes
    92
    Trismegistos. Zwei Legenden und eine Behauptung: die Alchimie
    ist eine Tochter der ägyptischen Priesterschaften, und Thot-
    Hermes steht hier nur als Symbolfigur.
    Die alexandrinische Alchimie stand zwei Jahrhunderte lang in
    Blüte. Dann wurde sie durch die Intoleranz der Kirche gezwungen,
    im Verborgenen weiterzuleben. Doch die Kopten ließen sie
    wieder ans Tageslicht treten und verbreiteten die Lehre. Zu
    Beginn des 7. Jahrhunderts wurde Prinz Khalid, der in Ägypten
    regierte, der erste mohammedanische Adept. Ihm folgten viele
    andere, der berühmteste ist Avicenna. Noch weitere zweihundert
    Jahre war der Islam – vor allem in den Assassinen – der einzige
    Erbe der Tradition, Byzanz ausgenommen, wo die Alchimie langsam
    dahinsiechte. Von Ende des 10. Jahrhunderts ab jedoch suchten
    und fanden einige wenige Europäer die Verbindung zu ihr,
    zunächst über Spanien, später über Sizilien.
    Jeder glaubt zu wissen, was Alchimie ist – die Suche nach dem
    sagenhaften Stein der Weisen, mit dessen Hilfe man jedes Metall
    in Gold verwandeln kann.
    Die Wirklichkeit ist weniger einfach und weniger klar. Wir
    können hier nur kurz darauf eingehen.
    Die Alchimie ist Technik, Gnosis, Askese in einem. Sie hat ein
    dreifaches Ziel: Metalle umwandeln, die Geheimnisse der Natur
    ergründen, den Alchimisten selber verwandeln. Diese drei Aspekte
    sind für die Verkünder der Lehre untrennbar. Sie gehen ohne
    weiteres von einem zum anderen über, beschreiben sowohl den
    geistigen Entwicklungsgang des Adepten in chemischen Begriffen
    als auch die chemischen Prozesse in einer verhüllt religiösen
    Sprache. Man darf sich von dieser Doppelbödigkeit nicht irreführen
    lassen. Der Alchimist ist weder einfacher Praktiker noch rein
    spekulativer Forscher. Salpetersäure, Schwefelsäure, Alkohol,
    Antimon und viele andere Entdeckungen, die der Alchimie zu
    verdanken sind, beruhen nicht auf Absicht oder Erkenntnis.
    Die Alchimie entstand in den Werkstätten der Metallurgen, der
    Glasbläser, der Töpfer, der Färber, die ihre Arbeitsmethoden so
    eifersüchtig hüteten, daß manche für immer verlorengingen. [28]
    93
    Aus diesen empirischen Kenntnissen wird sehr bald eine umfassende
    doktrinäre, einheitliche und vitalistische Synthese.
    Zu Anfang steht das »große Mysterium«, das ursprüngliche,
    ungeteilte Ganze, das in seinem Wesen alle virtuellen Kräfte in
    seiner Unendlichkeit alle Augenblicke enthält. Es ist in zwei Substanzen
    polarisiert: einer positiven, aktiven, männlichen, geistigen
    (das Feuer, das »fiat lux« der Genesis, der »große Baumeister«)
    und einer negativen, passiven, weiblichen, materiellen (die »Urmutter
    «, die Wasser der Genesis). Das männliche Prinzip befruchtet
    das weibliche und ordnet so das Chaos zum Kosmos. Der Kosmos
    ist ein lebendiges Wesen, ein gewaltiger Organismus. Er
    besteht aus Schwefel (Geist, Form, aktives Prinzip), aus Quecksilber
    (Materie, Substanz, passives Prinzip) und aus Salz (Verbindung
    von beiden, Lebensatem, Bewegung) [29]. Jedes dieser
    Teile und der Teile dieser Teile bis ins Unendliche ist nun seinerseits
    ein kleines Universum nach dem Abbild des großen, wie dieses
    Geist, Materie und Leben in einem. [30] Die Welt ist also
    in ihren verschiedenen, veränderlichen Formen eins und ewig. Der
    Alchimist bezeichnet die verschiedenen Zustandsformen der Materie
    als Element: fester Zustand (Erde), flüssiger (Wasser), gasförmiger
    (Luft), feuriger (bewegliches Feuer) und schließlich strahlende
    Energie (ständiges Feuer).
    Das ursprüngliche Eine steht außerhalb der Zeit und enthält
    alles, was gewesen ist, was ist und was sein wird. Es gibt also,
    genaugenommen, keine Schöpfung, oder vielmehr ist diese Schöpfung
    kontinuierlich, ihr Ablauf ist überall und immer gleich, für
    die Teile wie für das Ganze. Der Alchimist versucht also keineswegs,
    neue Körper zu erschaffen. Seine Arbeit gilt nur dem Ziel,
    die Materie ihrer spezifischen Eigenschaften zu entkleiden, sie auf
    ihre Substanz zurückzuführen oder, umgekehrt, dieser Substanz
    neue Formen zu geben. Deshalb nennt man ihn auch Färber, da
    er nur das Aussehen des Stoffes, nicht aber dessen Zusammensetzung
    verändert, oder auch »Färber des Mondes«, [31] denn er
    »färbt«, d. h. verwandelt Silber in Gold.
    In der Tat »sind die Metalle alle einander ähnlich in ihrer Substanz
    und unterscheiden sich nur durch ihre Formen« (Albertus
    94
    Magnus) und streben natürlicherweise der vollkommenen Form
    ihrer Gattung zu, dem Gold. Wenn er die unedlen Metalle in edles
    Gold, die »kranken« in »gesunde« verwandelt, beschleunigt der
    Alchimist nur einen natürlichen Prozeß.
    Die Transmutation von Metallen ist lediglich ein besonderer
    Fall, ein erstaunliches Experiment. Die Alchimie ist »die Kunst,
    mit der Natur zu arbeiten, um sie zu vervollkommnen« (Dom
    Antoine-Joseph Pernety), sie aus sich selbst heraus weiterzuentwickeln
    und in ein fortgeschrittenes Stadium zu überführen. Die
    Prozesse, mit deren Hilfe der Alchimist in der kleinen Welt seines
    Laboratoriums gewissermaßen das Werk des »Großen Baumeisters
    «, der den Kosmos erschaffen hat, wiederholt, erfordern tiefes,
    umfassendes Verständnis für die Naturgesetze. Umgekehrt jedoch
    wird dieses Verständnis dadurch noch vertieft und verleiht ein
    praktisches Können, das weit über die Herstellung von ein paar
    Unzen Gold hinausgeht. Der Stein, der das kranke Metall heilt,
    kann auch Panazee sein, das Lebenselixier, der Jungbrunnen, der
    das Leben vervollkommnet und erhält. Der Alchimist glaubt, er
    könne die groben Elemente sublimieren und sie subtiler, ja sogar
    unsichtbar machen. Warum sollte er nicht auch davon träumen,
    sein eigenes Fleisch zu sublimieren, ein »verklärter Leib« zu werden,
    unverweslich zu sein, sich unsichtbar machen und schnell von
    einem Ort zum anderen begeben zu können usw.? Manche Adepten
    glaubten, ein Gegenstand, der seine materielle Substanz verloren
    hat, könne in einer unsichtbaren Zustandsform verharren,
    man könne ihm aber seine Substanz zurückgeben und ihn auf
    diese Weise wieder erscheinen lassen. Für sie ist es also möglich,
    den Ablauf der Zeit umzukehren, den Duft der Rose wieder mit
    frischen Blütenblättern zu umkleiden und die Erinnerung an
    einen Toten mit einem jungen Körper...
    Schließlich galt die Umwandlung der Materie dem Ziel, den
    Alchimisten selber zu verwandeln. Wenn er das »magnum opus«,
    das große Werk, vollbracht und dabei das Göttliche, das jedem
    Menschen innewohnt, frei gemacht hat, wird der Alchimist zu
    einem jener Wächter«, von denen der Prophet Daniel spricht:
    »Hauet den Baum um und behaut ihm die Äste... Doch laßt den
    95
    Stock mit seinen Wurzeln in der Erde bleiben; er aber soll in
    eisernen und ehernen Ketten auf dem Felde im Grase und unter
    dem Tau des Himmels liegen... Solches ist im Rat der Wächter
    beschlossen und im Gespräch der Heiligen beratschlagt...« [32]
    Seine Weisheit wird sich dann ebenso von der der anderen Menschen
    unterscheiden wie das Wachen vom Schlaf. Nun, da jenes
    symbolische dritte Auge der Klarsicht, das jeder Mensch als Anlage
    in sich trägt, geöffnet worden ist, wird der »gekrönte« Alchimist
    wahrhaft »wie Gott«, wie es die Schlange im Paradies
    verheißen hatte.
    Nach Auffassung des Alchimisten war ja jeder Teil des Kosmos
    für alle anderen verantwortlich und nicht von ihnen zu trennen.
    Deshalb gründete er auch seine Hoffnungen, seine über jedes Maß
    hinausgehenden Ziele zu verwirklichen, auf die praktischen Versuche
    in seiner Werkstatt. Und deshalb war auch alles wichtig für
    seine Arbeit: die Reinheit der Seele wie die Ausmaße des Laboratoriums,
    die Konstellation der Gestirne wie die Form und die
    Proportionen der Instrumente, die er übrigens stets selbst verfertigte.
    Der Weg der alchimistischen Erkenntnis ist lang, mühevoll, von
    Versuchungen und Fallstricken gesäumt. Ihn zu gehen, erfordert
    ungewöhnliche Energie und Mut. Deshalb wird der Adept auch
    oft mit Herkules verglichen, der den gefesselten Prometheus
    befreit.
    Neben allen übrigen Tugenden braucht der Alchimist noch
    Geduld und Scharfsinn. Nicht von ungefähr haben die Alchimisten
    zur Symbolisierung ihres Werkes die Argonauten-Sage gewählt.
    Wir wollen uns diese schöne Geschichte noch einmal kurz vergegenwärtigen.
    Phrixos, der Ahnherr der Phrygier, und seine Schwester Helle
    flohen vor ihrer Stiefmutter nach Asien auf einem Widder mit
    goldenem Vlies, dem Hermes die Gabe des Wortes verliehen hatte
    und der höher flog als ein Adler. Unterwegs stürzte Helle ins
    Meer – nach ihr wurde der Hellespont benannt –, doch Phrixos
    langte in Kolchis, am Schwarzen Meer, an. Er opferte den Wid96
    der dem Zeus und schenkte das Vlies dem König des Landes, der
    es an einer Ulme auf einem dem Kriegsgott Ares geweihten Feld
    aufhängen ließ. Ein Drache bewachte das Vlies, das seinen Besitzer
    glücklich, weise, mächtig und reich machen sollte.
    Der Grieche Jason faßte den Plan, das Goldene Vlies zu erobern.
    Er rüstete ein Schiff aus, die Argo. [33] Die berühmtesten
    Helden bildeten die Mannschaft: die Dioskuren: Kastor, Sohn
    eines Sterblichen, und Pollux, Sohn eines Gottes; Theseus, Herakles,
    Orpheus usw... Nach einer abenteuerlichen Reise gelangten
    sie nach Kolchis. Der König des Landes konnte Jason nicht abhalten,
    sein Glück zu versuchen, er legte ihm aber übermenschliche
    Prüfungen auf. Er mußte zwei Stiere mit ehernen Hufen zähmen,
    sie vor einen diamantenen Pflug spannen, das Feld des Ares
    umpflügen, die Drachenzähne aussäen, aus denen Riesen entsprossen,
    die er bekämpfen mußte. Doch Jason gefiel der Tochter
    des Königs, Medea. Sie verstand sich auf Zauberei und schenkte
    ihm einen Stein, der bewirkte, daß die Riesen einander umbrachten
    und der Drache gezähmt wurde. So eroberte Jason das Goldene
    Vlies. Das weiße Schiff der Argonauten kehrte nun nach
    Griechenland zurück. Pallas Athene erhob es in den Himmel –
    es wurde zum Sternbild Argo ...
    Es gibt nichts Dunkleres als eine Abhandlung über Alchimie.
    Die Verfasser benutzen alle möglichen Mittel, um ihre Lehre zu
    verschleiern und die Laien irrezuführen: Hieroglyphen, Symbolsprache,
    Mythen und Allegorien aus der griechisch-römischen
    Antike, der Bibel, der Folklore usw. Sie bedienen sich der Kryptographie,
    von der einfachsten (Anagramme, Wortspiele) bis zur
    kompliziertesten (Geheimalphabete, Umstellung von Buchstaben,
    verdeckte Wortteile). Die Chiffrierkunst des Militärs und der
    Diplomatie hatte ihre Vorläufer in den Alchimisten – so zum
    Beispiel der berühmte Großkanzler von England, Francis Bacon,
    oder Blaise de Vigenère, dessen System heute noch in der französischen
    Armee verwandt wird. Einige Alchimisten setzten ihre
    Geheimnisse in die Bildsprache um. Das »Liber Mutus« von
    Soulat des Maretz oder »Traité symbolique de la pierre philoTafel
    V: Das Wappen des Templerordens (oben). – … unter der Erde vier
    Bauwerke, darunter die berühmte Kapelle. Nationalarchiv, (unten)
    Tafel VI: Die unterirdische Kapelle Sainte-Cathérine, wie sie Lhomoy beschreibt,
    mit ihren Statuen und Kisten. Plan von 1696; Privatarchiv (oben). – Der Plan
    nach den Angaben Lhomoys: 13 Statuen, 19 Sarkophage, 30 Kisten . . . (unten)
    97
    sophale« (Symbolische Abhandlung über den Stein der Weisen)
    von Conrad Barchusen etwa bestehen aus Bilderrätseln, die man
    entziffern muß, wenn man etwas über die im Laboratorium angewandten
    Methoden erfahren will. Dann gibt es die Siegel
    und Pentagramme, mehr oder minder abstrakte Schemata, die
    ohne Schlüssel nicht zu verstehen sind. Und schließlich sind die
    Geheimnisse des Steins der Weisen in den Steinen selber verborgen.
    Skulpturen in manchen Kirchen, Ornamente an manchen
    Wohnhäusern haben die Ketzerverbrennungen überlebt. [34]
    Denn die Heilige, die Königliche Kunst der Alchimie sollte nur
    einer sehr beschränkten Anzahl von Würdigen vorbehalten bleiben.
    Selbst der berühmte Nicolas Flamel – aus dem Vexin stammend
    wie François Villon – soll vierundzwanzig Jahre vergebens
    gesucht haben, bis er den richtigen Weg fand. [35]
    Nun war die Alchimie aber nicht nur aus Büchern zu erlernen.
    Man mußte durch einen Lehrer in ihre Geheimnisse eingeweiht
    werden, und diese wiederum waren schwer zugänglich, auch wenn
    die Schüler von weit her zu ihnen gepilgert kamen. Sie mußten
    ja die niedrigen, gewöhnlichen Naturen abweisen, die nur an das
    Gold dachten, und die Gottlosen fernhalten, die, einmal im Besitz
    des Geheimnisses, die Welt ins Chaos gestürzt hätten.
    In das geheime Laboratorium des Alchimisten kann man nur
    einen Blick durchs Schlüsselloch werfen.
    Zwei Wege gab es für den Alchimisten: den Landweg, sozusagen
    die »trockene Methode«, und den Wasserweg, die »feuchte
    Methode«. Über die erste weiß man nichts. Manche behaupten,
    sie sei sehr alt, manche, sie sei eine späte Erfindung. Sie wird auch
    »priesterlicher Weg« oder Weg der Demütigen« genannt. Keine
    Abhandlung spricht von ihr, daher gilt sie als zweifelhaft. Sie
    wurde nur durch mündliche Überlieferung weitergegeben und hat
    übrigens mehr als einem vermessenen Alchimisten das Leben gekostet.
    Die »feuchte Methode« wurde mit der Schiffahrt verglichen.
    Im Athanor [36] – auch »Kosmischer (Alchimistischer) Ofen« genannt
    und durch einen Turm symbolisiert – wurde eine hermetisch
    verschlossene Glasretorte erhitzt. Darin befand sich die
    98
    prima materia. Diese Retorte, in der das große Werk reifte, wurde
    meist das »Philosophische Ei« oder auch »Gefängnis des Kükens«
    genannt.
    Doch vor der Umwandlung war eine Reihe von komplizierten
    Operationen notwendig. Das quecksilberhaltige Wasser oder
    »feile Frau«, das mit arsensauren Salzen verfälscht war, mußte
    geklärt werden: es wurde zu Tau oder Weihwasser, Jungfrau
    oder Mond, bildlich dargestellt durch Diana. Nun folgten mehrere
    Bäder, in die »Mann« und »Frau«, oft König und Königin, getaucht
    wurden, die jeweils Schwefel und Quecksilber darstellten.
    Jede Hausfrau kennt das Wasserbad. Keiner aber weiß, daß es
    von einer weiblichen Alchimistin erfunden wurde, von Maria,
    der Jüdin.
    Die Materie mußte ferner verdunsten, dann wieder kondensiert
    werden. Dieser langwierige Prozeß erforderte Monate, sogar
    Jahre, in denen der Alchimist an seinen Ofen gefesselt war – in
    alchimistischen Texten heißt er »Gefangener seines Turmes« –,
    denn jede Operation konnte nur im günstigen Augenblick vorgenommen
    und mußte mehrmals wiederholt werden. Oft wird
    diese lange Arbeit mit der Jagd verglichen. Ihre beiden Komponenten
    werden dabei jeweils zum Hirsch und zum Einhorn – der
    fliehende Hirsch, dessen Herz schließlich den Hunden zum Fraß
    vorgeworfen wird [37], und das Fabeltier Einhorn, das nur eine
    Jungfrau fangen kann. [38]
    Aus der durch Läuterungs- und Auflösungsprozesse gewonnenen
    Materie erhielt der Alchimist nun nach vierzig Tagen den
    berühmten Stein der Weisen. Während dieses letzten Kapitels des
    »Großen Werkes« nahm die Materie nacheinander vier Farben
    an: schwarz, weiß, regenbogenfarbig und schließlich rot. Sie
    würde Rabe, Taube und Pfau und dann erst rot, sagte man.
    Danach konnte endlich der Stein oder »Karfunkel« zutage gefördert
    werden. Er wurde durch ein Kind symbolisiert oder durch
    einen Delphin, oft auch durch eine Rose.
    Schließlich »vervielfachte« man den Stein zu »einem Pulver aus
    violettem Rubin, sehr schwer, durchsichtig, glänzend, flüssig und
    leicht löslich«.
    99
    Warf man ein viertel Gran dieses Pulvers in den Schmelztiegel,
    so verwandelte man anscheinend 2000 bis 18 000 Gran unedlen
    Metalles durch eine Art Kettenreaktion in Gold. [39]
    Es gibt Zeugen, wie Saint Vincent de Paul und Spinoza [40],
    die behaupten, sie hätten mit eigenen Augen eine Transmutation
    gesehen. Nach Nicolas Flamel versichern große Ärzte,
    wie Helvetius und Johann Baptist van Helmont und später Tifferau
    in einem Memorandum an die französische Akademie der
    Wissenschaften (1855), sie selber erfolgreich vorgenommen zu
    haben. Andere jedoch, wie der Deutsche Heinrich Cornelius
    Agrippa von Nettesheim, ein Freund von Rabelais und Historiker
    Karls V., der sein ganzes Leben der Alchimie gewidmet hatte,
    gestanden im Alter ihre Niederlage ein.
    Wenn man sich nun mit vieler Mühe durch ein Gestrüpp von
    Rätseln hindurchgearbeitet und die Rezepte aus den alten Abhandlungen
    entschlüsselt hat, bleibt das »Große Werk« trotzdem
    noch in sein Geheimnis gehüllt, da man nichts über die berühmte
    prima materia erfährt, mit der man arbeiten muß. »Man gewinnt
    sie aus dem Geschlecht der Isis«, sagen mehrere Verfasser. »Man
    findet sie im Feuerstein«, versichern andere. Doch was ist dieser
    »vegetabilische Stein«, dieser »Krötenstein«, dieser »Grünspan«,
    mit dem alles beginnt? »Sie ist ebenso geheim wie gewöhnlich«,
    äußert sich ein alter Alchimist orakelhaft über die prima materia.
    »Alle kennen sie, alt und jung, arm und reich. Sie kostet nichts als
    die Mühe, sie aufzuheben und kann von einem Kind präpariert
    werden.« Nicolas Flamel schildert sie als »Dreck«, sogar als
    »Mist«. Und dennoch führt nur über sie der Weg in das »Gelobte
    Land«, über dieses am besten gehütete Arkanum der Alchimie. [41]
    Wir haben so ausführlich von der Alchimie gesprochen, weil sie
    vom 11. bis zum 16. Jahrhundert unter den zahlreichen Geheimlehren
    den wichtigsten Platz einnimmt. Ihre Symbolik und Allegorien
    sind nicht nur den Sekten geläufig, sondern auch den meisten
    Chronisten, Schriftstellern, Künstlern und gehören zum
    wesentlichen Bestandteil der Kultur.
    Am nächsten aber standen den Alchimisten die Baumeister.
    Rühmten sich nicht beide einer Königlichen Kunst, arbeiteten sie
    100
    nicht beide mit dem Stein? Beider Ehrgeiz ist darauf gerichtet, das
    Werk des »Großen Baumeisters« zu begreifen und nachzuahmen.
    Das gewaltige Gebäude der katholischen Kirche ruht auf einem
    Wortspiel Christi: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich
    bauen meine Gemeinde.« Die Juden verehrten den Stein von Lus
    oder Bethel, wo Jakob von der Himmelsleiter träumte. In der
    Kaaba zu Mekka berühren die Mohammedaner den schwarzen
    viereckigen Stein, von dem aus der Prophet in den Himmel entrückt
    wurde. Auf Zypern stand ein schwarzer Stein, an dem man
    zu Astarte betete ... Die erste Aufgabe des Baumeisters wie des
    Alchimisten besteht darin, den Grundstein für das Werk sorgfältig
    auszuwählen, wobei es unerheblich ist, welche Namen die
    Profanen dann dem Gott geben werden. »Die Kirche ist da, wo
    du bist, bleibe hier«, lautet der gleichbleibende Grundsatz bei
    allen esoterischen Gesellschaften. Der Stein wird so zum einigenden
    Symbol. Die Architektur – Dach der Arche – ist auch Archi-
    Textur, die Wissenschaft vom ursprünglichen Gefüge, Einheit
    der Metaphysik jenseits der verschiedenartigen Konfessionen.
    Vielleicht vermochten dadurch die Templer im Heiligen Land
    die Geschichte des jüdischen Volkes als gewaltige Parabel zu deuten
    – vom Exodus bis zum Exil, von Moses, dem Sohn Ägyptens,
    bis zu Daniel, dem Sohn der chaldäischen Weisheit [42], dem
    Vorfahr des Johann von Patmos, und zu Jeremias, der die Arche
    der Obhut des Berges Nebo [43] anvertraute, bevor er über die
    Erniedrigung des auserwählten Volkes in Babylon zu klagen anhob.
    Vielleicht haben sie sich auch gefragt, weshalb umgekehrt der
    Weihnachtsstern den Chaldäer Balthasar zur Wiege Christi
    führte, und warum Christus zum Brunnen des Jakob ging, um
    Wasser von der Samariterin zu erbitten.
    Vielleicht hat man ihnen erzählt, daß Bethel vom Fluch Gottes
    getroffen wurde. Der einzige Einwohner, der dem Massaker entging,
    kehrte in das Land zurück, aus dem einst seine Vorfahren,
    die Hethiter, gekommen waren. Und er errichtete auf dem mitgebrachten
    Stein eine Stadt nach dem Abbild der untergegangenen.
    Und vielleicht wußten sie, daß das Land der Hethiter am
    Schwarzen Meer [44] auch Kolchis genannt wurde. [45]
    Kannten die Templer bereits den Unterbau, der von der Kabbala
    über Gnosis und Alchimie die Grundmauern Ägyptens mit
    denen des Mittelalters verband, als sie im Heiligen Land ankamen?
    Oder haben sie ihn erst nach ihren langen Jahren und
    Erfahrungen im Orient entdeckt?
    Zur Unterstützung der ersten Hypothese könnte man einige
    Tatsachen anführen. Das Dunkel, das für die Historiker lange
    Zeit die Person von Hugues de Payen, Begründer des Tempelritterordens,
    umgeben hat, ist durch die Auffindung seiner Geburtsurkunde
    nicht völlig erhellt worden. [46] Sein Familienname
    selbst ist verwirrend, wenn es stimmt, daß seine Vorfahren,
    die um das Jahr 1000 mit Tankred von der Normandie über die
    Alpen gezogen waren, »den Zunamen de Payen für ihre Familie
    erwarben durch die schönen Heldentaten, die sie gegen die ungläubigen
    Muselmanen vollbrachten«. [47]
    Ebenso darf man die von Anfang an vorhandene Vorliebe der
    Templer für die Zahl neun nicht außer acht lassen. Es waren neun
    Ordensgründer, wie die ersten Pythagoräer. Sie trugen neun
    Jahre lang das weltliche Gewand, ehe sie den weißen Mantel anlegten.
    Sie sahen neun Fälle für den Ausschluß aus dem Orden
    vor usw.
    Vielleicht sind diese Indizien zu geringfügig, um einen gültigen
    Beweis zu liefern. Andererseits läßt sich nicht abstreiten, daß sich
    seltsame Begebenheiten häuften, die auf irgendein Geheimnis hinwiesen,
    und zwar seit dem Konzil von Troyes, auf dem der
    Templerorden knapp zehn Jahre nach seiner Gründung seine Statuten
    erhielt.
    102
    DIE WUNDERBAREN GEHEIMNISSE
    VON MEISTER RONCELIN
    Die merkwürdige Geschichte der Päpstin Johanna ist bekannt.
    Im Jahre 855 folgte auf den verstorbenen Leo IV. ein sehr gelehrter
    Papst, der unter dem Namen Johann VIII. regierte, bis
    ein Skandal ohnegleichen seinem Pontifikat wie seinem Leben ein
    Ende setzte. Es geschah zu Rogate – dem christianisierten alten
    heidnischen Fest der Demeter. Johann VIII. in weißem Ornat
    und Tiara führte die feierliche Prozession an. Plötzlich wurde er
    von einem heftigen Unwohlsein befallen. Zur allgemeinen Verblüffung
    stellte sich heraus, daß der Papst eine Frau war, die mitten
    auf dem Petersplatz eine Tochter gebar. Weder Mutter noch
    Kind überlebten, obwohl manchmal behauptet wird, man habe
    beide lediglich in einem unterirdischen Verlies verschwinden lassen.
    Wer der Liebhaber der Päpstin war, wurde nie bekannt.
    Historische Tatsache oder Legende? Die Entscheidung darüber
    bleibt jedem überlassen. [48]
    Das Konzil von Troyes, auf dem die Templer im Jahre 1128
    ihre Ordensregel erhielten, wurde von einer nicht minder geheimnisumwitterten
    Persönlichkeit präsidiert.
    Johann II., Bischof von Orleans von König Ludwigs VI. Gnaden,
    trug den eigentümlichen Beinamen Flora. Wenn man den
    Chroniken glaubt, so lag die Ursache dafür auf der Hand: der
    Bischof sei »ein Nachtmahr und ein Sodomit« gewesen. Ob wahr
    oder falsch – ein weiterer merkwürdiger Umstand wird dadurch
    nicht erklärt: nach den Protokollen des Konzils führte Johann II.
    den Titel »praesul«, den die Römer den Mars-Priestern verliehen.
    [49]
    Jedenfalls fällt durch die Gestalt dieses zwielichtigen Bischofs
    bereits auf die Anfänge des Templerordens jener Schatten von
    schillerndem Geheimnis, der noch zwei Jahrhunderte später die
    letzten Scheiterhaufen in sein magisches Dunkel taucht.
    Will man nun diese Schatten erhellen und die rätselvollen
    Widersprüche des Prozesses aufklären, so erhebt sich die Frage,
    103
    ob der Orden hinter seinem offenkundigen Wirken nicht im Innern
    eine geheime Gemeinschaft oder Gruppe verbarg, zu der nur
    bestimmte, sorgfältig ausgewählte Mitglieder zugelassen wurden.
    Und ob nicht zumindest einige Templer nach der offiziellen Aufnahme
    noch einer geheimen Einweihung nach einer ebenfalls geheimen
    Regel unterworfen wurden und sich unter dem Deckmantel
    der Orthodoxie zu einer Lehre bekannten, die mit der
    katholischen wenig gemein hatte und daher verborgen bleiben
    mußte.
    Die Aussagen mehrerer französischer Templer sprechen für
    diese Hypothese. Zum Beispiel erklärte der Templer Gaucerand
    de Montpezat: »Wir haben drei Artikel, die keiner je erfahren
    wird, ausgenommen Gott, der Teufel und die Meister.« [50]
    Raoul de Presles, Nicolas Simon und Guichard de Margiac versicherten:
    »Es gab im Orden ein ganz außergewöhnliches Reglement,
    über das strengstes Stillschweigen gewahrt werden mußte.
    Jeder hätte sich lieber den Kopf abschlagen lassen, als dieses Geheimnis
    zu enthüllen. Im Generalkapitel existiert eine überaus
    geheime Andachtsübung. Würde ein Fremder dabei durch einen
    unglücklichen Zufall Zeuge, und wäre es der König von
    Frankreich persönlich, so würden die Mitglieder des Kapitels ohne
    Furcht vor Strafe und ohne jede Rücksicht auf seinen Rang diesen
    Zeugen töten. Gervais de Beauvais, Präzeptor des Temple von
    Laon, besaß ein Büchlein mit den Ordensstatuten, das er gern
    zeigte. Aber er hatte noch ein anderes, geheimes, das er niemandem
    zu sehen gegeben hätte, nicht für alles Gold der Welt.« [51]
    Die Bedingungen, unter denen die Aussagen in Frankreich
    häufig zustande kamen, könnten nun Zweifel an der Wahrheit
    dieser Mitteilungen erwecken. Sie wurden jedoch von englischen
    Templern bestätigt, die ja weder gefoltert noch überhaupt verhaftet
    wurden. William of Poklington, Stephen of Stapplebrugge
    und John of Stoke (dieser letztere wurde durch den Großmeister
    Jacques de Molay persönlich in den Orden aufgenommen) bekundeten
    tatsächlich: »Im Temple gibt es zwei Arten von Aufnahme:
    die erste dient der eigentlichen Aufnahme in den Orden
    und verläuft ohne irgendeine anstößige Zeremonie; die zweite
    104
    findet erst mehrere Jahre später statt. Sie wird nur einigen wenigen
    zuteil und ist sehr geheim.«
    Ist nun mit der »überaus geheimen Übung«, die – den französischen
    Templern zufolge – jene zweite Aufnahme begleitete, die
    Verleugnung Christi und das Spucken auf das Kreuz gemeint?
    Einer der Würdenträger des Temple, Geoffrey de Gonneville,
    Großpräzeptor von Aquitanien und Poitou, erklärte zu dieser
    Frage: »Manche behaupten, dies gehöre zu den bösen, gottlosen
    Dingen, die Meister Roncelin in die Ordensstatuten eingeführt
    hat.« In einem kürzlich erschienenen Werk bezweifelt Albert
    Ollivier den Wert dieser Erklärung: »Niemand weiß, wer dieser
    Roncelin war, auf den Gonneville anspielt.« [52]
    Tatsächlich wird kein Roncelin in der Liste der Großmeister
    des Temple aufgeführt. Studiert man jedoch die Prozeßakten
    aufmerksam durch, so entdeckt man, daß Roncelin keine Phantasiegestalt
    war, die ein gequälter Templer erfunden hatte. Es
    handelt sich vielmehr um Roncelin du Fos, Ritter der Provence.
    Er wurde 1281 von dem Bruder Guillaume de Beaulieu in den
    Orden aufgenommen. [53]
    Hier drängen sich sofort zwei Feststellungen auf. Gonneville
    bezeichnete Roncelin als »Meister«, der die Ordensregeln abgeändert
    habe. Daraus läßt sich zunächst schließen, daß es bei den
    Templern eine »parallele Hierarchie« gab, wie man es heute
    nennen würde. Und daß sich hinter den aller Welt bekannten
    Großmeistern die heimlichen Meister verbargen, über deren Funktionen
    nur eine kleine Gruppe von Eingeweihten unterrichtet
    war. [54]
    Ferner ließen sich die Verleugnung Christi und das Spucken
    auf das Kreuz – von außen betrachtet ein derartiges Sakrileg, daß
    die Existenz solcher Riten trotz der zahlreichen Geständnisse allgemein
    für unglaubhaft gehalten wurde – sehr wohl dadurch begründen,
    daß die aufgeklärten Templer diesen religiösen Relativismus
    vom Orient adaptiert haben. In dieser Hinsicht sind nun
    die Aussagen der Templer Foulques de Troyes, Bertrand de Montignac
    und Jean de Chaumes sehr aufschlußreich. Die Einweihenden
    hatten ihnen das Kruzifix mit den Worten gezeigt: »Macht
    105
    mit dem hier nicht zuviel Wesens, denn er ist zu jung. Glaubt nur
    an den höheren Gott.« Anscheinend also wußten diese Templer
    wohl, daß das Motiv vom Tode und von der Auferstehung viel
    älter als das Christentum ist, und konnten es nur als Allegorie
    auffassen. Die Vorstellung von der Inkarnation und vom Tod
    Gottes mußte ihnen als absurder Widerspruch, ja sogar als Blasphemie
    erscheinen. Entweder war Jesus Gott und konnte nicht
    sterben, oder er war tot und konnte nicht Gott sein – die alte
    Alternative der Kabbalisten und Gnostiker.
    Unter diesem Gesichtspunkt würde das Spucken auf das Kreuz
    nichts anderes bedeuten, als das Symbol einer Beleidigung zu beleidigen:
    der Beleidigung nämlich, die Gott als unkörperlichen,
    geistigen, vollkommenen Begriff durch die Menschen widerfuhr,
    als diese es wagten, Gott nach ihrem sterblichen Ebenbild darzustellen.
    Die ablehnende Haltung gegenüber der Idee eines Gottes
    nach Menschenbild steht in krassem Widerspruch zur Vergöttlichung
    der Jungfrau Maria. Der »zu junge« Christus und dagegen
    die ewige Mutter Gottes: »Unsere Liebe Frau steht zu Beginn
    und am Ende unserer Religion, weil sie da war, ehe Gebirge
    und Erde erschaffen wurden.«
    Die Existenz einer geheimen Organisation und einer Geheimlehre
    innerhalb des Tempelritterordens war nichtsdestotrotz
    nur eine Hypothese, die sich auf schwache Indizien gründete,
    bis zu dem Tag des Jahres 1780, an dem Frederik Munter,
    Bischof von Kopenhagen, in den Archiven des Vatikans eine
    wichtige Entdeckung machte.
    Es war ein Pergament in Quartformat, das zwei Spalten in
    romanischer Schrift auf jeder Seite enthielt und mit dem großen
    Kreuz des Templerordens verziert war. Es bestand aus vier
    Teilen.
    Der erste gab nur die offizielle Ordensregel wieder, von einem
    gewissen Mathieu de Tramlay, »am Tag des heiligen Felix des
    Jahres 1205« kopiert. Er wird heute in Rom in der Bibliothek
    Corsini aufbewahrt.
    Der zweite und dritte Teil sind von dem Kopisten Robert
    of Samfort signiert und 1240 datiert. Samfort war tatsächlich
    106
    Schaffner des Temple in England. Sie enthalten jeweils zwanzig
    und dreißig Artikel unter der Überschrift: »Hier beginnt das
    Buch der Feuertaufe oder der geheimen Statuten, für die Brüder
    niedergeschrieben von Meister Roncelinus.«
    Der vierte Teil schließlich ist betitelt: »Hier beginnt die Liste
    der geheimen Zeichen, die Meister Roncelinus zusammengestellt
    hat.« Er gibt kryptographische Mitteilungen, auf die wir noch
    zurückkommen werden.
    Bischof Munter blieb nicht lange im Besitz dieser kostbaren
    Dokumente. In einem Brief an seinen Freund Wilke, der eine
    Geschichte der Templer vorbereitete, teilte er mit, der größte
    Teil sei auf unerklärliche Weise verschwunden. Erst 1877 veröffentlichte
    der deutsche Gelehrte Mertzdorff die drei letzten
    Teile des von Bischof Munter entdeckten Manuskriptes, das er
    zufällig in Hamburger Privatarchiven wiedergefunden hatte.
    Es ist interessant, einige Artikel aus den dem mysteriösen Meister
    Roncelin zugeschriebenen Geheimstatuten zu zitieren.
    Manche zeugen für ebenso kühne wie heterodoxe Gedankengänge
    innerhalb des Templerordens: Wißt, daß Gott keinerlei
    Unterschied zwischen den Personen macht, ob Christen, Sarazenen,
    Juden, Griechen, Römer, Franken oder Bulgaren, weil
    jeder Mensch, der zu Gott betet, erlöst wird« (Zweiter Teil,
    Artikel 5). »Weil der Sohn Marias und Josefs heilig gewesen ist,
    frei von allen Sünden und gekreuzigt, verehren wir ihn als Gott.
    Das Holz des Kreuzes aber nehmen wir als Zeichen des Tieres,
    von dem in der Apokalypse die Rede ist« (Zweiter Teil, Artikel
    20).
    Diese Sätze sprechen für den religiösen Relativismus der
    Templer und zeigen, daß sie eine Beleidigung des Kreuzes keineswegs
    für gottlos ansahen. Doch selbstverständlich behielt man
    im mittelalterlichen Abendland solche Auffassungen besser für
    sich.
    Andere Artikel machen deutlich, welche Anziehungskraft der
    Okkultismus auf die Templer ausübte: »Da die Unkenntnis die
    Quelle vieler Irrtümer ist, wird keiner zu den Auserwählten zugelassen,
    wenn er nicht zumindest das Trivium und das Quadri107
    vium kennt« (Zweiter Teil, Artikel 9). Bekanntlich bezeichneten
    diese Ausdrücke die sieben freien Künste: Grammatik, Dialektik,
    Rhetorik einesteils, andernteils Musik, Geometrie, Astronomie,
    Arithmetik. Nun stand jede dieser Wissenschaften unter einem
    Gestirn: der Mond für die Grammatik, Merkur für die Dialektik,
    Venus für die Rhetorik, Mars für die Musik, Jupiter für die
    Geometrie, Saturn für die Astronomie, schließlich die Sonne für
    die Wissenschaft von den Zahlen, die seit Pythagoras als »erleuchtete
    Vernunft« betrachtet wurde. Es ist klar, daß nur wenige
    Templer in dieses »Niemandsland« einzudringen vermochten.
    Und so waren auch die eigentlichen Leiter des Ordens nicht immer
    diejenigen, die vor der Öffentlichkeit die höchsten Ämter
    innehatten.
    Andere Artikel unterstreichen nochmals die Verpflichtung der
    Geheimhaltung, die bereits in der offiziellen Regel festgelegt ist:
    Wenn ein Bruder sich vergißt, sei es durch Leichtsinn, sei es
    durch Geschwätzigkeit, und auch nur den kleinsten Teil der geheimen
    Statuten oder dessen, was in den nächtlichen Kapiteln
    geschieht, bekannt werden läßt, ist er der Schwere seines Vergehens
    gemäß zu bestrafen. Wenn man euch vor Gericht nach den
    Bräuchen, Gesetzen, Statuten und geheimen Unternehmungen
    des Ordens befragt, leistet dieser Tyrannei Widerstand, indem
    ihr leugnet und eure Unkenntnis beschwört« (Zweiter Teil, Artikel
    29). Der vorsichtige Roncelin geht sogar noch weiter: »Die
    geheimen Statuten sind in keine Umgangssprache zu übersetzen
    und niemals den Brüdern in die Hand zu geben« (Zweiter Teil,
    Artikel 16). Diese Empfehlung läßt nun auf das Vorhandensein
    von Geheimnissen »zweiten Grades« schließen, die wahrscheinlich
    in verschlüsselten Dokumenten niedergelegt und nie wieder
    aufgefunden wurden, da die Archive des Temple verschwunden
    sind.
    Doch die weitaus merkwürdigsten Artikel sind im dritten Teil
    enthalten. Sie beziehen sich auf von den Templern erbaute oder
    benutzte Monumente sowie auf die Vorsichtsmaßnahmen, die
    diese ergriffen, um die dortigen Vorgänge zu verbergen.
    »Im Orient lernten die Kreuzfahrer von den Byzantinern und
    108
    den Arabern die Kunst, eine Burg zu befestigen«, schreibt der
    bedeutende französische Archäologe Emile Male. »Diese jahrtausendealte
    Kunst geht in Asien bis auf das alte Assyrien zurück.
    « [55] In Byzanz waren die Baumeister weiterhin in den
    Geheimkollegien zusammengeschlossen, die noch aus der römischen
    Zeit stammten und die hermetischen Symbole verwandten.
    [56] Die Assassinen wiederum hatten Baumeister-Korporationen
    organisiert, die sogenannten »Tarouq«. Ihre Mitglieder lernten
    durch kaum bekannte Einweihung altägyptische Bautechniken.
    Die Assassinen erbauten allein in der Provinz Tyrus mehr als
    zehn Burgen. Dadurch erklärten sich gewisse Eigentümlichkeiten
    in der Bauweise der Templer, die vielen Historikern aufgefallen
    sind, ohne daß sie ihren Geheimnissen auf die Spur kommen
    konnten.
    T. E. Lawrence schrieb über die Templerbauten im Orient:
    »Die Templer standen von jeher in dem Verdacht, eine Neigung
    für die Ketzerei und für die magischen Wissenschaften des
    Orients zu haben. In ihren Bauten griffen sie auf die justinianische
    Tradition zurück, wie sie sich in den Festungen Syriens
    manifestiert, und erweiterten sie, indem sie sie simplifizierten.«
    Lawrence hält diese Bauten für degeneriert und stellt ihnen die
    massiven okzidentalen Gebäude gegenüber, zum Beispiel die
    französischen Burgen von Coucy oder Provins. Von seinem militärischen
    Gesichtspunkt aus hat er recht. Daher führt seine Kritik
    zu der Frage, ob diese Bauten der Templer nicht anderen als strategischen
    Zielen und Zwecken dienten.
    Die justinianische Bauweise ist gekennzeichnet durch Festungsbauten
    mit dreifacher Umwallung und durch die häufige Verwendung
    von achteckigen Formen. Die dreifache Umwallung hat
    neben dem defensiven Wert symbolischen Charakter, wie der
    Archäologe Louis Charbonneau-Lassay bewiesen hat. [57] Das
    Achteck ist für Festungsbauten bedeutungslos, für die Templer
    jedoch besaß es großen Symbolwert, da es in dem Ordensemblem,
    dem Kreuz, dargestellt wird. Außerdem sind die meisten Templerbauten
    achteckig, wie bereits Viollet-Leduc feststellte. [58]
    Mitunter findet man übrigens dreifache Umwallung und Acht109
    eck kombiniert, wie in der Kapelle aus dem 16. Jahrhundert, die
    1926 von Bauern unter den Ruinen der Abtei von Seuilly in der
    Touraine entdeckt wurde, wo Rabelais lange gewohnt hat.
    Man kann sich also vorbehaltlos der Meinung des bedeutenden
    Kunsthistorikers und Kenners der Architektur Paul Naudon anschließen:
    »Als die Templer mit Hilfe christlicher Arbeiter die
    Komtureien in Europa ausbauten, brachten sie die Geheimnisse
    und überlieferten Riten der byzantinischen Kollegien und der
    mohammedanischen Tarouq mit, die mehr oder minder zu einem
    hermetischen Synkretismus verschmolzen waren. Es ist nicht übertrieben
    zu behaupten, daß diese Geheimnisse und Riten in die
    Zünfte drangen, die sich nun bildeten und die von den Templern
    für wichtige Bauvorhaben eingesetzt wurden.« [59]
    Tatsächlich waren nicht nur die Bauweise, sondern auch die
    Namen der Templerburgen im Orient keineswegs zufällig. Sie
    erwecken sonderbare Assoziationen, diese Namen »Furt Jakobs«,
    »Rote Erde«, »Königlicher Stein« (Petra Regalis), vor allem aber
    »Weiße Garde«, »Salzburg«, »Burg zum Ei«, »Bohnenburg«,
    auch »Feenburg« oder »Feuerburg« genannt. Die einzigartige
    Chronik von Oliver dem Scholastiker berichtet, die Templer
    hätten auf dem Vorgebirge Athlit in Syrien eine Quelle sowie
    einen Schatz entdeckt, als sie die Fundamente der Pilgerburg
    legten. Das bringt auf den Gedanken, daß sie an Stätten bauten,
    die bereits bekannt und lange vorher von anderen benutzt worden
    waren...
    Artikel 8 der Geheimstatuten empfiehlt übrigens: Wo ihr
    große Gebäude errichten wollt, macht Erkennungszeichen.« Danach
    läßt sich vermuten, daß bestimmte Gebäude verschlüsselte
    Bauten waren, Rätsel aus Stein.
    Welches waren nun diese Erkennungszeichen? Die wunderbaren
    Geheimnisse des Meisters Roncelin sind verloren. Der vierte Teil
    des Munterschen Dokumentes enthielt einige. Ausgerechnet jener
    Teil aber wurde dem Bischof unter mysteriösen Umständen fast
    vollständig entwendet. Die Ausgabe von Mertzdorff bringt demzufolge
    nur verstümmelte Fragmente von mäßigem Interesse.
    Paläographen und Archäologen müssen sich also darauf beschrän110
    ken, in schlaflosen Nächten über rätselhaften Inschriften zu
    grübeln, die alte Pergamente und antike Bauten zieren.
    Das seltsamste Beispiel ist das des berühmten »magischen
    Quadrats«:
    S A T O R
    A R E P O
    T E N E T
    O P E R A
    R O T A S
    Tatsächlich findet sich diese Zusammensetzung von Buchstaben,
    aus der sich senkrecht und waagerecht dieselben Worte ohne erkennbaren
    Sinn ergeben, in den verschiedensten Epochen und an
    den verschiedensten Orten wieder. Zum Beispiel auf einer in den
    Ruinen von Pompeji [60] aufgefundenen Münze, auf einer lateinischen
    Bibel aus dem Jahre 822 sowie auf einem griechischen
    Manuskript aus dem 12. Jahrhundert, das in der Pariser Nationalbibliothek
    aufbewahrt wird [61], auf dem angeblichen Faust-
    Manuskript in den Archiven der Herzöge von Coburg, auf
    österreichischen Münzen des 16. Jahrhunderts. Man findet sie auch
    an verschiedenen Bauwerken: in Italien an der Kirche Pieve lersagui
    bei Cremona und dem Kloster Santa Maria Maddalena, in
    Frankreich an der Kirche Saint-Laurent in Rochemaure und dem
    Schloß von Jarnac, in Spanien in Santiago de Compostela. Den
    Grund dafür hat noch niemand entdeckt. Da sich magische Quadrate
    aus Zahlen ebenso wie aus Buchstaben bilden lassen, ist anzunehmen,
    daß es sich dabei um einen Schlüssel zur Dechriffrierung
    handelt. [62]
    Fest steht jedenfalls, daß die Templer unübertroffene Meister
    in der Kunst der Kryptographie waren. Im Verlauf des Prozesses
    bekannte der Präzeptor des Temple von Nemours, er habe »über
    vierhundert Brüder in den Geheimschriften unterwiesen«. In den
    drei einzigen erhaltenen Exemplaren der offiziellen Ordensregel
    gibt es tatsächlich kryptographische Zeichen, die das Vorhandensein
    von Geheimalphabeten bei den Templern beweisen.
    Eines dieser Alphabete konnte von Professor Probst-Biraben
    111
    entschlüsselt werden. Es zeigt, daß die Tempelritter eine unerschöpfliche
    Erfindungsgabe besaßen.
    Dieses Geheimalphabet war vollständig auf dem Abzeichen
    enthalten, das die Templer unter dem Schild auf dem Ordenswappen
    trugen (Tafel V oben). Das Abzeichen besteht aus einem
    Kreuz mit acht Spitzen, in dessen Mitte sich das Templerkreuz befindet.
    Doch einige Einzelheiten sind auffallend (Abb. 1):
    1. Manche Linien sind verstärkt, andere dagegen dünn gezeichnet.
    2. In bestimmten Teilen der Zeichnung sind Punkte. 3. Das
    Templerkreuz hat nur drei normale rote Balken, der vierte ist ein
    goldenes Trapez.
    Abbildung 1: Sie galten als unübertroffene Meister der Kryptographie
    112
    Das Abzeichen insgesamt besteht aus vier geometrisch
    gleichen, jedoch verschieden ausgerichteten Figuren: den vier
    Balken des großen Kreuzes, von denen sich jeder in sechs Teile,
    mit oder ohne Punkt, zerlegen läßt. Diesen vierundzwanzig Teilen
    Abbildung 2
    entsprechen vierundzwanzig kryptographische Zeichen, das X in
    der Mitte bildet das fünfundzwanzigste. Nun finden sich manche
    dieser Zeichen auf den drei in Rom, Paris und Dijon aufbewahrten
    Exemplaren der offiziellen Ordensregel wieder (Abb. 2).
    Man kann sich mit Recht fragen, weshalb die Templer ihrer
    Neigung für das Geheimnisvolle sogar in ihren Bauten freien
    Lauf ließen. Die Statuten des Meisters Roncelin geben darauf eine
    bezeichnende Antwort. Die Artikel 7 und 19 empfehlen nämlich:
    »Ihr sollt in euren Häusern große und verborgene Versammlungsorte
    haben, zu denen man durch unterirdische Gänge gelangen
    kann, damit die Brüder sich ohne Gefahr, behelligt zu werden,
    zu den Versammlungen begeben können... Es ist in den Häusern,
    wo nicht alle Brüder Auserwählte sind, verboten, gewisse Materien
    mit Hilfe der philosophischen Wissenschaft zu bearbeiten
    und so unedle Metalle in Gold oder Silber zu verwandeln. Dies
    darf nur in den verborgenen Stätten und insgeheim geschehen.«
    Tafel VII: Im Temple von Paris: Der Turm. Eine Stadt innerhalb der Stadt . . .
    Tafel VIII Clemens V. Die
    Sitten der Templer waren ihm ein
    Dorn im Auge (oben).— Jaques
    de Molay, letzter Großmeister
    des Templerordens (unten)
    113
    DER BAPHOMET
    Bekanntlich lautete der dritte Hauptpunkt der Anklage auf
    Anbetung eines Götzenbildes. Übrigens gab der Großinquisitor
    von Paris, Guillaume Humbert, den Untersuchungsrichtern bereits
    eine Beschreibung dieses Götzenbildes, bevor sie noch mit den
    Verhören begannen. Es war »der Kopf eines Mannes mit langem
    Bart«. Man warf den Templern vor, sie bezeichneten es als »Abbild
    des wahren Gottes, des einzigen, an den man glauben dürfe«.
    Der Vorwurf der Götzenanbetung entbehrte nicht einer pikanten
    Note. Der Katholizismus stellte ja Gottvater stets als bärtigen
    Greis dar. Das Verbrechen des Ordens hätte also lediglich darin
    bestanden, seine Adepten nur das Haupt und nicht den ganzen
    Körper anbeten zu lassen...
    Es stimmt, daß das angebliche Götzenbild den seltsamen Namen
    Baphomet trug, über den sich Generationen von Gelehrten den
    Kopf zerbrachen. Bereits zu Beginn der Untersuchung hatten ein
    paar südfranzösische Templer, subalterne, einfache Männer, den
    Namen preisgegeben. Sie hätten ihn von den Würdenträgern des
    Ordens nennen hören, erklärten sie. Nun war Bafomet das provenzalische
    Wort für Mohammed. Daher hatten sie es auch verstanden.
    Die Anklage glaubte, ohne weiter nachzuforschen, damit
    ein entscheidendes Argument gegen jene, die sie zugrunde richten
    wollte, in der Hand zu haben: das Götzenbild der Templer – war
    Mohammed! Die Tempelritter aber hatten sich fast zwei Jahrhunderte
    lang mit Juden und Muselmanen in die heiligen Stätten
    geteilt, und das zumindest machte sie ihren Anklägern überlegen.
    Sie hatten ja den Pentateuch und den Koran gelesen und wußten,
    daß die beiden rivalisierenden Religionen es als Sakrileg betrachteten,
    dem Herrn, dessen unendliche Größe sogar verbot, seinen
    Namen auszusprechen, menschliche Gestalt zu verleihen. Geschweige
    denn das Bildnis eines einfachen Propheten zu verehren.
    Je öfter sie verhört wurden, desto abweichendere Beschreibungen
    gaben die Templer von dem angeblichen Götzenbild, bis auf einen
    Punkt: es handelte sich stets um einen Kopf.
    114
    Zahlreiche Historiker haben aus diesen Abweichungen auf das
    Nichtvorhandensein des Baphomet geschlossen. Sie argumentieren
    ebenso wie bei den übrigen Hauptpunkten der Anklage: unter
    der Folter habe man die Angeklagten dazu gebracht, das zu sagen,
    was man hören wollte. Wie bereits aufgezeigt, wird durch die
    Anwendung der Folter im Templerprozeß zwar zweifellos eine
    Reihe von Dingen erklärt, jedoch nicht alles. Und in diesem speziellen
    Punkt könnte man sogar annehmen, daß gerade die Abweichungen
    den Geständnissen eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen.
    Denn ausschließlich von den Anklägern diktierte Geständnisse
    wären ja gleichlautend gewesen. Die Ritter, die bekannten,
    mit eigenen Augen den Kopf gesehen zu haben, logen sicherlich
    zumeist aus Schmerz oder Angst. Aber daß sie alle diesen Kopf
    erwähnten, und zwar mit sämtlichen Anzeichen des Entsetzens,
    beweist wohl, daß sie zumindest innerhalb des Ordens davon als
    von dem am strengsten gehüteten Geheimnis hatten sprechen
    hören.
    Und dann gab es ein Beweisstück, das bei den Historikern
    nicht die verdiente Wißbegier erregt hat. Es wurde im Temple
    von Paris am Morgen der großen Razzia gefunden: ein schöner
    Frauenkopf in Gold. Er war hohl und enthielt den Schädel eines
    kleinen Mädchens, der in einen Stoff in den Farben des Ordens
    eingewickelt war, mit der seltsamen, lakonischen eingestickten
    Aufschrift: »CAPUT LVIII m«.
    Die Chronisten, die darüber berichtet haben, vermuten, es
    handle sich um eine Reliquie. Dazu wäre zu sagen, daß es durchaus
    unüblich ist, die verehrungswürdigen Überreste der Heiligen
    mit Seriennummern zu kennzeichnen. Übrigens waren sowohl
    Ankläger wie Angeklagte außerstande, sie zu identifizieren. Über
    denjenigen, der den Untersuchungsbeamten diesen merkwürdigen
    Gegenstand überreichte, wird noch zu sprechen sein...
    Unter den vielen unklaren Aussagen, die sich auf den mysteriösen
    Baphomet beziehen, verdienen zwei besondere Aufmerksamkeit:
    die der Templer Antoine de Verceil und Hugues du
    Faure.
    Verceil hatte vierzig Jahre hintereinander das Amt eines No115
    tars beim Templerorden in Syrien innegehabt. Als er wie die
    anderen über das Götzenbild und seine Bedeutung befragt wurde,
    erklärte er, die Templer in Syrien erzählten hierzu folgende
    merkwürdige Geschichte:
    Ein Edelmann aus Sidon hatte sich in ein junges Mädchen verliebt,
    die ihm jedoch durch den Tod entrissen wurde, bevor er
    sie erringen konnte. Am Abend der Beerdigung öffnete der Ritter,
    toll vor Begierde, das Grab und befriedigte seine Leidenschaft an
    dem Leichnam der Jungfrau. Dann sprach eine geheimnisvolle
    Stimme von irgendwoher zu ihm: »Kehre in neun Monaten hierher
    zurück. Du wirst einen Kopf vorfinden, die Tochter deines
    Tuns. Trenne dich niemals von diesem Kopf, denn er wird dir
    alles geben, was du nur wünschen kannst.« Zu dem genannten
    Zeitpunkt öffnete der Ritter abermals das Grab und fand zwischen
    den von Fleisch entblößten Schenkeln der Toten einen Kopf,
    mit dessen Hilfe er Wunder vollbrachte.
    Erstaunlicherweise erzählte Hugues du Faure, der in einer
    anderen Stadt von anderen Beamten als Verceil verhört wurde
    und diesen nicht kannte, dieselbe Geschichte. Er hatte sie von
    Templern aus Zypern erfahren.
    Die Inquisitoren waren vermutlich enttäuscht von den Aussagen
    der beiden, die erklärten, sie hätten das Götzenbild, diesen
    Angelpunkt der Anklage, nicht gesehen und könnten es daher
    auch nicht beschreiben. Für uns aber, die wir aus der Religionsgeschichte
    einiges über die symbolische Interpretation der Göttermythen
    erfahren haben, ist das Motiv der Legende, welche die
    wohlinformierten Templer über diesen berühmten Kopf in Umlauf
    setzten, höchst interessant.
    Zwei Angeklagte, die in keinerlei Beziehung zueinander standen,
    konnten eine solche Legende unmöglich erfinden. Also mußte
    diese wohl innerhalb des Ordens überliefert worden sein. Was
    aber mochte jene Fabel aus dem Orient bedeuten, die auf den
    ersten Blick nur die abstoßende Geschichte eines Nekrophilen zu
    sein scheint?
    In Ermangelung von weiteren Informationen hätten wir auf
    eine Erklärung verzichten müssen. Nun berichtet aber ein Zeit116
    genösse der Templer – der englische Dichter Roger of Hoveden,
    der 1201 starb – dieselbe Legende. Allerdings ist er genauer und
    damit auch klarer: bei ihm heißt nämlich die vergewaltigte Jungfrau
    Yse.
    Sofort erkennen wir nun die unsterbliche Allegorie von den
    Geliebten der Isis wieder. Wer es wagt, ihren Schleier zu lüften
    und ihre verborgenen Geheimnisse zu enthüllen, wird den Gipfel
    des Wissens und der Macht erreichen. Eine siebenundvierzig Jahrhunderte
    alte Allegorie zum Thema der Erkenntnis, auf die alle
    späteren zurückgehen: der Baum der Erkenntnis, dessen Frucht
    jeden, der von ihr kostet, den Göttern ähnlich macht; der Diebstahl
    des göttlichen Feuers durch Prometheus. Gemeinsames Leitmotiv
    aller religiösen Esoterik.
    Die morbiden Einzelheiten der Legende bestätigen und präzisieren
    nur diese Interpretation. In alchimistischen Schriften des
    14. Jahrhunderts taucht häufig die Formulierung auf: »Die prima
    materia wird aus dem Geschlecht der Isis gewonnen.« Man erkennt
    jetzt noch deutlicher, was dieser Kopf eigentlich ist und mit
    welcher Art von Tätigkeit sich der Ritter in Wahrheit bef aßte.
    Die Legende gibt nun nicht nur eine allgemeine Allegorie über das
    Geheimnis der Erkenntnis, sondern weist vielmehr genauer darauf
    hin, daß dieses Geheimnis nach Ansicht vieler Zeitgenossen im
    Okkultismus zu finden sei.
    Ist es jedoch glaubhaft, daß die Beamten der Inquisition im
    ganzen Abendland mobilisiert wurden, um mit skrupellosen Methoden
    das Geheimnis einer einfachen metaphysischen Metapher
    zu lösen? War dieser Kopf, der Wissen und Macht verlieh und in
    dessen Besitz man die Templer glaubte, wirklich nichts als ein gewöhnliches
    Götzenbild mit einer etwas verschwommenen Beziehung
    zu einer symbolischen Fabel? Oder war er im Gegenteil mit
    für jene Zeit außerordentlichen Eigenschaften begabt? Und warum
    trug er den seltsamen Namen Baphomet, für den auch in der
    Legende von Yse keine Erklärung zu finden ist?
    Wir behaupten nicht, die endgültige Lösung für dieses Rätsel
    zu besitzen. Doch wie sollte man der Versuchung widerstehen, es
    mit einer Tatsache in Verbindung zu bringen, die nicht der Le117
    gende, sondern der Geschichte angehört und die auch heute noch
    äußerst mysteriös ist?
    Im Jahre 1003 verlor die Christenheit in Gerbert dAurillac
    ihr Oberhaupt und Frankreich seinen ersten Papst. Er war vier
    Jahre zuvor unter dem Namen Silvester II. inthronisert worden.
    Zweiffeilos der bedeutendste Geist seines Jahrhunderts und eine
    ungewöhnliche Persönlichkeit.
    Seine Herkunft bleibt dunkel. Manche sagen, er sei der Sohn
    einfacher Bauern, andere, er stamme von den Herzögen von
    Aquitanien ab. Fest steht, daß er, von seinen Eltern verlassen
    wie Moses, gefunden, aufgenommen und erzogen wurde, zwar
    nicht von ägyptischen Priestern, doch zumindest von den Mönchen
    von Aurillac, die als ebenso gelehrt galten. In dem Kloster
    in der Auvergne entwickelte sich Gerbert zu einem glänzenden,
    wenn auch eigenwilligen Schüler. Er war noch nicht zwanzig Jahre
    alt, als er floh und sich ganz allein auf den Weg nach Spanien
    machte. Der entlaufene Mönch war von verbotenem Wissensdurst
    geplagt. Die Araber besäßen den Schlüssel zu vielen Geheimnissen,
    hieß es, die die braven, naiven Mönche für Teufelswerk
    hielten. Die Legende berichtet, Gerbert habe auch seine neuen Lehrer
    rasch überflügelt. Nur ein alter arabischer Gelehrter sei ihm
    überlegen geblieben, denn er besaß ein Buch über die Zahlen mit
    dem Titel »Abacum«, das ihm magische Kräfte verlieh. Da er es
    sich nicht ausleihen konnte, verführte Gerbert die Tochter des
    Alten und stahl mit ihrer Hilfe das Buch unter dem Kopfkissen
    seines Lehrers. Darauf folgte eine abenteuerliche Flucht. Das
    »Abacum« aber gibt es wirklich. Neben der »Ars subtilissima
    Arithmeticae«, der »Geometrie«, dem Buch über das Schachspiel
    und der umfangreichen Abhandlung über Maße und Gewichte
    steht es unter den zwei Dutzend genialen mathematischen Werken,
    die Gerbert dAurillac hinterlassen hat, in den Bibliotheken.
    Außerdem verdankt ihm das Abendland die Einführung der
    arabischen Ziffern.
    Ähnlich ist die Karriere, die der entlaufene Mönch machte.
    Durch Betrug Erzbischof von Reims geworden, wurde er deshalb
    exkommuniziert und vom Heiligen Stuhl mit dem Bann belegt.
    118
    Bald darauf wurde er Nachfolger eben des Papstes, der ihn verurteilt
    hatte. Einen solchen Aufstieg vermochten sich die meisten
    nicht anders zu erklären, als durch einen Pakt mit dem Teufel.
    Und was hätte man Papst Gerbert wohl nicht zugetraut? »Er
    stellte selbst die Magie der vergangenen Jahrhunderte in den
    Schatten«, schrieb der Chronist William of Malmsbury voller
    Entsetzen, doch mit einem bewundernden Unterton. Man erzählte
    sich, auf dem Marsfeld bei Rom gäbe es ein Standbild aus
    Eisen und Bronze, das den Zeigefinger der rechten Hand ausstreckte
    und auf dessen Stirn geschrieben stand: »Schlage hier!«
    Jedermann schlug nun zu, ohne daß sich irgend etwas ereignete.
    Gerbert aber beobachtete, daß der Schatten des Zeigefingers genau
    um die Mittagstunde auf einen Punkt am Boden wies. Nachts
    kehrte er zu der Stelle zurück, grub, von einem Pagen unterstützt,
    nach und fand den Eingang zu einem unterirdischen Schloß. Auf
    diese Geschichte folgten weitere Berichte von erstaunlichen Begebenheiten,
    ein Beweis, wie ungeheuer stark Gerbert die Phantasie
    seiner Mitmenschen beschäftigte.
    Dieser Einfluß war auf die bemerkenswerten Erfindungen des
    gelehrten Papstes zurückzuführen. Er konstruierte ein Astrolab,
    die erste Pendeluhr und eine Wasserorgel. Eine wahrhaft phantastische
    Schöpfung des Papstes Gerbert aber offenbart die »Patrologie
    latine«, eine Gesamtausgabe der Kirchenväter, die der
    Abbe Jacques-Paul Migne veröffentlicht hat. [63]
    Gerbert wandte die geheimen Kenntnisse, die er von den Arabern
    erworben hatte, an und goß in dem Augenblick, da alle Planeten
    ihre Laufbahn beginnen, einen Kopf in Kupfer. Dieser
    Kopf nun konnte mittels einer unbekannten Vorrichtung alle
    ihm gestellten Fragen mit »Ja« oder »Nein« beantworten und
    ihm die Zukunft voraussagen. Der Papst verriet das Geheimnis
    des Automaten nicht, sondern sagte nur, es sei im Grunde ganz
    einfach, da es lediglich auf einer Rechnung mit zwei Zahlen beruhe.
    Heute gibt es überall Elektronengehirne – Maschinen, die denken
    können. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts jedoch mußte der
    sprechende Kopf, den der Papst erfunden hatte, als furchtbares
    Teufelswerk erscheinen. Nach Gerberts Tod zerstückelte man
    seinen Leichnam, warf ihn auf einen Ochsenkarren, um ihn an
    der Stelle zu begraben, wo die Tiere von selber stehenbleiben
    würden. Angeblich befolgte man damit die Anweisungen des Verstorbenen,
    der in seiner letzten Stunde seinen Pakt mit dem Teufel
    habe sühnen wollen.
    Zufällig aber blieben die Ochsen vor der Lateranskirche stehen.
    Dort wurde Gerbert beigesetzt. Lange Zeit war der Name Silvester
    II. von der Liste der Päpste gestrichen. An seiner Stelle
    stand Agapitus. Nur die Templer, die ja immer aus der Reihe
    tanzen mußten, hielten sein Andenken hoch in Ehren und betrauerten
    in ihren Geheimstatuten (Erster Teil, Artikel 18) »die
    Kirche des wahren Christus in den Zeiten von Papst Silvester«.
    Und den sprechenden Kopf, so wurde laut verkündet, habe man
    sofort nach dem Tod des Teufelspapstes vernichtet.
    Merkwürdigerweise existierte dieser Kopf aber zwei Jahrhunderte
    später immer noch und machte seinen gelehrten Besitzern
    sehr zu schaffen. In mehreren zeitgenössischen Texten heißt es,
    der berühmte englische Franziskaner Roger Bacon, Astrologe und
    Alchimist, Erfinder des Schießpulvers, den die Päpste Innozenz
    IV. und Nikolaus III. in unbegreiflichem Zorn ins Gefängnis
    werfen ließen, habe ihn besessen. Der »Doctor mirabilis« Bacon
    gab ihn an Albertus Magnus weiter, den berühmten deutschen
    Magier, der an der Sorbonne der Lehrer des Thomas von Aquin
    war. Albertus Magnus starb 1280. In der Blütezeit des Templerordens
    verliert sich die Spur des sprechenden Kopfes, jener Wundergabe
    der Araber an den seltsamsten Heiligen Vater, der je
    gelebt hat.
    Die Etymologie des Wortes Baphomet war Gegenstand verschiedener
    Hypothesen. Sie wetteiferten alle darin, die geheimnisvolle
    Vokabel als Hieroglyphe zu deuten. Kürzlich stellten
    einige Fachleute fest, die Ableitung aus dem arabischen Ouba El
    Phoumet, das heißt: Mund des Vaters, sei am einleuchtendsten.
    Es bleibt jedem überlassen, daraus seine Schlüsse zu ziehen.
    120
    DAS ERBE
    Was wurde aus dem Templerorden, nachdem er durch den Gewaltstreich
    des Königs dezimiert und von der Kirche verurteilt
    worden war?
    Manche behaupten, er habe nie aufgehört, im Schatten weiterzuleben,
    und jedes Unglück, das seit seinem Sturz in Frankreich
    dem Thron oder der Kirche widerfahren sei, lasse sich als geheimer
    Racheakt der Templer deuten. Es erübrigt sich wohl zu
    betonen, daß eine solche Auslegung nicht mehr in den Bereich der
    Geschichte, sondern des Romans fällt. Da ihnen auch der kleinste
    Beweis für ihre Behauptung fehlt, lassen die phantasievollen
    Autoren die Templer einfach als Geister auftauchen, die Jeanne
    dArc verbrennen und Ludwig XVI. guillotinieren, wohlverstanden
    durch Mittelspersonen.
    Andere wiederum halten es für bequemer zu erklären, der
    Orden sei ebenso schnell verschwunden wie der Rauch der Scheiterhaufen.
    Ein kürzlich erschienenes Werk von Albert Ollivier
    zum Beispiel endet mit dem kategorischen Satz: »Der Temple
    hat einen Fall hinterlassen, kein Erbe.«
    Wie so oft, scheint die Wahrheit in der Mitte zu liegen. Wenn
    der Orden als bestehende Körperschaft auch den Keulenschlag,
    den man ihm in Frankreich, seinem Hauptsitz, durch Clemens V.
    und Philipp den Schönen versetzte, nicht überlebte, so behandelten
    ihn doch die Herrscher in anderen Ländern weniger gewaltsam.
    So in Deutschland, mehr noch in England und vor allem in
    Portugal, wo der Temple unter dem neuen Namen Christusorden
    praktisch intakt geblieben war und noch zwei Jahrhunderte
    später sein Kreuzbanner stolz auf den Karavellen Vasco da
    Gamas und Magellans hissen konnte. Selbst in Frankreich begaben
    sich zahlreiche Templer, einzeln oder in kleinen Gruppen,
    in ein Untergrunddasein, auf das sie, wie wir gesehen haben, seit
    langem vorbereitet waren. Sie verteilten sich auf verschiedene
    Mönchsorden, Öfter noch auf Gilden und Zünfte, wohin sie die
    Gewöhnung an ein tätiges Leben und die Notwendigkeit, ihren
    121
    Unterhalt zu verdienen, führten. Man schätzte ihre Kenntnisse
    hoch, und sie übten großen Einfluß aus.
    Unter dieser Perspektive lassen sich die Behauptungen mancher
    Gesellschaften und Vereinigungen, sie stammten in direkter Linie
    vom Tempelritterorden ab, besser beurteilen. Das gilt vor allem
    für manche Freimaurerlogen, deren Ursprünge strittig sind.
    Als Geheimgesellschaft mit philosophischem Charakter, wie
    wir sie heute kennen, wurde die Freimaurerei erst 1717 in England
    von Intellektuellen gegründet. Den meisten Historikern genügte
    dies, um jede Art von Verbindung zwischen dieser spekulativen
    Freimaurerei und den alten Gilden der Maurer und Steinmetze
    zu leugnen, die nichts als den Namen miteinander gemein
    hätten.
    Diese klassische These ist trotzdem nicht ganz stichhaltig. Es
    ist schwierig einzusehen, daß die moderne Freimaurerei aus reiner
    Phantasie Namen, Traditionen und Symbole von einer alten
    Gilde entliehen haben sollte. Vor allem aber ist ein Gegensatz
    von »Arbeit« und »Spekulation«, von Technik und Ideologie
    völlig willkürlich. Kürzlich erschienene Werke beweisen, daß bereits
    die römischen Handwerkerkollegien einander insgeheim
    nicht nur technische Methoden, sondern auch spekulative Traditionen
    – magische, religiöse, philosophische – weitergaben, was
    ihnen die Unterdrückung durch die Cäsaren eintrug. Im Mittelalter
    war das gesamte Schaffen Riten unterworfen, von Symbolen
    bevölkert, mit Kosmogonie durchtränkt. Insbesondere die Baukunst
    erforderte von jeher die Zusammenarbeit von Handwerkern,
    Künstlern und Gelehrten. Die mittelalterlichen Gilden
    waren keineswegs reine Arbeitsgenossenschaften. Die Behauptung,
    die Erbauer der Kathedralen, vom Architekten bis zum Maler
    und Bildhauer, seien nicht durch spekulative Beschäftigung – eine
    bestimmte Konzeption vom Menschen, von der Welt und von
    Gott – inspiriert worden, läßt sich keine Sekunde aufrechterhalten.
    Im Gegensatz zu der gängigen Ansicht haben diese Gilden
    übrigens von Anfang an Intellektuelle und hochgestellte Persönlichkeiten
    als Ehrenmitglieder aufgenommen. Aus dem rein spekulativen
    Charakter der modernen Freimaurerei wäre also
    122
    keineswegs zu schließen, daß sie nicht aus den Gilden hervorgegangen
    ist, sondern nur, daß die soziale Evolution im 18. Jahrhundert
    das alte System der Gilden zunichte machte.
    Zu Beginn des 12. Jahrhunderts begannen sich die Gilden der
    Baumeister von den Mönchsklöstern zu lösen, mit denen sie bis
    dahin verschmolzen waren. Seitdem zeigen sie bestimmte Merkmale,
    die sich sechshundert Jahre später bei der modernen Freimaurerei
    wiederfinden: Einweihung, Geheimhaltungspflicht, esoterische
    Lehren. Das führte mehrmals zu ihrer Verurteilung, wie
    es später den Freimaurern durch die katholische Hierarchie geschah.
    Einweihung und Geheimhaltung rein beruflichen Charakters
    hätten diese Verurteilungen nicht gerechtfertigt. Die erste erfolgte
    bereits 1189, die letzte wurde 1655 ausgesprochen. Sie geschah
    übrigens ausdrücklich wegen »gottloser, schändlicher und abergläubischer
    Praktiken«, das heißt mit deutlichen Worten, wegen
    Esoterik.
    Das ist durchaus nicht erstaunlich. Seit Beginn des Mittelalters,
    lange vor den Kreuzzügen, machten sich durch die Mauren in
    Spanien nichtchristliche Einflüsse auf die sakrale Architektur bemerkbar.
    In Frankreich zeugen die ersten romanischen Bauwerke
    davon. In der Gotik zeigen die Heiligenbilder der Kathedralen,
    daß die Hermetik, und insbesondere die Alchimie, den Baumeistern
    geläufig war. Man sieht also, wie falsch es ist, die Beschäftigung
    mit der Hermetik ausschließlich der modernen Freimaurerei
    zuzuschreiben, in die sie durch den englischen Altertumssammler
    und Alchimisten Elias Ashmole im 17. Jahrhundert eingeführt
    worden sei. In Wirklichkeit war sie bereits im Mittelalter weit
    verbreitet. Wie der bedeutende Kenner des Mittelalters, Etienne
    Gilson, schrieb: »Eine Sache verstehen und erklären, bestand für
    den Denker jener Zeit darin, zu beweisen, daß sie das Symbol
    oder das Zeichen einer tieferen Wahrheit war, daß sie etwas
    anderes verkündete oder bedeutete.«
    Nun waren die durch die Schule der Zisterzienser geprägten
    Templer von Anfang an große Baumeister. Wie die anderen
    Mönchsorden unterstützten sie die Bildung von Laienbruder123
    Schaften der Baumeister. Diese Bruderschaften waren häufig innerhalb
    des Ordensgebietes ansässig. Sie profitierten von dessen Sonderrechten
    und Freiheiten. Ohne jeden Zweifel nahmen sie hermetische
    Gedankengänge in sich auf, die sich allmählich unter dem
    Einfluß des Orients bei ihren Schutzherren entwickelten. Und
    als diese nach der Katastrophe bei ihnen Zuflucht fanden, ließen
    sie das hermetische Gedankengut weiterleben.
    Wohlverstanden, der Kult, den die sogenannte »strikte Observanz
    « der Freimaurer mit dem Andenken der Templer in Form
    von angeblich ererbten Legenden, Traditionen und Riten treibt,
    beweist keineswegs ausreichend, daß eine tatsächliche Verbindung
    zwischen beiden besteht.
    Andererseits ist das Mißtrauen der Historiker begreiflich. Denn
    wie wir bald sehen werden, hat das von Geheimnis umwobene
    Erbe des Tempelritterordens zu einigen betrügerischen Versuchen
    geführt, es zu erschleichen. Und schließlich ist es in jedem Fall
    schwierig, die Behauptungen von Vereinigungen zu überprüfen,
    die es sich zur Regel gemacht haben, ihre Archive und Urkunden
    für sich zu behalten.
    Die heftigsten Gegner der Freimaurer unter den Schriftstellern
    begeben sich auf das Gebiet der reinen Legende, wenn sie schreiben,
    »der Templerorden lebt fort unter dem Deckmantel der
    Freimaurerei«, eine Behauptung, die bis zu den seriösen Historikern
    der Freimaurerei nur Lächeln erweckt. Wiederholen wir:
    die gewaltige Organisation des Tempelritterordens wurde vollständig
    zerschlagen und ist nie wieder auferstanden.
    Alle Mythologie beiseite gelassen, hat die spekulative Freimaurerei
    jedoch fraglos über die Baumeistergilden teilweise die
    Lehren des Templerordens in ihre Konzeption aufgenommen,
    adaptiert und integriert.
    In diesem Punkt mochten wir uns dem Fazit des Historikers
    Paul Naudon anschließen, das er in seinem bemerkenswerten Werk
    über »Die religiösen und korporativen Ursprünge der Freimaurerei
    « zieht: »Ohne von einer vorgefaßten Meinung auszugehen,
    mußten wir zu dem Beweis gelangen, daß gewisse als feststehende
    Tatsachen geltende Anschauungen trotzdem jeder Grundlage ent124
    behren. Wir haben das in voller Objektivität festgestellt. Dieselbe
    Objektivität hat uns nun umgekehrt zu der Schlußfolgerung
    geführt, daß bestimmte Legenden, die bei nüchternen Geistern
    jede Glaubwürdigkeit verloren haben, in Wahrheit auf seriöser
    Grundlage beruhen. Auch das haben wir aufrichtig anerkannt.
    Hierzu gehören vor allem die auf die Templer zurückgehenden
    Ursprünge der Freimaurerei. Wir waren selber geneigt, darin nur
    eine Fabel zu erblicken. Jetzt sind wir auf Grund der vorhandenen
    Beweise überzeugt davon, daß der Templerorden den Ausgangspunkt
    für die operative Freimaurerei bildet. Wir wollen
    präzisieren, daß wir nicht so weit zu gehen beabsichtigen, die
    heutigen Freimaurer zu Überlebenden des untergegangenen Ordens
    zu machen.«
    DER SCHWANK
    Am 18. März 1808 bot die Kirche Saint-Paul in Paris einen ungewohnt
    feierlichen Anblick. Sie war ganz mit weißem, von roten
    Kreuzen übersätem Stoff ausgeschlagen.
    Vor dem großen Portal waren mehrere Bataillone der kaiserlichen
    Infanterie als Ehrengarde aufmarschiert. Im Schiff mischten
    sich hohe Offiziere in Traueruniform unter die Gläubigen und
    Schaulustigen.
    Vor dem Hauptportal zelebrierte Diakon Pierre Romain die
    Messe. Seine schlichte Dalmatika bildete einen vorteilhaften
    Gegensatz zu den prächtig gewandeten Leuten, die sich würdevoll
    im Chor niederließen. Sie trugen Pelzmäntel, die an der
    linken Schulter mit einem roten Kreuz geschmückt waren. Ihre
    Ordensschärpen waren mit Troddeln besetzt, die unweigerlich
    an Gardinen erinnerten, und auf ihren Hermelinbaretts thronten
    goldene Agraffen wie Kanarienvögel.
    Einer jedoch übertraf alle anderen durch seine Würde und
    seinen Glanz. Das goldene Diadem, das an Stelle des Baretts auf
    125
    seinem dunkelbraunen Haupt prangte, die hohen Absätze seiner
    Stiefel aus rotem Juchtenleder bemäntelten geschickt seinen kleinen
    Wuchs. Um den Hals trug er eine Schnur aus einundachtzig
    Perlen und eine Art Amtsdienerkette. Die eine Hand ruhte auf
    dem mit Rubinen besetzten Schwertgriff, die andere hielt ein
    Zepter, dessen Spitze ein Globus und ein Kreuz zierten, höchstes
    Attribut seiner Würde. Das war Bernard-Raymond de Spolète,
    Nachfolger des Apostels Johannes, oberster Priester, Patriarch
    und Großmeister des wiedererstandenen Tempelritterordens, diesem
    Gedenktag an die Hinrichtung von Jacques de Molay schuldig.
    Bernard-Raymond Fabré-Palaprat hatte selbst in den Tagen,
    als er sich Doktor titulieren ließ, nur den bescheidenen Beruf
    eines Hühneraugenoperateurs in seinen heimatlichen Pyrenäen
    ausgeübt. Er wurde es zweifellos müde, immer zu Füßen der
    Menschen zu sitzen, und beschieß, sich an die Spitze einer phantastischen
    Mystifikation zu stellen. Eine unterhaltsame Geschichte,
    über die man jedoch nicht allzu sehr lachen sollte. Denn der Fall
    der Neotempler war keineswegs bloß eine harmlose Posse, sondern
    wurde zum seltsamsten Intrigenspiel des ganzen 19. Jahrhunderts.
    Das Ganze hatte in den Anfangszeiten des Konsulats begonnen,
    als in Paris ein Verein mit dem höchst prosaischen Namen »Gesellschaft
    zum Lendenbraten« gegründet wurde. Man muß seinen
    Mitgliedern insofern Gerechtigkeit widerfahren lassen, als sie mit
    den Templern zumindest die Vorliebe für gutes Essen und Trinken
    gemeinsam hatten, wie auch ihr Name offen bekundete. War
    es nun die sehr entfernte Verwandtschaft dieser Bankette mit den
    christlichen Liebesmählern der Antike, die – unter dem Einfluß
    des guten Weines – einem ihrer Mitglieder namens Radix de Chevillon
    eine grandiose Idee eingab? Man weiß es nicht. Tatsache
    ist jedoch, daß eben dieser Radix 1804 proklamierte, der Tempelritterorden
    lebe immer noch in Gestalt des »Lendenbratens«, er
    habe auch nie aufgehört zu existieren, und er, Radix, sei direkt
    von dem soeben verstorbenen letzten Großmeister, dem Herzog
    von Cossé-Brissac, zu dessen Nachfolger ernannt worden.
    Radix verschwand noch in demselben Jahr, nachdem er auf
    126
    ungeklärte Weise seine Vollmachten auf Bernard-Raymond Fabré-
    Palaprat übertragen hatte. Durch den Hühneraugenoperateur
    wird das Unternehmen rasch vergeistigt. Lendenbraten kommt
    nicht mehr in Frage. Beweise für die Kontinuität des Templerordens?
    Da ist zunächst einmal der Schatz: eine schwarzweiße
    Fahne, eine Sturmhaube und ein Schwert, von denen behauptet
    wird, sie hätten Jacques de Molay gehört, ein paar ausgedörrte
    Knochen, die – so schwört man – auf dem Scheiterhaufen gesammelt
    worden seien. Vor allem aber gibt es das »Levitikon«. Das
    ist der Titel einer Übertragungsurkunde. Sie ist griechisch auf
    Pergament geschrieben und trägt die Unterschriften sämtlicher
    Großmeister, die einander ohne Unterbrechung gefolgt sind, nachdem
    der Orden von der Bildfläche verschwand.
    Das »Levitikon« ist übrigens – dessen sind sich seine Besitzer
    gewiß – nur die getreue Kopie eines Dokumentes, das aus dem
    Jahre 400 datiert. Denn, so steht darin geschrieben, der Orden
    stammt nicht etwa von Hugues de Payen, wie die Laien annehmen,
    sondern geht viel weiter zurück. Jesus Christus selber war
    der erste in einer langen Reihe von Großmeistern, die wie eine
    Eiche von Jahrhundert zu Jahrhundert gewachsen ist und nun in
    Bernard-Raymond Fabré-Palaprat gipfelt.
    Wer würde es wagen, die Glaubwürdigkeit des »Levitikon« anzuzweifeln?
    Hat nicht Abt Gregor, ehemaliger Bischof von Blois,
    soeben seine gelehrte »Geschichte der religiösen Sekten« vollendet
    und, von mehreren Wissenschaftlern bestätigt, erklärt, es enthalte
    »alle Anzeichen der Authentizität«?
    Im Besitz einer solchen Inkunabel erlebt der neuartige Templerorden
    einen ungeahnten Erfolg. Sicher öffnet er seine Pforten
    nicht umsonst. Ritterurkunden, Titel wie der eines Großpriors
    von Monomatapa – keine Erfindung –, die das Recht auf Siegel
    und Wappen verleihen, machen sich bezahlt, und nicht gerade
    schlecht. Bei der Verleihung wird gleich eine Liste der Lieferanten
    mitgegeben, bei denen der Anwärter Abzeichen, Medaillen und
    Insignien des Ordens beziehen kann, wie die Zeremonienkleidung,
    die wirklich prachtvoll ist. Auserlesene neue Mitglieder strömen
    in Scharen herbei: der Herzog von Choiseul-Praslin gehört zu den
    127
    Stars des Ordens, bevor sein Name durch die Zeitungen gezogen
    wird. Der Erzbischof von San Domingo, Monsignore Mauviel,
    wird Primas und Präsident des Ministerrats von Fabré-Palaprat.
    Selbst Napoleon interessiert sich eingehend für den Fall. Ob er
    an die unter Fanfarengeschmetter von dem Hühneraugenoperateur
    und seinen Helfershelfern proklamierte Legitimität des neuen
    Templerordens glaubte, ist ungewiß. Allerdings kannte er die
    Geschichte des Temple, wie wir sehen werden, sehr genau aus den
    Urkunden. Doch der junge General Bonaparte hatte in Italien
    häufig Geheimgesellschaften besucht und vermochte ihre politische
    Bedeutung zu ermessen. Später handelte er äußerst geschickt, als
    er seinen Minister Fouché unterderhand ein Unternehmen fördern
    ließ, das trotz allem eine Doppelrolle spielen könnte, nämlich
    einerseits die Freimaurerei, andererseits den Vatikan zu schwächen.
    Deshalb bot er auch bei jeder von Fabré inszenierten Vorstellung
    seine alten Haudegen bereitwillig als Ehrengarde an.
    1815 bricht das Kaiserreich zusammen. Die Polizei Ludwigs XVIII.
    verhaftet Fabré als »Agent des Usurpators«. Er kauft sich wieder
    frei durch das Versprechen, einen Dankgottesdienst zu Ehren der
    wiedergekehrten Bourbonen abzuhalten. Diese Messe findet statt,
    und das Unternehmen geht weiter. Jetzt tritt der Vicomte
    dAsfeld auf.
    Sein Titel entstammt derselben Quelle wie das oberste Pontifikat
    des Hühneraugenoperateurs. Als Sohn eines Schneiders in
    Pau heißt er in Wirklichkeit Latapie und betätigt sich erfolgreich
    als Abenteurer. Während des Kaiserreichs arbeitet er in
    Oloron unter dem Deckmantel eines Notariats als Spion für den
    Herzog von Wellington und verrät sich unvorsichtigerweise während
    der Hundert Tage. Die Rückkehr Napoleons zwingt ihn,
    sich den Titel eines Vicomte und die Tressen eines spanischen
    Brigadegenerals zuzulegen. Mit deren Hilfe begeht er einige erfolgreiche
    Betrügereien. Doch er hat Pech und wird verhaftet. Sein
    Sündenregister ist reichhaltig, er simuliert Geistesgestörtheit und
    wird freigelassen. Abermals ernennt er sich zum Vicomte, diesmal
    dAsfeld und darüber hinaus zum Ritter Ludwigs des Heiligen –
    die Bourbonen sind ja wieder an der Macht.
    128
    Mit diesem neuen Rang läßt sich Latapie als Sekretär von Abt
    Gregor engagieren, überdies glänzt er als Veteran in der Ritterschaft
    des Großmeisters Fabré. Von einer angeblichen Reise in den
    Orient hat der falsche Vicomte ein Pergament mitgebracht, das
    wunderbarerweise eine Ergänzung des »Levitikon« darstellte und
    die Gründung des Ordens durch Jesus Christus bewies.
    Nun erhält der Präsident der Dominikanischen Republik einen
    Brief von Abt Gregor, der ihn bittet, Monsignore Mauviel seine
    Grüße zu übermitteln und dem verdienstvollen Vicomte dAsfeld
    eine jährliche Pension von 4000 Livres zu gewähren. Warum
    hatte auch der dominikanische Staatschef den unglücklichen Einfall,
    genauere Auskünfte von dem Abt zu erbitten, statt dessen
    Sekretär direkt ein Konto zu eröffnen? Das Schwindelmanöver
    wird aufgedeckt. Der Abt und der Hühneraugenoperateur jagen
    den Vicomte weg.
    Schonungslos, aber auch ohne Aufsehen, denn ein Skandal
    würde ja ein eigentümliches Licht auf die paläographischen Fähigkeiten
    des Abtes Gregor und einen grausamen Schatten auf die
    Rechtschaffenheit Fabrés werfen. DAsfeld weiß das und greift
    zur Erpressung. Gegen den einen schreibt er ein Pamphlet, in dem
    er berichtet, wie er ihn mit seinem apokryphen Pergament genarrt
    habe. Gegen den anderen kündigt er ein Buch an, »Die Templer
    von 1830«, aus dem die Welt erfahren würde, daß der »Levitikon
    « selber eine grobe Fälschung des Großmeisters sei.
    Werden die Neotempler diesmal an Lächerlichkeit zugrunde
    gehen? Keineswegs, sie waren noch nie in besserer Form. DAsfeld
    treibt ein verwegenes Spiel. Er behauptet, die einzigen authentischen
    Archive des Ordens zu besitzen. Da er die Experten täuschen
    konnte, sei wohl bewiesen, daß er stärker ist als sie und daß
    man ihm bezüglich Urkunden trauen kann. Überdies hat er eine
    geniale Idee. Man muß den Evastöchtern schön tun, in ihrer Eitelkeit
    und Koketterie. So veröffentlicht er 1831 in »LEncyclopédie
    moderne« einen Artikel, der offenbart, daß es von jeher weibliche
    Templer gegeben habe und nicht etwa x-beliebige: Jeanne dAlbret,
    Elisabeth von England, Christine von Schweden, Katharina
    II., Joséphine Beauharnais (und das Gelübde der Keusch129
    heit?), Madame de Staël... In einer Zeitung aus dem Jahre 1833
    kann man folgenden Bericht lesen, denn das Fest geht weiter,
    immer mit Unterstützung der Behörden:
    »Das Publikum wurde in den großen Saal geführt, die Anfahrtsstraßen
    waren von teilweise berittener Gendarmerie flankiert.
    Innen wehten Trikoloren.
    Im Hintergrund sah man die Fahne der Templer sowie das
    Bildnis von Jacques de Molay. Alte Rüstungen schmückten die
    Wandpfeiler. Um halb acht Uhr spielte das Orchester einen
    Kriegsmarsch, und der Großprior des Ordens, Monsieur Besuchet,
    von drei Priestern begleitet, bestieg die Estrade. Die Ritter tragen
    das historische Kostüm, das man im Théâtre Français besichtigen
    konnte. Im Namen der Ritter vom Templerorden, die alle
    ihre blanken Schwerter zücken, erklärt der Großprior, er nähme
    den Raum in Besitz, um hier den Gottesdienst der Urkirche zu
    zelebrieren und für Louis-Philippe zu beten. Darauf wurde der
    Großmeister Bernard-Raymond Fabré-Palaprat vorgestellt. Von
    den weiblichen Rittern, die den Titel Stiftsdame führen, wurde
    eine Kollekte veranstaltet. Dabei öffnete sich das lange einfarbige
    Gewand aus Musseline, das sie umhüllte, ein wenig.« [64]
    1838 starb Fabré-Palaprat. An seine Stelle trat der Admiral
    Sidney Smith. Der neue Großmeister von Louis-Philippes Gnaden
    träumt von der großen Politik seiner mittelalterlichen Vorgänger.
    »Der Sieg von Algier eröffnet die Gestade Afrikas der Zivilisation
    «, erklärt der moderne Kreuzfahrer, überquert das Mittelmeer
    und versucht, die Oberhäupter der unterworfenen Mohammedaner
    für die Sache der Neotempler zu gewinnen. Seine Taschen
    sind gefüllt mit Orden und Ehrenzeichen. Die Annalen
    schweigen über das Ergebnis dieser psychologischen Offensive.
    Auch über die Tätigkeit der Neotempler in der zweiten Republik
    schweigen sie, da diese anscheinend sehr zurückhaltend waren...
    Die Tage der »Junischlacht« fegen wie ein eisiger Wind über
    sie hin und erwecken sie wieder zum Leben. Jetzt bittet der Fürst
    von Chimay den Papst, das Dekret Clemens V. aufzuheben und
    den Neotemplern, die bereit seien, der Ketzerei Palaprats abzuschwören,
    in diesen gefährlichen Zeitläuften den Schutz des
    130
    Heiligen Stuhls zu gewähren. Doch bald ist Napoleon III. an der
    Madit. Sofort widmet ihm der Neotempler Philippe Bellot ein
    Gedicht. Er schildert darin das Alter und die Loyalität des Ordens,
    der die überkommenen Regeln, das Banner und den Glauben
    als »kostbare Güter« hüte. Gleichzeitig erinnert er den
    »natürlichen Erben des großen Napoleon, Frankreichs neuen siegreichen
    Apoll«, daran, daß auch sein Ahnherr dem Orden Schutz
    angedeihen ließ.
    Wie man sieht, sind die besten Späße nicht immer die kürzesten.
    Der Scherz der Neotempler erreicht jedenfalls am 6. Juli 1857
    seinen Höhepunkt. An diesem Tag läßt Seine Majestät König
    Georg V. von Hannover den Würdenträgern des Ordens ein offizielles
    Schreiben durch seinen Gesandten, den Grafen von Szapary,
    übermitteln. Er teilt darin mit, daß er geruhe, in seinen Ländern
    die Würde des Großmeisters dieser außergewöhnlichen Vereinigung,
    die aus der Gesellschaft zum Lendenbraten hervorging, anzunehmen
    ...
    Das war zwar schön, aber auch der Schwanengesang. Die Welt
    drehte sich jetzt im Rhythmus der Maschinen und nicht mehr im
    Walzertakt. Ein neues Rittertum entstand – das der Aktiengesellschaften.
    Und in Paris erhoben sich die Säulen eines neuen Tempels
    – der Börse. Das goldene Zeitalter der von Balzac geschaffenen
    Figur des Rastignac war vorbei. Um das Jahr 1870 gehen
    ein paar Spätlinge vergebens von Tür zu Tür und bieten Urkunden,
    Fahnen, ausgebleichte Knochen und alte Sturmhauben an.
    Sie werden überall abgewiesen und begnügen sich damit, diesen
    sonderbaren Schatz den staatlichen Archiven zu übergeben, wo
    man ihn heute noch besichtigen kann. Der Kriminalroman der
    Neotempler war in einer Gesellschaft entstanden, die zunehmend
    an Boden verlor, und fand keine Anhänger mehr in einer späteren,
    die ihrer selbst sicher war und unbeschwert ihrer »belle époque«
    entgegenschritt.
    Anscheinend sind in jüngster Zeit die Geister des Vicomte
    dAsfeld und des unaussprechlichen Fabré-Palaprat wiederauferstanden,
    um Männer, die über großen Plänen brüten, zu necken.
    Zum Beispiel den »Ritter X«, der in einer Zeitschrift schreibt:
    »Die Orden wurden beinahe zur einzigen Zuflucht der Heimwehkranken
    bis in die allerletzten Jahre, wo das Ritterideal eine
    machtvolle Wiedergeburt erlebt... Manche alten Orden haben
    die Berufung empfangen, mitunter bereiten sich auch Neugründungen
    vor. Freiwillig aber verzichten wir zumindest auf zwei
    Orden. Das moderne Rittertum lehnt den oberflächlichen Charakter
    und das Getöse des 19. Jahrhunderts ab. Es zieht der Reklame
    das Wirken in der Stille vor.« [65]
    Der Drache von Tarascon taucht immer wieder auf und mit
    ihm die Tartanns, die sich in die Rüstung St. Georgs werfen.
    Vor wenigen Monaten wurde ich eingeladen, der Aufnahme
    eines Templers beizuwohnen. Es gab sie also immer noch? Und
    ich sollte die Chance haben, vermutlich hinter einem Vorhang
    versteckt, die Geheimnisse ihrer Einweihungsriten zu ergründen,
    über die ich gerade schreiben wollte? Unter den Kuppeln irgendeiner
    Komturei, die für eine Nacht ihrer einstigen Bestimmung
    zurückgegeben wurde, würde ich einer Aufnahmezeremonie beiwohnen,
    die trotz der Scheiterhaufen erhalten gebliebenen Riten
    beobachten und vielleicht sogar den goldenen Kopf des Baphomet
    aufblitzen sehen. Als man mir den Namen des Anwärters mitteilte,
    erreichte meine Neugierde den Höhepunkt: es war Don
    Jaime de Mora y Aragon, der Bruder der Königin von Belgien.
    Seine Aufnahme in den »Souveränen Orden der Ritter vom
    Tempel von Jerusalem« fand in den Salons des Hotels »George V.«
    statt, in Gegenwart von über hundert Journalisten. Don Jaime
    hat Ähnlichkeit mit seinem Landsmann Salvadore Dali. Eine
    Zigarettenspitze in den Fingern, sprach er von der Auerhahnjagd,
    hielt eine Lobrede auf General Franco und nahm huldvoll die
    Ordensinsignien entgegen.
    Er spuckte nicht auf das Kreuz, in den Whisky übrigens auch
    nicht.
    132
    UND DER SCHATZ?
    Das am Ende einer langen Abenteurerfahrt vernichtete Schiff des
    Templerordens übt die gleiche Anziehungskraft aus wie die Galeonen,
    die mit ihrer geheimnisvollen Fracht untergegangen sind. Man
    träumt von ihm, ohne auch nur die Augen zu schließen, da ja die
    Schatzinsel in Frankreich liegt und jede Provinz dem Blick steinerne
    Trümmer bietet, über denen einst das Banner der Ritter
    wehte. Welche ehemalige Komturei hätte nicht schon den Besuch
    eines der zahllosen, mit Wünschelrute oder Pendel bewaffneten
    Geisterseher erhalten, die dem widerspenstigen Boden hartnäckig
    den berühmten Templerschatz zu entreißen suchten? Über keinen
    Schatz wurde so viel Tinte verspritzt, keiner hat so die Phantasie
    erhitzt und so zahlreiche Hirngespinste erzeugt.
    Zu jener Zeit, die uns beschäftigt, hatte sogar das Wort Schatz
    einen Doppelsinn. Der Schatz eines Landes, einer Gemeinschaft,
    einer Familie umfaßte ebenso die Archive, die Zeugnis von seiner
    Tradition ablegten, wie den Besitz in Edelmetallen. So vereinigte
    Philipp der Schöne die offiziellen Dokumente in einem »Urkundenschatz
    « und schuf gleichzeitig den »Staatsschatz des Louvre«,
    wo die Barbestände des Staatsvermögens aufbewahrt wurden.
    Sobald der Temple von Paris zum Stammhaus geworden war,
    barg er einen zweifachen Schatz: einmal die Papiere des Ordens
    und zum anderen seine Geldbestände. Das wissen wir. Henri de
    Curzon hat es im vorigen Jahrhundert unwiderlegbar in seinem
    grundlegenden Werk festgestellt, das er der Pariser Festung der
    Tempelritter widmete.
    Nun ist allen – und es sind ihrer Legionen –, die sich mit den
    Akten des Templerfalles beschäftigt haben, ein merkwürdiger
    Widerspruch aufgefallen.
    Der Templerorden war eine internationale, souveräne Organisation,
    deren religiöses, militärisches und finanzielles Wirken beinahe
    zwei Jahrhunderte lang zwei Kontinente umspannte. Sie
    besaß zweifellos Archive in Hülle und Fülle. Sicher wurden diese
    gut geführt, aus denen anderer geistlicher Orden zu schließen, zu133
    mal man gerade im 13. Jahrhundert begann, Dokumente systematisch
    zu ordnen und aufzubewahren.
    Trotzdem besitzen wir nur ganz wenige Papiere, die aus dem
    Templerorden selber stammen: drei Kopien seiner offiziellen
    Regel (gegenüber dreizehn der Hospitaliter), einige Urkundenbücher
    aus der Provinz, zwei Rechnungsbücher, jedoch kein wichtiges
    Dokument, keine diplomatische Urkunde und vor allem kein
    einziges Protokoll der Generalkapitel, die über manche Ritterorden
    wie den vom Goldenen Vlies so genaue Aufschlüsse geben.
    Wir würden aus ihnen direkt etwas über die dunklen Geheimnisse
    erfahren, die man auch nach sechs Jahrhunderten nur mutmaßen
    kann.
    Einige Forscher vertreten die Meinung, die Dokumente des
    Ordens würden größtenteils im Vatikan unter Verschluß gehalten.
    Da dieser Staat als einziger der Welt niemals seine Bilanz
    oder seine Archive veröffentlicht, muß seine Geheimbibliothek
    herhalten, und das oft zu Recht, wenn den Historikern die Unterlagen
    fehlen. Im Fall der Templer jedoch trifft das nicht zu. Nach
    der Einnahme von Rom nämlich ließ Napoleon, der sehr interessiert
    war, in den Archiven des Vatikans alles, was damit zusammenhing,
    beschlagnahmen. Dieses Dossier wurde nach Abschluß
    des Konkordates dem Papst zurückgegeben. Doch inzwischen hatten
    sich mehrere Gelehrte damit befaßt und einen Katalog zusammengestellt,
    aus dem einwandfrei hervorgeht, daß der Heilige
    Stuhl nicht im Besitz der Archive des Temple ist. Allerdings bewahrt
    er einige Prozeßakten auf, die für uns von allergrößtem
    Interesse sind, wie wir noch sehen werden.
    Philipp den Schönen kann man ebenfalls nicht für das Verschwinden
    der Archive verantwortlich machen. Eine solche Aktion
    hätte ihn ohne Frage kompromittiert, falls die Templer unschuldig
    waren, wenn auch weniger, als man annimmt, da er die
    Papiere ja nur unter Verschluß zu halten brauchte. Doch selbst
    dann hätte er sie bestimmt im »Urkundenschatz« deponiert, wie
    er es mit allen in seinen Händen befindlichen offiziellen Dokumenten
    getan hat.
    Über das Schicksal der Geldreserven, die der Temple von Paris
    134
    im Augenblick der großen Razzia aufbewahrte, wissen wir besser
    Bescheid. Sie waren ja nicht durchweg Eigentum des Ordens, und
    der Staat nahm den Teil wieder an sich, den er diesem zur Verwaltung
    anvertraut hatte. Der Rest wurde wie die übrige Habe
    der Templer beschlagnahmt und fiel dann fast ganz dem Orden
    der Hospitaliter zu.
    Da aber die Archive des Temple fehlen und die Verzeichnisse
    der beschlagnahmten Werte nur zum geringen Teil erhalten sind,
    läßt sich unmöglich mit Sicherheit sagen, ob tatsächlich der gesamte
    Besitz des Ordens in Paris konfisziert wurde, der wiederum
    lediglich einen Bruchteil seines gewaltigen Vermögens ausmachte.
    Ebensowenig kann man behaupten, daß die Beschlagnahme
    sämtliche Kultgegenstände erfaßte, deren unvergleichliche Pracht
    Jacques de Molay in einem seiner Geständnisse gepriesen hatte.
    Aus naheliegenden Gründen läßt sich nichts über das Schicksal
    des Schatzes sagen, den der Großmeister bei seiner letzten Reise
    von Zypern nach Paris gebracht haben soll. Dessen Existenz ist
    nur gerüchtweise bekannt.
    Bereits Henri de Curzon stellte fest: »Läßt sich nicht in dem
    Verhalten Philipps gleich zu Beginn des Prozesses schlecht verhohlene
    Enttäuschung darüber erkennen, nicht alles Gesuchte gefunden
    zu haben, als er am Tag der Verhaftung in den Temple
    eilte, um auf die Papiere und den Schatz des Ordens ein Auge
    zu haben und vielleicht sogar die Hand darauf zu legen?«
    Die Frage des Templerschatzes ist in jedem Fall eng mit einer
    anderen verknüpft: Kam die Razzia vom 13. Oktober 1307 für
    die Leiter des Ordens wirklich völlig überraschend?
    Allein die Tatsache, daß Jacques de Molay selber den Papst
    um Eröffnung eines kirchlichen Untersuchungsverfahrens gebeten
    hatte, um dadurch der Aktion des Königs zuvorzukommen,
    würde bereits genügen, das zu bezweifeln. Das taten auch die
    meisten Schriftsteller, die sich mit diesem Punkt beschäftigt haben.
    »Die Archive, die Statuten, die Geheimdokumente sind verschwunden
    «, schrieb einer. »Sie waren bereits vor der Verhaftung
    der Ritter verschwunden. Wurden sie vernichtet? Es ist höchst
    unwahrscheinlich, daß man das eines Tages erfährt.«
    135
    »Man fragt sich«, schrieb Jules Piquet, »ob sich ohne Vorbehalt
    behaupten läßt, der Großmeister sei durch seine Verhaftung überrascht
    worden. Man hatte ihn gewarnt. Ist er diesen Warnungen
    wirklich mit Hochmut und Mißtrauen begegnet? Hat er nicht
    vielmehr die Statuten, die Grundregeln, die Rechenschaftsberichte
    der Kapitel, die Korrespondenz, einen Teil der Buchführung,
    wenn auch provisorisch, in Sicherheit gebracht? Dies sind natürlich
    nur Vermutungen, allerdings recht naheliegende.«
    »Die Wahrheit ist«, versichert Paul Chacornac, »daß der
    König nicht das fand, was er suchte. Denn der Großmeister tat
    nur unbefangen und hatte die wichtigsten Urkunden seiner Archive
    längst in Sicherheit gebracht.«
    Schließlich erklärt John Charpentier: »Die Templer ergriffen
    die elementare Vorsichtsmaßnahme, einige Dokumente, Texte
    oder Bilder, die kompromittierend sein und gewitzte Beobachter
    auf die richtige Spur führen könnten, zu vernichten, zu verstecken
    oder zu vergraben.«
    Wie man sieht, handelt es sich bei den beiden letzten Verfassern
    um eine sichere Behauptung. Man fragt sich, worauf sie
    nach über sechshundert Jahren beruhen mag.
    Nun berichtet Albert Ollivier in seinem kürzlich erschienenen
    Buch eine Anekdote, die interessante Einzelheiten über die Evakuierung
    bestimmter kostbarer Besitztümer durch die Templer
    gibt. »Eine Legende will wissen«, schreibt er, »Jacques de Molay
    sei keineswegs überrascht gewesen, sondern habe das Verhaftungsdatum
    gekannt und die wichtigsten Dokumente des Ordens am
    12. Oktober in drei mit Stroh bedeckten Wagen wegschaffen
    lassen.«
    Der Journalist und Historiker fährt fort: »Eine ziemlich abenteuerliche
    Geschichte, denn die genannten Papiere wurden nie
    wieder aufgefunden. Außerdem wäre durch die Folter das Geheimnis
    ihres Verstecks ja leicht zu lösen gewesen.«
    Tatsächlich findet man nicht die geringste Spur einer solchen
    Erzählung, wenn man die 1221 Seiten umfassenden lateinischen
    Prozeßakten genau liest, die im vorigen Jahrhundert von Michelet
    herausgegeben wurden.
    136
    Sicher sind darin nicht die Unterlagen aus den Archiven des
    Vatikans enthalten, die unter Napoleon zwischen Rom und Paris
    hin und her gingen. Aber Raynouard, der die Papiere in Händen
    hatte und 1813 seine Analyse darüber veröffentlichte, schweigt
    ebenfalls über diese Episode.
    Allerdings ist die Arbeit von Raynouard nur eine Zusammenfassung.
    Der deutsche Historiker Schottmüller veröffentlichte
    1887 als erster die Dokumente des Vatikans in extenso, vor
    allem die Geständnisse der Templer, die von Clemens V. und
    seinen Kardinalen in Poitiers verhört wurden. Aber auch bei ihm
    findet sich kein entsprechender Hinweis. Doch wir wissen aus
    einem wiederaufgefundenen Brief von Clemens V., daß er in
    Poitiers zweiundsiebzig Templer verhört hat. Daraus läßt sich
    feststellen, daß in der Arbeit Schottmüllers eine Anzahl von
    Geständnissen fehlt.
    Nun findet sich ausgerechnet unter den letzteren ein wichtiges
    Dokument, das nicht nur die Episode mit den drei Wagen berichtet,
    sondern außerdem dazu außerordentlich interessante Einzelheiten
    gibt.
    Es handelt sich um das Ende 1308 vor dem Papst persönlich
    abgelegte Geständnis des sechsundvierzigsten Verhörten, nämlich
    des Templers Jean de Chalon aus dem Temple von Nemours,
    Diözese von Troyes.
    Dieser erklärte, er habe am Abend vor der Razzia, am
    12. Oktober 1307, selber drei mit Stroh beladene Wagen gesehen,
    die bei Anbruch der Nacht den Temple von Paris unter Leitung
    von Gérard de Villers, der fünfzig Pferde führte, und von
    Hugues de Châlons [66] verließen. In diesem Wagen waren
    Truhen verborgen, die den gesamten Schatz des Generalvisitators
    Hugues de Pairaud (totum thesaurum Hugonis Peraldi) enthielten.
    Sie nahmen Richtung auf die Küste, wo sie an Bord
    von achtzehn Schiffen des Ordens ins Ausland gebracht werden
    sollten.
    Dieses Dokument erscheint in den Geheimarchiven des Vatikans
    unter dem Zeichen »Register Aven. N° 48 Benedicti XII.,
    Teil I, Seiten 448–451«.
    137
    Kommentarlos sei festgehalten, daß Pater Theiner, der Leiter
    der Archive, 1867 schrieb: »Über den Originalprozeß der Templer
    findet sich weder in der Bibliothek des Vatikans noch in den
    Geheimarchiven des Heiligen Stuhls irgendein Hinweis.« Dies
    ist nicht der erste und auch nicht der letzte merkwürdige Umstand,
    zu dem unsere Untersuchung geführt hat.
    Da das, was man für eine später entstandene Legende hielt,
    in Wirklichkeit das unter Eid abgelegte Geständnis eines Beteiligten
    ist, müssen wir es in Erwägung ziehen und auf seinen
    Wert untersuchen.
    Zunächst ist zu unterstreichen, daß die Geständnisse von
    Poitiers, die vor dem Papst und den Kardinalen gemacht wurden,
    viel glaubwürdiger sind als diejenigen, die von den Bevollmächtigten
    des Königs und den französischen Inquisitoren häufig
    erpreßt wurden. Der König sträubte sich so heftig dagegen, die
    Templer Clemens V. zu überstellen, weil er dessen Skepsis gegenüber
    den angeblichen Verbrechen des Ordens kannte und ebenso
    seine Neigung zur Nachsicht. In Poitiers also sprechen die
    Templer ungehemmter.
    Andererseits enthalten die Erklärungen von Jean de Chalon
    so genaue Einzelheiten, daß schwer anzunehmen ist, sie seien
    aus Furcht erfunden worden. Im Gegenteil, die Furcht hatte ihm
    lange Schweigen geboten. Auf die Frage der Kardinale, weshalb
    er nicht früher von dieser Angelegenheit gesprochen habe, antwortete
    er wörtlich, »er hätte nicht um alles in der Welt gewagt,
    was auch immer zu enthüllen, wenn nicht der Papst und der
    König ihm den Weg dazu geöffnet hätten; denn wenn man im
    Orden erfahren hätte, daß jemand gesprochen hat, wäre der
    Betreffende sofort getötet worden«.
    Aber wollte Jean de Chalon nicht gerade durch die Worte,
    mit denen er vom Papst und vom König sprach, versteckt darauf
    hinweisen, daß diese ihm sein Geständnis diktiert hätten? Wir
    glauben das nicht, und zwar deshalb: Clemens V. warf Philipp
    dem Schönen die Eile vor, die er bei der Verhaftung der Templer
    an den Tag gelegt hätte. Darauf erwiderte dieser, er habe erfahren,
    daß einige Ritter bereits begannen, den Schatz des Ordens
    138
    in Sicherheit zu bringen. Natürlich könnte das nur ein Vorwand
    Philipps gewesen sein. Dann wäre Jean de Chalon dem Papst
    vorgeführt worden, um lediglich zum Schein diesen Vorwand zu
    bekräftigen. Warum hätte aber dann der König, wie verschiedene
    Dokumente beweisen, sämtliche Hauptstraßen seit dem Tag vor
    den Verhaftungen bewachen lassen? Da er das tat, mußte es wohl
    noch andere Transporte gegeben haben, und somit besteht für
    uns keinerlei Ursache mehr, jenen vom 12. Oktober anzuzweifeln.
    Es gibt jedoch noch bessere Argumente. In der Nationalbibliothek
    existiert ein Text, der in die Briefe Clemens V. eingeschoben
    ist und der unseres Wissens noch von niemand zitiert wurde. Es
    handelt sich um ein Blatt mit der Überschrift: »Dies sind die
    Namen der Brüder, die entflohen sind.« Dieses Blatt enthält die
    Liste von zwölf Würdenträgern des Ordens und einen Hinweis
    auf die Richtung, die einige von ihnen eingeschlagen haben. Nun
    finden sich darunter auch die beiden von dem Zeugen aus Poitiers
    genannten Namen: Hugues de Châlons und Gérard de Villers,
    »der vierzig Brüder bewaffnet hat«. [67]
    Damit wird die Aussage von Jean de Chalon über das Verschwinden
    des Templerschatzes unanfechtbar und bis ins einzelne
    bestätigt.
    Wir können nun, ohne großes Risiko eines Irrtums, auch den
    Weg des heimlichen Transports festlegen. Denn selbstverständlich
    würden die Leiter des Tempelritterordens, nachdem sie erfahren
    hatten, daß die Razzia drohte, ihre kostbaren Güter, Geld
    und Archive, die sie jenseits des Meeres in Sicherheit bringen
    wollten, nicht den Gefahren einer langen Reise quer durch das
    Land aussetzen, sondern den kürzesten Weg wählen. Um so
    mehr, als dieser in das einzige Land führte, das ein sicherer
    Verbündeter des Ordens war, nämlich England. Schließlich war
    es für derartige Unternehmen kein unbekannter Weg. Bereits
    1247 hatte der Großmeister Guillaume de Sonnac dem englischen
    Herrscher Heinrich III. aus Südfrankreich unter starker Eskorte
    eine geheimnisvolle Fracht geschickt.
    Selbstverständlich konnte der Transport nicht die Hauptstraße
    nach Rouen nehmen, da sämtliche Hauptstraßen bereits bewacht
    139
    waren. Und da außerdem die Flußmündung der Seine damals
    anders verlief als heute, war Rouen auch für Hochseeschiffe
    ungeeignet.
    Von Paris aus war die nächste und verschwiegenste Stelle für
    die Einschiffung vor der alten gallischen Stadt Eu an der Mündung
    der Bresle, etwa dort, wo jetzt Le Tréport liegt. Heute
    gelangt man von Paris aus entweder über Beauvais oder Gisors
    dorthin. 1307 jedoch hatte man keine Wahl, da nur die alte
    Römerstraße durch das Vexin existierte.
    Wenn Jean de Chalon mit eigenen Augen (obviavit) den Geleitzug
    gesehen hatte, so war er doch nicht bei der Einschiffung
    dabeigewesen, sondern hatte nur davon reden gehört (audivit
    dici). Wahrscheinlich hat diese Einschiffung niemals stattgefunden,
    denn die Verladung und Abfahrt von achtzehn Schiffen des
    Ordens konnte nicht unbemerkt vor sich gehen. Andererseits steht
    fest, daß der Transport nicht abgefangen wurde. Darüber findet
    sich in keiner Chronik ein Hinweis. Wenn jedoch ein solcher
    Transport dem König in die Hände gefallen wäre, so hätte er
    sich beim Papst darauf und nicht auf ein bloßes Gerücht berufen,
    um die abrupten Verhaftungen zu rechtfertigen. Der Geleitzug
    hatte sich also gezwungen gesehen, unterwegs haltzumachen und
    seine Fracht an einen sicheren Ort zu bringen.
    Dies konnte selbstverständlich nicht eine der normannischen
    Komtureien sein, die bei Tagesanbruch genau durchsucht und
    von den königlichen Wachen besetzt worden wären, bevor Gérard
    de Villers und seine Gefährten sie hätten erreichen können. Ferner
    durfte dieser Zufluchtsort nicht zu weit von Paris entfernt
    liegen, denn man mußte vor der kritischen Stunde dort angelangt
    sein. In einer Nacht konnten Pferde im Schritt nicht mehr als
    etwa sechzig Kilometer zurücklegen. Und schließlich mußte er
    nicht direkt an der Straße sein, da diese ja stellenweise bereits
    bewacht war. Die Logik umschreibt also den Umkreis ziemlich
    eng, innerhalb dessen der Schatz des vornehmen und mächtigen
    Herrn Hugues de Pairaud, Generalvisitator von Frankreich des
    Tempelritterordens, Zuflucht finden konnte.
    Dennoch bleibt ein Punkt in dem Geständnis des Jean de
    Chalon merkwürdig. Wieso hätten drei Wagen genügt, um
    Truhen zu transportieren, für deren Verfrachtung achtzehn
    Schiffe erforderlich waren? Der Widerspruch ist so ungeheuer,
    daß er unserer Meinung nach die ganze Aussage hinfällig machen
    würde, wenn es nicht noch ein anderes Dokument gäbe, das deren
    Authentizität bestätigt. Und trotzdem beweist gerade diese
    enorme Diskrepanz, daß der Widerspruch freiwillig geschah. Welches
    war die treibende Kraft, die Jean de Chalon dazu bewog?
    Hat er nicht gehandelt wie vor ihm die beiden anderen Templer,
    Antoine de Verceil und Hugues du Faure, als sie die Legende
    von dem magischen Kopf erzählten? Und sind nicht die drei
    Wagen oder die achtzehn Schiffe oder auch beide ein Hinweis,
    ein Wegweiser, ein Symbol, das für die allein Eingeweihten
    verständlich ist, um diese auf die Spur des verschwundenen
    Schatzes zu bringen?
    Dritter Teil
    DAS RÄTSEL VON GISORS
    »Im Mittelalter hat die Menschheit keinen
    wichtigen Gedanken gedacht, ohne ihn
    in Stein auszudrücken.«
    VICTOR HUGO
    »Die vollkommenste aller Tätigkeiten
    ist das Bauen.«
    PAUL VALERY

    143
    Im Jahre 1711 wollten die Domherren von Notre-Dame in Paris
    die Grabstätten der Erzbischöfe verschönern und ließen deshalb
    hinter dem Hauptaltar eine Gruft ausheben. Man grub fünfzehn
    Fuß tief, bis am 16. März eine alte Mauer freigelegt wurde, die
    quer durch die ganze Breite des Chors ging. In ihr waren höchst
    erstaunliche Dinge eingemauert, die noch heute die Neugier der
    Besucher des Cluny Museums erregen, wo sie ausgestellt sind.
    Es waren neun mit Flachreliefs und Inschriften verzierte würfelförmige
    Steine. Auf einem war ein Stier dargestellt. Er trug
    auf seinem Rücken drei Kraniche, wie man sie an den Nilufern
    sieht. Auf dem anderen der keltische Gott Cernunnos, dessen
    gebogene Hörner zwei Räder trugen, und sein Zwillingsbruder
    Smertullos. Auf dem nächsten der Sohn Jupiters, Vulcan, Gott
    des metallurgischen Feuers. Auf dem vierten ein Baum, den Esus,
    der gallische Mars, fällte. Der fünfte zeigt zwei Reiter: die Zwillinge
    Castor und Pollux, Beschützer der Schiffahrt. Der sechste
    und siebente einen Herkules und einen Mann und eine Frau in
    verschiedenen Stellungen. Der achte wies auf den Ursprung der
    anderen hin; auf ihm war folgende Inschrift zu lesen:
    TIB . C A E S A R E
    AVG . I O V I . OP T U M
    M A X S V M O M0
    N A V T A E P A R I S I A C
    P V B L I C E . P O S I E R V
    . TN
    144
    Was ungefähr bedeutet: »Unter dem Kaiser Tiberius, zu Ehren
    des sehr guten und sehr großen Jupiter, haben die Pariser Schiffer
    dies öffentlich niedergelegt.«
    Ungefähr – denn Félibien und Lobineau haben in der monumentalen
    »Geschichte von Paris«, die sie drei Jahre nach der
    Entdeckung veröffentlichten, mit den scharfen Augen der Benediktiner
    einige Eigentümlichkeiten darin festgestellt, zum Beispiel
    das M0 vor NAVTAE und die Vertauschung des V und I in
    MAXSVMO und POSIERVNT. [68] Was nun die seltsame
    Form anbelangt, in der jenes letzte Wort eingemeißelt ist:
    P O S I E R V
    . TN
    so erklären uns die gelehrten Mönche, daß »es sich dabei um
    eine Schreibweise handelt, die im Griechischen bustrephedon genannt
    wird, weil sie den Weg eines von Ochsen gezogenen Karrens
    nachahmt«.
    Félibien und Lobineau sind voller Bewunderung für den religionsgeschichtlichen
    Wert der Inschrift und machen auf folgendes
    aufmerksam: »Es fällt schwer, diese gelehrten Kenner der Antike
    als Schiffer anzusehen. Wenn nautae Schiffer heißt, hat man dann
    die berühmten Helden, die das Schiff Argo bestiegen, um das
    Goldene Vlies zu erobern, nach ihnen genannt? Man nennt sie
    alle nautae, argonautae.«
    Der wahrscheinlich zufällige Fund der Domherren begeisterte
    die größten Geister der Zeit. Leibniz schrieb Brief auf Brief, ließ
    sich Abbildungen schicken und wies mit philologischen Argumenten
    nachdrücklich darauf hin, daß der Name Esus auf einem
    der Steine ein Wortspiel mit dem der Isis darstelle, der »göttlichen
    Mutter« der Ägypter, der bald weißen, bald schwarzen
    Himmelskönigin, die ihren Adepten die geheimsten Kenntnisse
    offenbarte.
    Die Hypothese dieses Universalgenies, der Philosoph, Mathematiker
    und Diplomat in einem war, übte eine um so stärkere
    Wirkung aus, als sich daraus seine Zugehörigkeit zur gelehrtesten
    und unzugänglichsten aller Geheimgesellschaften entnehmen ließ,
    den Rosenkreuzern. Und die qualifiziertesten Wappenkundler betrachteten
    daraufhin das Schiff auf dem Stadtwappen von Paris
    als Anspielung auf das der Isis, der Göttin, der angeblich die
    Segel zu verdanken sind. Ferner hatte ein Standbild der Isis seit
    Gründung der Abtei durch Childebert I. im Jahre 558 in Saint-
    Germain-des-Prés gestanden und war von den Gläubigen als
    Schwarze Madonna verehrt worden, bis Kardinal Briçonnet im
    16. Jahrhundert Anweisung gab, es zu beseitigen.
    Es blieb nun noch der neunte Steinwürfel mit der rätselhaften
    Inschrift EVRISES, an der sich selbst die gelehrten Mönche
    Félibien und Lobineau und ebenso der geniale Leibniz die Zähne
    ausbissen, wie man zumindest aus ihrem Schweigen schließen
    kann.
    Niemand aber machte darauf aufmerksam, daß 1633 in Paris
    in der oberen rue Saint-Martin der Brunnen mit dem merkwürdigen
    Namen »du Vert-Bois« errichtet wurde. Er existiert
    heute noch und lohnt durchaus, ihn sich anzusehen, wenn man
    in der Gegend ist.
    Auf dem Fundament des Hochreliefs hat der Bildhauer Muschelzierat,
    einen geflügelten Helm und einen geflügelten Schlangenstab
    dargestellt, die herkömmlichen Embleme Merkurs. Darüber
    ein Schiff, das gleiche wie auf dem Wappen von Paris. Das
    Focksegel steht so, daß man die Fracht erkennen kann: es ist
    einer der würfelförmigen Steine, die man ein gutes Dreivierteljahrhundert
    später unter Notre-Dame entdeckt hat (Tafel XIII
    unten).
    Es ist jedoch nicht denkbar, daß das Schiff der Isis mit den
    Emblemen des Hermes gewöhnliche Bausteine verfrachtet. Der
    einzige Stein, der seiner würdig wäre, ist der Stein der Weisen.
    Sollten das einige Menschen seit langem gewußt haben? Wenn
    wir die steinernen Würfel der Nauten entziffern wollen, führen
    sie uns von einem Punkt zu einem anderen, an dem wir stehenbleiben
    müssen ...
    146
    VERWANDTSCHAFT IN BILD UND STEIN
    Als die nautae parisiaci zur Zeit von Tiberius und Jesus Christus
    neun Teile aus ihrem steinernen Buch auf der Ile de la Cité
    zurückließen, durchquerten sie jede Woche auf ihrer Fahrt
    zwischen Paris und Rouen das Gebiet des Stammes der Eburovises
    oder Evroises, dem das heutige Departement Eure seinen
    Namen verdankt.
    Hier gab es einen Landstrich, der Argonauten anzuziehen
    vermochte: das Vexin, Pagus Beliocassinus, das Land des Geheimnisses
    des Widders. [69]
    Um ins Innere dieses Landes zu gelangen, das unter dem
    Zeichen des brennenden Feuers stand, mußte man die direkte
    Wasserstraße Paris–Rouen verlassen. Entweder konnte man den
    Wasserweg wählen, in der Höhe von Giverny, bei Vernon, abzweigen
    und die Epte hinabfahren, oder den Landweg, da –
    wie wir gesehen haben – eine Römerstraße Paris mit dem Vexin
    verband.
    Dieser Umweg ist kommerziell von keinerlei Interesse, er
    hatte nur symbolische Bedeutung. Und seltsamerweise scheinen
    ihn diese einfachen Schiffer doch gemacht zu haben. Ihr Zeitgenosse
    Ptolemäus nennt die Hauptstadt des Vexin, obwohl sie
    kein Hafen ist, Gessoriacum Navale: das schiffahrende Gisors.
    Die Römerstraße, die von der Ile de la Cité über Montmartre,
    Saint-Denis und Pontoise nach Gisors führte, war zwar nur ein
    zweitrangiger Verkehrsweg, jedoch eine heilige Straße. Jede
    Nacht wurden von Hügel zu Hügel zwischen dem Denkmal, das
    die Nauten dem Jupiter errichtet hatten, und der geheimen Hei147
    mat des Widders Feuer entzündet. Ein Rosenkranz von Flammen,
    den heidnische Priester durch die Landschaft gleiten ließen.
    Im Vexin mischten sich ebenso wie auf den Steinwürfeln der
    Nauten gallische und römische Götter wie ältere und jüngere
    Söhne derselben Mutter, verschiedene Gesichter einer einzigen
    Tradition. Manche Orte hatten bereits – wie ihr Name bewies –
    den Götterkult Roms übernommen. Aber die Menhire und Dolmene
    der Druiden blieben die Herren der Wälder. Sie drehten
    sich auf magische Weise um sich selbst im Augenblick der Wintersonnenwende
    und bevölkerten die Nächte durch den Mann ohne
    Kopf, der noch heute in den Sagen als Blaiseau lArdent fortlebt.
    Letztlich spielt es auch kaum eine Rolle, für wen die Altäre
    errichtet sind. Die Religionen vergehen, doch die Landschaften
    bleiben. In den von jeher heiligen folgen die Götter einander nur
    als Mieter, und die Wege, die sie verbinden, bestehen auch nach
    dem Sturz der Götter weiter.
    Im Mittelalter wechselt das Vexin den Namen. Es bleibt jedoch
    unter dem Zeichen des Feuers, da man es jetzt Pagus Vulcasinus
    nennt, Land des Geheimnisses des Vulcans. Die beiden Wege, zu
    Wasser und zu Land, zwischen dem Gebiet von Paris und dem
    Vexin, genauer zwischen Paris und Gisors, erfahren am Rande
    der großen Wirtschaftsadern das ungewöhnliche Schicksal von
    großen Verbindungswegen der Symbole.
    Die Pariser Schiffer machen Karriere. Unter dem Namen »marchands
    deau«, das heißt auf dem Wasser handeltreibende Kaufleute,
    verwalten sie jetzt die Hauptstadt. Das älteste Siegel von
    Paris, das wir besitzen, stammt aus dem Jahre 1200. Es stellt das
    Schiff der »marchands deau« dar. Die Urkunde, auf der es sich
    befindet – eine einfache Abmachung über den Salztransport zwischen
    Paris und Rouen –, wurde, entgegen jeder Logik, in Gisors
    in Gegenwart des Königs von Frankreich unterzeichnet (Tafel
    XIII, oben).
    Auf der Römerstraße werden nach wie vor Feuer entzündet.
    Sie dienen nur noch als Signalfeuer, die nachts von den Türmern
    erspäht werden. Trotzdem werden sie Montjoies genannt, das
    heißt Berg des Jupiter (Mons Jovis). Dadurch bleibt die Erinne148
    rung an ihre Funktion in der Antike erhalten, und sicher auch
    deren geheimes Überleben.
    986 tauchte der erste Graf des Vexin, Gauthier, auf. Und 1075
    nimmt sein Nachfahre Godefroy als erster den Namen von Gisors
    an. Wir würden diese Menschen einer längst entschwundenen Zeit
    gar nicht erwähnen, wenn die Grafen des Vexin nicht ein unwahrliches
    Privileg genossen hätten: In der Schlacht marschierten sie
    vor dem König von Frankreich, und ihr Banner hatte den Vortritt
    vor allen anderen. Nun hieß dieses Banner die »Romaine« oder
    »Montjoie«; es war f euerf arben und mit goldenen Flammen übersät
    nach dem Vorbild des flammenden Schwertes, von dem es dem
    »Rolandslied« zufolge seine sagenhafte Abstammung herleitete.
    Zu jener Zeit vollbrachten zwei Heilige, Denis und Clair, der
    eine in der Nähe von Paris, der andere bei Gisors, das gleiche
    Wunder. Sie schritten nach ihrer Enthauptung weiter und hielten
    ihren Kopf in den Händen. Unter Godefroy wird Gisors Lehen
    der Abtei Saint-Denis, und das kostbare Banner verläßt über die
    Römerstraße das Land der Männer ohne Kopf, wird auf das
    Grab des Pariser Märtyrers gepflanzt, was ihm neuerlichen Aufstieg
    bringt. Von nun an heißt es »Oriflamme« wegen seiner Farben
    oder »Vexin« wegen seiner Herkunft [70]. Die Rolle, die es
    spielt, könnte den Gedanken erwecken, Gisors sei zwar Lehen von
    Saint-Denis nach den Urkunden, in Wahrheit jedoch Lehnsherrin
    dank irgendeiner unbekannten Übereinkunft. Denn tatsächlich ist
    die Oriflamme bei der Krönung der Könige von Frankreich zugegen,
    und diese verehren sie wie eine Reliquie, beinahe wie einen
    Gott. Wenn sie in den Krieg ziehen, dürfen sie sie nur ergreifen,
    nachdem sie ihr, nüchtern, kniend, barhäuptig gehuldigt und auf
    die Heilige Jungfrau geschworen haben, sie getreulich zu verteidigen.
    Die Oriflamme bleibt nun zusammengerollt bis zum Augenblick
    des Angriffs, wo sie feierlich entfaltet wird, während der
    Kriegsruf des Königs erschallt: »Montjoie saint Denis!« Man bezeichnet
    den Träger des Banners mit dem lateinischen Namen
    »Signifer«, Träger des Zeichens, was sich auch auf den Tierkreis
    bezieht. Und da das Zeichen in diesem Fall das der Sonne und
    des Feuers ist, könnte sich der Träger des »Vexin« ebenso auf
    Tafel IX: Gisors. Eglise Saint-Gervais. Tympanon des großen Portals, aus neun
    kubischen Steinen zusammengesetzt
    Tafel X: Gisors. Eglise Saint-Gervais: Nordportal; ein Kristallgefäß mit Lilienstengeln
    (links). – Gisors. Eglise Saint-Gervais: Säule der Lohgerber (rechts)
    149
    lateinisch Luzifer und auf griechisch Phosphor nennen, Träger des
    Feuers, des Lichtes.
    Unter König Johann II. dem Guten ist Geoffroy de Charnay,
    ein Verwandter und Namensvetter des Leidensgefährten von
    Jacques de Molay auf dem Scheiterhaufen, Träger der Oriflamme.
    Das Banner nimmt an allen Schlachten teil, in denen es um das
    Schicksal des Königreiches geht: Azincourt, Roosebeke, Crécy.
    Die ersten nationalen Farben waren also zugleich alchimistische
    Farben – des Goldenen Vlieses und der Schmiede Vulcans.
    Dieselben Farben finden wir übrigens in den späteren Wappen
    von Gisors wieder. Wenn man diese mit denen von Paris vergleicht,
    werden neue Übereinstimmungen zwischen den beiden
    Städten verliehenen Symbolen sichtbar.
    Wappen sind vollkommene Hieroglyphen, in denen jede Einzelheit
    zählt. Die Farben, die Figuren und ihr Platz auf dem
    Schild, die Devise müssen sorgfältig untersucht werden, will man
    den Sinn des Ganzen entdecken. Die Heraldik verfährt in der Tat
    nach einem minuziösen Symbolismus und gehorcht genauen Regeln.
    Das ursprüngliche Wappen von Gisors war: rot, mit liegendem
    goldenem Hirsch. Später nimmt Gisors: rot, mit ausgezacktem
    goldenem Kreuz, während Paris ein rotes Stadtwappen hat mit
    silbernem Schiff, das auf silbernen Wogen schwimmt. Nun braucht
    man in der Wappenkunde nicht besonders bewandert zu sein, um
    zu wissen, daß die Embleme des Kreuzes und des Schiffes einander
    entsprechen – alle katholischen Kirchen sind in Kreuzform
    gebaut und bestehen aus Schiff und Querschiff.
    Noch später werden beide Stadtwappen durch dasselbe königliche
    Ornament ergänzt: ein blaues Oberfeld, mit goldenen Lilien
    verziert. Und schließlich haben sie die gleichen Schildhalter: gekreuzter
    Eichen- und Mistelzweig.
    Zwischen diesen Wappen besteht nur der Farbunterschied der
    mittleren Embleme. Allerdings handelt es sich um Komplementärfarben:
    das Schiff von Paris, das jenes der Isis darstellen sollte
    und tatsächlich die Form eines Halbmondes hat, bleibt dem silbrigen
    Mondlicht treu, während Gisors, das unter dem Zeichen des
    Feuers steht, ein Kreuz in der Farbe der Sonne wählt.
    150
    Der Symbolismus ihrer Wappen bestätigt, daß eine echte Verwandtschaft
    zwischen den beiden Städten besteht, aber auch – wie
    bei der Oriflamme – eine Art geheimer Lehnsherrschaft der kleineren
    über die größere, denn Gold ist kostbarer als Silber und die
    Sonne leuchtender als der Mond. Und bedient sich nicht auch
    Papst Innozenz III. dieses Vergleichs in eben dem Augenblick, als
    die Stadtwappen auftauchten, um das Supremat der Kirche über
    Abbildung 3: Wappen von Paris (links), Wappen von Gisors (rechts)
    das Weltliche zu postulieren? Wie Gott zwei Lichtquellen erschaffen
    hat«, schrieb der große Schutzherr der Templer, »eine
    größere, die den Tag, und eine kleinere, die die Nacht regieren
    soll, so hat er auch am Firmament der allumfassenden Kirche,
    deren Erbe himmlischen Ursprungs ist, zwei Ehrenämter geschaffen:
    ein größeres, um die Seelen zu regieren, als seien sie
    Tage, und ein kleineres, um die Körper zu regieren, als seien sie
    Nächte. Es sind dies die päpstliche und die königliche Gewalt.«
    Als der Papst den König von England treffen wollte, wählte er
    erstaunlicherweise das Schloß von Gisors für diese Begegnung.
    Ein weiteres Merkmal des Wappens von Gisors darf nicht übersehen
    werden: die Zahl 1188, die darüber steht. In jenem Jahr
    verkündete Erzbischof Guillaume de Tyr von Gisors aus den dritten
    Kreuzzug. Die Wahl dieser Stadt, Gegenstand von hundertjährigen
    Streitigkeiten zwischen Franzosen und Engländern, wäre
    151
    vielleicht politisch unklug gewesen, wenn es hier nicht einen
    für die Zusammenkunft der christlichen Könige sehr geeigneten
    Platz gegeben hätte. Vor den Toren der Stadt befand sich an der
    berühmten Römerstraße das sogenannte Heilige Feld. Seit undenklichen
    Zeiten stand auf diesem Feld eine Ulme. Wenn man
    den Chroniken glaubt, war sie wirklich ungewöhnlich: »Vier
    Männer konnten sie kaum mit den Armen umspannen. Sie war
    wie ein Wald, und ihr Schatten bedeckte mehrere Morgen, so daß
    dort Tausende von Menschen Platz und Obdach fanden.« Um
    diesen botanischen Riesen gegen jeden Anschlag zu schützen, hatte
    man seinen Stamm »mit einem gewaltigen Gerüst von Eisen und
    viel Bronze« umgeben, so daß sie »Eiserne Ulme« genannt wurde.
    Dieser Baum, der sogar den Namen des Feuers trägt [71] und
    der in der Antike dem Mars geweiht war, erschien Guillaume de
    Tyr als idealer Platz, um die Kriegsbegeisterung der Kreuzfahrer
    zu entfachen. Unter ihm vereinten sich König Philipp II. August
    von Frankreich und König Heinrich II. Plantagenet von England.
    Der erste bewunderte voller Neid die Burg über der Stadt, die
    der zweite vor knapp vier Jahren vollendet hatte. Im Gefolge
    Heinrichs würdigte der Dichter Roger of Hoveden, der die düstere
    Legende von der Jungfrau Yse berichtet hat, den Ort als Kenner.
    Dasselbe taten die südfranzösischen Troubadoure. Sie hielten unter
    der Ulme von Saint-Martial in Toulouse ihre erste Versammlung
    ab.
    Wer hatte einst das Heilige Feld von Gisors gepflügt, um dort
    die Eiserne Ulme zu pflanzen? Waren es die Nauten nach dem
    Beispiel Jasons, der die Stiere mit den ehernen Hufen auf dem
    Marsfeld zu Kolchis vor den Pflug gespannt hatte? Jedenfalls
    hatte der Baum bereits eine lange Geschichte und ebenso das Feld,
    auf dem er stand. Als er 1111 in den Krieg zog, hatte König Ludwig
    VI. der Dicke auf dem Heiligen Feld vor einem im Freien
    errichteten Altar die Messe gehört. Während der Zeremonie
    waren die Engländer erschienen, um die heiligen Gefäße zu erobern.
    Doch eine Ochsenherde hatte sie in die Flucht geschlagen.
    Zwei Tiere blieben als Wache vor dem Altar stehen. Zur Erinnerung
    an dieses ungewöhnliche Ereignis wurde auf dem Feld eine
    152
    Kapelle errichtet, die man Saint-Pierre-aitx-Boeufs nannte [72].
    Etwas später meditierte Sankt Bernhard unter den Blättern der
    Ulme über die Ordensregeln der Templer. Und schließlich hatten
    hier bereits mehrere Zusammenkünfte zwischen Franzosen und
    Engländern stattgefunden.
    Die Folgen seiner Predigt überstiegen alle Hoffnungen des Erzbischofs.
    Er versetzte seine hochgeborenen Zuhörer in einen solchen
    Gnadenzustand, daß man am Himmel von Gisors ein großes
    leuchtendes Kreuz erscheinen sah. Schleunigst wurde es auf das
    Stadtwappen übertragen. Angeblich ließ man auch bei ebenjener
    Gelegenheit das schöne, eigenartige Kreuz meißeln und setzen,
    das als unzerstörbares Andenken an den Templerorden noch
    heute an einer Straßenbiegung zwischen Neaufles und Gisors Aufmerksamkeit
    erweckt.
    Doch nachdem die allgemeine Begeisterung abgeklungen war,
    bemühte man sich, Unterscheidungsmerkmale zu schaffen. So
    wählten die Engländer ein weißes Kreuz, die Deutschen und die
    Flamen ein grünes und die Franzosen ein rotes. Die Rivalitäten
    gewannen wieder die Oberhand. Sie sollten im selben Jahr die
    Ulme das Leben kosten.
    Es geschah am 15. August. Die Chroniken widersprechen einander,
    je nachdem, ob es sich um französische oder englische handelt.
    Provozierten die Engländer, die ruhig unter dem Baum
    saßen, mit ihren Spottreden die in der Sonne schwitzenden Franzosen?
    Oder waren es im Gegenteil die Franzosen, die sich im
    Zorn zurückzogen, da sie den Einzug in Gisors nicht erzwingen
    konnten? Fest steht jedenfalls, daß die Franzosen die Ulme fällten
    und sich dessen wie einer Heldentat rühmten.
    Die Engländer waren jedoch von jeher Naturliebhaber und beklagten
    mit rührender Traurigkeit die zerstörerische Tat: »Außerhalb
    der Stadt gab es eine runde Ulme. Sie war schön und grün
    und spendete im Sommer angenehmen Schatten. Aus Dummheit
    schlugen die Männer des Königs sie Stück um Stück ab. Niemals
    ist der Krone Frankreichs solch große Schmach widerfahren.«
    Wie in Gisors, gab es auch in Paris eine von alters her berühmte
    Ulme. Sie stand vor der Kirche Saint-Gervais et Saint-Protais,
    Abbildung 4: ... das geheimnisvolle Buch des Alchimisten.
    Frontispiz des »Liber Mutus« von Soulat des Maretz
    154
    einige Schritte von der Ile de la Cité entfernt. Sie ging normal ein,
    aber es wurde stets sofort eine neue gepflanzt. So kann man noch
    heute vor dieser Kirche eine schöne Ulme bewundern, die durch
    ein Gitter aus Eisen und Bronze geschützt ist.
    Treibt man die Neugier so weit, die Kirche zu betreten, erlebt
    man die erfreuliche Überraschung, vom Pfarrer selbst einige interessante
    Einzelheiten über die Geschichte des Baumes zu erfahren,
    das bleibende Sinnbild der Gemeinde. Zum Beispiel hört man,
    daß die Einwohner des Viertels ihm bis ins 15. Jahrhundert Platzmiete
    entrichten mußten, als sei er ihr Hausherr. Vor allem aber
    war die Ulme von Saint-Gervais wie die von Gisors von jeher
    ein Versammlungsort. Und wenn sich in ihrem Schatten auch
    keine Fürsten trafen, so war es doch eine auf ihre Abkunft nicht
    minder stolze Korporation: die der Maurer und Steinmetze.
    Bei näherer Besichtigung entdeckt man einen wunderbaren
    Chor, der 1540 geschnitzt wurde und dessen beide Seiten je zweiundzwanzig
    Chorstühle enthalten. Wenn man nun die Sitze
    dieser Chorstühle nacheinander hochklappt, daß die Scharniere
    quietschen, hat man gewonnenes Spiel.
    Dann entdeckt man nämlich die Rundbilder, die mit zwar
    wenig katholischen, aber äußerst ausdrucksvollen Emblemen geschmückt
    sind: ein Männerkopf mit Widderhörnern, ein Schifferkahn,
    die mit einem Eisengitter umkleidete Ulme scheinen den
    Weg zu weisen, den es einzuschlagen gilt, sowie den Ort, der zu
    erreichen ist. Und sollte man sich noch fragen, unter welchem
    Zeichen die Reise wohl stehen soll, so gibt das Rundbild Auskunft,
    das einen Maurer mit der Kelle in der Hand darstellt.
    Man stellt fest, daß sein Knie entblößt ist. Eine Haltung, die tatsächlich
    bei dem Aufnahmezeremoniell der Freimaurer vorgeschrieben
    ist.
    Es wird den Leser kaum wundern zu hören, daß die Kirche
    Saint-Gervais et Saint-Protais im Jahre 1195 ihre Urkunde im
    Vexin erhielt und daß eine Priorei im Vexin die Schutzherrschaft
    übertragen bekam. Mehr wird ihn vielleicht erstaunen, daß die
    Kirche von Gisors ebenfalls Sankt-Gervais und Sankt-Protais geweiht
    wurde.
    155
    Das Schicksal beider Kirchen weist übrigens Parallelen auf. Sie
    wurden ursprünglich an der Stelle eines Sanktuariums aus dem
    6. Jahrhundert errichtet. Beide wurden im 11. Jahrhundert verlegt,
    die erste, um dem Rathaus, die zweite, um der Burg Platz
    zu machen. Beide verdanken ihr heutiges Aussehen einem dritten
    Bau, der zu Ende der Renaissance fertiggestellt wurde. Wer im
    Gegensatz zu uns abergläubisch ist, würde noch hinzufügen, daß
    beide – die eine 1916, die andere 1940 – bombardiert und daß
    dabei die großen Orgeln zerstört wurden.
    Am merkwürdigsten aber ist, daß die Embleme im Chor von
    Saint-Gervais in Paris sich zumeist in Saint-Gervais in Gisors
    wiederfinden. Insbesondere sieht man dort die Figur mit dem
    entblößten Knie, deren Eigenschaft als Maurer durch einen Zirkel
    und als Eingeweihter durch das griechische Φ gekennzeichnet ist,
    unter vielem anderen der Anfangsbuchstabe des Wortes »Philosoph
    «, mit dem sich die Alchimisten bezeichneten.
    Man kann in beiden Kirchen noch viele andere gemeinsame
    Embleme entdecken, über deren Bedeutung man vergebens genaue
    Auskunft in Reiseführern oder bei den Priestern suchen würde.
    Blättert man jedoch in zwei alten alchimistischen Alben, dem
    »Liber Mutus« von Soulat des Maretz (1677) (Abb. 4) und dem
    »Traité symbolique de la pierre philosophale« von Conrad Barchusen
    (1718), so findet man darin zu seinem Erstaunen die meisten
    dieser Embleme wieder. Sogar die allegorische Szene, die das
    Titelblatt des ersten Werkes bildet, erscheint ebenfalls auf dem
    Giebelfeld des großen Portals der Kirche Saint-Gervais in Gisors.
    Dort ist sie, wahrhaft verblüffenderweise, in neun würfelförmige
    Steine eingemeißelt (Tafel IX).
    Welche Botschaft unbekannter Hände haben sie – von den
    Nauten bis zu den Erbauern der Kathedralen – während sechzehn
    Jahrhunderten dem Schweigen der Steine anvertraut? Und wie
    weit haben sie zwischen Paris und Gisors diese Symmetrie der
    Wegweiser getrieben?
    Man erinnert sich, daß in Paris neben Saint-Gervais drei Gefährten
    von Hugues de Payen im 11. Jahrhundert auf einem von
    Ludwig VI. geschenkten Platz die erste, noch bescheidene WohnAbbildung
    5: Auszug aus dem »Traité symbolique de la Pierre
    philosophale« von Conrad Barchusen
    Abbildung 6: Gisors, Kirdie Saint-Gervais, West-Fassade
    Tafel XI: Paris. Eglise Saint-Gervais: Chorgestühl. Die »drei Köpfe« (oben). –
    Aufnahme eines Freimaurers (das linke Knie ist entblößt). Das Kryptogramm
    auf den Stufen mahnt: »Studiere die Schrift« (unten)
    Tafel XII: Gisors. Eglise Saint-Gervais: Nordportal, Detail (oben links).–
    Paris, Eglise Saint-Gervais: Chorgestühl, Salamander (rechts oben); Chorgestühl,
    Remora (rechts Mitte), Chorgestühl (unten)
    157
    Abbildung 7: Auszug aus dem »Traité symbolique de la Pierre philosophale«
    von Conrad Barchusen
    Stätte der Templer erbaut haben. Ursprünglich fanden an dieser
    Stelle die Zusammenkünfte der Lohgerber statt. [73] Das Templerhaus
    war mit der Kirche durch ein unterirdisches Gewölbe verbunden,
    dessen Ausgang vor einigen Jahren unter einer der
    Kapellen der Apsis wiederentdeckt wurde. [74] An der Stelle des
    ehemaligen Templerhauses findet sich heute noch der Sitz einer
    Gesellenverbindung.
    Neben Saint-Gervais in Gisors wurde zur selben Zeit der Bau
    der Burg vollendet.
    Aber ist diese Burg wirklich nichts weiter als ein Kleinod der
    Festungsbaukunst?
    158
    DIE BAUMEISTER
    Als der Wikinger Rollo, der nur zu Fuß ging, weil kein Pferd
    kräftig genug war, ihn zu tragen, sich die Normandie von König
    Karl dem Einfältigen abtreten ließ, teilten sich die beiden Männer
    in das Vexin. Der König behielt das Land links der Epte mit
    Pontoise. Der neue Herzog bekam die andere Hälfte mit Gisors,
    das wegen seiner Lage am Fluß fünf Jahrhunderte lang zur
    Grenzstadt wurde.
    Das geschah 911. Hundertfünfzig Jahre später wird Wilhelm
    der Bastard, Enkel eines Lohgerbers, der sechste Nachfolger
    Rollos als Herzog der Normandie. Er besiegt England und wird
    daraufhin Wilhelm der Eroberer genannt. Zwischen Anglonormannen
    und Franzosen beginnt eine lange Zeit der Rivalität,
    die erst der hundertjährige Krieg beendet.
    Alle Vorstöße der Widersacher richten sich auf die Seine, diese
    Wirtschaftsader ohnegleichen, die jeder zu beherrschen sucht. Wer
    das Vexin hat, hat auch die Seine, und wer die Epte überschreitet,
    hat das Vexin. Vom 11. Jahrhundert ab wachsen an den steilen
    Ufern der Epte zwei Reihen von Burgen empor. Sie liegen einander
    gegenüber und wechseln mitunter in den Kämpfen die
    Besitzer. Als später unter den angiovinischen Königen der anglonormannische
    Vorstoß sich auch auf die Loire ausdehnt, entsteht
    in der Touraine eine in allen Punkten ähnliche Kette von Burgen.
    Unter den Burgen der Epte aber ist die von Gisors, das die alte
    Römerstraße abriegelt, an strategischer Bedeutung allen benachbarten
    überlegen. Deshalb gibt es auch im Kampf um Gisors bis
    zum 15. Jahrhundert keinen Waffenstillstand.
    Die Erbauer der Burg verkannten das nicht. Sie sollte den
    Zeiten trotzen, und sie können sich noch im Grab rühmen, daß
    ihnen das gelungen ist.
    Wenn auch strategische Erwägungen völlig genügen, um das
    Vorhandensein der Burg von Gisors zu erklären, so bleibt der
    Plan, nach dem sie erbaut wurde, doch im dunklen. Zum Beispiel
    läßt sich schwer erkennen, welche militärische Notwendigkeit die
    159
    Baumeister veranlaßt haben mochte, die Ringmauer des Wehrturmes
    in Form eines regelmäßigen Polygons mit vierundzwanzig
    Seiten und den Wehrturm ebenso wie seinen Wachturm als
    regelmäßiges Achteck zu errichten. Häufig wurde sogar den strategischen
    Erfordernissen entgegengehandelt, ein Umstand, der die
    Archäologen sehr beschäftigte. Bereits der Marquis de Dion betont,
    als er von dem Tor spricht, das in die Ringmauer des Wehrturms
    eingelassen wurde: »Man beachte das Tor dieser Ringmauer.
    Es ist weder von oben noch seitlich befestigt. Obwohl man
    nur über eine gerade, erschreckend steile Treppe dorthin gelangen
    kann, ist es 2,70 Meter breit und 5 Meter hoch. Das heißt, daß
    ein Heuwagen hindurch könnte. Ich würde es direkt als Triumphbogen
    bezeichnen.«
    Dasselbe gilt für den äußeren Festungsgürtel der Burg. Er ist
    kreisförmig und von zwölf Türmen flankiert. Aber diese wurden
    keineswegs den Erfordernissen der Verteidigung entsprechend
    verteilt. Im Osten und Südosten nämlich, von wo stets die Angriffe
    erfolgten, sind nur drei vorhanden.
    Vom militärischen Standpunkt aus ist der Bau der Burg von
    Gisors also wenig exakt. Umgekehrt scheint er nicht ohne gewisse
    mathematische Erwägungen entstanden zu sein. Bei oberflächlicher
    Betrachtung kann man bereits feststellen: mit einem Wehrturm
    und einem Wachturm, von denen jeder acht Seiten hat,
    zwölf Außentürmen, einer inneren Ringmauer von vierundzwanzig
    Seiten – das heißt: 2 × 4, 2 × 4, 3 × 4 und 2 × 3 × 4 –
    genügen die vier ersten ganzen Zahlen als gesamte geometrische
    Basis.
    Diese erste Besonderheit ist dazu angetan, sich näher damit zu
    befassen. Da aber Zahlen schnell die Phantasie mit sich fortreißen,
    empfiehlt es sich, zunächst die historischen Tatsachen zu konsultieren:
    wie ist diese Burg erbaut worden, und von wem?
    Die Geschichte der Burg ist in ihren Anfängen eng verknüpft
    mit dem Kampf, den sich die drei Söhne von Wilhelm dem
    Eroberer um die Normandie lieferten – Robert Kurzhose,
    Wilhelm der Rote und Heinrich Beauclerc, der Schöngeist oder
    160
    der Gelehrte. Später wurde er fortgesetzt, um das normannische
    Vexin gegen die französischen Angriffe zu verteidigen. Zwischen
    diesen beiden Aspekten entstand nun eine Wechselwirkung.
    Kurzhose, der Älteste und legitimer Erbe nicht nur des Herzogtums
    Normandie, sondern auch der Krone Englands, wurde vom
    König von Frankreich nicht genügend unterstützt, um ihm den
    Erfolg zu sichern.
    Thibaud, Graf von Gisors, war keine betont katholische
    Erscheinung. Er führte den Beinamen der Heide. Eine Chronik
    berichtete: »Schon ziemlich groß, war er noch nicht getauft.«
    Thibaud der Heide stellte sich einmal auf die Seite der Anglonormannen,
    dann wieder auf die der Franzosen. Er begann
    1090 mit dem Bau der ersten Befestigungen. Etwas davon ist
    noch in Form eines Mauerrestes erhalten, der im Südosten den
    äußeren Festungsgürtel unterbricht.
    Thibaud Payen war der Sohn des Grafen Hugues de Chaumont
    und der Adélaide de Payen. Die Geschichtsforscher taten sehr
    unrecht daran, sich mit der Familie dieser Dame nicht eingehend
    zu beschäftigen. Sie hätten dann nämlich festgestellt, daß Adélaide
    die Schwester von Hugues de Payen war. So ergibt sich die bemerkenswerte
    Tatsache, daß derjenige, der den Grundstein für
    die Burg von Gisors legte, kein anderer war als der Neffe des
    Gründers des Tempelritterordens. Der Onkel liebte diesen Neffen
    zweifellos wie einen Sohn, denn aus einer Chronik erfahren wir,
    daß Hugues de Payen 1128 bei seiner Anwesenheit in Frankreich
    »seinen Sohn Thibaud besuchte«. Da wir nun wissen, daß der
    erste Großmeister des Templerordens keine Kinder hatte, kann
    der erwähnte Thibaud nur der von Gisors sein.
    Die Anlage der Burg, wie sie bis heute erhalten ist, verdankt
    Thibaud Payen nicht viel. Sie wurde von Robert de Bellême
    ersonnen, der 1096 mit der Ausführung begann, unterstützt von
    dem Baumeister Leufroy.
    Von diesem Leufroy wissen wir nur wenig, was sehr bedauerlich
    ist, da seine Persönlichkeit fraglos einige Überraschungen
    bieten würde. Über seinen Bauherrn jedoch erfahren wir aus den
    Urkunden weit mehr.
    161
    Robert II. de Bellême, Vicomte dExmes, Graf de Ponthieu
    und Shrewsbury, war einer der mächtigsten anglonormannischen
    Lehnsherren. Nach einer politischen Intrige mit den Franzosen
    verbannt ihn Wilhelm der Rote jedoch aus England. Von da ab
    verbündet er sich militärisch und politisch mit Robert Kurzhose,
    der ihn zum Großseneschall der Normandie ernennt.
    Nun kommt der erste Kreuzzug. Robert hat kein Geld, daran
    teilzunehmen. Er ist daher gezwungen, es sich von Wilhelm zu
    leihen, der die Normandie als Pfand fordert. So befindet sich
    Bellême ganz gegen seine Überzeugung im Dienst seines alten
    Gegners, der ihm bald befiehlt, in das französische Vexin einzufallen.
    Bei dieser Gelegenheit beginnt der Bau der Burg von
    Gisors, um einem zu erwartenden Gegenstoß zuvorzukommen.
    Über die Rolle, die Robert de Bellême dabei spielte, berichtet
    uns ein Zeitgenosse, der Historiker Orderic Vital, Verfasser
    gründlicher Chroniken, die eine der Hauptquellen für mittelalterliche
    Geschichte darstellen. »Dieser geschickte Baumeister
    wählte die Stelle aus, entwarf den Plan und beaufsichtigte den
    Bau«, schrieb Vital. Auf einem hoch aufgeworfenen Erdhügel
    setzte Bellême die vieleckige Ringmauer des Wehrturms
    und errichtete darauf den ursprünglichen Turm. Dieser war viereckig
    und nach Norden gerichtet. Ein Teil seiner Grundmauer ist
    heute noch neben einer Steinbank zu sehen. Er entwarf auch den
    Plan für den äußeren Festungsgürtel und begann mit dessen Bau.
    Überreste davon finden sich im Mauerwerk der noch vorhandenen
    Umwallung, und zwar auf deren Krümmungen im Westen und
    Südosten. Er scheute auch nicht davor zurück, die Kirche abzureißen,
    die ihn störte und die vor zwanzig Jahren neben dem
    heutigen »Tour du Prisonnier«, dem Turm des Gefangenen, erbaut
    worden war. Und schließlich ließ er den »Tour du Gouverneur
    «, den Turm des Gouverneurs, errichten. Wir gehen auf diese
    Einzelheiten ein, um daran begreiflich zu machen, daß das Werk
    von Robert de Bellême seine Nachfolger verpflichtete, eine festgelegte
    Linie einzuhalten. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als
    den vorgezeichneten Weg fortzusetzen. Wir werden sehen, daß
    sie es mit Klugheit und wahrscheinlich mit Vergnügen taten.
    162
    Was für ein Mensch war nun dieser Robert de Bellême? Eine
    geheimnisumwitterte Persönlichkeit, die schon bei seinen Zeitgenossen
    von Sagen umwoben war. »Sein Name war in aller
    Munde«, schrieb Orderic Vital. »Die Wunder des Robert de
    Bellême waren sprichwörtlich.« Und sein moderner Biograph,
    der Vicomte du Motey, erklärt: »Seine wahren oder falschen
    Heldentaten waren großartige Dinge, Wundertaten, von denen
    man sich mit Schrecken erzählte. War er nicht eine Art Dämon?«
    Die treffendste Bemerkung aber stammt fraglos von einem alten
    normannischen Chronisten, der ihn »den Drachen, der vom Himmel
    herabgeworfen wurde«, nennt. Er wußte wahrscheinlich, was
    er sagen wollte, als er diese Metapher aus der Apokalypse, dem
    dunkelsten Bibeltext, verwandte.
    Eine wichtige Tatsache ist den Biographen Bellêmes entgangen.
    Vielleicht weil dieser, als Alleinerbe seiner mütterlichen Familie,
    den Namen seiner Mutter trug, der Dame de Bellême, Vicomtesse
    dExmes. Einem Zufall verdanken wir die Entdeckung.
    Im Jahre 1715 berief sich Anderson, der Organisator der
    spekulativen Freimaurerei in England, auf ein in seinem Besitz
    befindliches Dokument, um deren Herkunft zu beweisen. Es
    handelte sich um die Liste der Großmeister, die einander an der
    Spitze der Zunft der britischen Maurer seit dem Jahre 925 gefolgt
    waren, in dem sie nach ihrer Behauptung ihre Gründungsurkunde
    erhalten hatten. [75] Dieses weit zurückliegende Datum ist zweifellos
    von den Historikern angefochten worden. Für sie ist die Freimaurerei
    eine Schöpfung ex nihilo des 18. Jahrhunderts. Dennoch
    steht fest, daß zumindest im 12. Jahrhundert Geheimgesellschaften
    der Baumeister im anglonormannischen Gebiet existierten, da
    bereits 1189 auf der Synode von Rouen gegen diese Gesellschaften
    gewettert wurde, »vor denen die Heilige Kirche Abscheu empfindet
    «. Das macht die Liste Andersens glaubwürdig, aus der wir
    erfahren, daß die britischen Maurer 1066 als Großmeister Roger
    Montgomery, Graf von Shrewsbury, wählten. Roger Montgomery
    nun, ein Vorfahr »Montys«, des Siegers von El Alamein, war
    kein anderer als der Vater von Robert de Bellême.
    Nach dem Tod seines Bruders Wilhelm des Roten ergreift
    163
    Robert Kurzhose wieder die Herrschaft über die Normandie.
    Aber 1106 entreißt sie ihm sein jüngerer Bruder Heinrich I., inzwischen
    König von England geworden, nach der Schlacht von
    Tinchebray. Im Verlauf dieser Schlacht wird Bellême, der Seneschall
    von Kurzhose, gefangengenommen. Er verließ den alten
    Turm des englischen Schlosses Warham nicht mehr, in dem er
    zwanzig Jahre lang dahinsiechte. Sein Besieger hatte ihm nämlich
    die Augen mit einem weißglühenden Schwert ausgebrannt. Sicher
    waren die Bräuche der Zeit nicht sanft, doch die Marterung
    Bellêmes fordert zu einem eigentümlichen Vergleich heraus: bei
    den Freimaurern wird auch heute noch ein neues Mitglied dadurch
    geweiht, daß man ihm mit Hilfe eines flammenden Schwertes
    »das Licht gibt«. Beging nun Heinrich I., den man auch den
    »Rächer« nannte, dadurch, daß er Bellême auf dieselbe Weise das
    Licht nahm, eine willkürliche Grausamkeit, oder vollzog er ein
    Ritual der Ausschließung? Man wird nie erfahren, welches Geheimnis
    der Erbauer von Gisors vielleicht verraten hat, doch die
    seltsame Folter von Warham spricht eine dem Henker und
    seinem Opfer gemeinsame Sprache.
    Nach der Gefangennahme Bellêmes setzt nun Heinrich I. den
    Bau des Schlosses von Gisors fort. »Er macht es uneinnehmbar«,
    berichtet abermals Orderic Vital, »indem er es mit Mauern und
    hohen Türmen umgibt.« Und wirklich vollendet er die Ringmauer
    des Wehrturms und den äußeren Festungsgürtel vom
    »Tour du Gouverneur« bis zur »Porte des Champs«. Die letztere
    ist sein Werk ebenso wie der viereckige Turm, der sie flankiert,
    und der sogenannte »Tour du Corps de Garde«. Man ist außerdem
    der Ansicht, daß er auf dem Platz des heutigen »Tour du
    Prisonnier« den ursprünglichen Turm erbaute, der »Tour Ferrée«,
    Eiserner Turm, genannt wurde.
    Die Geisteshaltung Heinrichs zeigt sich von Jugend auf. Zwischen
    zwölf und vierzehn Jahren führt er das Dasein eines fahrenden
    Ritters an den Grenzen Schottlands, in der Bretagne und
    im Vexin. Unmittelbar nach diesen Lehr- und Wanderjahren erwirbt
    er seinen Beinamen »Beau Clerc«, der meist mit »der Gelehrte
    « übersetzt wird. Tatsächlich hatte er alte Sprachen stu164
    diert – bei den großen Herren jener Zeit etwas äußerst Seltenes –,
    war Fachmann in Rechtskunde und sehr versiert in den Naturwissenschaften.
    In Woodstock in England hatte er die erste
    Menagerie mit exotischen Tieren geschaffen, die von seinen Untertanen
    sehr bewundert wurde. Schließlich griff er bei Gelegenheit
    zur Feder. Er gebrauchte dabei die Sprache Äsops, und einige seiner
    sibyllinischen Fabeln sind erhalten geblieben.
    Im Jahre 1119 findet in der Burg von Gisors eine Begegnung
    zwischen Heinrich und Papst Calixt II. statt, deren Umstände
    und Verlauf anschaulich in den Chroniken wiedergegeben werden:
    »Der große König und der große Pontifex befinden sich im Innern
    des Wehrturms. Der König stellte dem Papst zwei junge Herren
    vor, die den Kardinalen Thesen in einer so machtvollen Dialektik,
    Schlußfolgerungen in so kunstreichen Wendungen vortrugen,
    daß jene sie nur mit Mühe verstanden.« Und der Verfasser dieses
    Berichtes fügt hinzu: »Diese Barbaren (es handelt sich um die
    Normannen) hatten sich zur rechten Stunde den Wissenschaften
    und Künsten einer Gesellschaft geweiht, die aus ihren Ruinen
    wieder aufzusteigen begann.« Die intellektuellen Turniere mit
    dem Heiligen Vater und seinen Prälaten, die anscheinend unterlegen
    waren, dürften nicht ohne hitzige Debatte abgegangen sein,
    denn Heinrich war »durch und durch skeptisch in religiösen Fragen
    «. [76] Deshalb machten sie auch bald politischen Gesprächen
    Platz.
    Diese hatten ein ganz präzises Thema: der Papst war Gisors
    wegen erschienen. Einige Monate zuvor hatte der König von
    Frankreich, Ludwig VI. der Dicke, Heinrich gegenüber seine Ansprüche
    auf die Burg geltend gemacht. Die beiden Herrscher
    trafen sich nun bei Neaufles auf einer Brücke, die man »die Brücke,
    die zittert« nannte. Doch bald darauf entbrannte der Krieg, und
    Ludwig VI. behielt keineswegs die Oberhand. In Brenneville geschlagen,
    [77] wäre er beinahe von einem englischen Bogenschützen
    gefangengenommen worden. Papst Calixt, ein Verwandter
    Ludwigs VI., war nun als Vermittler gekommen. Aber die Burg
    von Gisors war ein Zankapfel, um den sich die Könige noch lange
    streiten sollten.
    165
    Auf der Rückkehr von dieser Zusammenkunft ereignete sich die
    Katastrophe, welche die letzten Jahre Heinrichs verdüsterte. Man
    begab sich nach England zurück, der König an der Spitze. Ihm
    folgte eines seiner Schiffe, die »Blanche Nef«, dem er seinen einzigen
    Sohn, seine Geliebte und sein Geld anvertraut hatte. Doch
    dieses Schiff, dessen bloßer Name jeden Alchimisten entzückt
    hätte, kenterte und ging unter. Es gab keinen einzigen Überlebenden.
    »Von Stund an sah man den König nie mehr lächeln.«
    1135 wurde Heinrich auf der Jagd in einem Wald bei Gisors
    von einem verirrten Pfeil getötet. Auf dieselbe Weise waren bereits
    seine beiden Brüder Wilhelm und Robert umgekommen.
    Den Söhnen Wilhelms des Eroberers war die Jagd nicht nur ein
    Sport, sie war ihnen heilig. Man nannte sie »Hüter der Wälder«
    und »Hirten der wilden Tiere«. Sie gingen so weit, Kirchen abtragen
    und die Pfarrkinder umsiedeln zu lassen, um so für das
    von Hirschen und Bluthunden geliebte Dickicht Platz zu schaffen.
    Ihr tragisches, geheimnisvolles Ende, das von Sagen umsponnen
    wird, galt dem Klerus, den sie, wie es heißt, mit Spott überhäuften,
    als Strafe des Himmels.
    Sein Beiname wirft ein besonderes Licht auf die Person des
    Königs, der in Gisors das unvollendete Werk Bellêmes fortsetzte.
    Die Sprache der Zeit war genau, und wenn ein »Clerc« ein Gelehrter
    ist, so ist ein »Beau Clerc« ein Gelehrter besonderer Art;
    denn in jener Epoche bedeutet »entendre bellement« den verborgenen
    Sinn verstehen. So ist die einzig exakte Übersetzung von
    Beau Clerc »der Eingeweihte«. Es wäre sicher gewagt, Heinrich I.
    diese Eigenschaft nur im Hinblick auf seinen Beinamen beizulegen.
    Aber wir erfahren wiederum durch die Liste von Anderson, daß
    die britischen Maurer nio Heinrich Beau Clerc als Großmeister
    wählten, unter dessen Regierung – wir wissen es aus anderer
    Quelle – sich tatsächlich die ersten Handwerkergilden organisierten,
    die sogenannten craftguilds.
    Nach Heinrichs Tod trägt Stephan von Blois einige Jahre die
    Krone Englands. 1154 fällt sie dann an Heinrich II. Plantagenet,
    der die Dynastie der angiovinischen Könige begründet. Durch
    seine Mutter Mathilde ist er der Enkel von Heinrich Beau Clerc
    166
    und Sohn des Grafen Gottfried von Anjou. Er erschien wie ein
    Adler, der seine Flügel zugleich über England und Frankreich ausbreitete,
    wie es einst der Zauberer Merlin geweissagt hatte. Sein
    Erbe umfaßte Maine, Anjou, die Touraine und die Normandie.
    Hinzu kam bald der gesamte Südosten Frankreichs durch seine
    Heirat mit Eleonore von Aquitanien. An der Spitze eines so gewaltigen
    Königreiches hätte Heinrich II. sehr wohl freiwillig auf
    die Burg von Gisors verzichten können, die 1144 an König Ludwig
    VII. von Frankreich abgetreten worden war. Doch eine Chronik
    berichtet, daß er für diese Burg »eine ganz besondere Zuneigung
    « hatte. Und um sich ihrer zu bemächtigen, ging er äußerst
    geschickt vor.
    Mit allerlei List bewog er Ludwig VII., die Hand seiner Tochter
    Margarete seinem Sohn Heinrich dem Jungen zu versprechen.
    Das zeugte von Humor bei Plantagenet. Ludwig VII. war nämlich
    vor ihm mit der schönen Eleonore verheiratet gewesen, die
    ihn ausgiebig betrog, sicher auch mit Heinrich selber. Außerdem
    waren die Verlobten drei und fünf Jahre alt. Der Schwiegervater
    in spe forderte zur Besiegelung dieses Bundes, seine künftige
    Schwiegertochter solle am Hochzeitstag Gisors als Mitgift in die
    Ehe bringen. Ludwig VII. war der Meinung, bis dahin sei noch
    viel Zeit, und willigte ein. Mit der Führung der Verhandlung
    beauftragt, war der Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket,
    eigens nach Paris gekommen, wo er im Temple beherbergt
    wurde. [78] Man kam überein, die Burg solle während der
    Wartezeit neutral bleiben und deshalb in zuverlässige Hände
    übergeben werden – die der Templer. Im November 1158 nun
    zogen die Tempelritter Othon de Saint-Omer, Richard of Hastings
    und Robert de Pirou in Gisors ein. Drei Jahre später jedoch ließ
    der hinterlistige Plantagenet plötzlich die Hochzeit der Kinder
    feiern und sich die Mitgift sofort von den gefälligen Templern
    ausfolgen. Ludwig VII. war wieder einmal der Geprellte. Es war
    eine Staatsaffäre. Die meisten Geschichtsschreiber von Gisors verlassen
    sich auf die alten Chroniken und berichten, der König von
    Frankreich habe aus Wut über diesen vermeintlichen Verrat die
    Templer später aufknüpfen und dann ihre abgeschlagenen Köpfe
    167
    an dem Tor in der Ringmauer des Wehrturms aufhängen lassen.
    In Gisors wird noch heute das »Haus der Gehenkten« gezeigt.
    Wenn aber die Templer gehenkt wurden, so konnte das nur in
    effigie geschehen sein, da man aus zuverlässigen Urkunden weiß,
    daß sie ins Heilige Land zogen, wo sie bei Hattin an der Seite Guy
    de Lusignans wieder auftauchten.
    Die als Wächter von Gisors bestellten Templer waren keine
    geringen Herren. Othon de Saint-Omer, Bruder eines der neun
    Gründer des Ordens, und Richard of Hastings waren die beiden
    wichtigsten Ratgeber Plantagenets und wurden nacheinander
    Großmeister des Ordens in England. Es ist erstaunlich, welch
    großes Risiko Heinrich II. einging und welche Mittel er anwandte,
    um Gisors in die Hand zu bekommen. Die Haltung der
    Templer aber ist noch erstaunlicher, denn der Orden, der völlig
    im Heiligen Land gebunden war, konnte mit der Burg nichts
    anfangen, zumindest vom militärischen Standpunkt aus. Aber
    nochmals erlaubt vielleicht die Chronologie Andersons, die geheimen
    Triebkräfte dieses Unternehmens zu mutmaßen. Der
    Urkunde zufolge findet sich nämlich 1155 an der Spitze der
    britischen Maurer der Großmeister des Templerordens, Bertrand
    de Blanquefort, der, aus Aquitanien stammend, durch Eleonore
    englischer Untertan geworden war.
    Sobald er Herr von Gisors ist, geht Heinrich II. daran, dessen
    Bau fertigzustellen. Die äußere Ringmauer ist unvollendet. Er
    schließt sie im Nordosten und Südosten, schmückt sie im Norden
    mit dem Eisturm (Tour Frileuse) und flankiert sie im Westen mit
    drei vorspringenden Türmen. Ebenso baut er das Achteck des
    Wehrturms und versieht ihn mit Strebemauern (Tafel IV
    unten). Es besteht kein Zweifel daran, daß die Templer maßgeblich
    an diesen Arbeiten beteiligt waren, die von 1177 bis 1184 dauern
    und über die wir genau unterrichtet sind durch die Rechnungsberichte
    des Schatzkämmerers für die Normandie. Darin wird
    angeführt, daß sie 2650 Livres kosteten – über 500 Millionen
    heutige Francs. Das ist viel, war aber nicht zuviel, da Heinrich
    jetzt Gisors als Wohnsitz wählte. Es ist die Zeit seines Zwistes
    mit Thomas Becket. Der lästige Erzbischof von Canterbury for168
    dert zuviel für den Klerus und wird in seiner eigenen Kathedrale,
    zu Füßen des Hauptaltars, erdolcht. Er wurde als Märtyrer heiliggesprochen.
    Heinrich jedoch, der geistige Urheber dieses Mordes,
    der Skandal auslöste, mußte den Bußfertigen spielen. Er ließ
    auf dem Hügel des Wehrturms von Gisors eine Sühnekapelle
    errichten. Einige Spuren sind noch erhalten als Andenken an
    den Mann, der »die Ehre Gottes« gegen einen Fürsten verteidigte,
    von dem Sankt Bernhard sagte: »Er kommt vom Teufel.
    Nun, so möge er auch dorthin zurückkehren!«
    Das war mehr als eine Anspielung, es war ein Hinweis. Tatsächlich
    bildete die Familie Plantagenet das Thema einer Sage,
    über die ebenso wie über andere ein paar Worte zu sagen sind,
    da sie bestimmte Neigungen Heinrichs und seiner Frau in neuem
    Licht zeigen.
    Alle alten englischen Chronisten erzählen, daß Gottfried von
    Anjou [79], der Vorfahr Heinrichs, sich unbedingt verheiraten
    wollte und überall in seiner Provinz nach einer Frau suchen ließ,
    deren Schönheit seinen Wünschen entsprach. Man fand sie, er
    heiratete die Unbekannte bald darauf, und sie schenkte ihm
    drei Kinder. Doch das Verhalten der Gräfin war seltsam. Nur
    gezwungen setzte sie den Fuß in eine Kirche, und wenn sie zur
    Messe geführt wurde, war sie bestrebt, vor der Wandlung
    wieder herauszukommen. Eines Tages wollte ihr Mann sie am
    Mantel zurückhalten, doch der blieb ihm zwischen den Händen.
    Sie ließ ihre beiden Kinder, die sie unter den Falten ihres Gewandes
    wärmte, und das dritte, das sie schützend an die Brust
    drückte, im Stich und flog zur Verblüffung der Anwesenden durch
    ein Glasfenster auf und davon. Sie wurde niemals wieder gesehen.
    Manche Erzähler machen Heinrich selber zum Gemahl der
    Teufelin. Zur Erklärung dafür stehen mehrere Gründe zur Auswahl.
    Zunächst war Eleonore von Aquitanien eine sehr große Dame
    von sehr kleiner Tugend. Mit vierzehn Jahren wurde sie die
    Gemahlin Ludwigs VII. Der religiöse Eifer ihres Gatten sowie
    seine Verachtung für die Freuden dieser Welt flößten ihr sichtlich
    169
    nur sehr wenig Bewunderung ein. Es bestand ein großer Unterschied
    zur Lebensauffassung ihrer Familie. Der wilde Großvater
    Eleonores, Guillaume de Poitiers, ein Krieger und Troubadour,
    hatte in seiner Stadt Niort ein Freudenhaus eröffnen und die
    Insassinnen in Ordensgewänder kleiden lassen. Die junge Königin
    war so schön und machte vor allem so ausgiebig Gebrauch
    davon, daß Ludwig VII. gut daran tat, sie auf den Kreuzzug
    mitzunehmen. Diese Neuerung brachte ihm jedoch kein Glück.
    In Antiochia fällt die Dame in die Arme ihres alten Onkels
    Abbildung 8: Plan der Burg von Gisors.
    1 Eiserner Turm oder Turm des Gefangenen. — 2 Porte de Bleu (Tor des
    Rekruten). — 3 Tour Frileuse (Eisturm). — 4 Rechteckiger Turm. —
    5 Teufelsturm. — 6 Porte des Champs (Tor zu den Feldern). — 7 Weißer
    Turm. — 8 Wächterturm. — 9 Turm des Gouverneurs. — 10 Wehrturm. —
    11 Thomas-Becket-Kapelle. — 12 Wachtturm. — 13 Brunnen. — 14 Eingangspforte
    zum Vorhof des Wehrturms. — 15 Erste Stufe der ehemaligen
    Treppe. — 16 und 17 Eingänge zu den unterirdischen Stollen
    170
    Geoffroy de Poitiers. In der nächsten Etappe schickt sie durch
    Brieftauben Liebesbriefe an Nureddin, den Onkel des Feindes
    Saladin. Bald darauf kommt die Katastrophe. Eines schönen
    Morgens wird der König geweckt. Seine Frau hat eine Galeere
    bestiegen, um den Sultan zu treffen. Eile ist geboten, das Schiff
    lichtet schon den Anker. Man erreicht sie noch, doch sie erklärt
    ihrem Gatten ohne Umschweife: »Daß Ihrs nur wißt, wirklich
    halten werdet Ihr mich niemals!« Es stimmt, Eleonore ist nicht
    zu halten. Eines Tages bietet sie ihr Hemd dem Ritter, der sich
    nicht fürchtet, im Turnier ohne jede andere Waffe zu kämpfen.
    Ein gewisser Saldebreuil nimmt törichterweise an. Er kommt
    natürlich um, und am selben Abend erscheint die Königin nur
    mit dem blutigen Hemd bekleidet auf dem Ball. Nun hat Ludwig
    VII. eine Idee. Er ruft seine sämtlichen Barone zusammen,
    um sie zu fragen, was er tun soll. »Auf Ehre, der beste Rat, den
    wir Euch wüßten, ist, sie gehen zu lassen«, antworten diese. Sie
    haben Mühe, ernst zu bleiben, denn eines Tages hat sich die
    Königin vor ihnen, wie ein Troubadour berichtet, entkleidet und
    dabei gesagt:
    Ihr Herrn, ist zum Entzücken nicht mein Leib?
    Der König sagt, ich sei ein Teufelsweib.
    Und auch hier war Teufel das richtige Wort. Eleonore
    stammte nämlich in gerader Linie von dem Grafen Hursio von
    Toulouse ab, der, so erzählte man, eine Fee zur Frau genommen
    hatte. Er traf sie auf der Jagd an einer Quelle. Die Gräfin war
    eines Tages verschwunden, da Hursio sein Versprechen bradi
    und ihr Zimmer ohne anzuklopfen betrat. Man sieht, Eleonore
    war erblich belastet, als sie dem bedauernswerten Ludwig VII.
    unter den Händen entglitt.
    Sicher ist die Sage von der Heirat mit einer teuflischen Fee
    keineswegs neuartig. Man findet sie in dieser oder ähnlicher
    Form bei anderen Adelsfamilien jener Zeit. König Elinas hatte
    die Fee Pressine geheiratet, sie auf dieselbe Weise verloren, und
    aus dieser Verbindung war das Haus der Lusignan hervorgegangen.
    Der Urgroßvater Gottfrieds von Bouillon, Lothar, wie171
    derum hatte aus seiner Ehe mit einer Fee Kinder, die sich nach
    Belieben in Schwäne verwandeln konnten.
    Eigenartigerweise legten die aus solchen sonderbaren Verbindungen
    hervorgegangenen Familien bemerkenswerten Eifer an
    den Tag, sich untereinander zu verschwägern durch Ehen, die
    wiederum völlig historisch sind. Die Enkelin Gottfrieds von
    Bouillon, Mélisande, heiratete den Grafen Fulko von Anjou,
    einen Nachkömmling der Fee, die aus der Messe floh. Ihre
    Enkelin Sibylle ehelichte Guy de Lusignan, seinerseits ein Nachkomme
    der Fee Pressine. So – und dahin wollten wir kommen –
    schloß die Heirat zwischen Heinrich und Eleonore die Lücke in
    einer Reihe von dynastischen Verbindungen zwischen Familien,
    von denen die Legenden mit den Tatsachen übereinstimmend
    erzählen, daß es ihrer religiösen Tradition entschieden an Orthodoxie
    fehlte, deren Ruf der Zauberei jedoch fest gegründet war.
    Aus einer alten Liebschaft entstanden, wurde diese Ehe ebenso
    aus politischem Interesse wie aus Liebe geschlossen. Doch Heinrich
    war zehn Jahre jünger als seine Frau, die bald furchtbare
    Eifersuchtsqualen litt, wobei sie als echte Evastochter beachtlichen
    Mangel an Gedächtnis und Logik bewies. Heinrich hatte nun
    auf eine junge, bezaubernde Engländerin, Rosamond Clifford, ein
    Auge geworfen. Er kannte die Unbeständigkeit der Frauen, die
    er sich lange genug zunutze gemacht hatte, und war sich klar
    darüber, daß er nicht jünger wurde. Deshalb bemühte er sich,
    dem Schicksal zu entgehen, das er einst dem guten Ludwig VII.
    bereitet hatte. Die Erinnerung an seine eifrigen Studien gab ihm
    nun einen Gedanken ein, der zwar nicht neu, aber auch keineswegs
    gewöhnlich war.
    In Oxfordshire, in Woodstock – jener Stadt, die an der Stelle
    des einstigen Hexenwaldes erbaut war und wo Heinrich Beau
    Clerc seine berühmte Menagerie hatte – stand eine sehr alte
    Burg. Er machte sie zum Wohnsitz von Rosamond. Um sie
    vor Begehrlichkeit sowie vor Versuchungen zu schützen, richtete
    er ihr Zimmer am äußersten Ende eines Labyrinthes ein, das
    er genau nach dem Vorbild der ägyptischen bauen ließ. Er
    allein kannte das Geheimnis.
    172
    Eleonore erfuhr von der ganzen Geschichte und rächte sich,
    laut Roger of Hoveden, folgendermaßen. Dank ihres getreuen
    Bogenschützen Mercadier, der nach Gunstbezeigungen seufzte,
    mit denen sie verschwenderisch umging, gelang es ihr, sich das
    Labyrinth entschlüsseln zu lassen, und zwar von einem der
    Maurer, die daran gebaut hatten. Sie begab sich auf die Suche
    nach ihrer Rivalin.
    »Im ersten Gang zählte sie acht Türen, ohne stehenzubleiben,
    stieß die neunte auf, folgte einem neuen Weg, an dem sich
    gerade und schräge Gänge befanden, schlug den dritten ein und
    wandte sich nach rechts. Nach fünfundzwanzig Schritten entdeckte
    sie eine Falltür im Boden, hob sie hoch, stieg sechs Stufen
    herab und befand sich plötzlich in einem dunklen Keller. Sie
    wußte, daß sie drei Armeslängen an der rechten Innenwand
    entlanggehen mußte. So konnte sie sechs weitere Stufen finden,
    die ihr erlaubten, wieder ans Tageslicht zu steigen, und die letzte
    Tür zur Linken führte in das Zimmer von Rosamond.« Das
    Ende der Erzählung ist des Anfangs würdig. Eleonore zückt
    einen Dolch und stößt ihn in die hübsche Brust ihrer Rivalin.
    In anderen Versionen der Legende ist es einmal ein seidener
    Faden, dann wieder ein langes Haar von Rosamond, die Eleonore
    durch das Labyrinth führen.
    Man kann darüber lächeln, sollte jedoch vor allem zu begreifen
    suchen. Die ganze Geschichte gibt bis in die Einzelheiten den uralten
    Einweihungsmythos wieder. Lediglich die Namen der Helden
    haben sich geändert, nicht aber ihre Rollen. König Heinrich II.
    Plantagenet tritt an die Stelle des Königs und Richters Minos, der
    das Labyrinth von Kreta erbauen ließ, Eleonore an die des Theseus
    und Rosamond bald an die der Ariadne, bald an die des
    furchtbaren Minotauros. Mercadier schließlich erhält sogar die
    Rolle und den Namen Merkurs zugleich, der in Gestalt des Hermes
    Psychopompos den Eingeweihten bis zum geheimen Sanktuar
    führte. Die Erzähler konnten keine bessere Fabel ersinnen, um
    uns zu sagen, daß der König von England und seine Frau Okkultisten
    höheren Grades waren.
    Höchst beachtlich ist, wie die Legende sich hier so sehr den
    173
    historischen Tatsachen annähert, daß sie in den meisten Punkten
    mit ihnen zu verschmelzen scheint. Nicht nur, daß alle Helden,
    Mercadier Inbegriffen, existiert haben, sondern auch die Orte, an
    denen Hoveden seine Erzählung spielen läßt, sind für die verschiedene
    Begebenheiten besonders geeignet.
    Die Burg von Woodstock ist wirklich ein rundes Schloß, das
    von den Dänen erbaut wurde. Die Römer haben ihm einen doppelten
    Festungsgürtel gegeben, und es liegt an einer Römerstraße.
    Im 9. Jahrhundert wurde es die Residenz von König Aethelstan.
    Die Zunft der Maurer rühmte sich, von ihm ihre erste Urkunde
    erhalten zu haben. Dann wurde Woodstock den Templern geschenkt.
    Unter Heinrich II. Plantagenet war es der Wohnsitz des
    Großmeisters in England, eben jenes Othon de Saint-Omer, der
    später Hüter der Burg von Gisors wurde. Und wenn Heinrich
    nicht genau das Labyrinth der Sage nachbauen ließ, so schuf er
    doch ein weitgespanntes Netz von unterirdischen Gängen, wie er
    es gleichzeitig in Gisors tat. Was von diesem Netz geblieben ist,
    läßt sich nicht mehr sagen, da Marlborough bei seinem Aufbruch
    in den Krieg 1723 die alte Burg von Woodstock zerstörte. Man
    sieht aber heute noch den alten Brunnen, der mit einem Eisengitter
    bedeckt ist. Er heißt Brunnen der Rosamond. Es ist nämlich
    erwiesen, daß die geheimnisvolle Geliebte Heinrichs–man nannte
    sie »fair Rosamond«, im Englischen ein Wortspiel, das zugleich
    die Schöne und die Fee (in Anlehnung an »fairy«) bedeutet – sehr
    wohl in der Burg von Woodstock wohnte, wo sie 1177, wahrscheinlich
    auf Anweisung Eleonores [80], vergiftet wurde.
    Heinrich ließ sie in Godstow vor dem Hauptaltar der Kirche
    beisetzen und folgende Grabinschrift einmeißeln:
    Hier ruht in der Erde
    Nicht eine reine Rose, sondern die Rose der Welt.
    Sie duftet nicht, doch sie verrät,
    Was zu duften pflegt. [81]
    Der Bischof von Lincoln entrüstete sich über den unverständlichen
    Kult, den die Nonnen von Godstow mit »dieser Dirne«
    trieben. Er ließ später das Grab verlegen und die Inschrift löschen.
    174
    Ich erinnere mich des Tages, an dem ich Woodstock entdeckte.
    An einem klaren Frühlingstag trieben die Wolken am Himmel
    Englands wie Federn dahin. Worin war Eleonore verletzt worden?
    Zutiefst in ihrer Weiblichkeit oder in ihrem geheimsten
    Wissen? Und wem hatte die Liebe Heinrichs II. Plantagenet gegolten?
    Rosamond Clifford, der Tochter von Lord Walter Fitz-
    Ponce, die ihm den Bastard Wilhelm Langschwert schenkte? Oder
    vielmehr der symbolischen Rose, der Blume mit den fünf spitzen
    Blättern an dem alten Wappen, der Rosette der Kathedralen,
    dem Emblem der Rosenkreuzer, der Blume, der Dante die Gestalt
    des Templerordens verleiht, wenn er schreibt:
    Ins gelbe Zentrum jener ewgen Rose,
    die sich ausdehnt und abstuft und zur Sonne
    des steten Lenzes Lobesdüfte sendet,
    geleitete Beatrix mich, der schwieg
    und reden wollte, doch sie sagte: Schau,
    wie groß die Schar der Weißen Mäntel ist.
    Die Frage war durchaus nicht unbegründet. Eleonore hatte als
    Emblem den Vogel der Alchimisten gewählt, den Pfau. Auf ihrem
    Siegel, das in der Abtei de la Sauve aufbewahrt wird, sieht man
    sie, in der rechten Hand eine Rose haltend und in der linken einen
    Pfau, der auf einem Kreuz sitzt. Sie veranstaltete Pfauenfeste, auf
    denen man den Vogel feierlich verzehrte, nachdem man ihm den
    Eid geleistet hatte, genauso wie es der Sage nach am Hof König
    Artus geschah. Das Emblem Heinrichs war der Leopard, den er
    den Wappen von England und der Normandie vermachte. Der
    Leopard hieß einst »Panthee«, woraus später Panther wurde, da
    er den Gott Pan, das Große All, den Kosmos symbolisierte. Auf
    den Monumenten des alten Orients werden die Flecken seines
    Felles übrigens durch Sterne dargestellt. [82] Und die ägyptischen
    Priester hüllten sich für den Gottesdienst in ein Pantherfell. »Daß
    Heinrich II. den Leopard wählte, geschah sehr wahrscheinlich
    aus Widerspruch gegen die Kirche.« [83]
    In der Abtei von Fontevrault in der Touraine sind heute noch
    die Grabstätten Heinrichs und Eleonores zu sehen. Auf den Hän175
    den Heinrichs – »er trug nie Handschuhe, es sei denn zur Falkenjagd
    « – erkennt man zwei Rosen. Audi Wilhelm der Rote und
    Heinrich Beau Giere führten sie auf ihrem großen königlichen
    Siegel. [84]
    DIE LIEBHABER DER KÖNIGIN BLANKA
    Ad lapidem currebat olim regina
    Die Templer erschienen in Gisors nur auf der Bühne während der
    drei kurzen Jahre, in denen ihnen die Obhut über die Burg anvertraut
    worden war. Vermutlich hat aus diesem Grund kein
    Historiker bemerkt, daß dunkle Tatsachen ihr Geschick bis zum
    Ende mit dem der Festung verbanden, deren Bau Thibaud Payen,
    ein Neffe ihres Gründers, begonnen hatte.
    Bekanntlich basierte der ganze Prozeß auf den Denunziationen
    von Esquieu de Floyran und seinem Helfershelfer Bernard Pelet.
    Die beiden Templer gaben an, dem König einige Geheimnisse des
    Ordens zu verraten. Nun wurde diese Intrige in Gisors gesponnen.
    Bei seinem Widerruf erklärte der Templer Ponsard de Gizy:
    »Dies sind die Verräter, die Falschheit und Treulosigkeit gegen
    die vom Templerorden angeraten haben: der Mönch Guillaume
    Robert, der sie der Folter aussetzte, Esquieu de Floyran aus
    Béziers, Prior von Montfaucon, Bernard Pelet, Prior von Mas
    dAgenais und Géraud de Boysol, Ritter des Königs, die alle nach
    Gisors gekommen sind.« [85]
    Man erinnert sich an den ungewöhnlichen Gegenstand, der am
    Morgen der großen Razzia im Temple von Paris gefunden wurde
    und den die Ankläger für den geheimnisvollen Baphomet hielten:
    ein goldener Frauenkopf, der den Schädel eines kleinen Mädchens
    enthielt und das seltsame Etikett trug »CAPUT LVIII m«. Dieser
    Kopf wurde nach der Auffindung einer Person namens Guillaume
    de Gisors anvertraut. [86]
    176
    Das ist noch nicht alles. Die große Razzia fand am 13. Oktober
    1307 statt, die Untersuchung jedoch begann erst am 12. November
    1308. Am 29. November 1308 übermittelte Philipp der Schöne
    dem Friedensrichter von Gisors den schriftlichen Befehl, die dortigen
    Templer zu verhaften. [87] Warum waren diese bis jetzt
    als einzige in Freiheit geblieben? Und welche Tatbestände förderte
    die Untersuchung zutage, daß man sofort nach deren Beginn sich
    der Templer bemächtigte?
    Man fragte sich nun, in welchem Gefängnis die Würdenträger
    des Ordens – Molay, Pairaud, Charnay und Gonneville – nach
    ihrer Einkerkerung in Chinon geschmachtet hatten. Ein allerdings
    wenig bekannter Geschichtsforscher des vergangenen Jahrhunderts,
    J. Depoin, hat bereits die Antwort darauf gegeben: »Jacques
    de Molay wurde in Gisors eingesperrt, bevor der letzte
    Großmeister der Templer 1314 den Weg auf den Scheiterhaufen
    antrat.« [88]
    Nachdem sich der Vorhang über den letzten Akt der Tragödie
    gesenkt hat, findet man wiederum in Gisors die Spur einer merkwürdigen
    Persönlichkeit, die vielleicht die verborgenen Hintergründe
    kannte. Es war der Templer Simon de Macy. Im Gegensatz
    zu allen anderen war er niemals der Gerichtsbarkeit überantwortet
    worden, da sich der König von Anfang an seinen Fall
    vorbehalten hatte. Auf schriftliche Anweisung Philipps des Schönen
    wurde er nach Gisors gebracht und im Turm eingesperrt, »am
    Pfingstsonnabend im Jahre des Heils MILCCC und vierzehn«.
    Der König warnte den Vogt von Gisors, er hafte mit seinem Leben
    für die Bewachung dieses Gefangenen, mit dem niemand sprechen
    durfte. [89] Derart ausgedehnte Vorsichtsmaßnahmen wirken
    einigermaßen überraschend, da der Templerorden gerade außer
    Gefecht gesetzt worden war. Bewahrte Simon de Macy irgendein
    Geheimnis, das der König, falls er es ihm entrissen hätte, keinesfalls
    mit den kirchlichen Untersuchungsrichtern teilen wollte? Die
    Behandlung dieses Gefangenen legt solche Gedanken nahe.
    Zu Anfang dieses Buches haben wir die Sage erwähnt, auf
    die hin Roger Lhomoy gegen jeden gesunden Menschenverstand
    177
    sein außergewöhnliches Werk begann. Königin Blanka wird
    belagert, erscheint und verschwindet nach Belieben dank der
    angeblichen unterirdischen Verbindung zwischen den Burgen von
    Gisors und Neaufles. In diesen unterirdischen Gängen soll ein
    Schatz verborgen sein. Er wird von Eisengittern geschützt, die
    sich nur am 24. Dezember um Mitternacht öffnen. Zu dieser Sage
    kommt noch eine andere. Königin Blanka hatte einen Liebhaber,
    den Ritter Poulain. Aus dieser Liebe entsproß eine Tochter, die
    nicht am Leben blieb. Der König erfuhr von seinem Mißgeschick
    und ließ seinen Rivalen in den Turm der Burg von Gisors
    werfen, der seitdem »Turm des Gefangenen« hieß. Poulain
    wurde bei einem Fluchtversuch verwundet und starb in den
    Armen seiner Geliebten. Sie begrub ihn in dem berühmten unterirdischen
    Gewölbe neben ihrer beider Tochter.
    Es gab eine Königin Blanka, nämlich Blanka von Navarra,
    die ihr Onkel König Philipp VI. von Valois nach Frankreich
    kommen ließ, um sie seinem Sohn, dem zukünftigen Johann II.,
    dem Guten, zur Frau zu geben. Aber als der Onkel, ein Witwer,
    der mit einer hinkenden, zänkischen Frau verheiratet gewesen
    war, seine unvergleichlich schöne, achtzehnjährige Nichte sah,
    zog er es vor, sie für sich zu behalten. 1349 wurde Blanka
    Königin von Frankreich und im nächsten Jahr Witwe. 1359
    erhielt sie Gisors und Neaufles als Witwensitz. Sie zog sich
    dorthin zurück und starb 1398 im Alter von Sechsundsechzig
    Jahren (Tafel II).
    Blanka war allerdings eine vorbildliche Witwe. Sie lehnte
    die Hand König Alfons XI. von Kastilien mit der stolzen Antwort
    ab: »Die Königinnen von Frankreich verheiraten sich nicht
    wieder.« In ihrem Verhalten kann man nun keinesfalls den
    Grund dafür suchen, daß die Überlieferung ihr geheime Liebschaften
    zuschreibt.
    Sie hatte sie dennoch, aber von ganz anderer Art, nach ihrem
    Testament zu urteilen. Es wurde in Neaufles abgefaßt, in den
    Archiven der Basses-Pyrénées aufbewahrt und 1885 von dem
    Historiker Leopold Delisle veröffentlicht, der außerdem die
    Testamente der Alchimisten Arnold von Villanova und Rai178
    mundus Lullus herausgab. Das Testament der Königin Blanka
    enthält drei wenig alltägliche Legate.
    Den Karmeliterinnen von Paris vermachte Blanka »einen Teil
    von einem der Nägel, die den Erlöser durchbohrten«. Diese
    Reliquie war in eine Statuette gefaßt, die »Christus darstellte,
    der den Nagel in der Hand hält« [90]. Ihrer Tochter [91] vermachte
    die Königin »Das Buch von Barlaam, Joasaph und vielen
    anderen Dingen aus den Wappen Frankreichs und Burgunds«
    und ihrem Schloßkaplan Nicole de Rueil »einen Krug aus
    Kristall, darin eine Lilie steht und die Milch Unserer Lieben
    Frau ist« (Tafel X links).
    Das Buch von Barlaam und Joasaph ist eine Erzählung aus
    dem 14. Jahrhundert in provenzalischer Sprache. Die Idee wird
    allgemein den Katharern zugeschrieben. Der südfranzösische Eremit
    Barlaam bringt dem Joasaph, Prinz von Indien, »den kostbaren
    Stein, den kein Mensch sehen kann, wenn er nicht das
    wahre Gesicht hat, und der seinem Besitzer alle Güter gibt«.
    Die Herkunft dieses Werkes verdient angedeutet zu werden.
    Die Literaturhistoriker waren es müde, vergebens nach den Quellen
    zu suchen und vermuteten, daß der anonyme Verfasser seine
    Inspiration aus einem griechischen Roman der alexandrinischen
    Epoche bezogen hatte. Nun haben kürzlich sowjetische Archäologen
    in Turkestan mehrere Seiten des Originaltextes aufgefunden
    in der zumindest unerwarteten Form eines Manuskriptes aus
    dem 8. Jahrhundert in uigurischer Sprache. Diese Entdeckung
    wirft mehr Probleme auf, als sie löst...
    Das kostbare Gefäß zeigten die Erben höchstwahrscheinlich
    niemals bei öffentlichen Prozessionen.
    Im bilderreichen Vokabular der Hermetiker bedeutete die
    »Milch der Jungfrau« das bei der Herstellung des Steins der
    Weisen unerläßliche quecksilberhaltige Wasser. Ein Zeitgenosse
    der Königin Blanka, der Alchimist Basilius Valentinus, gibt folgendes
    Rezept: »Wenn der Stein fertig und mit der wahren
    Milch der Jungfrau präpariert ist, nimm einen Teil davon und
    mache ausgezeichnetes und sehr reines Gold.« [92]
    Durch die Mitteilung, daß eine auf Alchimie versessene Köni179
    gin in Gisors die Nachfolge der letzten Templer antrat, bestätigt
    die Geschichte nur, was die Sagen in verschleierten Worten berichten.
    Was weiß sie uns nun über den Gefangenen zu sagen,
    den die Königin mit ihrer Gunst ausgezeichnet haben soll?
    Sie schweigt wohlgemerkt über den romanhaften Ritter Poulain,
    dessen Abenteuer als Allegorie erfunden wurde.
    Dafür gibt sie uns einen Hinweis darauf, welches wohl Ursprung
    und Sinn dieser Sage sein könnten. Ein Forscher des vergangenen
    Jahrhunderts entdeckte, daß ein Wolfgang de Polham
    – er war der Vertraute der Maria von Burgund, der Tochter
    Karls des Kühnen – von Ludwig XI. 1479 in der Schlacht von
    Guinegate gefangengenommen und in den Turm von Gisors
    geworfen wurde, aus dem er erst nach dem Tod des Königs, vier
    Jahre später, wieder herauskam. [93] Von diesem Polham ist
    noch etwas anderes bekann: er war Mitglied des Ritterordens,
    der 1429 von Herzog Philipp dem Guten von Burgund gestiftet
    wurde. Dieser Orden, der, seinem neuesten Historiker zufolge,
    »den geheimen Zweck gehabt zu haben scheint, zwischen Okzident
    und Orient das Band der Einweihungen neu zu knüpfen,
    das durch die Vernichtung des Templerordens abgerissen war« [94],
    nannte sich Orden zum Goldenen Vlies [95]. Bekanntlich ist der
    Argonaut Alchimist. So hätte der Ritter Polham für Königin
    Blanka von Navarra einen würdigen Liebhaber abgegeben. Trotzdem
    kann er es nicht gewesen sein, denn die Königin war beinahe
    ein Jahrhundert zuvor gestorben.
    Es stimmt, daß eine solche Königin für die Sage nie stirbt
    und immer Liebhaber finden wird. Sie ist weiß und Witwe, wie
    Isis. Sie wird in ihren Liebschaften durch einen eifersüchtigen
    König behindert, wie Isolde. Sie zeugt mit einem Ritter eine
    Tochter, die im Dunkel bleibt, wie die Yse der Templer. Sie
    ist Herrin über alle Geheimnisse, die der Profane stets dort sucht,
    wo sie schon nicht mehr ist. Unerwartet wie der Blitz straft sie
    jeden, der sich ihrer mit Gewalt bemächtigen will. Der Umgang
    mit ihr ist jedoch für den Adepten fruchtbar, dem gegenüber sie
    stets hilfreich ist.
    Im ursprünglichen Sinn des Wortes aber ist eine Legende
    180
    etwas, das man lesen soll. Die von Blanka und Poulain übermittelt
    uns, ebenso wie die anderen, die sich um die Erbauer der
    Burg ranken, eine deutliche Botschaft. Wie Bellême, Heinrich
    Beau Clerc und Plantagenet waren auch Molay, Macy und Polham
    Adepten. Gisors gehört den Liebhabern der Isis.
    Metapher? Jedenfalls ist sie nicht von uns erfunden. Ein Gefangener
    hat vielmehr in Gisors deutlich in Stein eingemeißelt,
    daß er ein Liebhaber der Isis war. Dieser Gefangene unterzeichnete
    mit Poulain. Er hatte die Burg entschlüsselt, dieses unvergleichliche
    hermetische Gebäude, dessen Geheimnis und dessen
    Schatz sich für eine Nacht, vier Jahrhunderte später, unter dem
    Spitzhackenschlag des Schweinehirten Lhomoy einen Spalt weit
    öffnen sollten.
    DIE BURG DER DREI WAGEN
    Wenn wir jetzt erklären, daß die Überlieferung von dem unterirdischen
    Schatz, dessen schützende Eisengitter sich nur in der
    Christnacht öffnen, kein Altweibermärchen ist, sondern der Wirklichkeit
    entspricht – wer wird uns glauben wollen?
    Dennoch hat diese Legende nichts mit phantasievollen Träumereien
    zu tun: Weise haben sie vielmehr mit großer Sorgfalt
    verfaßt, um demjenigen, der zu verstehen weiß, den geheimen
    Plan der Burg von Gisors zu offenbaren.
    Der defensive Wert der Burg ist mittelmäßig, wie wir bereits
    bewiesen haben. Trotzdem darf man nicht meinen, ihre Erbauer
    seien Stümper gewesen. Ganz im Gegenteil, der Grad ihrer Klugheit
    ist erstaunlich. Die Strategie hat in ihren Plänen nur eine
    sekundäre Rolle gespielt. Ihr Hauptanliegen war, astronomischen
    Regeln entsprechend mit bemerkenswerter Perfektion zu bauen.
    Welchen? So verblüffend es erscheinen mag – das ganze Gebäude
    ist nach dem örtlichen Stand des Himmels am 24. Dezember um
    Mitternacht entworfen worden.
    181
    Das ist zwar nicht leicht, aber durchaus möglich zu beweisen.
    Wenn auch nur der Glaube an die astrologische Symbolik für
    die Erbauer maßgeblich war – und zudem sicher die Verpflichtung,
    die Struktur ihres Werkes zu verschleiern –, so genügen
    doch die positiven Gegebenheiten der Astronomie, diesen Beweis
    zu liefern.
    Bevor wir das tun, wollen wir uns klarmachen, daß für die
    Menschen des Mittelalters die Sonne sich um die Erde dreht, und
    daß die Erde nicht kugelförmig, sondern flach ist. Infolgedessen
    basierten ihre Berechnungen lediglich auf der anscheinenden Bewegung
    der Gestirne und ließen keine Projektionen auf die
    Himmelskugel, sondern nur auf die Ebene zu.
    Ferner müssen wir beachten, daß der Teil des sichtbaren Himmels
    von einem angenommenen Punkt auf der Erde nach folgenden
    Bedingungen variiert: 1. je nachdem, ob dieser Punkt auf der
    nördlichen oder auf der südlichen Hemisphäre liegt (das hieß für
    unsere Verfahren, oberhalb oder unterhalb der Erdscheibe); 2. je
    nach dem anscheinenden Lauf der Sonne, also dem Zeitpunkt des
    Jahres; 3. je nach der Erdumdrehung, also dem Augenblick des
    Tages.
    Die sogenannte Horizontalebene teilt die Himmelskugel von
    einem angenommenen Punkt und in einem angenommenen Augenblick
    in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Sektor. Die Meridianebene
    wird von der Sonne während des Tages durchlaufen.
    Schließlich ist zu berücksichtigen, daß das Vorrücken der Tagund
    Nachtgleichen, das heißt die Verschiebung der Äquinoktialachse,
    alle einundsiebzig Jahre annähernd einen Grad ausmacht.
    So steht die Sonne am 24. Dezember im Zeichen des Steinbocks.
    Aber zwischen den Jahren 1100 und 1170 beispielsweise stand sie
    am gleichen Datum 25° im Schützen. Allerdings handelt es sich
    hier nicht um den herkömmlichen Tierkreis der Astrologen, in
    dem jedes der zwölf Sternbilder einen gleichen Teil der Ekliptik
    einnimmt, sondern vielmehr um den astronomischen Tierkreis, in
    dem die Sternbilder ungleichmäßig auf die Ekliptik verteilt sind,
    wie es auch der Wirklichkeit entspricht. Dieser Tierkreis nun enthält
    dreizehn Zeichen und nicht zwölf. Das »astrologische« Stern182
    bild des Skorpions besteht nämlich aus zwei verschiedenen, dem
    eigentlichen Skorpion und dem Ophiuchus.
    Von diesen Gegebenheiten ausgehend, läßt sich leicht auf 1° 2
    genau feststellen, welcher Teil des Himmels in Gisors, das heißt
    49° 17 nördlicher Breite und 0° 34 östlicher Länge von Greenwich,
    am 24. Dezember um Mitternacht zwischen dem Jahre 1090,
    in dem der Bau der Burg begonnen, und dem Jahre 1184, in dem
    er beendet wurde, sichtbar war. Auf dieselbe Weise läßt sich der
    entsprechende Teil des unsichtbaren Himmels bestimmen (Abb. 9).
    Wenn man das nun in die Tat umsetzt, stellt sich etwas Sonderbares
    heraus: in der fraglichen Zeit standen am 24. Dezember um
    Mitternacht der Große und der Kleine Wagen einerseits, das
    Schiff oder der Wagen der Meere andererseits von Gisors aus gesehen
    in Opposition. Diese reziproke Position der drei Wagen, die
    sich nur einmal im Jahr ergab, hat den gesamten Grundriß der
    Burg bestimmt.
    Das stark vereinfachte Schema auf Abbildung 9 zeigt, wie die
    Erbauer vorgingen. Sie legten zunächst die Projektion der Konstellation
    des Schiffes auf dem Boden fest. Da dieses Sternbild zur
    südlichen Hemisphäre gehört und sich somit für sie »unter der
    Erde« befand, ist sein Abbild auf dem Boden naturgemäß die
    Umkehrung dessen, das man am Himmel erblickt. Andererseits
    entsprach die Konstellation des Schiffes im Mittelalter nicht der
    auf unseren jetzigen Himmelskarten. Das Schiff wird heute von
    den Astronomen in deutlich unterschiedene Teile aufgegliedert:
    Bug, Kiel, Segel usw. Damals jedoch war es ein einziges Sternbild.
    In dieser Darstellung besaß nun das Schiff eine Eigenschaft, die
    es von allen anderen Sternbildern abhob. Vier seiner Seiten standen
    nämlich senkrecht zueinander, wodurch es sich in ein vollkommenes
    Quadrat einzeichnen ließ. Ferner durchschnitt zu der
    fraglichen Zeit die Verlängerung einer seiner anderen Seiten die
    Horizontalebene von Gisors im Winkel von 45° und grenzte so
    ein zweites Quadrat ab. In diesen beiden Quadraten wiederum
    standen am 24. Dezember um Mitternacht jeweils der Kleine und
    der Große Wagen.
    War eine derart komplexe Himmelsarchitektur den Erbauern
    183
    Abbildung 9
    wirklich bekannt? Und haben sie diese tatsächlich in Stein verwirklicht?
    Es fiele schwer, das zu glauben, wenn es dafür nicht
    zwei sehr stichhaltige Gründe gäbe.
    Zunächst wissen wir, daß die Erbauer des Schlosses für sämt184
    liche beschriebenen Planungen ein ausgezeichnetes Instrument zur
    Verfügung hatten, den Astrolab, den die Mauren erfunden hatten
    und der ein Jahrhundert zuvor von Papst Gerbert dAurillac aus
    Spanien mitgebracht worden war. Auf dieser Art Uhr mit mehreren
    Zifferblättern befanden sich ein Tierkreis und eine stereographische
    Projektion der Himmelskugel, wie sie von einem angenommenen
    Breitengrad aus sichtbar war. Durch in Grade eingeteilte
    Zeiger konnte man Norden, die Zeit, die Winkelgrade
    und die Position aller Sterne bestimmen. Die Mohammedaner benutzten
    den Astrolab seit langem, um die Lage von Mekka und
    die Gebetsstunden zu fixieren. [96]
    Vor allem aber zeugt die tausendjährige Burg selbst, wie wir
    sie heute noch vor Augen haben, unwiderlegbar für das bei ihrer
    Erbauung maßgebliche Verfahren (Abb. 10 und 11).
    Man braucht tatsächlich nur eine Pause der Konstellation des
    Schiffes oder Wagen der Meere auf den Plan der Burg von Gisors
    aufzulegen, um folgendes festzustellen:
    1. Der äußere Festungsgürtel läßt sich genau in das große Quadrat
    und der Hügel des Wehrturms genau in das kleine einzeichnen.
    2. Die Verlängerung der dreizehn Seiten des Sternbildes fallen
    jeweils mit allen Türmen und Toren des Gebäudes zusammen.
    Wir beschränken uns auf diese beiden sofort feststellbaren Tatsachen,
    um den Leser nicht mit technischen Einzelheiten zu verwirren,
    die sicher interessant, aber auch sehr kompliziert sind.
    Dennoch sei darauf hingewiesen, daß manche Hermetiker viel
    weitergehen. Sie behaupten, die Erbauer hätten die beiden Himmelsquadrate
    als »magische Quadrate« genommen und mit ihrer
    Hilfe jeden Bestandteil des Gebäudes verschlüsselt. Die mathematischen
    Schlüssel dieser Quadrate ermöglichten eine vollständige
    Dechiffrierung. Diese Theorie ist zu gewagt, so daß wir ihren Anhängern
    die volle Verantwortung für ihre Folgerungen überlassen
    möchten. Wir können sie aber nicht mit Stillschweigen übergehen,
    da man sehen wird (Anhang I), daß sie in mehreren Punkten auf
    frappierende Weise die positiven Tatsachen bestätigen.
    185
    Abbildung 10
    Wie dern auch sei, der Plan allein macht die Burg von Gisors
    zu einem Bauwerk, das zu jener Zeit nicht seinesgleichen hat. Gewiß
    haben vom 18. Jahrhundert bis in unsere Tage Montluisant,
    Fulcanelli, Maurice Magre usw. die Esoterik bestimmter mittel186
    alterlicher Bauten bereits aufgezeigt. Aber einmal beschäftigen sie
    sich nur mit sakralen Bauten, bei denen es keineswegs überrascht,
    symbolische Elemente zu finden; andererseits und vor allem sind
    es bei diesen Bauten allein ornamentale Einzelheiten mit symbolischen
    Figuren, die mehr oder minder alchimistische Züge aufweisen.
    Im Gegensatz dazu ist nun Gisors kein sakrales, sondern
    ein Festungsbauwerk. Sein gesamter Bauplan, und nicht nur die
    bloße Ornamentik, wurde jedoch auf Grund von astronomischen
    Gegebenheiten entworfen, die für die Erbauer Symbolwert hatten.
    Das rüttelt an den feststehenden Grundsätzen mittelalterlicher
    Archäologie. Es beweist, daß die Erbauer in Gisors ein Bauwerk
    zweifacher Bestimmung errichtet haben, nämlich militärischer und
    religiöser – besser sollte man sagen, ein doppelsinniges. Zwar
    fehlt es im Mittelalter keineswegs an befestigten Kirchen, doch sie
    sind alle als solche erkennbar, während sich in Gisors der sakrale
    Charakter des Gebäudes völlig hinter dem profanen Äußeren
    einer Festung verbirgt.
    So seltsam diese Kaschierung erscheinen mag, läßt sie sich doch
    einleuchtend erklären. Das christliche Weihnachten hat nur die
    heidnischen Feste der Wintersonnenwende abgelöst, die seit der
    Jüngeren Steinzeit gefeiert wurden. Ihr Fortleben in Gallien wird
    durch Interdikte der katholischen Kirche bis zum Jahre 789
    unserer Zeitrechnung belegt.
    Als sie ihren Bauplan auf die Sonnenwende gründeten, taten
    die Erbauer der Burg von Gisors dasselbe wie fünfundzwanzig
    bis dreißig Jahrhunderte früher jene der großen steinernen Kultbauten,
    für die Stonehenge in England das großartigste Beispiel
    ist. In Stonehenge hatte man beobachtet, daß die Sonne am Tag
    der Sommersonnenwende in der Nähe eines unbehauenen Steines
    aufging, der über 600 Meter von dem Gebäude entfernt auf
    freiem Feld stand. Nun bildet die gerade Linie zwischen diesem
    Stein und dem Opferaltar die Symmetrieachse des Heiligtums.
    Manche Archäologen nahmen also an, es handelte sich um eine
    absichtliche Orientierung. Von dieser Hypothese ausgehend, die
    bereits in den babylonischen Zikkuraten und den ägyptischen
    Pyramiden vorweggenommen worden war, berechneten sie, wann
    187
    Abbildung 11: Auf der Abbildung Seite 185 sieht man die Konstellationen
    des Schiffs (in Linien) und (punktiert) die Linien, die man erhält, wenn man
    diese Konstellation nach jeder Seite verlängert. Der Pol bezeichnet den
    Norden. Wenn man die Abbildungen 10 und 11 übereinanderlegt, so daß
    ihre Nord-Süd-Achsen übereinstimmen, und wenn man dann das Ganze
    gegen das Licht hält, entdeckt man, daß jeder der zwölf Türme und Tore
    der Burg von Gisors mit einer der Linien der Konstellation des Schiffes
    zusammenfällt. Gisors befindet sich auf 49° 17 Breite und 0° 34 Länge. Der
    astronomische Plan ist gültig von 1100 bis 1170. Die Präzession der Tagesund
    Nachtgleichen betrug 1 Grad in 71 a 57 222.
    die Sonne direkt über dem Stein aufgegangen war, um den Bau
    zeitlich bestimmen zu können. Nach ihren Berechnungen mußte
    er um das Jahr 1900 v.Chr. errichtet worden sein. Andere Archäologen
    jedoch sahen das lediglich als Spekulation ohne Beweis188
    kraft an, die von vernunftwidrigen okkulten Erwägungen ausging.
    Ihrer Meinung nach resultierte die Orientierung von
    Stonehenge, genau wie bei den Zikkuraten und den Pyramiden,
    aus rein zufälligem Zusammentreffen. Nun hat in jüngster Zeit
    die Datierung der Steine von Stonehenge ins Karbon 14 auf fünfzig
    Jahre genau den Zeitpunkt des Baues, der sich auf den Himmelsstand
    gründete, bestätigt. Die absichtliche Orientierung des
    Heiligtums nach der Sommersonnenwende wurde dadurch unwiderlegbar
    bewiesen.
    Die Erbauer der Burg brauchten ihr Vorbild nicht so weit zu
    suchen, obwohl sie Stonehenge zweifellos gekannt haben. In
    unmittelbarer Umgebung von Gisors bezeugen Megalithen, daß
    diese Landschaft in grauer Vorzeit heilig war. Sie konnten die
    Haute Borne von Montjavoult sehen sowie die Überreste der
    prähistorischen Grabstätte von Flavacourt, den Dolmen von
    Trie, den Stein von Petit Marais bei Vaudrancourt, den der
    Volksaberglaube für den Wohnsitz von Blaiseau lArdent hält,
    dem Mann ohne Kopf, der die Reisenden irreleitet.
    Ihre wenig katholische Bauweise paßt zu ihrem Leben, das
    zugleich gelehrt, heterodox und ungewöhnlich ist. War der Neffe
    von Hugues, Thibaud Payen, nicht empfänglich für abergläubische
    Vorstellungen, nach denen sich alle Megalithen im Vexin
    in der Nacht der Wintersonnenwende durch Zauber um sich
    selbst drehen? Sollte Wilhelm der Rote, der Sohn des Eroberers,
    nicht gewußt haben, daß sich hinter der Gestalt von Blaiseau
    das Irrlicht [97] verbarg, damals in der Normandie Wilhelmsdocht
    « genannt, und daß von seinem Vater das Gesetz zur Einhaltung
    des Feierabends [98] stammte? Hatte Heinrich I. nicht
    lange über das Abenteuer des Schiffes Argo meditiert, das die
    Irrlichter vor dem Untergang [99] retteten? Wußte man nicht,
    daß Heidentum, Judentum und Christentum jeweils dem Schiff
    einen symbolischen Wert verliehen haben – Schiff der Isis, Arche
    Noah, Schiff Petri? Sicherlich wunderten sich diese Männer in
    Gisors am 24. Dezember um Mitternacht höchlichst darüber, am
    sternenbedeckten Himmel die Leitidee der esoterischen Lehren,
    die ihnen so teuer waren, zu entdecken. Selbst wenn er sie ver189
    birgt und zu leugnen glaubt, vollendet jeder Kult und jedes neue
    Wissen in Wirklichkeit die alten Weisheiten und setzt sie fort.
    Genau in dem Augenblick, da das christliche Zeitalter anbricht,
    verbirgt sich das Schiri der Antike unter der Erde, bleibt jedoch
    auch dort gegenwärtig.
    Aber soll man sich nicht weiter vorwagen? Das Vexin war
    reich an Traditionen. Drei hermetische Fürsten errichteten hier
    die Burg von Gisors. Sie entwarfen den Plan in esoterischem
    Geist. Und schließlich bestimmte die Stellung der Gestirne den
    Zirkel der Architekten. Trieben sie die Nachbildung des Himmels
    und die Perfektion ihres Bilderrätsels in Stein nun nicht
    so weit, daß sie in das Gebäude ein Schiff einbauten, unterirdisch
    wie das, das es darstellen sollte?
    Nicht allein die Logik des hermetischen Symbolismus, der den
    Bau bestimmte, spricht für diese Hypothese. Als normannische
    Fürsten mochten die Erbauer sich auch an die Schiffe ihrer Vorfahren
    erinnern, die Drakkar genannt wurden nach dem Drachen,
    der ihren Bug zierte. Die ersten christlichen Kirchen, die im
    n. Jahrhundert auf skandinavischem Boden entstanden, haben
    die Form von umgekehrten Drakkars. [100] Und das Gegenstück
    zu diesen sichtbaren bilden die in die Erde versenkten Drakkars,
    die Grabstätten der normannischen Fürsten nach altem heidnischem
    Ritual. Manche sind fast völlig erhalten in Skandinavien
    aufgefunden worden. Doch die spektakulärste Entdeckung wurde
    1939 in Sutton Hoo in England gemacht, wo man unter einer
    Aufschüttung das 656 n. Chr. errichtete Grab mit dem Grabschiff
    König Aethelhers fand. Von diesem Herrscher wußte man
    bis dahin nur aus alten Sagen und einigen spärlichen Hinweisen
    in Chroniken. Das Schiff von Sutton Hoo barg sein Geheimnis:
    es enthielt einen Schatz im Wert von mehr als 100 000 Pfund
    Sterling, das heißt 1 400 000 Francs. [101]
    Es ist bekannt, daß der Architekt Leufroy, der Robert de
    Bellême beim Bau der Burg von Gisors unterstützte, zwei weitere
    Burgen in Frankreich errichtete: die von Bellême und Nogentle-
    Rotrou. In Nogent-le-Rotrou wie in Bellême baute er unter
    dem Hauptturm unterirdische Kapellen, die heute noch zu be190
    sichtigen sind. Es wäre nur logisch, wenn er dasselbe ins Gisors
    getan hätte. Sollte das aber der Fall sein, was für ein furchtbares
    Geheimnis wurde dann wohl einst der unterirdischen Kapelle
    von Gisors anvertraut, daß man sie derart versteckt hat, während
    die Kapellen von Bellême und Nogent-le-Rotrou stets zugänglich
    waren?
    Die offizielle Kirche begann, die stolzen Schiffe der ersten
    Kathedralen, die für riesige Menschenmengen bestimmt waren,
    gen Himmel wachsen zu lassen. Verbargen nicht zur selben
    Stunde die von Schatten umhüllten Erbauer unter der Erde von
    Gisors ein Heiligtum, das den Eingeweihten, den Liebhabern der
    Isis, den Alchimisten vorbehalten war, die das weiße Schiff der
    Argonauten als Emblem erwählt hatten?
    Im Britischen Museum wird das älteste Freimaurergedicht in
    englischer Sprache aufbewahrt. Ein unbekannter Verfasser schrieb
    es im 14. Jahrhundert. Es wird das Königliche Manuskript genannt.
    In alter Zeit, so hob ich gelesen,
    mußten Adepten von gutem Stamme sein.
    Und manchmal übten auch Herren edlen Geblüts
    zu ihrem Ruhm die Kunst der Geometrie. [102]
    Und den Anhängern der Königlichen Kunst empfahl der unbekannte
    Dichter:
    Vom Geheimnis der Kammer sprich kein Wort,
    auch nicht von dem, was man in der Loge tut.
    Was du auch tun, und wo auch sein,
    wohin du auch gehen magst, sage nichts.
    War nicht auch Jean de Chalon, der dem Papst vom Verschwinden
    des Templerschatzes erzählte, ebenso wie Antoine
    de Verceil und Hugues du Faure, die in versteckten Worten von
    der Liebe der Yse und des Ritters berichteten, an ein Geheimnis
    gebunden? Und enthält sein seltsamer Bericht nicht einen versteckten
    Hinweis auf die Burg der drei Wagen?
    191
    ISIS, DU BIST VERBORGEN IM VEXIN...
    Jeder Besudier der Burg von Gisors wird in den »Turm des Gefangenen
    « geführt. Dieser Turm ist ebenso bemerkenswert durch
    seine Lage und seine Proportionen wie durch die überaus geschickte
    Anordnung seiner Schlitze, die im 15. Jahrhundert umgebaut
    wurden. Der Architekt war allem Anschein nach über die
    Absichten seiner Vorgänger genau unterrichtet. Der Tourist
    hat jedoch weder Zeit, das festzustellen, noch kann er sich in den
    beiden oberen Stockwerken aufhalten. Er wird im Sturmschritt
    die Wendeltreppe hinuntergeleitet. Das eigentliche Schauspiel findet
    nämlich im Erdgeschoß statt, in dem dunklen Verlies, wo –
    wenn man dem Führer glauben darf – »der« Gefangene, eben
    jener Poulain, der Geliebte der Blanka von Evreux, die Zeit damit
    totschlug, an die Mauern mit einem Nagel die Szenen der Passion
    Christi einzuritzen, zu denen ihn sein eigenes Martyrium inspirierte.
    Der vage Bericht sowie der spärliche Schein einer Kerze bilden
    die einzigen Anhaltspunkte für den Besucher, der schnell wieder
    an die frische Luft geführt wird. Dabei hat er, ohne es zu wissen,
    vor dem Sesam gestanden, das die hermetisch verschlossenen Eisengitter
    öffnet, die der Legende nach den Schatz von Gisors hüten.
    Denn die Sgraffiti im »Turm des Gefangenen« verdienen genau
    betrachtet zu werden, und zwar nicht nur des künstlerischen Wertes
    wegen, den einige von ihnen zweifellos besitzen. Vor über
    einem Jahrhundert ließ Charles Kodier durchblicken, er habe ihr
    Geheimnis entschlüsselt. Er war ein großer Gelehrter und charmanter
    Erzähler, ein Freund von Victor Hugo und Gérard de
    Nerval. In seinem Buch »Voyages pittoresques et romantiques
    dans lancienne France« (1815–1830) hat er den Sgraffiti einige
    interessante Seiten gewidmet. Wir geben sie im folgenden wieder,
    wobei auch der Kursivsatz beachtet wurde:
    »Welches auch die Herkunft und das Leben dieses unglücklichen
    Gefangenen, welches auch die Ursachen und das Ende seines
    Mißgeschicks gewesen sein mögen, man muß zugeben, daß er
    192
    einigermaßen bewandert in den Künsten war. Es besteht zumindest
    keinerlei Zweifel über die Epoche seiner langen Gefangenschaft.
    Sein Werk enthält zeitlich genaue Angaben. Sie tragen
    den Stempel eines bestimmten Zeitalters und vermögen dessen
    Geschichte zu erhellen. Zwischen der Regierungszeit Ludwigs XII.
    und Heinrichs III. schmückte die christliche Bildhauerei die Kirchen
    mit diesen eigentümlichen Arbeiten, die auch der seriöseste
    Kunstverständige noch mit Interesse studiert, selbst wenn er sie
    nicht mehr verwendet. Ihre Ausführung trägt das Kennzeichen
    einer Schule.
    Jedenfalls konnte der Gefangene schreiben, denn er hat eine
    Anrufung der Jungfrau an das äußere Ende des Durchmessers
    seines Turmes eingeritzt, und nur dort hat er vielleicht einen
    Teil seines Namens hinterlassen: O Mater Dei miserere mei Pontani.
    Er war mehr besorgt um seine ewige Seligkeit im Himmel
    als um seinen Ruf in der Geschichte, mehr um die Zukunft als
    um die Gegenwart. So suchte er Zuflucht jenseits dieses Lebens
    voller Prüfungen und Leiden, das die Welt ihm auferlegt hatte.
    Wahrscheinlich hatte er diesen Platz für die Nachtruhe erwählt,
    und er erinnerte ihn zu Anfang und zu Ende des Tages an das
    Bedürfnis, zu beten. Und wenn ich es richtig beurteilt habe, war
    er ihm um so angenehmer, als dort die aufgehende Sonne vor
    ihm sein begonnenes Werk beleuchtete.
    In unserem aufgeklärten Jahrhundert, in dem es beinahe als
    Schande gilt, neue Erkenntnisse auf alte Ansichten zu übertragen,
    würde man kaum wagen, andere Harmonien mit diesem Andenken
    in Verbindung zu bringen. Wir berichten ohne jegliche
    Absicht von dem dreimaligen Zufall, der uns in den verborgensten
    Winkeln eines kleinen Flachreliefs von der Auferstehung
    und dem Jüngsten Gericht einen lebendigen Schmetterling finden
    ließ, Emblem des Wunderbaren dieses Mysteriums – Io, Isis,
    Tagpfauenauge. Sie waren ausgeschlüpft an einem Ort, wohin
    keine Raupe zu gelangen scheint, und zu einer Jahreszeit, da
    das zerbrechliche Gefängnis der Schmetterlinge nicht minder unverletzlich
    ist wie das der Ritter.
    Allein wegen dieses Andenkens gehört der so häufig bedrohte
    Tafel XIII: Das älteste Siegel der Stadt Paris – auf einem Kontrakt
    über den Salztransport, unterzeichnet in Gisors im Jahre 1200 (oben). –
    Der Brunnen von Vert-Bois in Paris (unten)
    Tafel XIV: Gisors, Turm des
    Gefangenen. Hinter dem christlichen
    Glauben steht die hundertjährige
    Barke (links). –
    »Ein kleines Flachrelief, auf dem
    die Auferstehung dargestellt
    ist« . . . (unten)
    193
    Turm des Gefangenen zu den sonderbarsten Baudenkmälern des
    alten Frankreich. Wagen wir zu hoffen, daß er in unseren gedankenlosen
    Tagen nicht verfallen möge. Zumindest lassen uns
    einige Gründe daran glauben.«
    Wirklich ein seltsamer Text, auf den wir bald zurückkommen
    werden. Beschränken wir uns im Augenblick auf die Feststellung,
    daß diese Zeilen bei all ihrer Zurückhaltung uns auffordern, ein
    Rätsel hinter den Sgraffiti des Gefangenen zu erkennen. Über
    die Art des Siegels, mit dem diese ihm verkleidet erscheinen,
    unterrichtet uns Nodier durch die geschickte Allegorie von dem
    Schmetterling »Isis«. Ferner reiht der keineswegs zu Übertreibungen
    neigende Autor den Turm unter die sonderbarsten Baudenkmäler
    Frankreichs ein. Und konstatieren wir schließlich
    Nodiers seltsame Anspielung auf die zwar wohlverpackte, jedoch
    echte Sorge, die ihm gilt...
    Da Nodier jetzt unsere Neugier angestachelt hat, wollen wir
    den Turm der Gefangenen Schritt für Schritt untersuchen, bevor
    wir uns der Kirche zuwenden.
    Zwar sind die Sgraffiti des Verlieses wohlbekannt. Doch niemand
    hat bisher jene in den beiden oberen Stockwerken beachtet.
    Obwohl sie von den Nazis beschädigt wurden, die den Turm
    während des Krieges besetzt hatten und die Mauern mutwillig
    zerkratzten, sind sie noch immer hochinteressant. Zunächst durch
    ihre ziemlich primitive Machart, die sie dem Mittelalter zuordnet
    und bezeugt, daß sie nicht von berufsmäßigen Steinmetzen stammen.
    Noch mehr aber durch ihren Inhalt.
    Unter diesen Sgraffiti sind besonders eine große Quadrierung
    aus Rauten, fünf-, sechs- und achtzackigen Sternen sowie ein
    Emblem, das als dreifacher hermetischer Kreis bekannt ist, hervorzuheben.
    Diese Abbildungen offenbaren, daß ihre Hersteller
    Hermetiker waren. Tatsächlich ist die in Rauten aufgeteilte
    Quadrierung ein Gitter der Geheimschrift, und die Sterne sind
    die Schlüssel, die seine Dechiffrierung ermöglichen. Der achtzakkige
    Stern (aus dem sich das Alphabet der Templer ableitet, wie
    wir gesehen haben) ist überdies eine klassische Darstellung des
    alchimistischen Steins der Weisen. [103] Das Emblem des drei194
    fachen Kreises hat zahlreiche esoterische Kommentare ausgelöst,
    die zu erklären suchen, dank welches Mysteriums es auf den
    Menhiren, dem Parthenon, den merowingischen Gräbern sowie
    auf Wandteppichen des 16. Jahrhunderts wiederkehrt.
    Nun finden sich diese ungewöhnlichen drei Figuren, wiederum
    als Sgraffiti, im Turm einer anderen Burg, nämlich im Donjon
    von Coudray in Chinon. Und hier wissen wir, von wem sie stammen:
    von den Leitern des Templerordens, die im August 1308 in
    Chinon eingekerkert waren. Zu ihnen gehörten der Großmeister
    Jacques de Molay und der Generalvisitator von Frankreich, Hugues
    de Pairaud, der – wie es im Prozeß hieß – »den Geheimriten
    am leidenschaftlichsten ergeben war« und der den Schatz
    in drei Heuwagen in Sicherheit bringen ließ.
    Die verblüffende Identität dieser beiden Serien von Sgraffiti
    bestätigt also die Behauptung des Historikers Depoin, wonach die
    Würdenträger des Ordens von Chinon nach Gisors verbracht
    wurden. Professor Probst-Biraben schrieb mit vollem Recht: »Es
    war nicht das Ziel dieser Männer, sich die Langeweile zu vertreiben.
    Sie wollten vielmehr ihre Nachfolger durch Wappen und
    bestimmte seltene Zeichen wissen lassen, daß Templer dieses oder
    jenes Amtes, möglicherweise auch gewisse Brüder in diesen Gefängnissen
    eingekerkert gewesen waren.« Zudem haben die Leiter
    des Templerordens in Gisors auf einer Fensterbrüstung im Turm
    des Gefangenen eine unzweideutige Unterschrift hinterlassen: das
    Templerkreuz, Emblem des Ordens.
    Das Hauptstück der Sgraffiti in den oberen Stockwerken des
    Turms ist ein Schiff (Tafel XIV oben). Man braucht es nur mit
    dem auf dem Stadtsiegel von Paris zu vergleichen (wie erinnerlich,
    wurde es 1200 auf einer in Gisors unterzeichneten Urkunde angebracht),
    um sich zu überzeugen, daß der Urheber das Schiff der
    Nauten darstellen wollte. Außerdem drängt sich ein Vergleich mit
    dem Schiff auf dem Brunnen Vert-Bois auf, der den Hermetikern
    so teuer war. [104] Dieses Schiff weist nun ein gemeinsames Merkmal
    mit dem von Gisors auf, das man sofort bemerkt: das Quadrat,
    das auf dem Brunnen durch die Taue gebildet wird, steht in
    Gisors neben dem Schiff wie das Gitter eines Kreuzworträtsels.
    195
    Schließlich hat das Schiff von Gisors ein einzigartiges Charakteristikum:
    die Bugfigur ist ein Fisch. Bekanntlich wählten die ersten
    verfolgten Christen den Fisch als Geheimschriftzeichen für Christus.
    [105] So erinnert das Schiff im Turm des Gefangenen mit
    dem Quadrat und dem Fisch nicht nur an das allgemeine symbolische
    Thema, das die Baumeister anscheinend in Stein verwirklichen
    wollten: hinter dem Christentum das jahrhundertealte
    Schiff – sondern weist mit großer Bestimmtheit auf die astronomischen,
    graphischen und chronologischen Elemente hin, die sich
    in dem Plan vereinen: Sternbild des Schiffes, Quadrate, Christnacht.
    Es liefert uns also den Beweis dafür, daß zumindest die
    hohen Würdenträger des Templerordens sämtliche Geheimnisse
    des Burgbaues kannten.
    Man mag so viel Erfindungsgabe bewundern. Dennoch teilen
    uns die Sgraffiti in den oberen Stockwerken nichts mit, was wir
    nicht schon selber entdeckt hätten – Anwesenheit der Templer in
    Gisors, symbolische Architektur der Festung. Die Sgraffiti des
    Verlieses, deren Bedeutung zu erraten Nodier uns überlassen hat,
    geben uns von einem Hinweis zum nächsten viel weitergehenden
    Aufschluß.
    Sie verteilen sich auf drei große Wandfächer rechts, links und
    gegenüber der Eingangstür des Verlieses. Ein Blick genügt, um die
    Einheitlichkeit des Stils, die Geschicklichkeit der Komposition zu
    erkennen. Es sind keine einfachen Sgraffiti, sondern vielmehr halb
    erhabene echte Flachreliefs. Offensichtlich stammen sie von einer
    Hand, und zwar der eines Bildhauers.
    Durchaus nicht alle entsprechen den Beschreibungen, die viele
    Verfasser von ihnen gegeben haben. Manche angeblich religiöse
    Themen enthüllen sich dem aufmerksamen Betrachter als alchimistisches
    Gedankengut. Wir wollen dafür nur ein Beispiel zitieren:
    das Flachrelief, das jedermann für Sankt Georg hielt, der den
    Drachen tötet. Unseres Wissens wurde das von Sankt Georg erlegte
    Ungeheuer nicht von einer Dame gezügelt wie das auf dem
    Flachrelief. Der einzige Drache, der jemals erst unschädlich gemacht
    und dann seinem Besieger ausgeliefert wurde, war jener der
    Argonautensage. Dort geschah es mit Hilfe des Steines, den Me196
    dea besaß und den sie Jason gab. Das Bild bezieht sich also auf
    die Argonautensage, was sein Vorhandensein in Gisors weit besser
    erklärt. Ein Sankt Christophorus und ein Sankt Nikolaus in der
    Nähe dieser Abbildung ließen sich entsprechend interpretieren.
    Noch vor Nodier hat uns der Bildhauer selber aufgefordert, die
    Schlüssel für sein Werk zu suchen: am Anfang und am Ende seiner
    Reliefs. Er hat nämlich Beschläge ausgehauen, als wolle er
    dadurch auf die hermetische Bedeutung seiner Arbeit hinweisen.
    Dieser Gedanke wird auch durch die Legende nahegelegt, der Gefangene
    habe mit einem Nagel gearbeitet, denn auf lateinisch bietet
    sich der Nagel (clavus) zu einem Wortspiel mit dem Schlüssel
    (clavis) an.
    Die Flachreliefs, die der Führer großzügig dem sagenhaften
    Geliebten der Blanka von Evreux zuschreibt, werden von Charles
    Nodier mit Recht zwischen die Regierungszeiten von Ludwig XII.
    und Heinrich III. eingeordnet. Die Gewänder und die Rüstungen
    der Figuren bewiesen eindeutig, daß sie nicht vor Ende des
    15. Jahrhunderts entstanden sein können. Grundsätzlich würde
    also der Annahme, der hermetische Bildhauer sei Wolfgang de
    Polham gewesen, nichts entgegenstehen, wenn nicht eine entscheidende
    Beobachtung diese Hypothese zunichte machte. Die Themen
    mancher Flachreliefs finden sich nämlich in der Kirche von
    Gisors wieder, wo sie erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts angebracht
    wurden.
    Nach dieser Feststellung wollen wir den Kommentar von Nodier
    noch einmal lesen. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine
    der Heiligen Jungfrau gewidmete Inschrift. Die dafür gewählte
    Stelle – so sagt der Autor – »erinnerte ihn an das Bedürfnis zu
    beten«, da der Gefangene von dort aus »die aufgehende Sonne
    vor ihm sein begonnenes Werk beleuchten sah«. Man möchte glauben,
    dieser Satz sei von einem Blatt aus dem Liber Mutm inspiriert
    worden, das den Alchimisten im Gebet vor seinem Athanor
    zeigt. Dieser wird durch einen Turm dargestellt. Durch vier Luken
    fallen die ersten Strahlen der Morgensonne auf das Werk.
    Das Liber Mutm enthält zwei Wahlsprüche; zu Anfang: Ora,
    lege, lege, relege et invenies – Bete, lies, lies, lies nochmals, und du
    197
    wirst finden. Und am Sdiluß: Oculatus abis – Du gehst von hier
    und siehst klar.
    Die Anrufung der Jungfrau findet sich in dem Relief gegenüber
    der Tür. Wenn man sich frühmorgens mit dem Rücken zur
    Wand vor die Inschrift stellt, erkennt man, daß die Sonnenstrahlen
    tatsächlich durch eine der vier Schießscharten des Verlieses fallen,
    und zwar genau auf eines der Flachreliefs in der gegenüberliegenden
    Füllung. Auf welches? Auf das der Auferstehung, von
    dem Nodier der Allegorie halber behauptet, er habe dort den Isis
    genannten Schmetterling gefunden. Betrachtet man nun dieses
    Flachrelief aus der Nähe, so bemerkt man, daß das Kreuz, das
    der römische Soldat trägt, das Kreuz des Templerordens ist.
    Es geht jedoch noch weiter. Der Plan der Burg (Abb. 11) zeigt,
    daß die Ost-West-Achse, die zum Zeitpunkt der Erbauung mit
    der Achse Jungfrau – Fische zusammenfiel, einen der Durchmesser
    des Turms des Gefangenen bildet. Genau am äußersten östlichen
    Ende dieses Durchmessers hat der Gefangene die Anrufung der
    Jungfrau eingeritzt, während er am äußersten westlichen Punkt
    das Tierkreiszeichen der Fische ausgehauen hat.
    Sofort wird der rätselhafte Text von Nodier klar und desgleichen
    die Legende. Sie berichtet, der Gefangene sei, als er in
    das obere Stockwerk gebracht wurde, durch das Übermaß an Luft
    und Licht zu Boden geworfen worden. Die Sgraffiti der Templer,
    deren Kryptogramme er, erfahrener als wir, bis ins letzte entschlüsseln
    konnte, hatten ihm das Geheimnis der Burg offenbart.
    An dieser Entdeckung ließ er uns teilhaben. Er benutzte dabei die
    Bahn der Gestirne mit einer Erfindungsgabe, die jener der Erbauer
    würdig war, seiner Brüder in Hermes. Nodiers Auge mußte
    fehlerlos sein, um ein derart subtiles Verfahren zu erfassen. Wie
    konnte er dann in der Anrufung der Jungfrau nur lesen:
    O MATER DEI MISERERE MEI - PONTANI .
    wo doch deutlich geschrieben steht (Tafel XVI):
    O MATER DEI MEMENTO MEI - POULAIN.
    Ein so grober Irrtum seinerseits ist unbegreiflich. Nodier kann
    ihn nur absichtlich begangen haben, um die Aufmerksamkeit auf
    den Text der Inschrift zu lenken.
    198
    Die Renaissance hat zwei Jahrhunderte lang Anagramme in
    Mode gebracht. Oft war es nur ein Gesellschaftsspiel, aber manchmal
    bediente man sich ihrer, um bedeutsame Entdeckungen zu
    verschleiern. Das war bei Galilei der Fall. Als er 1610 zu entdecken
    glaubte, die Venus zeige ebensolche Phasen wie der Mond,
    sprach er nicht öffentlich darüber, solange er seiner Sache nicht
    sicher war, sondern publizierte einen lateinischen Satz mit fünfunddreißig
    Buchstaben: HA E C IMMA T U R A A M E I AM
    F R U S T R A L EGUNT U R . O. Y . (Diese noch unreifen
    Dinge wurden bereits vergeblich von mir gelesen. O. Y.) Der Satz
    war das exakte Anagramm eines anderen mit viel klarerem Sinn:
    CYNTHIAE FIGURAS AEMULATUR MATER
    AMOR UM, das heißt: »Die Mutter der Liebenden (Venus)
    eifert den Gestalten der Cynthia nach (Diana, Mond).« Mit diesem
    Verfahren sicherte sich Galilei, den seine Zwistigkeiten mit
    der Inquisition Vorsicht gelehrt hatten, die Urheberschaft der
    Entdeckung.
    Nun beruht die Inschrift im Turm des Gefangenen auf einem
    identischen Vorgehen.
    O MATER DEI MEMENTO MEI
    (O Mutter Gottes, gedenke meiner)
    ist das genaue Anagramm von
    AMO DEMETER E N I M T IMEO
    (Ich liebe Demeter, weil ich sie fürchte)
    Bekanntlich ist Demeter der griechische Name der Isis. Der geheime
    Sinn der Inschrift paßt völlig zu der Unterschrift: Poulain
    ist der Liebhaber der Königin Blanka, der Isis, der Ritter vom
    Goldenen Vlies, der Argonaut. Dadurch, daß er diesen legendären
    Namen verwandte, hat der Gefangene (falls er wirklich, und
    nicht nur im allegorischen Sinn, ein Gefangener war; da durch
    nichts bewiesen ist, daß er sich nicht durchaus freiwillig [106] im
    Turm aufhielt) sich lediglich als Hermetiker zu erkennen gegeben,
    und auch das hatte Nodier begriffen. [107]
    Doch das hieße, viel Geheimnis um eine sehr geringfügige Angelegenheit
    zu machen. Müssen wir nicht weiter suchen?
    199
    Neben der Inschrift hat der Gefangene eine liegende Grabfigur
    ausgehauen, die auch in der Kirche zu sehen ist. Und in der Kirche
    wie im Turm befindet sich neben der Grabfigur die doppelsinnige
    Inschrift (Tafel IV oben).
    Im 17. Jahrhundert machte der intelligente Töpfer Antoine
    Dorival in seinem »Tableau poétique de lEglise de Gisors« durch
    rätselhafte Verse auf diesen Marmorleichnam aufmerksam:
    Ein Skelett sehr schauderbar oder vollkommener Meister gar
    und über dessen Lage an einem Ort,
    wo Säulen, eckig und kanneliert,
    dem Betrachter Sorge schaffen und Neugierd.
    Tatsächlich wirkt vom Schiff aus gesehen die Anordnung des
    Ganzen einzigartig. Sie wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf
    Kosten der Gilden und Bruderschaften errichtet [108] und entspricht
    genau der einer Freimaurerloge bei der Aufnahme in den
    Grad des Meisters: rechts eine gerade, links eine Rumpfsäule, die
    beiden Säulen der Loge, Jachin und Boas, denen des Salomonischen
    Tempels nachgebildet. [109] Im Hintergrund zwischen den
    beiden Säulen (oder, wie die Freimaurer sagen, in der »Kammer
    der Mitte«) »das schauderbare Skelett«, vor dem der Aufzunehmende
    zur Meditation aufgefordert wird. Es symbolisiert den
    Leichnam des Hiram–Erbauer des Tempels, »der vollkommenste
    Maurer, den es je gab«, [110] der »vollkommene Meister«.
    Die Bedeutung des Ganzen ist Nodier nicht entgangen. Zwar
    ist der Text, den er ihm widmet, gewollt dunkel. Der Stich dagegen,
    der ihn illustriert, beweist, daß er dieses Stück Architektur
    nicht anders gedeutet hat als wir. Auf dem Stich sieht man zwischen
    zwei Säulen einen Schweizer in Galauniform. Er trägt einen
    Stockdegen. Seine Füße sind rechtwinklig gespreizt. Die traditionellen
    Riten schreiben den Mitgliedern der Gesellenverbindungen
    dergestalt Kleidung, Bewaffnung und Schritt vor. In derselben
    Haltung und zwischen zwei Säulen der Loge stellt sich auch der
    Freimaurer auf, wenn er vom Lehrling zum Gesellen befördert
    wird. Schließlich soll die Prozession zu Mariä Lichtmeß, die der
    Schweizer anführt, den hermetischen Charakter dieses Gebäude200
    teils hervorheben und den Besucher sicher darauf bringen. Sie
    weist auf eine der ersten Unternehmungen hin, die zur Entdeckung
    des Steines der Weisen führen. [111] Der Leser könnte sich fragen,
    ob wir Nodier nicht willkürlich Absichten unterschieben, die
    er niemals gehabt hat. Dazu sei gesagt, daß er der Sohn eines Freimaurers
    der Strikten Observanz war und daß eines seiner Werke
    (»La fée aux miettes«) mit Recht als »Brevier der Gesellenverbindungen
    « qualifiziert wurde.
    Nach Nodier entdeckte ein Geschichtsschreiber von Gisors, Victor
    Patte, ebenfalls »eine dritte sechskantige Säule. Ihr oberer Teil
    ist mit Flachreliefs und Inschriften verziert, deren Bedeutung und
    Sinn man nicht begreifen kann, ohne mehrmals um sie herum zu
    gehen« (Tafel X rechts). [112]
    Hierbei handelt es sich um die sogenannte Säule der Lohgerber.
    Sie wurde auf Kosten dieser Zunft errichtet, und die Bilder gelten
    als Darstellungen der Gerberarbeit. Doch wieder einmal halten
    die Beschreibungen in den Büchern einer Prüfung nicht stand.
    Zum Beispiel zeigt das Flachrelief, auf dem Sankt Claudius, der
    Schutzpatron der Lohgerber, zu sehen sein soll, in Wirklichkeit
    Sankt Nikolaus. Sein Name CLAVS ist voll ausgeschrieben.
    Das dürfte uns genug darüber sagen, welche Art von Fell die
    Gedanken der »Gerber« beschäftigte, um die es sich hier handelt.
    Denn Sankt Nikolaus, der Wundertäter, der gute Geist der Erzminen,
    der Hüter der Schätze, der Weihnachtsmann, ist der
    Schutzpatron der Gelehrten, der Argonauten und der Gefangenen.
    [113] Die Inschrift, die das Datum der Aufstellung bezeichnet:
    I E F V S ICI A C I S L AN I S Z σ
    zeigt mehrere Unstimmigkeiten. Zunächst ist »acis« für »assis« (gesetzt)
    ein so deutlicher Rechtschreibfehler, daß er auf Absicht zu
    beruhen scheint, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Dann
    ist die Jahreszahl 1526 sehr eigentümlich gebildet aus einem normalen
    I, einem S, einem Z, das ebenso das griechische N sein
    könnte und sich dann I aussprechen würde, und schließlich einem
    griechischen σ. Durch diesen Kunstgriff ergibt sich, wenn man das
    201
    Datum phonetisch liest, das Wort Isis. Da es auf derselben Seite
    der Säule steht, auf der auch »Maria« zu lesen ist (Tafel X rechts),
    wird ein diskreter, aber deutlicher Hinweis auf den Doppelsinn
    der Inschrift im Turm gegeben.
    Nun zu dem Toten. Die Kapelle, in der er liegt, ist dem heiligen
    Clarus geweiht. Neben dem heiligen Hermes, der den Teufel
    bezwang wie Medea den Drachen [114], galt Clarus einst als der
    verehrungswürdigste Heilige des Vexin. In Gisors machte ihn die
    1514 gegründete Bruderschaft der Maurer und Steinmetze zu
    ihrem Schutzpatron. Der Eremit von den Ufern der Epte [115]
    und des Réveillon »gab den Toten Leben und den Blinden das
    Augenlicht«, wie im 12. Jahrhundert Robert Denyau, Pfarrer und
    Historiker von Gisors, schrieb. Der heilige Clarus hat wirklich
    die Gabe, das Augenlicht wiederzuschenken. Deshalb wird er auf
    den Bannern der Bruderschaften mit einer dreieckigen Mitra dargestellt,
    in deren Mitte sich ein Auge befindet. Denyau versichert,
    er sei selber blind gewesen, habe sich zum Grab des Heiligen begeben
    und sei von dort sehend zurückgekehrt. Doch nicht jeder
    muß an Wunder glauben, und Metaphern sind anspruchsvoll.
    [116]
    Die Grabfigur ist das in jeder Hinsicht beachtliche Werk eines
    unbekannten Bildhauers, Schüler von Jean Goujon. Entgegen dem
    Brauch ist sie nicht bekleidet, sondern halb nackt. Das ist um so
    erstaunlicher, als sie keine Phantasiegestalt darstellt, sondern –
    wenn man der Grabinschrift glaubt – einen gewissen Geoffroy
    le Barbier, »Kaplan der Sainte-Chapelle«. Über ebendieser Grabinschrift
    steht nun: O MATER DEI MEMENTO MEI. Das
    Rechteck, das die Figur einrahmt, trägt noch drei weitere Inschriften.
    Die erste ist beinahe identisch mit jener an der Gerbersäule.
    Sie lautet:
    IE FUS EN CE LIEV MIS LAN ISZ σ
    Das hier wiederholte ISZσ ist um so bemerkenswerter, als das
    Datum wahrscheinlich falsch ist. Auf der Grabinschrift wird als
    Todesjahr 1507 angegeben.
    202
    Die zweite ist eine lateinische Inschrift:
    QVISQVIS ADES TU MORTE CADES
    STA, RESPICE, FLORA.
    SUM QVOD ERIS, MODICVM CINERIS
    PRO ME, PRECOR, ORA.
    (Wer du auch seist, Wanderer, du wirst sterben. Bleibe stehen,
    blicke zurück, weine. Ich bin, was du sein wirst – ein Häuflein
    Asche. Bitte, bete für mich.)
    Die dritte schließlich gibt dem Besucher auf französisch einen
    an diesem Ort seltsam anmutenden Rat:
    FAY MAINTENANT CE QVE VOVLDRAS
    AVOIR FAIT QVAND TV TE MOVRRAS
    (Tue jetzt, was du wünschen wirst,
    getan zu haben, wenn du stirbst.)
    Und auch hier stellt man wieder Rechtschreibfehler fest.
    Durch einen Hinweis Nodiers haben wir den Namen Demeter-
    Isis in der Anrufung der Jungfrau entdeckt. Auf der Säule der
    Lohgerber wurden von einem geschickten Kalligraphen ebenfalls
    Isis und Maria in nahe Beziehung zueinander gesetzt. Und schließlich
    hat, wenn nicht er, so doch sein Bruder dieselbe Hieroglyphe
    bei der Grabfigur angebracht. Somit ist es sehr wahrscheinlich,
    daß die Inschriften in diesem merkwürdigen Winkel der Kirche
    von Gisors ebenso wie die im Turm, die uns zu ihnen geführt hat,
    verschlüsselt sind.
    Sie sind es tatsächlich. Durch Umstellung der Buchstaben ist
    es gelungen, sie zu entschlüsseln. Die Technik des Entschlüsselns
    ist ziemlich vielfältig. Der Leser kann jedoch die Dechiffrierung
    auf ihre Exaktheit schnell überprüfen, wenn er nacheinander
    jeden Buchstaben des gegebenen und den entsprechenden des verschlüsselten
    Textes durchstreicht. [117] Die Länge der entschlüsselten
    Texte schaltet jeden möglichen Irrtum aus. Die Ergebnisse
    sind erstaunlich.
    203
    Die beiden Inschriften:
    IE FVSICIACIS LAN ISIS
    IE FVS EN CE LIEV MIS LAN ISIS
    ergeben
    ISIS IACES IN VVLCANI SINV
    FELICE EMISSA ES FILIIS
    das heißt:
    Isis, du liegst verborgen im Vexin,
    glücklicherweise von deinen Söhnen entsandt.
    Die lateinische Inschrift
    QVISQVIS ADES, TV MORTE CADES: STA, RESPICE,
    FLORA; SVM QVOD ERIS, MODICVM CINERIS: PRO
    ME, PRECOR, ORA.
    ergibt
    QVO SIDERE TEMPLVM ORTVM ESSE, QVAM ROSAM
    SPIRARE, QVA DOCTE PROCEDIS IN CORPORE
    ISIDIS. S. C.
    das heißt:
    Welches Gestirn den Tempel gebar, an welcher Rose man
    riecht; wenn du darüber nachdenkst, wirst du wissend in den
    Leib der Isis gelangen. S. C. [118]
    Noch genauer ist schließlich die Inschrift
    FAY MAINTENANT CE QVE VOVLDRAS
    AVOIR FAIT QVANT TV TE MOVRRAS,
    da sie ergibt
    VIDIT ARAM NAVEMQVE ANNO VLTRA QVO
    TER VI EFFRACTA SVNT OSTIA
    das heißt:
    Er sah den Altar und das Schiff ein Jahr, nachdem die Türen
    dreimal gewaltsam aufgebrochen wurden.
    Der Sinn dieses letzten Satzes ist fraglos dunkel. Zumindest
    ergibt sich aber eine Gewißheit: der Altar und das Schiff, von
    dem er mit einem solchen Aufwand an kryptographischen Vorsichtsmaßnahmen
    spricht, können keinesfalls die der Kirche sein.
    Jeder kann sie sehen, ohne irgendeine Tür zu zertrümmern. Die
    Geschichte dieser Isis, die von ihren Adepten im Vexin verborgen
    wird und zu der man nur mit Hilfe astronomischer Anhaltspunkte
    eines geheimen Plans vordringen kann, läßt vielmehr vermuten,
    daß ein unterirdisches Heiligtum gemeint ist. Dessen sorgfältig
    verriegelte Zugänge wurden wohl eines Tages von Geoffroy
    le Barbier, »Kaplan der Sainte-Chapelle«, entdeckt, der sein Geheimnis
    nur wenigen Eingeweihten anvertraute.
    Zunächst ist das natürlich nicht mehr als eine Hypothese. Doch
    ein eigenartiges Dokument hindert uns, sie einfach abzutun. Es
    ist eine Tafel mit Stichen, die aus einem Werk des 18. Jahrhunderts
    stammen. Dieses Werk ist allerdings nicht in öffentlichen
    Bibliotheken zu finden. Wir haben ein Exemplar bei einem Sammler,
    Herrn Roüet, entdeckt. Dank seinem freundlichen Entgegenkommen
    können wir die fragliche Tafel veröffentlichen (Tafel
    III). Als dieses Exemplar erworben wurde, fehlten wie durch
    Zufall die ersten Seiten, so daß es unmöglich zu identifizieren ist.
    Dadurch, daß er seine Figuren numeriert, scheint uns der Illustrator
    den Weg anzugeben, der zu verfolgen ist: 1. das alchimistische
    Portal der Kirche; 2. die Grabfigur mit den Hieroglyphen;
    mit 3. bezeichnet er genau den Wehrturm, an dessen Fuß Roger
    Lhomoy den Brunnen ausgrub, der ihn bis zu der Kapelle führen
    sollte – der unterirdischen Kapelle mit den dreizehn Statuen, den
    neunzehn Sarkophagen und den dreißig Truhen.
    205
    UND JETZT DIE BEWEISE
    Hat etwa Lhomoy geträumt in jener phantastischen Nacht, für
    die es nur ihn als Zeugen gibt? Ein Gewebe aus Geschichte und
    Legende, ein unentwirrbares Netz von Indizien mag wohl bestechend
    wirken. Um zu überzeugen, reicht es nicht aus. Und so
    bleibt der Leser am Schluß gewiß unbefriedigt, selbst wenn er an
    dem Zauber, der die Geheimnisse von Gisors umhüllt, Gefallen
    gefunden haben sollte. Bisher haben wir ihn nur mit Vermutungen
    abgespeist. Deshalb verabschieden wir uns jetzt von der Königin
    Blanka und ihrem Liebhaber, von den Alchimisten mit ihren
    magischen Büchern. Am Ende des Weges, den sie uns eröffnet
    haben, liegen die Beweise dafür, daß sie die Wahrheit sprachen.
    Der Stallknecht Lhomoy ist nicht der einzige, der die Kapelle, die
    Sarkophage, die Truhen kennt. Wir können ihr Geheimnis mit
    Händen greifen. In Gisors, keine Stunde von Paris entfernt, sind
    die Templer unter uns.
    Hier sind die Tatsachen, die Dokumente:
    1. Es gibt einen unterirdischen Bau unter dem Wehrturm.
    Beim ersten Blick auf die Lage und das Mauerwerk des Wehrturms
    von Gisors ergibt sich eine wichtige Frage. Wie kann eine
    einfache Aufschüttung einen derart gewichtigen Bau tragen? Die
    Fachleute beschäftigen sich schon seit langem mit diesem Problem,
    sind jedoch zu verschiedenen Lösungen gekommen.
    Im Jahre 1868 schrieb A. de Dion: »Es ist nicht anzunehmen,
    daß die Ringmauer zum ursprünglichen Bau gehört, da eine Aufschüttung
    eine so schwere Mauer nicht sofort, sondern erst viel
    später tragen könnte.« E. de Clérambault ging dreißig Jahre danach
    von derselben Feststellung aus, kam jedoch zu einer anderen
    Hypothese. »Am Wehrturm ist keinerlei Anzeichen für eine Senkung
    noch irgendein Riß vorhanden«, schrieb er. »Daraus läßt
    sich vermuten, daß der Bau nicht zur selben Zeit entstanden ist
    wie die Aufschüttung, es sei denn, daß die Fundamente bis zum
    206
    Hof herunterreichen, was unwahrscheinlich ist.« Die letzte Annähme
    mochte ihm gewagt vorkommen. Falls sie zutreffen sollte,
    schließt sie allerdings eine Schlußfolgerung ein, die er auch sofort
    zog: Wenn die Grundmauern bis zum Hof herabreichen, dürfte
    vermutlich ein unterirdisches Stockwerk vorhanden sein.« [119]
    Dieses architektonische Problem ist nun inzwischen durch die
    Grabungen von Roger Lhomoy gelöst worden. Wir haben uns
    selber davon überzeugt, als wir in Lhomoys Stollen heruntergestiegen
    sind. Lhomoy hat in der Aufschüttung Mauerstücke
    freigelegt, die bis unter die Erdoberfläche reichen.
    2. In diesem unterirdischen Gebäudeteil befindet sich eine
    Kapelle.
    In den Staatsarchiven existiert das Original eines Berichtes,
    den der Burgvogt von Gisors im Jahre 1375 über die Flucht
    eines unbekannten Häftlings aus dem Turm des Gefangenen
    abgegeben hat. Darin steht, daß der Mann »ein Stück Holz brach
    und gewaltsam ein Loch machte, durch das er kletterte, und
    abermals brach und ein weiteres Loch machte und einen Raum
    neben dem Käfig betrat, von dort eine Mauer emporkletterte,
    die Decke durchbrach und einen Raum neben der Kapelle der
    heiligen Katharina betrat« [120] (Tafel V unten).
    Von diesem Text haben wir erst nach unserer Entschlüsselungsarbeit
    Kenntnis bekommen. Er beweist, daß man vom Verlies
    des Turmes aus zumindest in vier angrenzende Gebäudeteile
    gelangen konnte: einen »Käfig«, zwei Räume und eine Kapelle
    der heiligen Katharina. Bei dieser Kapelle konnte es sich nicht um
    die des heiligen Thomas handeln, die sich oben auf der Aufschüttung
    in der Ringmauer des Wehrturms befand. Das Verlies liegt
    nun zwölf Meter unterhalb des Hofes. Demnach können der
    Käfig, die beiden Räume und die Kapelle nur unterirdisch sein.
    3. Diese Kapelle entspricht genau Lhomoys Beschreibung von
    den Statuen und den Truhen.
    Ein sorgfältig geheimgehaltenes Dokument zeigt sie uns. Es
    ist ein Manuskript von rund hundert Seiten, aus dem Jahre 1696
    207
    datiert und betitelt »Anmerkungen über die Geschichte von
    Gisors«. Der Verfasser heißt Alexandre Bourdet. Er war Priester,
    wurde im Februar 1660 in den Basses-Pyrénées geboren und
    starb im September 1728 in Gisors. Von dem Manuskript existieren
    mindestens zwei Exemplare. Sie werden in Privatarchiven
    aufbewahrt. Das erste Exemplar fiel einem Abbe Lefebvre in
    die Hände, Vikar von Gisors im Jahre 1873, der die Seiten 82
    bis 91 herausgerissen hat. [121] Diese Seiten sind jedoch im
    zweiten Exemplar vorhanden (es gehört der Gräfin de la Tour
    du Pin). Ein Sammler hat uns liebenswürdigerweise Einblick
    nehmen lassen. Auf den fraglichen Seiten wird nun das Vorhandensein
    von unterirdischen Gebäudeteilen unter dem Wehrturm
    erwähnt. Der Verfasser erklärt, ein Manuskript aus dem 14. Jahrhundert
    habe ihm den Weg zu deren Entdeckung gewiesen. Es
    war geschrieben und unterzeichnet von einem unserer alten Bekannten:
    Nicole de Rueil, Schloßkaplan der Königin Blanka
    von Evreux. Auf Seite 86 hat Alexandre Bourdet sogar den Plan
    der berühmten Kapelle abgebildet, mitsamt den Statuen und
    den Truhen. Wir zeigen dieses aufsehenerregende Dokument auf
    Tafel VI oben.
    Bei Betrachtung des Planes stellt man fest:
    – daß darauf die »unterirdische Kapelle Sainte-Catherine«
    erwähnt wird. Es handelt sich also genau um die Kapelle,
    zu welcher der Gefangene Zugang hatte;
    – daß neben der Tür ein abgebrochenes Mauerstück zu sehen
    ist. Es handelt sich also genau um die Kapelle, deren »Türen
    dreimal gewaltsam aufgebrochen wurden«, wie es in dem
    Kryptogramm der Kirche heißt;
    – daß diese Kapelle unter dem Wehrturm und in der Nähe
    des Brunnens liegt. Es handelt sich also genau um die von
    Roger Lhomoy entdeckte Kapelle.
    4. Ein Dokument beweist die Existenz der dreißig Schatztruhen.
    Im Jahre 1938 schrieb Abbe Vaillant, damals Dekan von
    Gisors, an einen Pariser Architekten, dem er Papiere aus den
    alten Kirchenarchiven zur Inventarisierung übergeben hatte. Wir
    haben diesen Brief gesehen. Der Abbe bittet darin seinen Freund,
    ihm »ein lateinisches Manuskript aus dem Jahre 1500, in dem
    von dreißig eisernen Truhen die Rede ist, zurückzuschicken, da
    dieses Dokument baldigst den Archiven des Departements Eure
    übergeben werden soll«.
    Wir sind nach Evreux gefahren, wo die Archive vom Krieg
    verschont wurden. Das fragliche Manuskript ist nicht dort und
    scheint auch niemals dort gewesen zu sein.
    5. Es gibt eine unterirdische Verbindung zwischen der Kirche
    und der Burg.
    Die Kirche von Gisors wird von der Burg durch die Hauptstraße
    getrennt, die rue de Vienne, die in Ost-West-Richtung
    verläuft. Nun sind die Keller mehrerer Häuser in dieser
    Straße Überreste von unterirdischen Gewölben aus dem 12. und
    13. Jahrhundert. Sie liegen in Süd-Nord-Richtung, das heißt von
    der Kirche zur Burg, oder genauer, von der Kapelle des Toten
    zum Hügel des Wehrturms. Im März 1947 – zehn Monate nach
    der Entdeckung Lhomoys – war eine Gruppe von Erdarbeitern
    damit beschäftigt, die Gasse, die das Nordportal der Kirche mit
    der rue de Vienne verbindet, zu verbreitern. Dabei stießen sie
    in sechs Meter Tiefe auf den Kreuzgang eines unterirdischen
    Rundgewölbes. Die von diesem ausgehenden Gänge waren infolge
    von Bombenschäden blockiert. Daraus läßt sich vermuten,
    daß dies vor dem Krieg nicht der Fall war. Die Arbeiter stießen
    auf vier Sarkophage mit Skeletten. In unbegreiflicher Nachlässigkeit
    wurden die Knochen weggeworfen, ohne daß man sich die
    Mühe machte, die zuständige regionale Stelle der »Monuments
    Historiques« zu informieren. Die Särge waren bereits leer, aber
    noch nicht zerstört, als sie der Archäologe Eugene Anne untersuchte.
    Er nahm die Maße, die genau denen der Sarkophage in
    der unterirdischen Kapelle entsprachen, Lhomoys Entdeckung
    zehn Monate zuvor. [122]
    Tafel XV: Die acht Steine des bedeutendsten der symbolischen Sgraffitti der
    Templer im Wehrturm von Coudray in Chinon
    Tafel XVI: Gisors, Turm des Gefangenen. »O Mater Dei memento mei.
    Poulain«
    209
    Dies sind die Gewißheiten, die sich auf Dokumente und Tatsachen
    gründen. Wir übergeben sie kommentarlos den berufsmäßigen
    Archäologen, der Gemeinde von Gisors, dem Staatssekretariat
    der Schönen Künste, dem Kultusminister Andre
    Malraux, jenem Konquistador der Archäologie, der einst im
    Glauben an eine Legende das Flugzeug bestieg und die Stadt
    der »Schwarzen Königin« entdeckte – Geliebte des Erbauers
    des Tempels.
    Vielleicht dürfen wir den Gewißheiten noch einige Wahrscheinlichkeiten
    hinzufügen:
    1. Bekanntlich wurde die Burg von Gisors auf der Stelle der
    ursprünglichen Kirche erbaut. Es wäre keineswegs erstaunlich,
    wenn sich dort zuvor ein heidnisches Heiligtum befunden hätte,
    seinerseits wiederum Nachfolger einer megalithischen Kultstätte.
    Dergleichen geschah häufig. Isis-Statuen, die in alten Krypten
    standen, wurden in Schwarze Madonna umgetauft, beispielsweise
    in Chartres, Le Puy, Saint-Germain-des-Prés. [123]
    2. Sollte das zutreffen, so kann man annehmen, daß dieses
    Heiligtum entweder von den Erbauern der Kirche bewahrt oder
    von den Erbauern der Burg entdeckt, identifiziert und ihrem
    hermetischen Bauplan eingefügt worden ist. Seine Existenz wurde
    zweifellos deshalb geheimgehalten, weil sich hier irgendwelche
    Gruppen mit Geheimriten versammelten, für die es sich seiner
    Herkunft nach besonders eignete.
    3. In dieser Eigenschaft können es viele für ihre okkulten
    Praktiken benutzt und dort ihre Adepten begraben haben. Jedenfalls
    wurde anscheinend hier ein wichtiger Schatz verborgen,
    vielleicht Geld, bestimmt Archive, nachdem man zuvor alle Zugänge
    zugemauert und getarnt hatte.
    4. Das Geheimnis der unterirdischen Kapelle war esoterischen
    Legenden anvertraut und offenbar an gewisse Korporationen
    weitergegeben worden. Im 16. Jahrhundert wurde es aufgedeckt.
    Man sieht, wie sich zu jener Zeit die Hinweise auf seine Existenz
    in der Architektur wie in der Epigraphik vervielfachen. Von da
    ab bis zu einem unbekannten, vielleicht gar nicht weit zurück210
    liegenden Zeitpunkt kann die Kapelle von bestimmten Geheimgesellschaften
    für die Aufnahme in die hohen Grade benutzt und
    dementsprechend symbolisch eingerichtet worden sein. Es wäre
    durchaus möglich, daß sich hier manche aus der Kirche stammende
    Bilder wiederfinden, die seit der Revolution verschwunden sind.
    Feststehende Tatsachen und Wahrscheinlichkeiten rechtfertigen
    es vollauf, offizielle Ausgrabungen einzuleiten. Dadurch könnte
    eines der erregendsten Geheimnisse aus Frankreichs Geschichte
    erhellt werden. Unserer Meinung nach verursacht das nur geringe
    Kosten. Nach den Angaben Lhomoys ist die Kapelle dreißig
    Meter lang. Ihre Lage, vom Brunnen aus, ist bekannt, ebenso
    der innere Durchmesser der Aufschüttung (70 Meter). Die dem
    Altar gegenüberliegende Seite muß sich in einer Tiefe zwischen
    4 Meter 50 und 9 Meter befinden. Auch hier bestätigt der Plan
    Bourdets die Angaben von Lhomoy. Zwei Erdarbeiter würden
    also achtundvierzig Stunden brauchen, bis sie die Kapelle erreichen.
    Außerdem ist es durch die modernen Schallmessungen
    möglich, einwandfrei zu bestimmen, wo gegraben werden muß.
    Es nimmt wirklich wunder, daß dies bisher noch nicht geschehen
    ist.
    Doch in dieser Angelegenheit ist alles verwunderlich. Daß für
    die verfolgten Templer und danach für bestimmte heterodoxe
    Gruppen zwingende Gründe bestanden, die Kapelle geheimzuhalten,
    als draußen noch Scheiterhaufen brannten, begreift
    man sofort. Wie aber lassen sich die anspielungsreiche Vorsicht
    Nodiers, das Verschwinden von Dokumenten aus öffentlichen
    Bibliotheken, die aus einem Exemplar des Manuskripts von
    Bourdet herausgerissenen zwölf wichtigsten Seiten, die Hast,
    mit der man den von Lhomoy freigelegten Brunnen wieder zuschüttete,
    die Erpressungen und Drohungen, denen er ausgesetzt
    war, erklären?
    Zum Schluß sei berichtet, daß zwei uns sehr gut bekannte
    Journalisten eines Abends nach Gisors fuhren, um Nachforschungen
    in dieser Sache anzustellen. Sie hatten über ihre Absicht
    vorher in der Öffentlichkeit gesprochen. Unterwegs erlebten sie
    die Überraschung, daß ihnen eine Kugel in den Wagen geschossen
    wurde. Woher sie kam, ist unbekannt. Das geschah im Frühjahr
    1960. Die beiden sind keineswegs abergläubisch und glauben
    auch nicht an Gespenster. Deshalb beschlossen sie, das Begebnis
    dem Zufall zuzuschreiben und darüber zu lächeln.
    Sollte der Leser argwöhnischer sein, so könnte er daraus schließen,
    daß der Schatz von Gisors recht beträchtlich sein muß, wenn
    ihn heute noch derart rachsüchtige Drachen bewachen.
    Paris, Oktober 1960 –November 1961

    ANHANG, BIBLIOGRAPHIE
    UND ANMERKUNGEN

    215
    Anhang I
    ANSICHT EINES HERMETIKERS
    Einige wenige Archäologen üben heute noch eine besondere Kunst
    aus – sie entschlüsseln hermetische Baudenkmäler, öfter, als man
    denkt, wenden sich zivile oder kirchliche Stellen, sogar Geheimdienste
    an sie. Wir haben einem von ihnen, Pierre Plantard, acht
    Fragen über Gisors vorgelegt. Hier sind seine Antworten, für die
    wir ihm selbstverständlich die volle Verantwortung überlassen.
    ERSTE FRAGE: Bietet die Stadt Gisors für einen Hermetiker [124]
    irgendwelche Besonderheiten?
    ANTWORT: Frankreich bildet mit seinen natürlichen Grenzen einen
    sechseckigen Kristall, bei dem fünf von sechs Eckpunkten geographischer
    Natur sind (Abb. 12). Schon in der Antike schrieb Strabon
    über Gallien: »Wenn er dieses Werk der Vorsehung betrachtet,
    vermag niemand daran zu zweifeln, daß sie dieses Land absichtlich
    und nicht zufällig so geschaffen hat.«
    Bourges, dessen nordischer Name »Gipfel« bedeutet, war die
    Heimat berühmter Hermetiker und einst auch die Hauptstadt
    Frankreichs. Erinnern wir uns, daß Johanna den König von Bourges
    zum König von Frankreich machte.
    Nimmt man Bourges als Zentrum eines Tierkreises für den
    Westen, so läßt sich eine merkwürdige Ausstreuung der dreizehn
    symbolischen Rosen des Rosenkranzes beobachten. Man stellt
    fest, daß drei Punkte in gleicher Entfernung von Bourges liegen
    und das hermetische Dreieck der »drei Köpfe« bilden: Jarnac,
    das Tor des heiligen Jakob (lateinisch Jacobus); Montrevel, die
    Höhle des Todes, bei Ars; schließlich Gisors, das Tor zum Reich
    216
    der Königin Blanka (Abb. 12). Diese drei Türen zu »bezwingen«,
    bedeutet, daß man den silbernen Doppelschlüssel der Arche erlangt
    hat.
    Manche werden die Burg von Gisors baulich weniger attraktiv
    finden als unsere majestätischen Kathedralen. Doch vielleicht birgt
    sie in ihrer abstrakten Konstruktion ein in Frankreich einzigartiges
    Kunstwerk. Sie hat durch die Jahrhunderte hindurch eine seltsame
    Atmosphäre von Geheimnis verbreitet, ähnlich wie die
    rätselhafte Kassiopeia, die Königin von Äthiopien, die Päpstin
    des Tarot. Wer die Wendeltreppe des Wehrturms hinaufsteigt
    und von oben über die Landschaft blickt, beginnt zweifellos über
    das Rätsel, das zu seinen Füßen liegt, nachzudenken. Die alte
    Hauptstadt des Vexin, das seinen Namen dem Stamm der Veliocasses
    verdankt, war eines der sieben großen Lehen der Normandie
    und ein auserwählter Ort. Der Name Gisors setzt sich zusammen
    aus Gi (Zuflucht) und Sor (Strom), was etymologisch am
    einleuchtendsten zu sein scheint. Um den Besitz der Festung entbrannte
    zwischen Ludwig VI. und Heinrich I. ein Krieg, der die
    lange Fehde Frankreichs mit England einleitete. Die bedauerliche
    Abstumpfung von Zeit und . . . Menschen, ferner eine relative,
    sogar gewollte Gleichgültigkeit haben diese erstaunliche Vergangenheit
    zu Unrecht in Vergessenheit geraten lassen.
    ZWEITE FRAGE: Falls die Burg von Gisors ein Rätsel verbirgt, in
    welcher Form wäre es wohl verhüllt?
    ANTWORT: Die Eingeweihten des Mittelalters drückten sich in
    einer komplexen Sprache aus, die in verschiedene Symbole gekleidet
    wurde. Wie nun die Struktur eines Gebäudes die Eigenschaften
    einer prima materia offenbart, so ist der Stein in einem Kunstwerk
    niemals unbehauen. Er nimmt seinen bestimmten Platz ein,
    äußert sich stumm und doch beredt. Betrachten wir den behauencn
    Stein, um zu entdecken, wie er sich im Bau übersetzt; darin wird
    das Geheimnis der Architekten bewahrt.
    DRITTE FRAGE: Also wäre die Festung von Gisors auf geheimen
    Fundamenten errichtet worden? Von wem?
    217
    Abbildung 12: Das in dreizehn symbolische Zonen aufgeteilte »hermetische«
    Frankreich, mit Bourges als Hauptstadt.
    218
    ANTWORT: Man mag gläubig sein oder nicht, jedenfalls muß man
    die philosophischen und religiösen Auffassungen in Betracht
    ziehen, die das Mittelalter zutiefst prägten. Außerdem muß man
    durch graphische Darstellungen (bei einigen Gesellschaften bekannt)
    die verschiedenen Proportionen der Baukunst zusammenfügen,
    die ein Vordringen bis zum symbolischen Schatz des Gebäudes
    ermöglichen. Nur mit Hilfe entsprechender Arbeitsinstrumente
    vermag man das sublime Werk der Bruderschaften der
    Steinmetze und Baumeister zu begreifen. Vergegenwärtigen wir
    uns, daß ursprünglich die kleineren Geheimnisse der »Alten«
    durch mündliche Überlieferung weitergegeben, die größeren Geheimnisse
    der »Meister« unter dem Bildnis des »Goldenen Vlieses«
    aufbewahrt wurden. Die Mitglieder richteten sich nach alten Bräuchen
    und praktizierten Einweihungsriten, welche die Legenden
    der Korporationen bis in die früheste Antike zurückverlegten.
    Die Baumeister reisten häufig zu Schiff über Meer und Flüsse.
    Einer ihrer bekanntesten Sitze in Frankreich war Paris, die am
    meisten befahrenen Flüsse waren die Seine und die Rhone. Die
    Nauten führten zu ihrer Kunst gehörende Instrumente mit sich,
    unter anderem einen »Kopf mit doppeltem oder dreifachem Gesicht
    «, die mathematische Regel der Proportionen. Das Bild wurde
    unter Einhaltung strikter Vorschriften in einem Würfel aus »Mars-
    Holz« geschnitzt, oft in Form eines Widderkopfes. Der bedeutende
    Einfluß ihrer Kunst zeigte sich in allen großen Bauwerken.
    Vom 8. Jahrhundert ab erfuhren die Lehren der Korporationen
    durch verschiedenartige Strömungen Veränderungen. Allmählich
    setzten sie sich in sämtlichen Ländern durch, wurden den nationalen
    Überlieferungen einverleibt und brachten zahlreiche Sekten
    hervor, die der Staatskirche häufig als ketzerisch galten. Dennoch
    waren auch die Mönche ursprünglich oft Baumeister im Ordenskleid.
    Die ersten Benediktiner verstanden sich hervorragend auf Entschlüsselung
    und waren zudem große Baumeister. Im Jahre 529
    gründete Benedikt von Nursia auf dem Monte Cassino den Benediktinerorden.
    Das erste französische Kloster, das dieser Regel
    unterstand, wurde zwischen 620 und 630 bei Albi errichtet, an
    219
    einem Ort namens Al-Taripa. Robert de Molesme stellte eine
    neue Regel auf, die von Cîteaux in Burgund, die später Sankt
    Bernhard berühmt machen sollte. Als 1128 der Templerorden
    gegründet wurde, rekrutierten sich viele seiner Mitglieder aus den
    Laiengilden sowie aus dem regulären Klerus. Von seinem Kreuzzug
    hatte Ludwig VII. mehrere im Orient geweihte Mönche, Mitglieder
    der Abtei von Notre-Dame von Jerusalem, mitgebracht.
    Manche blieben in der Priorei Saint-Samson von Orléans, andere
    traten dem Templerorden bei. Um 1161 zeigten sich Unstimmigkeiten
    innerhalb des Ordens. Die Souveränität des Großmeisters
    wurde nicht mehr einhellig anerkannt. Eine Spaltung bereitete
    sich vor. Die englischen Templer spürten die Zersplitterung des
    Ordens herannahen. Es gibt auch heutzutage noch Geheimarchive,
    Eigentum bestimmter Gesellschaften. Aus ihnen geht hervor, daß
    1188 »die Ulme gefällt wurde« und daß eine ihrer Wurzeln, der
    »Ormus«, dessen Emblem ein rotes Kreuz und eine weiße Rose
    war, der Ursprung des Rosenkreuzes sei. [125] Im Jahre 1188
    ließen sich die Mitglieder des »Ormus« in Saint-Jean Le Blanc
    nieder, in der Priorei des Berges Zion, unter der Schutzherrschaft
    der Priorei von Saint-Samson von Orleans. Sie trieben einen besonderen
    Madonnenkult. Ein Klosterleben gab es dort nie. Die
    Tätigkeit dieser zweifelhaften, auf Einweihung basierenden geistlichen
    Organisation entglitt der Kontrolle der Äbte von Saint-
    Samson. Der letzte von ihnen wurde 1291 verfolgt und verdankte
    seine Rettung nur der Flucht nach Sizilien. Dasselbe Schicksal
    ereilte bald darauf auch den Templerorden. Im Jahre 1314 wurde
    er aufgehoben.
    Nach der Auflösung des Templerordens behauptet eine Überlieferung,
    daß sich die Arche, das Schiff der Nauten, an einem
    geheimen Ort – vielleicht in Gisors – verborgen hielte. Jedenfalls
    wäre Gisors nicht der einzige Ort. Bei Dreux gibt es die
    Ruinen der Burg La Roberlière (oder La Robardière). Sie wurde
    von Robert I. erbaut. Pierre de Dreux (Johann III.) habe sie als
    Zufluchtstätte vorgesehen.Dreimal im Jahr, nämlich am 25. April,
    am 25. August und am 25. Dezember, begibt sich im Wald von
    Dreux, der früher Wald von Crothais (Croth, keltisch: Grotte)
    220
    hieß, jeweils einer der »Dreizehn« an eine bestimmte Stelle, legt
    ein Gewand aus Leinen und eine Mönchskappe an, »bewacht den
    Schatz und teilt das Manna mit dem Unsichtbaren...« Daraus
    ist die Legende vom Weißen Mann entstanden. Diese Wallfahrt
    ist nicht abgeschafft. Ein anderer bekannter Ort ist Vernouillet,
    wo man geheimnisvolle, im Wald »Clos du Seigneur« verborgene
    Fässer fand, vergessene Vorräte aus dem Königshaus. Die Leute
    glaubten, es handelte sich um Fässer voll Diamanten und Goldschmuck.
    Die Phantasie des Volkes neigt zum Wunderbaren. In
    Wirklichkeit scheint der Schatz eine hermetische Tradition zu
    verbergen...
    VIERTE FRAGE: Die Festung von Gisors wäre also nach einem
    hermetischen Plan errichtet worden?
    ANTWORT: Die Kunst des Großen Werkes, die das Mittelalter
    beseelte, bestand darin, über die Beziehungen zwischen Himmel
    und Erde, jener alchimistischen, chaotischen Erde, aus welcher
    der philosophische Himmel erwachsen kann, zu meditieren.
    Bereits Strabon schildert in seinem Meisterwerk – es besteht
    aus siebzehn Büchern und war die erste große geographische
    Enzyklopädie – einen Teil der Erdkugel, der sich vom äußersten
    Norden (Bretagne und Gallien) bis zum äußersten Süden (Nilquellen)
    und vom Heiligen Kap (Gibraltar) bis zur kaspischen
    Meerenge erstreckte. Das Studium des Himmels durch die Priester-
    Astronomen war noch weiter fortgeschritten. Es steht fest,
    daß die Astronomie die älteste Naturwissenschaft ist und daß
    »sich die Konzeption vom Mond um das Jahr 1000 vor unserer
    Zeitrechnung in sämtlichen großen Reichen ungefähr gleicht«
    (Paul Couderc, »Les Etapes de lastronomie«, Paris, 1955). In
    der Abhandlung des Eudoxos aus Knidos, die im 4. vorchristlichen
    Jahrhundert von Aratos von Soloi in Verse gesetzt wurde,
    werden erstmalig 360 nördliche, 349 zodiakale und 317 südliche
    Sterne aufgezählt, das sind insgesamt 1026 Sterne, die sich in
    achtundvierzig Sternbilder gliedern. Sämtliche Kunstbauten wurden
    nach dem Studium des Himmels errichtet, verbunden mit
    mathematischen (Verwendung der Zahlenquadrate, der sogenann221
    ten »magischen«) sowie hermetischen (symbolische Interpretation
    von biblischen und mythologischen Erzählungen) Gegebenheiten.
    Da wichtige Bauten nicht das Werk von einzelnen Personen sein
    konnten und da die Praxis der Baukunst eine berufliche Einweihung
    erforderte, arbeiteten die Meister im geheimen. Schon
    das römische Gesetz hatte Baumeisterkollegien, die Bauhütten,
    geschaffen. Sie waren damit beauftragt, sämtliche öffentlichen
    Arbeiten auszuführen, und »die Architekten sämtlicher religiöser
    Bauten der römisch-katholischen Kirche bezogen ihre Kenntnisse
    aus einer gleichen Schule, gehorchten den Gesetzen einer gleichen
    Hierarchie« (M. Hope, »Histoire de larchitecture«).
    Zu Anfang war alles religiös geprägt. Die Baumeister übten
    ein heiliges Amt aus, wenn sie die Steine behauten und zu sakralen
    Monumenten zusammenfügten. Bald versuchten sie, mit
    Hilfe ihrer Kunst eine Lehre zum Schutz gegen Zerstörung zu
    schaffen. Sie betrachteten das Universum als gewaltigen Bauplatz.
    Die zu Konstellationen gruppierten Sterne waren nicht mehr
    einfache Anhaltspunkte, nach denen ihre Vorfahren Menhire
    errichtet hatten, sondern vielmehr ein Band, durch das sie Gott
    mit dem Werk der Menschen »vereinen« konnten. Den idealen
    Tempel mit der Himmelsleiter zu verwirklichen, hieß, die Sternbilder
    untereinander im geometrischen Verhältnis zu verbinden,
    und zwar mit Hilfe von Lineal, Zirkel und Winkelmaß. Wunderbarer
    Traum Jakobs auf dem Stein: »Hier ist nichts anderes
    denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels«, oder
    auch die Inschrift auf dem Sockel des Standbilds von Sankt
    Petrus in der Abtei von Solesmes:
    Denkt nach über das Gotteswort
    Der Stein
    Auf ihm erbaut
    Bin ich unerschütterlich.
    Nach dem alten heidnischen Glauben kreisten die Sternengötter
    in Wagen unter dem Himmelsgewölbe. Drei Wagen wurden als
    heilig angesehen:
    1. Der Große Wagen, von den Christen Wagen Davids, von
    222
    den Galliern Artos (Bär) genannt, der Große Bär, der aus sieben
    Hauptsternen bestand. Die Römer erblickten darin sieben Ochsen,
    deren Hüter der Bootes war. Septem triones, daher der Name
    Septentrion, Norden, auch unter dem Namen Helix [126] bekannt.
    Das ist das Brett, auf dem die Bauteile aufzuzeichnen
    sind, das Quadrat von drei, auf dem die Toskana sitzt.
    2. Der Kleine Wagen, an den sich ebenfalls eine reiche Symbolik
    knüpft. Er war der Karren des Bauern, dessen »Arbeit die
    Räder dreht«, der Phönix, der sich selbst verbrennt und aus der
    Asche wiederaufsteigt; der flache Stein oder Quadrat von fünf;
    der Kleine Bär der Neuzeit; die Aloe, die das Leben schenken
    kann, wenn man sie zum Opfer darbringt; der »Triumphwagen
    des Antimons« des Alchimisten Basilius Valentinus. Der Rumpf
    dieses Wagens war unsichtbare Stütze für das, was auf dem
    Schild Vulcans sichtbar war, wie ihn die »Ilias« beschreibt
    (Gesang XVIII).
    3. Der Wagen der Meere war das Weiße Schiff der Juno mit
    dreiundsechzig Lichtern, von denen Canopus, das erhabene Auge
    des Architekten, sich alle siebzig Jahre öffnet, um das Universum
    zu betrachten; das Schiff Argo, auf dem sich das Goldene Vlies
    befindet; im Christentum der bescheidene Nachen Petri. Es ist
    die symbolische Arche, in die kein Profaner ungestraft gelangen
    kann: »Dem Heiligtumsschänder die Erniedrigung, dem Dieb
    der Tod in einem Jahr.« Gefahrlos kann hier nur derjenige eintreten,
    der zu arbeiten und den Würfel aus Mars-Holz zu vollenden
    vermag, diesen magischen »Würfel«, welcher der Obhut
    von zwei Kindern anvertraut ist: Castor und Pollux.
    Das Rätsel von Gisors ist also sehr wohl dieser »dreimal erneuerte
    Zufall«, diese Dreieinigkeit, die das Wunder des Nikolaus
    ermöglicht. Zwei Kinder sind bereits da, ein drittes wird
    einmal im Jahr wiedergeboren, am 25. Dezember ...
    FÜNFTE FRAGE: Den Alchimisten zufolge war das Große Werk
    nur zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten, unter Berücksichtigung
    eines bestimmten Himmelsstandes zu verwirklichen.
    Wenn man annimmt, daß alchimistische Theorien den Bau der
    223
    Burg von Gisors beeinflußt haben, was läßt sich daraus
    schließen?
    ANTWORT: Einst war der 25. Dezember der Tag, an dem die
    Adepten des Mithras das »Sol Invictis«, die Wiedergeburt der
    unbesiegten Sonne, feierten, der Augenblick, da die Druiden die
    Mistel pflückten, den goldenen Zweig. Vom 4. Jahrhundert ab
    führte die christliche Kirche allgemein den Brauch ein, die Rückkehr
    des Königskindes zu verherrlichen, wenn die Sonne nach
    ihrer größten Entfernung vom Äquator wieder höher zu steigen
    scheint: zur Wintersonnenwende.
    Das Vorrücken der Tagundnachtgleichen oder das Große Jahr
    des Platon ist seit der Antike bekannt. Hundertachtundzwanzig
    Jahre vor unserer Zeitrechnung hatte bereits Hipparch den Punkt
    auf der Ekliptik mit 174° von der Spitze der Jungfrau festgelegt.
    1862 fand ihn Maskelyne bei 201° 4 wieder. Hierzu
    schrieb Virgil in einem IV. Hirtengedicht: »Nun da die Jungfrau
    wiederkehrt, wird die große Ordnung der Jahrhunderte Wiederbeginnen,
    und die großen Monde werden ihre Bahn wiederaufnehmen.
    « Durch das Vorrücken der Tagundnachtgleichen fallen
    die Sternbilder und die entsprechenden Tierkreiszeichen seit langem
    nicht mehr zusammen. Wir treten heute am 20./21. März nicht
    mehr in das Zeichen des Widders, wie die Astrologen behaupten,
    auch nicht in das der Fische, sondern in das des Wassermanns.
    Für einen Beobachter des Himmels, der sich an einem 24. Dezember
    um Mitternacht zwischen den Jahren 1100 und 1170 in
    Gisors befand, war Norden im Schützen, Süden in den Zwillingen,
    Westen 0° vom Widder und Osten in der Jungfrau, die
    Fische also 347° westlich und die Jungfrau östlich. Es ergibt sich
    also ein verblüffendes Resultat, wenn man den Himmelsstand
    auf die Burg von Gisors überträgt. Ein zufälliges Zusammentreffen
    ist höchst unwahrscheinlich.
    SECHSTE FRAGE: Gibt es eine hermetische »Signatur« in dem Bau?
    ANTWORT: Eine Signatur ist individuellen Arbeiten vorbehalten.
    Gisors war aber das Werk einer Schule. Das Gebäude trägt keine
    Signatur, sondern vielmehr ein Siegel – das »Siegel der Arche« –
    224
    und erscheint als seltsame Karavelle, die sich aus der graphischen
    Darstellung des Kleinen und des Großen Wagens zusammensetzt.
    Bereits die Chaldäer wußten mit Zahlen viele Operationen
    durchzuführen. Sie lösten algebraische Aufgaben ersten und zweiten
    Grades (vgl. H. G. Leuthen, »Histoire des Mathématiques«).
    Seit Ende des 8. Jahrhunderts befaßten sich die Araber mit »magischen
    Quadraten«, bei denen die Summen der waagerechten und
    senkrechten Reihen sowie der Diagonalen gleich sind. In Gisors
    finden wir diese Quadrate in der Himmelsgeometrie wieder.
    Darüber hinaus aber kann man auch den unsichtbaren Teil entdecken,
    das heißt »den Augen der Profanen verborgen«, und zwar
    dank dem »magischen Würfel« aus 7. Er besteht aus 343 Zahlen,
    147 Seiten und 46 Diagonalen, davon 4 kubische. Die Lösung dieses
    Würfels ergibt in sämtlichen Richtungen stets 1204. Die Meister
    (Alchimisten oder Baumeister) des Mittelalters kannten das
    Geheimnis dieses »Sonnenwürfeis« – wahrhaft ein mathematischer
    Stein der Weisen.
    Das Zahlenspiel der Quadrate erlaubt, diesen Würfel aus 7
    genau zu placieren. Nur in einer einzigen Position läßt sich der
    geheime Eingang wiederfinden, das unterirdische Ganze wiederherstellen.
    Eine einzige Position erlaubt, den Weg zu verfolgen,
    der dann »den Auserwählten nach Westen« führt, jenseits von
    Gisors, zu einem weiteren Geheimnis... Ja, der dreimal erneuerte
    Zufall verwandelt die Raupe in einen Schmetterling.
    Unter der Aufschüttung läßt sich mit Sicherheit das Vorhandensein
    eines Heiligtums und verschiedener Bauten errechnen. Übrigens
    wies Basilius Valentinus, Benediktiner und Alchimist, wenn
    er vom »Pilger« oder »Reisenden« spricht, darauf hin: »Er muß
    sechs himmlische Städte durchwandern, ehe er in der siebenten
    seinen Wohnsitz nimmt.« Wer zu meditieren weiß, für den ist
    diese Formel deutlich.
    SIEBENTE FRAGE: Gibt es in der Kirche von Gisors, in der Burg, in
    der Umgebung keine Hinweise, welche die Schritte des »Pilgers«
    lenken könnten? Ist der Weg niemals offen gewesen?
    ANTWORT: Die Lösung findet sich in der Lehre, hinter dem Schleier,
    225
    neben der Toskana, die den Verlust ihrer Tochter und des geliebten
    Wesens beklagt. Jede wichtige Gestalt der Bibel, die zum
    Stammbaum Christi gehört, stellt keinen Menschen dar, sondern
    von Abraham bis David einen religiösen Zeitabschnitt. Und von
    David ab – dem Meister des Wagens – eine kurze Periode der
    Teilung. Abram, Sohn des Widders, wird Abraham der Jude, der
    über die Menge erhobene Stammvater; Isaak, das Sühneopfer,
    symbolisiert den Stier; Jakob und Esau die Zwillinge. Erinnern
    wir uns, daß Rahel (hebräisch: Weibchen des Widders) auf Lea
    folgte (hebräisch: Weibchen des Stiers). Jakob sollte sich später
    Israel nennen. Das Emblem seines Volkes war das Hexagramm.
    Esau sollte Ismael werden, legendärer Stammvater der Mohammedaner,
    die als Emblem das Pentagramm nahmen.
    So tut sich das Tor zum Haus Gottes auf. Wir bemerken bereits
    auf der Fassade der Kirche Saint-Gervais et Saint-Protais von
    Gisors die Jakobsleiter, dann zwei Türme, auf jeder Seite einen.
    Im ersten, den Dorival als »vollkommen und ohne Tadel« bezeichnet,
    befanden sich 1536 »zwölf Bilder in Gestalt der Apostel,
    dazu ein Bild Unseres Herrn« (Rechnungsbücher der Kirche für
    das Jahr 1536) – also dreizehn Statuen. Der andere Turm, genannt
    »Tour du Rosaire, de la Rose« – Turm des Rosenkranzes,
    der Rose – (der Ausdruck ist für den Eingeweihten klar) »ist unvollendet
    geblieben«, sagt ebenfalls Dorival.
    Um die Schritte besser zu lenken, schrieb Dorival folgende Zeilen
    zu dem Quadrat von 3 (dem »Brett«):
    »... ist überall geschmückt
    von einem End zum ändern mit feinem Schlangenzierat.
    Auf der viereckigen Säulenplatte sitzt Toskana,
    die, dem Bauherrn zufolge, sich in neun Teile teilt.«
    Selbstverständlich entspricht das nicht einer Beschreibung des
    Turmes, denn das würde unerklärliche Irrtümer geben. Der
    Widerspruch zur Wirklichkeit ist vielmehr gewollt und beweist
    die Absicht des Verfassers, den Reisenden zu führen. Der esoterische
    Sinn mancher Verse ist sogar bestechend:
    226
    »... vom Rosenkranz, woher sein Name stammt,
    von Mittag her der lichtbringende Wagen
    zieht geflügelten Schrittes seine gewohnte Bahn,
    läßt das Innere leuchten, daß ich jetzt schweigen will.«
    Im Innern des Gebäudes hütet eine in die Mauern eingelassene
    Kapelle einen Marmorleichnam. Er stellt den esoterischen Verzicht
    dar, Symbol der philosophischen Einweihung dritten Grades.
    Das eine Bein des Toten bildet mit einem Schleier ein liegendes
    IS (die verborgene Mutter), die Arme bilden das Andreaskreuz,
    den griechischen Buchstaben χ, Symbol der Taube, die stets
    im Flug mit ausgebreiteten Flügeln dargestellt wird. Geist, Atem,
    Alchimist, Aus- und Einatmen, die beiden Augen des Octopus...
    So spricht der Tote, den Kopf zu Boden gesenkt, zu dem Eingeweihten,
    vertraut ihm das Geheimnis des heiligen Ortes an.
    Eine Inschrift und ein Datum vervollständigen die Hinweise.
    Der Reisende kann einen Augenblick vor dem Nordportal der
    Kirche verweilen, wo einst eine Madonna stand. »Tue, was du
    wünschen wirst«, wurde ihm geraten. Doch er weiß, daß dort
    nicht der richtige Weg liegt. Der Anblick von Jesus, dem Gefangenen
    des Kreuzes, unweit von dem Toten ruft ihm ins
    Gedächtnis, daß die 40 des Stammbaums Christi Mem ist, der
    dreizehnte Buchstabe des hebräischen Alphabets. Er wird sich
    zum Turm des Gefangenen begeben. An den Wänden des Verlieses
    wird er die Darstellung des Toten mit derselben Inschrift
    finden, dazu noch drei weitere Steine: der Weg ist bereits offen
    gewesen.
    Neuerlich auf sich selbst gestellt, hat der Reisende die Wahl:
    entweder in dieses Mysterium einzudringen oder eine letzte
    Reise neben dem Wehrturm zu unternehmen. Zweifellos wird
    der Pilger an einem 24. Dezember um Mitternacht im Innern
    des Wehrturms nachdenken. Vielleicht sitzt er dabei im Schnee,
    der mit seinem königlich weißen Mantel Gisors bedeckt. Durch
    die Schießscharten wird er die Teile des Sternenhimmels deutend
    zu erforschen suchen, und seine Augen werden am Sternbild der
    Zwillinge stehenbleiben ...
    227
    Nun erfüllt sich vielleicht das Wunder. Wie Jakob wird der
    Reisende einen sonderbaren Traum haben: »Zweifach wird ihm
    Johannes erscheinen, der eine Menschensohn – Cernunnos; der
    andere Gottessohn – Smertullos. Beide erwarten die Ankunft
    des dritten. Denn während er das Innere leuchten läßt, sieht
    er wieder Johannes mit der Muschel, der Jesus tauft. Die Taube
    ist dabei, und dann noch Johannes, der Evangelist des Kreuzes,
    der Lieblingsjünger Jesu.« [127] Nun ist der Pilger sicher, daß
    »hier die Himmelspforte, das Haus Gottes ist«.
    ACHTE FRAGE: Kann man aus allen zuvor erwähnten Faktoren mit
    Sicherheit schließen, daß Gisors einen seit Jahrhunderten verlorenen
    Schatz besitzt?
    ANTWORT: Oben vom Wachturm des Wehrturms hat der Besucher
    Aussicht auf ein Panorama, das die Vergangenheit besonders
    lebhaft heraufbeschwört: Im Norden der Mont de lAigle (Adler
    des Himmels), im Süden die Kirche Saint-Gervais et Saint-Protais,
    hinter ihren beiden Türmen Montjavoult (Berg des Jupiter)
    und in der Ferne, immer in Verlängerung der Kirchtürme, Montmartre,
    darüber die weiße Kuppel von Sacré-Coeur. Im Westen
    Neaufles, und in einer Wiese, in die Erde gerammt wie ein Mahnmal,
    ein Kreuz aus durchbrochenem Stein: das Templerkreuz.
    Im Osten das historische Feld der 1188 gefällten Ulme ... Der
    Reisende begreift nun, welch seltsame Transfiguration der Pläne
    diese einmalige Situation gestattet. Er bemerkt die den Templern
    teure Form des Wehrturms sowie seiner Innenwand. Der Weg
    zur Nachforschung steht offen. Man spürt das Verlangen, die
    merkwürdigen Gitter zu entschlüsseln, die durch die Schießscharten
    gebildet werden.
    Da er seinen Besuch bei den heiligen Stätten begonnen hat,
    ruft er sich den Spruch »O MATER DEI MEMENTO MEI«
    ins Gedächtnis: 19 Buchstaben. Für den Herrnetiker ist nun 19
    die Zahl, die von jeher der Sonne zugeordnet wird.
    Von den vielen Lösungen des Quadrates aus fünf Zahlenreihen
    ist nur eine als hermetisch zu bezeichnen, nämlich diejenige, in
    der die Zahl 19 nicht den Platz wechselt.
    228
    Die erste Arbeit der Kunst besteht in folgendem: man muß
    es verstehen, den Faden so in 25 Felder abrollen zu lassen, ohne
    jemals an die Sonne zu rühren, daß man in allen Reihen die
    Summe 65 erhält, und dann das Doppelkreuz als Gitter zur
    Entschlüsselung benutzen.
    Darauf ist eine Arbeit der Vervollkommnung vorgeschrieben:
    man muß das entsprechende Quadrat ROTAS richtig anpassen,
    das bei einem Besuch in Jarnac entdeckt wurde und dessen griechische
    Übersetzung (bibliothèque nationale, griechisches Manuskript
    2511) lautet: »Der Sämann ist auf dem Karren; die
    Arbeit beschäftigt die Räder.«
    In den Ausschnitten des Kreuzes erscheinen nun:
    – die Zahlen 13, 14, 16 und 19,
    – die Buchstaben N, E, A und P.
    Wenn man drei Pentagramme zeichnet (wobei die Zahl 3 in
    der Mitte steht und das Quadrat aus 5 gebildet wird), kann man
    in dem Doppelkreuz die Worte lesen: TAROT, ARTOS, PORTA
    und die Unterschrift des Templerordens: O.T.
    Es ist festzuhalten, daß dieser Doppelschlüssel in allen hermetischen
    Bauwerken verwandt wurde.
    229
    Sämtliche Bauten erfordern außerdem die Anwendung des »Brettes
    «, des Quadrats aus 3, und der Reisende weiß das ebenfalls.
    So bestimmt man die Lage der »Türen« (PORTA).
    Man entdeckt nun:
    230
    Drei bildet den Winkel und P (oder 19) den Punkt. Damit
    vermag man das königliche Stück, »das die Bohne enthält«, zu
    lesen, nämlich
    die Buchstaben A (Abraham), E (Esrom), N (Noasson) und
    P (Phares) führen zu J (Jesus), das heißt vier astronomische
    Anhaltspunkte von ARTOS, dem Wagen Davids oder Hauptstammbaum
    Christi, der arn 24. Dezember in der Mitternachtsmette
    verlesen wird. (Man beachte die Übereinstimmung mit
    der auf den Schatz bezüglichen Legende.) Die Zahlen 16, 14,
    13 und 19 sind nach dem Symbolismus des TAROT zu verwenden.
    (Man beachte das Zusammentreffen von 16 + 14 = 30
    Truhen, 13 Statuen und 19 Sarkophage.)
    Die Templer (O. T.) haben in Gisors ihr Siegel hinterlassen.
    Und da ARTOS den Reisenden auffordert, den Himmel zu
    betrachten, dessen PORTA durch den Anhaltspunkt des Stammbaums
    Christi das Datum auf den 24. Dezember um Mitternacht
    festlegt, braucht er nur noch den Himmelsstand zu diesem Zeitpunkt
    während der Bauperiode des Schlosses zu rekonstruieren.
    Man kann feststellen, daß dessen astronomische Orientierung
    vollkommen ist, sogar einschließlich der Einsetzung des Orients.
    Somit bestätigt sich im nachhinein die Exaktheit der Entschlüsselungsmethode,
    mochte diese auch seltsam erscheinen.
    Man sieht, daß zwei Quadrate, eines aus 5 und das andere
    aus 3 (die Gitter), jeweils dem Großen und dem Kleinen Bären
    entsprechen. Der Wagen der Meere oder das Schiff, das unter
    der Erde verborgen ist, korrespondiert mit keinem Quadrat, sondern
    mit einem Würfel aus 7, da er den Goldenen Kopf enthält
    (Abb. 13).
    Die Zahl 7 des Quadrats aus 5 stimmt genau mit der Innenwand
    des Wehrturms überein und legt die Stellung des Würfels
    fest, dessen Seiten 7 mal 3,20 messen = 22 Meter 40.
    Dieser Würfel ergibt in allen Richtungen die Lösung 1204.
    Seltsamerweise muß man nun feststellen, daß die dritte senkrechte
    Reihe auf der Südseite (Abb. 13) folgendes ergibt:
    231
    51 (das heißt zerlegt) 5+1= 6 oder N
    312 „ „ „ 3+1+2= 6 „ N
    100 „ „ „ 1+0+0= 1 „ A
    130 „ „ „ 1+3+0= 4 „ L
    263 „ „ „ 2+6+3= 11 „ U
    304 „ „ „ 3+0+4= 7 ,, O
    44 „ „ „ 4+4= 8 „ P ––––
    1204 POULANN [128]
    Nun befindet sich im Turm des Gefangenen ein N. POULAIN.
    Der hinzugefügte Buchstabe I entspricht der Zahl 9.
    Jemand, der im Verlies des Turmes eingeschlossen war, wußte
    von der Existenz des Geheimnisses und vielleicht noch von einem
    anderen, außerhalb von Gisors. Wie dem auch sei, der Buchstabe I
    hat seine Bedeutung. Das ist der Weg, die Säule, die Leiter, der
    letzte Schlüssel, um den Gefangenen zu befreien. »Nur Mut! Noch
    ein paar Stöße, und der Schatz, mit so viel Tränen und Blut erkauft,
    gehört dir.« [129]
    Der Reisende findet beim Besuch im Turm des Gefangenen
    ebenfalls in Stein gehauen einen Sankt Nikolaus und ein Datum
    (andere Seite des Würfels): 1575. Nikolaus heißt auf griechisch
    Sucher des Steines. Er ist es, der die drei Kinder wieder erweckt.
    Wo sind die drei Kinder? Am 24. Dezember halten Kastor und
    Pollux pünktlich die Verabredung mit dem Dritten ein. Sie stehen
    oben an der Würfelreihe, die POULANN ergibt. Dort befand
    sich einst der Burgbrunnen.
    Wie läßt sich der Bau einer Kapelle unter dem Wehrturm erklären?
    Die Wahrheit ist schnell gefunden – die Kapelle war vor
    dem Wehrturm vorhanden. Sie hatte einen normalen Eingang
    nach Westen und einen im Süden, neben dem Chor. Der Wehrturm
    ist später entstanden, ebenso die Aufschüttung.
    Der Westeingang ist zugemauert worden, und der südliche
    führt in unterirdische Gewölbe, die einmal in Richtung auf den
    Turm des Gefangenen und einmal in Richtung auf die Kirche von
    Gisors und auf Neaufles verlaufen.
    Der Reisende kann nun das Geheimnis sehr christlich in folgenAbbildung
    13
    der einfacher Legende zusammenfassen: »Der Schatz gehört demjenigen,
    der ihn in den wenigen Augenblicken entdeckt, die das
    Verlesen des Stammbaumes Jesu während der Christmette dauert.
    Er fürchtet sich nicht vor dem Drachen, der die Gitter und die
    Eisentür bewacht.«
    Hier ist die Zahl der 3 mal 14 Generationen, aus denen der
    Stammbaum Christi besteht.
    Hauptlinie: 13
    Nebenlinie: 13
    13
    39
    ––––
    Jesus: 1
    ––––
    40
    Man kann sich fragen, welche Bedeutung der Schatz haben mag,
    wenn er einem derart furchtbaren Geheimnis anvertraut wurde,
    das den Jahrhunderten und den Menschen getrotzt hat.
    *
    Der rätselhafte Charakter dieser acht Antworten fügt sich gut
    in die seltsamen Texte ein, die das jahrhundertealte Mysterium
    von Gisors dem Pfarrer Denyau, dem Töpfer Dorival, dem Akademiker
    Nodier eingegeben hat. Wie jene werden sie manchen
    zum Träumen, andere zum Nachdenken anregen. Und schon aus
    diesem Grund erscheinen sie uns wert, dem Leser vorgelegt worden
    zu sein.
    234
    Anhang II
    ZEITTAFEL
    1066 Roger Montgomery, Großmeister der englisdien Freimaurer.
    1090 Thibaud Payen, Herr von Gisors, entwirft die Befestigung
    der Stadt.
    1096 Erster Kreuzzug.
    1097 Robert de Bellême, Sohn von Roger Montgomery, beginnt
    mit dem Bau der Burg von Gisors.
    1099 Die Kreuzfahrer erobern Jerusalem.
    1100 Heinrich I., Beau Clerc, wird König von England. Er wird
    zum Großmeister der englischen Freimaurer gewählt.
    1106 Heinrich I. setzt den Bau der Burg von Gisors fort.
    1110 Krieg zwischen Frankreich und England um den Besitz von
    Gisors.
    1113 Kurzer englisch-französischer Friede in Gisors.
    1118 Hugues de Payen und Bisol de Saint-Omer gründen in Jerusalem
    den Tempelritterorden.
    1135 Heinrich I. stirbt auf der Jagd bei Gisors.
    1144 Gisors wird König Ludwig VII. von Frankreich abgetreten.
    1154 Heinrich II. Plantagenet König von England.
    1155 Bertrand de Blanquefort, Großmeister der Templer, wird
    zum Großmeister der englischen Freimaurer gewählt.
    1158 Drei hohen Würdenträgern des Templerordens wird die
    Obhut über die Burg von Gisors übergeben.
    1161 Die Templer von Gisors werden in effigie gehenkt.
    1169 Jean de Gisors trifft Thomas Becket in Gisors.
    235
    1180 Beginn des Kreuzzuges gegen die albigensischen Katharer.
    Graf Raymond V. von Toulouse leistet Heinrich Plantagenet
    den Lehnseid.
    1184 Heinrich II. Plantagenet vollendet den Bau der Burg von
    Gisors.
    1187 Saladin erobert Jerusalem von den Kreuzfahrern zurück.
    1188 Der Dritte Kreuzzug wird in Gisors gepredigt. Heinrich II.
    Plantagenet und Philipp II. August treffen sich hier. Die
    »Eiserne Ulme« wird gefällt. Errichtung eines Kreuzes.
    1189 Tod Heinrichs II. Plantagenet. Richard Löwenherz König
    von England.
    1193 Philipp II. August erobert Gisors zurück.
    1198 Schlacht von Gisors zwischen Richard Löwenherz und Philipp
    II. August. Die Stadt wird wieder englisch. Innozenz
    III. Papst.
    1199 Richard Löwenherz wird in Chalus getötet. Heinrich III.
    wurde 1216 König von England.
    1200 Johann ohne Land überläßt Gisors dem König von Frankreich.
    1204 Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel.
    1239 183 Katharer bei lebendigem Leib in Montwimer in der
    Champagne verbrannt.
    1244 Fall von Montségur. 200 Katharer lebendig verbrannt.
    1247 Guillaume de Sonnac, Großmeister der Templer, schickt
    unter starker Eskorte eine geheimnisvolle Fracht an den
    König von England.
    1272 Tod Heinrichs III. von England.
    1285 Philipp der Schöne König von Frankreich.
    1291 Katastrophe von Akkon. Die Kreuzfahrer verlieren ihre
    sämtlichen eroberten Gebiete an den Sultan von Ägypten.
    Die Templer ziehen sich nach Zypern und nach Europa
    zurück.
    1305 Bertrand de Got wird als Clemens V. zum Papst gewählt.
    1307 13. Oktober: Philipp der Schöne läßt alle Templer in Frankreich
    verhaften. Am Vorabend haben sich zwölf Templer
    aus Paris mit einem Teil des Ordensschatzes in Richtung
    auf die Küste geflüchtet. Die Templer von Gisors entgehen
    der Verhaftung.
    27. Oktober: Protest Clemens V.
    30. Oktober: Protest des Königs von England.
    17. November: Clemens V. schwenkt um und ordnet die
    Verhaftung aller Templer in Europa an.
    21. Dezember: Philipp der Schöne sequestriert das Eigentum
    der französischen Templer.
    1308 Der König von Frankreich und der Papst streiten sich um
    die Führung des Prozesses gegen die Templer.
    27. November: Philipp der Schöne befiehlt die Verhaftung
    der Templer von Gisors. Der Ausgang dieses Unternehmens
    ist unbekannt.
    1311 Die Bulle »Vox in excelso« hebt den Templerorden auf.
    1314 18. März: der Großmeister Jacques de Molay wird lebendig
    verbrannt.
    April: Der Templer Simon de Macy, der einzige, der nicht
    vor Gericht stand, wird durch Philipp den Schönen in der
    Burg von Gisors gefangengesetzt.
    20. April: Tod Clemens V.
    29. November: Tod Philipps des Schönen.
    1318 54 Templer lebendig in Vincennes verbrannt.
    1359 Blanka von Evreux, Burgherrin von Gisors.
    1419 Der Herzog von Clarence nimmt Gisors, das wieder englisch
    wird.
    1449 Gisors wird endgültig französisch.
    1946 Roger Lhomoy erklärt, er habe unter dem Wehrturm von
    Gisors eine Krypta entdeckt, die 30 Truhen, 19 Sarkophage
    und 30 Statuen enthielte.
    237
    BIBLIOGRAFIE
    Allgemeine Werke
    Chevallier, Ulysse: ›Répertoire des sources historiques du moyen âge« —
    Register der historischen Quellen des Mittelalters — Paris, 1910,
    5 Bände.
    Dom Félibien und Dom Lobineau: »Histoire de Paris« — Geschichte von
    Paris — Paris, 1714, 5 Bände.
    Ghyka, Matila: »Le Nombre dor: rites et rythmes pythagoriciens dans le
    développement de la civilisation occidentale« — Die Goldene Zahl:
    pythagoreische Riten und Verse in der Entwicklung der abendländischen
    Zivilisation — Paris, 1952, 2 Bände. (Hervorragendes Werk mit
    reichhaltiger Dokumentation.)
    Grousset, Rene: »Histoire des croisades«, Paris, 1935 — Geschichte der
    Kreuzzüge.
    Michelet, Jules: »Documents pour servir â lhistoire de France: le procès des
    Templiers« — Dokumente zur Geschichte Frankreichs: der Prozeß
    der Templer — Paris, 1841—1851, 2 Bände.
    Migne: »Encyclopédie théologique« — Theologische Enzyklopädie.
    Templer
    Bolle, J. H.: »Le Temple, ordre initiatique du Moyen Age« — Der Temple,
    mittelalterlicher Orden mit Einweihungsriten — Genf, 1931.
    Carrière, V.: »Les Templiers de Provins et les débuts de lOrdre du Temple
    en France« — Die Templer von Provins und die Anfänge des
    Templerordens in Frankreich — Paris, 1919.
    Guery, Abbe Charles: »Les commanderies des Templiers dans le département
    de lEure« — Die Komtureien der Templer im Departement Eure —
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    Heckethorn: »The Secret Societies of All Ages« — Die Geheimgesellschaften
    aller Zeiten — London, 1875, 2 Bände.
    Lambert, Elie: »Larchitecture des Templiers« — Die Architektur der
    Templer — Paris, 1955.
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    Lizerand, G.: »Clément V et Philippe le Bei« — Clemens V. und Philipp
    der Schöne — Paris, 1910.
    »Le dossier de laffaire des Templiers« — Das Dossier des Templerfalles
    — Paris, 1923.
    Maillard de Chambure, Gh.: »Regle et Statuts secrets des Templiers« — Regel
    und Geheimstatuten der Templer — Dijon, 1840.
    Melville, Marion: »La vie des Templiers« — Das Leben der Templer —
    Paris, 1951. (Vollständige, objektive Arbeit, angenehm zu lesen, Dokumentation
    nach dem neuesten Stand.)
    Naudon, Paul: »Les origines religieuses et corporatives de la francmaçonnerie
    « — Die religiösen und korporativen Ursprünge der Freimaurerei
    — Paris, 1953. (Eine der seltenen seriösen Arbeiten über dieses
    sehr umstrittene Thema.)
    Ollivier, Albert: »Les Templiers«, Paris, 1958.
    Piquet, Jules: »Des banquiers au Moyen Age: les Templiers« — Bankiers im
    Mittelalter: die Templer — Paris, 1939.
    Gisors
    Es ist keinerlei Bibliographie über die Werke vorhanden, die sich mit der
    Stadt Gisors beschäftigen. Wir hoffen, manchem Leser des vorliegenden
    Buches einen Gefallen zu erweisen, wenn wir diese Lücke schließen. Die
    Werke oder Dokumente, die verschwunden oder in den Bibliotheken oder
    öffentlichen Archiven verstümmelt worden sind, haben wir mit folgendem
    Zeichen (O) versehen.
    Anne, Eugene: »Gisors, son histoire, ses monuments« — Gisors, seine Geschichte
    und seine Baudenkmäler — Gisors, 1938.
    Bernard, F. C.: »Notice sur le château de Gisors« — Beschreibung der Burg
    von Gisors — Paris, 1884
    Blangis, L. N.: »Le prisonnier de la tour de Gisors« — Der Gefangene im
    Turm von Gisors — Elbeuf, 1873.
    Bosquet, Amélie: »La Normandie romanesque et merveilleuse« — Die wunderbare
    Normandie — Rouen, 1845.
    Bourdet, Alexandre: »Remarques sur lhistoire de Gisors« — Anmerkungen
    zur Geschichte von Gisors — aus dem Jahre 1696 datiertes Manuskript,
    Privatarchive (O).
    Canel, Andre: »Armorial des villes de Normandie« — Wappenbuch der
    Städte der Normandie — Caen, 1885.
    Caresme und Charpillon: »Itinéraire de Gisors â Pont-de-1Ardie« — Weg
    von Gisors nach Pont-de-1Arche — Gisors, 1869.
    Charpillon: »Gisors et son canton: statistique, histoire« — Gisors und sein
    Landkreis, Statistik, Geschichte — Les Andelys, 1867.
    Chapotin, Le R. P.: »Etudes historiques sur la province dominicaine de
    France: un eure dominicain de Gisors« — Historische Studie über das
    Gebiet der Dominikaner in Frankreich: ein Dominikaner-Pfarrer von
    Gisors — Paris, 1890.
    239
    Clérambault, E. de: »Les enceintes fortifiées: le donjon de Gisors« — Die
    Festungsgürtel: der Wehrturm von Gisors — Beauvais, 1900.
    Delisle, L.: »Le testament de Blandie dEvreux« — Das Testament der
    Blanka von Evreux, Paris.
    Denyau, Robert: »Histoire polytique de Gisors« — Politische Geschichte
    von Gisors — Aus dem Jahre 1629 datiertes Manuskript, Archives
    de la Seine-Maritime (O).
    Deville, Achille: »Notice historique sur le château des Gisors pendant la
    domination normande«, Mémoires de la société des antiquaires —
    Historischer Bericht über die Burg von Gisors während der normannischen
    Herrschaft. Abhandlung der Gesellschaft der Altertumsforscher
    — Band IX, Caen, 1835.
    Dion, A. de: »Notice sur le château de Gisors« — Bericht über die Burg
    von Gisors — Pontoise, 1868.
    Dorival, Antoine: »Tableau poétique de léglise de Gisors« — Poetisches
    Bild der Kirche von Gisors — aus dem Jahre 1629 datiertes Manuskript,
    Archives de lEure (O).
    Dubreuil, Gédéon: »Gisors et ses environs: histoire, legendes« — Gisors und
    seine Umgebung: Geschichte, Legenden — Paris, 1857 (O).
    Goineau, Françoise: »Gisors: la ville et le baillage jusquâ la fin du
    15e siecle« — Gisors, Stadt und Regentschaft bis zum Ende des
    15. Jahrhunderts — Pontoise, 1939.
    Hersan: »Histoire de Gisors«, Gisors, 1857 (O).
    »Journal dun bourgeois de Gisoros: La Ligue dans le Vexin normand« —
    Tagebuch eines Bürgers von Gisors: die Liga im normannischen Vexin
    — Herausgegeben von H. Le Charpentier und A. Fitan, Paris, 1878.
    Laborde, Leon de: »Gisors: documents inédits tirés des archives de léglise
    Saint-Gervais« — Gisors: unveröffentlichte Dokumente aus den Archiven
    der Kirche Saint-Gervais — Archäologische Jahrbücher,
    Band IX, 1845.
    Lasteyrie, R. de: »Quelques notes sur le château de Gisors« — Einige Anmerkungen
    über die Burg von Gisors — Caen, 1901.
    »Mémoire adressé par larchitecte de Gisors aux membres du corps législatif
    pour justifier sa gestion« — Denkschrift des Architekten von Gisors
    an die Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaft, um seine Amtsführung
    zu rechtfertigen — Paris, Jahr X.
    Motey, Vicomte du: »Robert II de Bellesme«, Alençon, 1923.
    Nodier, Charles, Taylor H. und De Cailleux, A.: »Voyages pittoresques et
    romantiques dans lancienne France« — Malerische und romantische
    Reisen durch das alte Frankreich — Normandie, Band II, Paris,
    1815—1830 (O).
    Patte, Victor: »Histoire de Gisors«, Gisors, 1896.
    Pepin, Eugene: »Gisors et la vallée de PEpte« — Gisors und das Tal der
    Epte — Paris, 1939.
    Regnier, Louis: »Les historiens de Gisors«, Pontoise, 1912. »Quelques notes
    sur les monuments de Gisors« — Einige Anmerkungen über die Baudenkmäler
    von Gisors — Gisors, 1909.
    240
    Einige klassische Werke über den Okkultismus
    (Der Leser, der sich eine allgemeine Vorstellung über die Denkweise der
    alten Okkultisten bilden möchte, um darin gemeinsame Züge zu finden,
    kann leicht auf überaus phantasievolle Werke stoßen, die ihn von weiteren
    Studien abhalten könnten. Um ihm die Arbeit zu erleichtern, führen wir
    nachstehend eine sehr kurze Liste derjenigen Werke auf, die eine wertvolle
    Einführung in die Sprache, die Symbole und die Verfahren der klassischen
    Okkultisten geben.)
    Abellio, Raymond: »La Bible, document chiffré« — Die Bibel, verschlüsseltes
    Dokument — Paris, 1952, 2 Bände (sehr wichtiges Werk).
    Boudier, Jules: »Symbolique maçonnique« — Symbolik der Freimaurer —
    Paris, 1949.
    Cadet de Gassicourt und Du Roure de Paulin: »Lhermétisme dans lart
    héraldique« — Die Hermetik in der heraldischen Kunst — Paris,
    1929.
    Fulcanelli: »Demeures philosophales« — Alchimistische Stätten — Paris,
    1959. »Le mystère des cathédrales« — Das Mysterium der Kathedralen,
    Paris, 1930.
    Marques-Rivière, Jean: »Histoire des doctrines ésotériques« — Geschichte
    der esoterischen Lehren — Paris, 1940. (Allgemein verständliches
    Werk.)
    Piobb, P.: »Clef universelle des sciences secrètes« — Allgemeiner Schlüssel
    der Geheimwissenschaften — Paris, 1951. (Wesentliches Lexikon,
    kurz, bündig und wissenschaftlich, unentbehrlich zum Verständnis der
    alten Texte.)
    Wirth, Oswald: »Le tarot des ymagiers du Moyen Age« — Das Tarot der
    Maler und Bildhauer des Mittelalters — Paris, 1927.
    Dokumente
    Archives Nationales: Manuskript JJ 106, Blatt 402.
    Archives départementales de lEure: Manuskript G 701.
    Archives départementales de la Seine-Maritime: Manuskript Y 14 (2).
    Archives privées.
    Geheimarchive des Vatikans: Regist. Aven. N° 48. Benedicti XX, Band I,
    Blätter 448—451.
    Bibliothèque Nationale: Griechische Manuskripte 1505 und 2511. Lateinisches
    Manuskript 10 919, Blatt 84 und Rückseite.
    Britisches Museum: Manuskript M. 33. Caligula, D. 111, Blatt 4.
    Public Record Office »Exchequers Accounts« — Rechnungslegung des
    Schatzamtes — (E 101). Rechnungsbericht von William Allington,
    Oberschatzmeister der Normandie (1419 und 1422).
    Norman Rolls (Aktenzeichen C 64). (Zahlreiche Unterlagen über die Organisation
    der englischen Herrschaft in Gisors.)
    Additional Charters (sechzig Urkunden, die Geschichte von Gisors betreffend).
    Thory: Acta latomorum (Chronologie der Freimaurerei).
    241
    ANMERKUNGEN
    Erster Teil
    1a Exorzismus ist die Austreibung des Teufels oder bösen Geistes unter Anrufung
    Gottes. In der katholischen Kirche empfängt jeder Geistliche die
    Weihe als Exorzist.
    Zweiter Teil
    1b Hiermit ist der dritte der großen geistlichen und militärischen Orden
    gemeint: die Deutschen Ordensritter, die auch in Polen saßen.
    2. Der heilige Hieronymus verlegt die Verklärung Christi auf den Berg
    Tabor. Wie Jakob in Bethel, sahen dort die auserwählten Apostel den
    Himmel sich öffnen und Christus mit Moses und Elias sprechen.
    3. Der heilige Cyrill verlegt die Bergpredigt auf den Hattin: »Ich bin
    nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch
    wahrlich: Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der
    kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.
    « (Matthäus 5, 17—18)
    4. In Sepphoris war der Stuhl erhalten, auf dem die Jungfrau Maria bei
    der Verkündigung gesessen haben soll.
    5. Die Sprüche Salomos, 11, 1.
    6. Es gab auch die Schreibweise Gout oder Goth.
    7. In Saint-Bertrand-de-Comminges kann man heute noch diesen seltsamen
    Gegenstand sehen. Es ist der drei Meter lange Stoßzahn des Narwals,
    auch Meereseinhorn genannt.
    8. Manche behaupten, es habe sich um Guy, den Bruder des Dauphins der
    Auvergne, gehandelt.
    9. Masini, Il Sacro Arsenale, Overo pratico de Santo Officto. Wohlgemerkt
    stellt dieses Werk keine Ausnahme dar. Sämtliche Handbücher der
    Inquisition sind in der gleichen Tonart gehalten.
    10. »Die Mißgeschicke, die das Auge des Horus erlitten hat, beschäftigten
    die alten Ägypter sehr. Seine Wiedereinsetzung ist Gegenstand des Rituals
    auf Grund zahlreicher Kommentare: bald wird er unter dem Namen
    ,Oudjat (,der Geheilte) zum eigentlichen Symbol des Opfers. Deshalb
    übernimmt der Priester ganz natürlich die Rolle des jungen Horus.«
    Jean Sainte-Fare Garnot, »La vie religieuse dans lancienne Egypte«.
    Paris, 1948.
    242
    11. Osiris wird von seinem Bruder Seth angegriffen und fällt sterbend zu
    Boden. Seth schließt den Leichnam in eine Kiste ein und wirft sie in
    den Nil. Die Kiste wird von der Strömung fortgetragen und in Byblos
    neben einem Tamariskenbaum an Land geschwemmt, in dessen Wurzeln
    sie sich verfängt. Zusammen mit dem Baum, der um ihn herumgewachsen
    ist, wird der Sarg in den königlichen Palast gebracht und fällt in
    die Hände der Isis, die ihn in den Nilsümpfen birgt. Doch Seth entdeckt
    bei einer nächtlichen Jagd den Leichnam des Osiris, zerstückelt
    ihn und zerstreut seine Teile überallhin. Isis zieht nun aus, um sie zu
    suchen, und findet sie auch. Sie läßt sich auf übernatürliche Weise von
    ihrem toten Gatten befruchten und beerdigt diesen, unterstützt von
    ihrer Schwägerin Nephtys. Die thebanischen Grabmäler zeigen die zwei
    Frauen wehklagend zu beiden Seiten des Sarges. Isis bringt einen Gottessohn,
    Horus, zur Welt, den sie mit liebevoller Sorge umgibt. Doch die
    Witwe und der Waisenknabe werden getröstet, denn Osiris ersteht wieder
    auf. Er wird zum Gott des Totenreiches und im weiteren Sinne des
    Maßes: die Waage der Rechtschaffenheit wiegt die Herzen der Toten.
    Isis wird dargestellt in weiße Schleier gekleidet, denn sie hat die Menschen
    den Anbau von Flachs gelehrt und ihnen zugleich die Segel der
    Schiffahrt gebracht. Auf dem Kopf trägt sie den Halbmond. Man stellt
    sie auf einem Stuhl mit hoher Lehne sitzend dar (Katheder), denn das
    Wort »Isis« bedeutet zugleich »Stuhl«. (J. Sainte-Fare Garnot, »La vie
    religieuse dans lancienne Egypte«. Paris, 1948.)
    Es ist festzuhalten, daß der Begriff des Stuhles sich für uns mit religiösen
    Vorstellungen verbindet. Er gehört in die Begriffswelt der
    Kirche, vom Heiligen Stuhl angefangen, auf dem der Papst »ex cathedra
    « spricht, über die Kathedralen bis zu den primitivsten Kultstätten,
    die man auf altfranzösisch »Stühle« nannte (Beispiel: die »Chaise-
    Dieu«, Haute-Loire, bemerkenswerter Totentanz).
    12. »Der Tempel ist nicht, wie die mohammedanische Moschee, ein Versammlungsort
    zum allgemeinen Gebet, sondern wirklich das Haus Gottes,
    um den Ausdruck der Heiligen Schrift zu gebrauchen ... Ursprünglich
    existierte zwischen den Kultstätten und den Wohnsitzen der
    Großen kein baulicher Unterschied. Doch bald wird die Anordnung der
    Kultbauten komplizierter und unterschiedlicher... Man braucht weitgehend
    unzerstörbare Gebäude. Große Bedeutung wird den Himmelsrichtungen
    beigemessen. Im Bauplan zeigt sich das Bestreben, die
    strenge Symmetrie der Mittellinie zu wahren. Die priesterliche Interpretation
    des Bauplans verleiht den Tempeln kosmischen Charakter ...
    Ein von zwei hohen Türmen flankiertes Portal führt auf einen offenen
    Vorhof, der von Säulengängen umgeben ist. Daran schließen sich die
    Säulenhallen an. Man betritt nun das Heiligtum der Barke, angestammtes
    Fahrzeug des Gottes oder der Göttin — in Ägypten, wo
    Transporte auf dem Wasserweg stattfinden, nicht anders zu erwarten.
    Häufig enthält ein zweites Heiligtum den Schrein (naos), in dem das
    Bild des Gottes oder der Göttin eingeschlossen ist.« (J. Sainte-Fare
    Garnot, »La vie religieuse dans lancienne Egypte«. Paris, 1948.)
    13. Schadius, De Dictls Germanis.
    243
    14. In sämtlichen alten Sprachen werden tatsächlich die Zahlen durch Buchstaben
    bezeichnet (Beispiel: die römischen Ziffern); die eigentlichen Ziffern,
    mit denen Dezimalstellen auszudrücken sind, wurden von den
    Arabern eingeführt, sind also relativ neuen Datums. Die eigentliche
    Algebra, das heißt das Wort wie der Begriff, stammt von dem arabischen
    Mathematiker AI Chwarasmi, der im 10. Jahrhundert die Abhandlung
    »AI Djebr za Mukabbala« schrieb.
    15. Zum Beispiel bedeutet der 13. Buchstabe Mem die Zahl 40 und den
    Begriff »Schuld«.
    16. Die mittelalterlichen Kabbalisten waren sehr beeindruckt, als sie feststellten,
    daß dies auf sämtliche zu ihrer Zeit bekannten Sprachen zutraf
    (Griechisch: th-é-o-s, lateinisch: d-e-u-s, arabisch: A-l-l-ah, französisch:
    d-i-e-u, deutsch: G-o-t-t. spanisch: d-i-o-s usw.).
    17. Der ägyptische Ursprung der kabbalistischen Zahlenmystik unterliegt
    keinem Zweifel. Die Inschrift von Padamion, während der XXII. Dynastie
    (10. Jahrhundert v. Chr.), ist so zu verstehen: »Ich bin 1, die 2
    wird, 2, die 4 wird, 4, die 8 wird, und 1 danach.« Auch Pythagoras hat
    diesen Denkprozeß vollzogen.
    18. Beispiel: der geheime Wert GW von 5 ist 5 + (1 + 2 + 3 + 4) = 15
    das heißt, verallgemeinert: GW = n (n + 1)
    2
    Über die Gesamtheit dieser Methode vgl. Raymond Abellio: La Bible,
    document chiftré, Paris 1950, 2 Bände.
    19. Die Kabbalisten behaupten, daß sich allein durch ihre Methode gewisse
    Merkwürdigkeiten der Bibel erklären lassen, wie die Irrtümer bei
    Namen und Zahlen. Zum Beispiel heißt im »Exodus« (2. Buch Moses, 3)
    der Schwiegervater von Moses einmal Jethros, einmal Reguel. Im Evangelium
    des Matthäus (1, 1—18) liest man, daß der Stammbaum Christi
    3 mal 14 Glieder umfaßt, das heißt 42 Generationen seit Abraham. Der
    aufmerksame Leser jedoch stellt bei Zusammenzählung nur 40 ohne
    Jesus und 41 mit ihm fest. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele
    anführen.
    20. »Nun sind die Stimme und der Name Sonne und Mond«, heißt es in
    der »Genesis« des Simon Magus. Vgl. Hippolytos: Elenchos, édition
    Wendland, VI, 13.
    21. Serge Hutin, Les Gnostiques, Paris, Presses Universitaires de France.
    22. Zwischen die vollkommene Welt der Gedanken und die sichtbare Welt
    der Materie, die den Makel des Bösen und der Sünde trägt, schalten die
    Gnostiker eine Reihe von ineinandergeschachtelten Zwischenwelten ein.
    Diesen steht eine ganze Hierarchie von höheren geistigen Wesen vor:
    Erzengel, Archonten, Gottheiten, unsichtbare Kräfte, Erzväter usw., die
    eine Art Brücke zwischen dem Demiurg und dem Menschen bilden.
    23. Ägypten wurde AI Chemia genannt: die schwarze Erde. Das ist der
    Ursprung des Wortes Alchimie, später kurz Chemie. Man stellte Ägypten
    in Gestalt eines flammenden Herzens dar.
    24. Matila Ghyka, Le Nombre dOr. Paris, Gallimard, 1950, Band II.
    25. Assas, Wächter, Plural Assacine. Es ist festzuhalten, daß die Nach244
    kommen der Ismaeliten, die Wahhabiten, noch heute die Wächter für
    die heilige Stadt Mekka stellen.
    26. Die Papyri in den Museen von Leyden und Stockholm. Amon Re, der
    Hauptgott von Theben, wurde in Gestalt eines Widders oder eines blau
    bemalten Menschen dargestellt. Als Herzog Philipp der Gute von Burgund
    im Jahre 1429 den Orden vom Goldenen Vlies stiftete, -wurde ein
    lebendiger, blau bemalter Widder mit vergoldeten Hörnern vor ihm
    her getragen (vgl. Baron de Reiffenberg, »Histoire de lOrdre de la
    Toison dOr« — Geschichte des Ordens vom Goldenen Vlies — Brüssel,
    1830).
    27. Siehe 1.Buch Moses, 6, 4: »Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf
    Erden; denn da die Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen,
    und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der
    Welt und berühmte Männer.«
    28. Zum Beispiel die Herstellung von Purpurfarbe aus Muscheln, die den
    Phöniziern bekannt war, oder in neuerer Zeit die Kunst der Glasmalerei
    (Bourges).
    29. Schwefel, Salz und Quecksilber bezeichnen hier nicht einfache chemische
    Stoffe, sondern vielmehr die »der Weisen« oder »der Philosophen«. Sie
    stellen Seele, Körper und Geist dar.
    30. Dieser Auffassung ist noch Leibniz im 18. Jahrhundert.
    31. Griechisch: Bapheus mete.
    32. Buch Daniel, 6, 11—14.
    33. Von dem griechischen argos, das heißt weiß.
    34. Vgl. hierzu die zwei Werke von Fulcanelli »Le mystère des cathédrales
    « — Das Mysterium der Kathedralen — und »Demeures philosophales
    « — Alchimistische Stätten.
    35. Nicolas Flamel, geboren 1345 in Pontoise, heiratete 1368 Dame Perenella.
    Er starb am 22. März 1417 in Paris und wurde in der Kirche
    Saint-Jacques-la-Boucherie beigesetzt. Sein Grabstein steht jetzt im
    Cluny-Museum. Zwei Pariser Straßen sind nach Nicolas und Perenella
    Flamel benannt.
    36. Aus dem Arabischen: AI Tannur.
    37. Vgl. Dom Antoine Joseph Pernety »Dictionnaire mytho-hermétique« —
    Mythisch-hermetisches Wörterbuch — Paris, 1787. Durch eines der bei
    den Okkultisten beliebten Wortspiele wird diese Jagd manchmal auch
    zur Jagd auf den fliehenden Leibeigenen, den Menschen (französisch
    »cerf« = Hirsch, »serf« = Leibeigener). Ein »La chasse du cerf des
    cerfs« — Die Jagd auf den Hirsch der Hirsche — betitelter mittelalterlicher
    Text war eine durchsichtige Schmähschrift gegen den Papst, den
    »Diener der Diener Gottes« (servus servorum).
    38. Der berühmte Wandteppich »Die Dame mit dem Einhorn« (Cluny-
    Museum) war Gegenstand ausführlicher alchimistischer Kommentare,
    besonders von Fulcanelli.
    39. Gran, altes Gewichtsmaß. 72 Gran = 4,32 Gramm.
    40. Saint Vincent de Paul hat in einem Brief berichtet, wie er während
    seiner Gefangenschaft die Öfen eines Alchimisten in Tunis heizte.
    41. Das Halsband des Ordens zum Goldenen Vlies war aus »Feuerstahl und
    245
    Feuerstein« gemacht. Bereits bei Hesekiel, 28, steht: »Du bist ein reinliches
    Siegel, voller Weisheit und aus der Maßen schön. Du bist im Lustgarten
    Gottes .. . Du bist wie ein Cherub, der sich weit ausbreitet und
    decket; und ich habe dich auf den heiligen Berg Gottes gesetzt, daß du
    unter den feurigen Steinen wandelst.« (Gemeint ist der König von
    Tyrus, der Nachfolger Hirams, des Verbündeten Salomons, der beim
    Bau des Tempels von Jerusalem mitwirkte.)
    42. »Dein Vater, König Nebukadnezar, setzte ihn über die Sternseher,
    Weisen, Chaldäer und Wahrsager ...: nämlich Daniel, den der König
    ließ Beltsazar nennen.« (Daniel, 5, 11 —12).
    43. Der Berg Nebo trägt den Namen eines chaldäischen Gottes, Erfinder der
    Wissenschaften und der Schrift, Schutzherr der Schriftgelehrten, analog
    dem ägyptischen Thot-Hermes, dem »Götterboten«.
    44. Beth-El, das heißt Gotteshaus. Nach dem 1. Buch Moses (28, 10—22)
    hat hier der Traum Jakobs von der Himmelsleiter stattgefunden. Nach
    der Spaltung zwischen Israel und Juda wurde Beth-El zum Sitz des
    »Götzendienstes« um das »Goldene Kalb« (1. Buch der Könige, 13,
    11—32). Darauf wurde es von den Propheten verflucht (Hosea, 10, 5 ff.).
    Sie nennen es mitunter zum Hohn Beth-Aven, das heißt Haus des Nichts.
    45. In Les Baux in der Provence findet am Heiligabend die Zeremonie der
    sogenannten »pastrage« statt. Die Hirten gehen in die Mitternachtsmette
    hinter einem Wagen, der von einem bebänderten Widder gezogen
    wird. Darin ruht das neugeborene Lamm auf einem Teppich. Die
    Herren von Les Baux behaupteten, von König Balthasar, einem der drei
    Weisen aus dem Morgenland, abzustammen. Das Bauxit erhielt seinen
    Namen nach den Steinbrüchen von Les Baux.
    46. Entgegen der Behauptung mehrerer Historiker, er stamme aus Payns in
    der Champagne, wurde Hugues de Payen (oder Pagan = Heide) am
    9. Februar 1070 im Schloß von Mahun, Gemeinde Saint-Symphorien de
    Mahun, Ardèche, geboren. Die Urkunde wurde 1897 wiederaufgefunden
    (vgl. Esquieu, »Les Templiers de Cahors«, in Bulletin de la Société littéralre,
    sclentifiqiie et artistique du Lot, 1898). Sein Vater trug den Beinamen
    »der Maure« und stammte aus dem Quellgebiet des Allier.
    47. Postume Werke des Grafen de Pagan: »Vie dHugues de Pagan, fondateur
    de lOrdre du Temple« — Das Leben von Hugues de Pagan, Begründer
    des Templerordens — Paris, 1691.
    48. Etwas steht jedenfalls außer Zweifel: bis zur Renaissance hat die
    katholische Kirche niemals die Wahrheit dieser Episode in Frage gestellt.
    Ein Zeitgenosse der Päpstin, Anastasius, Bibliothekar im Vatikan,
    trug sie als erster im »Liber pontificalis« ein. Vom 11. bis 13. Jahrhundert
    wird sie in allen kirchlichen Chroniken erwähnt, so in Metz,
    Erfurt, bei Martin von Polen usw. Im 14. und 15. Jahrhundert berichteten
    zwei Historiker, die auf Anweisung des Papstes schrieben —
    Amaury dAugier, Hauskaplan Urbans V., und Barthélémy Sacchi,
    Bibliothekar von Sixtus IV. — die Geschichte der Päpstin in allen
    Einzelheiten. Der heilige Antonius von Florenz, die Päpste Pius II. und
    Hadrian IV., der Inquisitor Torquemada usw. bestätigen sie ebenfalls.
    Alle hatten in Rom ein Standbild der Päpstin gesehen, die ihre Tochter
    246
    auf dem Arm trug. Es hatte die Inschrift: PPPPPP. Sixtus V. ließ es abreißen
    und in den Tiber werfen. Launoi und der berühmte Mönch
    Mabillon haben im Dom von Siena die Büste der Päpstin mit der
    Inschrift »Johannes VIII., femina« gesehen. Clemens VIII. ließ sie durch
    ein Porträt des Papstes Zacharias ersetzen. Schließlich wird die Päpstin
    in den offiziellen Urkunden des Konzils von Konstanz erwähnt.
    Johanna sei eine in Mainz geborene Engländerin gewesen. Sie soll in
    Griechenland studiert und dann in Rom im Kloster des heiligen Martin
    unterrichtet haben, wo der heilige Augustinus persönlich die sieben
    freien Künste gelehrt hatte.
    49. Etymologisch: derjenige, der vorneweg tanzt.
    50. Dupuy »Histoire de la condemnation des Templiers« — Geschichte der
    Verurteilung der Templer — Brüssel, 1713, S. 361.
    51. Jules Michelet »Documents pour servir à lhistoire de France: le procès
    des Templiers« — Dokumente zur Geschichte Frankreichs: der Prozeß
    der Templer — Paris, 1841—1851, 2 Bände, Aussage vom 11. April 1208.
    52. »Les Templiers«, Paris, éditions du Seuil, 1958, S. 57.
    53. Michelet, s. Anm. 51, Aussage von Guido Delphini. Siehe auch die auf
    Roncelin du Fos bezüglichen Urkunden in Abbe Galabert, »Les coutumes
    de Lacapelle«, Bulletin historique et philologique du Lot, 1897.
    54. Merkwürdigerweise muß man feststellen, daß die von den Historikern
    aufgestellten Listen der Großmeister des Templerordens nicht miteinander
    übereinstimmen und daß manche darauf vorkommende Namen
    fiktiv wirken.
    55. »Histoire générale de lArt« — Allgemeine Kunstgeschichte —Band I,
    S. 308.
    56. Matila Ghyka »Le Nombre dor: rites et rhythmes pythagoriciens dans
    le développement de la civilisation occidentale« — Die Goldene Zahl:
    pythagoreische Riten und Verse in der Entwicklung der abendländischen
    Zivilisation — Paris, 1952, 2 Bände.
    57. »Lésotérisme de quelques symboles géométriques« — Die Esoterik
    einiger geometrischer Symbole — Paris, 1960.
    58. »Dictionnaire darchitecture« — Lexikon der Architektur.
    59. »Les origines religieuses et coopératives de la franc-maçonnerie« — Die
    religiösen und kooperativen Ursprünge der Freimaurerei — Paris, 1953.
    60. Diese Mitteilung gab Guillaume de Jerphanion am 19. März 1937 an
    die »Académie des inscriptions et belles-lettres«.
    61. Griechisches Manuskript 2511.
    62. Siehe Anhang I. Ein magisches Zahlenquadrat befindet sich auch auf
    dem berühmten Kupferstich von Albrecht Dürer »Melancholie«.
    63. Teil CXXXIX.
    64. »Le Courrier français«, 15. Januar 1833.
    65. »Cest-â-dire«, Dezember 1960.
    66. De Cabilone (Châlons-sur-Marne). Nicht zu verwechseln mit dem
    Namen des Zeugen: Cathalaunensis (Chalons-sur-Saône).
    67. Bibliothèque nationale, lateinisches Manuskript 10 919, Blatt 84 und
    Rückseite.
    247
    Dritter Teil
    68. Die korrekte Schreibweise ist MAXIMO und POSVERVNT.
    69. Aus dem Gallischen Bei, Widder, und dem Lateinischen sinus, das
    Innere einer Sache, das Geheimnis. Abelio soll ein gallischer Gott gewesen
    sein. In seiner 1760 erschienenen »Description historique et
    géographique de la Haute Normandie« — Historische und geographische
    Beschreibung der Haute Normandie — schrieb der Benediktiner Dom
    Du Plessis über das Wort Vexin: »In der Sprache der alten Gallier bedeutete
    das Wort Bei Widder. Es ist bekannt, daß die Alten oft den
    Gott Bei mit Jupiter Amnon verwechselten, den sie mit Widderhörnern
    darstellten.« Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte der Pfarrer Denyau in
    seiner »Histoire polytique de Gisors« auf die Namen der benachbarten
    Städte Montagny (Mons Agni, Lämmerberg), Mont Ouen (Mons
    Ovium — Berg der Mutterschafe) usw. hingewiesen.
    70. Und auch durch Wortspiel mit vexillum — Fahne.
    71. Das gälische Wort Ullw — Feuer — ist die einzige bekannte Wurzel
    sämtlicher Namen für Ulme, die auf Lateinisch ulmus, auf Skandinavisch
    ulmr, auf Angelsächsisch und Altdeutsch elm, auf Irisch ailm
    heißt usw.
    72. Colin du Plessy »Legendes de lHistoire de France. La Journée de
    Gisors« — Legenden aus der Geschichte Frankreichs.
    73. Er heißt übrigens heute noch Place Baudoyer, abgeleitet von dem alten
    Verb baudoyer, baudroyer, d. h. Leder bearbeiten, gerben (Domherr
    Brochard »Saint-Gervais, Histoire de la paroisse dapres des documents
    inédits« — Saint-Gervais, Geschichte der Gemeinde nach unveröffentlichten
    Dokumenten — Paris, 1954).
    74. Die Kapelle Saint-Eutrope. Bei aufmerksamer Beobachtung der Dachtraufenrohre
    stellt man fest, daß eines umgekehrt angebracht ist und
    dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es weist genau auf den
    Eingang zu diesem unterirdischen Gewölbe hin. Im 17. Jahrhundert
    bildete die Lage dieser Kapelle Gegenstand eines Prozesses zwischen
    dem Klerus von Saint-Gervais und »dem Großprior des Temple«
    (Urteilsbeschluß des Parlaments vom 6. und 24. Februar 1618, Archives
    Nationales, 5070). Nun war aber der Templerorden offiziell seit über
    dreihundert Jahren aufgehoben ...
    75. Diese Liste erscheint in den »Acta Latomorum« von Thory, Paris, 1814.
    76. Ulysse Robert »Vie du pape Calixtell.«, S. 197.
    77. La ferme de Brémule, Gemeinde Gaillardbois (Eure) bei Ecouis.
    78. Brochard, s. Anm. 73.
    79. Im »Rolandslied« ist dieser Gottfried von Anjou Bannerträger Karls
    des Großen.
    80. Ober die Geschichte der Burg von Woodstock vgl. E. Marshall »Early
    History of Woodstock Manor«, Oxford 1876.
    81. Hie iacet in terra — Rosu Mundi non rosa munda —
    non redolet sed ölet — quod redolere solet.
    248
    Der Geschichtsschreiber der Burg von Woodstock, E. Marshall, vermutet,
    diese Inschrift beziehe sich auf alle Frauen namens Rosamond. Warum
    findet sie sich dann ebenfalls auf dem Grab eines Domherrn im Kloster
    Saint-Bertrand-de-Comminges, im Bistum des Einhorns, das Clemens V.
    unterstand?
    82. Siehe unter anderem den Panther auf der Grabsäule Tut-ench-Amuns
    im Louvre, Paris.
    83. Robert Viel »Les origines normandes du Blason« — Die normannischen
    Ursprünge der Heraldik — 1958.
    84. Siehe deren Abbildung in Fr. Sandford »Genealogical History of Kings
    of England« — Genealogische Geschichte der Könige von England —
    London 1677.
    85. Michelet, siehe Anm. 51, Aussage vom 27. November 1309.
    86. Michelet, s. o.
    87. G. Lizerand »Le dossier de Paffaire des Templiers« — Das Dossier des
    Templerfalles — Paris, 1923.
    88. »Etüde sur les historiens du Vexin«, Mémoires de la Société historique
    de Pontoise et du Vexin, Band VII, Jahrgang 1885, Seite 79.
    89. Der Befehl ist im Britischen Museum in London unter der Bezeichnung
    M 33, Caligula D 111, Blatt 4, zu besichtigen.
    90. Catherine Bearle »Times and Lives of the Early Valois Queens« — Zeit
    und Leben der ersten Königinnen aus dem Haus Valois— London, 1899.
    91. Blanka von Navarra wurde im August 1350 Witwe. Sie hatte tatsächlich
    eine Tochter — Johanna, genannt Blanka, die im Mai 1351 geboren
    wurde und im September 1371 starb.
    92. »Les douze clefs de la philosophie« — Die zwölf Schlüssel der Philosophie
    — édition de E. Canseliet, Paris, 1960. Basilius Valentinus, Benediktinermönch
    der Abtei St. Peter zu Erfurt, Erzbistum und Kurfürstentum
    Mainz, lebte noch 1413. Es wird erzählt, man habe seine Manuskripte
    ein Jahrhundert später in einer vom Blitz getroffenen Säule der
    Abtei wiedergefunden.
    93. L. N. Blangis »Le prisonnier de la tour de Gisors« — Der Gefangene im
    Turm von Gisors — Elbeuf, 1873.
    94. Rene Alleau »De la nature des symboles« — Über die Natur der Symbole
    — Paris, 1958, S. 103.
    95. Vgl. Baron de Reinffenberg »Histoire de lOrdre de la Toison dOr« —
    Geschichte des Ordens vom Goldenen Vlies — Brüssel, 1840. Am Tag
    der Ordensgründung in Brügge wurde unter den Gästen »ein völlig
    lebendiger, blau bemalter Widder mit fein vergoldeten Hörnern« verteilt.
    Der Orden berief 22 Generalkapitel ein und beendete dann seine
    offizielle Existenz.
    96. Ein englisches Manuskript aus dem 12. Jahrhundert, das in Oxford aufbewahrt
    wird, zeigt Baumeister, die einen Astrolab benutzen. Im
    Museum für Geschichte der Wissenschaften in Oxford ist ein Astrolab zu
    besichtigen.
    In dem Werk von A. C. Crombie »Medieval and Early Modern Science«
    — Wissenschaft des Mittelalters und der frühen Neuzeit — Band I.,
    5. bis 13. Jahrhundert (New York, 1959) finden sich sämtliche tech249
    nische Daten über den Mechanismus des Astrolabs sowie über die Angaben,
    die man mit ihm ermitteln konnte.
    97. Blaiseau ist durch seinen Namen lArdent (der Feurige) als Feuer gekennzeichnet
    und als verrückt, da er keinen Kopf hat. Ebenso wie er
    tanzen die Irrlichter im Moor, um die Reisenden irrezuführen. Früher
    wurden sie auch »Ardents« oder Gobelins genannt. Doch die Bezeichnung
    Blaiseau für das Irrlicht konnten nur sehr gute Lateiner ersinnen,
    denn Blaiseau bedeutet Feuer (blaserius — Brand) und zugleich verrückt
    (blesus, von blatere — Dummheiten sagen). Es handelte sich also
    ursprünglich nicht um eine Volkssage, sondern um eine von Gelehrten
    in Umlauf gesetzte »Schlüssellegende«.
    König Karl VI. verlor den Verstand beim sogenannten »Bal des Ardents
    «, der — wie bekannt ist — im Schloß der Königin Blanka stattfand.
    Es liegt in der Ebene »des Gobelins«, die an die Bièvre angrenzte.
    Nach dieser Ebene hatte sich die berühmte Färberfamilie Gobelin genannt,
    die dort wohnte.
    Im Mittelalter gab es in Italien, in Neapel und Viterbo, eine Gelehrtengesellschaft
    namens »Académie des Ardents«. Sie stand unter der
    Schutzherrschaft der heiligen Rosa und hatte als Emblem einen roten
    Schmelztiegel auf glühenden Kohlen.
    98. Pierre Larousse »Grand dictionnaire universel«.
    99. Diodoros von Sizilien berichtet, nachdem das Schiff Argo in einen
    Sturm geraten war, sah man in den Haaren von Castor und Pollux
    Flammen erscheinen, ein Zeichen für den Schutz der Götter. Danach
    legte sich der Sturm.
    Tatsächlich tauchen bei Gewitter häufig Irrlichter, Produkte der Reibungselektrizität,
    auf Schiffsmasten auf. Die Seeleute nennen sie Castor
    und Pollux.
    Das »castor« genannte Tier, der Biber, hieß im Altfranzösischen
    »bièvre« (skandinavisch bifr, englisch bever) aus dem Sanskrit bohbru
    — der Rote. Aus dem Namen des Flusses Bièvre leitet sich die alte gallische
    Stadt Bibracte ab, heute Mont-Beuvray, Morvan. Bibracte war
    der Sitz des bedeutendsten Druidenkollegiums. Ausgrabungen haben
    hier einen Schwan aus Bronze zutage gefördert, der aus der Zeit vor
    dem Römereinfall stammt.
    100. Das ist bei den Kirchen von Torpo und AI in Norwegen der Fall, über
    die A. de Pennendreff schreibt: »Ihr Äußeres ist von den Schiffsbauten
    inspiriert worden. Sie tauchen in den Ländern der Wikinger nach der
    wundersamen Bekehrung des Piratenkönigs Olaf im 11. Jahrhundert
    auf. Ihre reiche Ornamentik bringt uns das Wesen beinahe unbekannter
    Glaubensformen nahe. Die Christianisierung der nordischen Stämme
    ging so zögernd vor sich, daß diese christlichen Kirchen noch lange Zeit
    mit den heidnischsten Skulpturen Europas verziert wurden.« (»Peintures
    murales de Norvège« — Wandmalereien Norwegens — Jardin
    des Arts, Oktober 1959).
    101. »Sur le navire de Sutton Hoo« — Über das Schiff von Sutton Hoo —
    vgl. Lady Wheeler »Les grandes aventures de larchéologie« — Die
    großen Abenteuer der Archäologie — Paris, Laffont, 1960.
    250
    102. Als Geometrie wurde damals die Architektur bezeichnet. Der Ausdruck
    findet sich in dem Skizzenbuch des Baumeisters Villard de Honnecourt
    (13. Jahrhundert).
    103. In der Heraldik heißt dieser Stern Strahl des Karfunkels. Nun ist Karfunkel
    (von carbunculus — glühende Kohle) der alte Name für Granat.
    Er erinnert durch seine rote Farbe an den Stein der Weisen. Ferner bezeichnet
    der Strahl des Karfunkels einen Teil des Wappens, gironné genannt,
    das heißt geheim, eine weitere Analogie zum Stein der Weisen.
    Aus diesem Grund wird er auch hermetischer Stern genannt.
    104. »Sur la fontaine de Vert-Bois« — Ober den Brunnen Vert-Bois — vgl.
    Fulcanelli »Demeures philosophales«.
    105. Auf griechischsinddie Initialen Jesu Christi I und X auch die Anfangsbuchstaben
    des Wortes ίχδύς Fisch. Außerdem trat die Frühlingsnachtgleiche
    ungefähr bei Christi Geburt vom Zeichen des Widders, in das
    sie zur Zeit Abrahams getreten war, in das der Fische. In den römischen
    Katakomben wird auf einem symbolischen Sgraffito ein Widderkopf
    dargestellt, den eine Fischgräte verlängert.
    106. Der Turm des Gefangenen, der Kerker Poulains, ist das genaue Äquivalent
    des alchimistischen Ofens, des Turms, der das »Gefängnis des
    Kükens« enthält. Die beiden französischen Worte »poulain« (Füllen)
    und »poulet« (Küken) gehen auf das lateinische pullus (Junges) zurück,
    ebenso puellus, das Knäblein, das Neugeborene.
    107. Deshalb unterschiebt Nodier dem Gefangenen die Unterschrift Pontani.
    Pontanus bedeutet nämlich Seemann. In seinem »Lettre dun philosophe
    sur le secret du Grand OEuvre« — Brief eines Philosophen über das Geheimnis
    des Großen Werkes — (La Haye, 1686) zitiert Rene Pierret
    einen Pontanus neben Nicolas Flamel und Arnold von Villanova. Der
    Verfasser der Inschrift in Gisors hat übrigens seine Buchstaben so gezeichnet,
    daß man sowohl Poulain als auch Pontani lesen kann, um dadurch
    seine Eigenschaft deutlicher kenntlich zu machen. Man sieht, daß
    die U und die N mit demselben Zeichen || und die I und die T mit demselben
    | gebildet sind.
    108. Vor der Revolution gab es nicht weniger als einunddreißig Bruderschaften
    in Gisors. Die älteste, Notre-Dame de la mi-août, stammt aus
    dem Jahre 1360. In die Bruderschaft der Pèlerins de saint Jacques — sie
    wurde im 15. Jahrhundert gegründet und ließ eine der Säulen errichten
    — wurde man erst aufgenommen, wenn man die Pilgerfahrt nach
    Santiago de Compostela gemacht hatte.
    109. Siehe II. Buch der Chronik, 3, 15—17.
    110. Verfassung von Anderson »Die alten Pflichten«. Zur Legende der Freimaurer
    von Hiram sowie zum Ritual bei der Aufnahme in den Grad
    des Meisters siehe J. Boucher »Le symbolisme maçonnique« — Der
    Symbolismus der Freimaurerei — Paris, 1959.
    111. Maria Lichtmeß, auch Reinigung der Jungfrau genannt. In seinem »Dictionnaire
    mytho-hermétique« (Paris 1787) belehrt uns der Benediktiner
    und Alchimist Dom Antoine-Joseph Pernety, »daß die Jungfrau der
    Mond oder quecksilberhaltiges Wasser der Philosophen ist, nachdem es
    von unreinem und arsenhaltigem Schwefel gereinigt wurde«.
    251
    112. »Histoire de Gisors«, 1896, Seite 203. Heute ist es unmöglich, die Runde
    um diese interessante Säule auch nur einmal, geschweige denn mehrmals
    zu machen, da eine Mauer errichtet wurde, die sie in ganzer Länge teilt.
    113. Der heilige Nikolaus wird »Wundertäter« genannt, in England, Rußland
    und Deutschland ebenfalls. In Deutschland gab man seinen Namen
    (Nickel) dem Schutzpatron der Erzminen, daher auch die Bezeichnung
    Nickel. Im Mittelalter griff der Minnesänger Jehan Bodel dArras in
    seinem »Spiel von Sankt Nikolaus« auf die Überlieferung zurück, wonach
    er die ihm anvertrauten Schätze hütet. Der Heilige wird auch
    häufig mit drei goldenen Geldbeuteln (oder drei goldenen Äpfeln), die
    auf einem Buch liegen, dargestellt, zur Erinnerung an die drei Geldbörsen,
    die er einer jungen Prostituierten schenkte, um ihr die Hochzeit
    zu ermöglichen. Sankt Nikolaus ist der Schutzpatron der Studenten und
    Schüler, da er drei junge Studenten, die ein Fleischer mit dem Küchenmesser
    zerstückelt und eingepökelt hatte, wieder auferweckte. Hierbei
    handelt es sich um eine normannische Legende aus dem 13. Jahrhundert.
    Ursprünglich waren es jedoch drei zu Unrecht verurteilte Offiziere, die
    der Heilige dem Henker entriß, daher ist er auch Schutzpatron der
    Gefangenen. Nach L. Réau (»Iconographie de lArt chrétien«) wurde
    die ursprüngliche Legende aus folgendem Grund abgewandelt: »Im
    Mittelalter werden die Gefangenen immer in einem in der Mitte geteilten
    Turm dargestellt. Die drei gefangenen Offiziere, deren Kopf aus
    einem kleinen Turm hervorsah, wurden für die drei in einen Zuber getauchten
    Jungen gehalten, woraus dann die Phantasie des Volkes ein
    Pökelfaß machte.« Schließlich ist Sankt Nikolaus Schutzpatron der
    Seefahrer. Er schaffte auf wunderbare Weise eine Fracht von ägyptischem
    Getreide, welche die Seeleute bei einem Schiffbruch verloren hatten,
    wieder herbei (Glasfenster in Saint-Merri, Paris). Im Mittelalter
    gab es einen Orden der Argonauten von Sankt Nikolaus. Andererseits
    wird er häufig dargestellt, wie er einen Baum fällt (Museum in Wien,
    Kirchen in Bulgarien und in der Bukowina, Kathedrale von Manresa in
    Spanien).
    Der heilige Claudius, Schutzpatron der Gerber, wurde im 7. Jahrhundert
    in Salins geboren. Er hat etwas mit Sankt Nikolaus gemeinsam —
    auch er erweckte drei Kinder wieder.
    Man sieht, wie gelehrt der Bildhauer war, der die Säule der Lohgerber
    geschaffen hat. Er hieß Nicolas Coulle.
    114. Der heilige Hermes ist auch der Schutzpatron von Salzburg. Er ist dort
    auf einer Hausorgel zu sehen, die der Komponist der »Zauberflöte«
    betrachten konnte.
    115. In mehreren alten Texten findet sich die Schreibweise Ethe.
    116. Robert Denyau schrieb im Jahre 1629 eine »Histoire polytique de Gisors
    «, die unveröffentlicht blieb. Nach seinem Tode wurde sie auf seinen
    Wunsch dem Kloster der heiligen Dreieinigkeit der Stadt übergeben.
    Es ist unbekannt, durch welche mysteriösen Umstände die Arbeit
    zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts bei einem Orientalisten in
    Hamburg landete, der sie den Archiven von Rouen hinterließ. Ebensowenig
    weiß man, wieso der zweite Band, der sich mit der Kirche be252
    faßte, aus diesen Archiven verschwunden ist. Ein Resümee dieses Bandes,
    das sich »Histoire de la ville et de lantiquité de Gisors« betitelte,
    wurde 1912 von dem Archäologen und Historiker Louis Passy gefunden.
    Zur Zeit gehört er Privatleuten in Gisors, deren reichhaltige Bibliothek
    jedoch den Forschern hartnäckig verschlossen bleibt. Das Wappen des
    Pfarrers Denyau ist auf einem Glasfenster der Kirche abgebildet.
    117. So wird beispielsweise durch Umstellung
    1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 II 12 13 14 15 16 17 18 19
    O M A T E R D E I M E M E N T O M E I
    zu
    3 2 1 7 8 10 11 4 5 6 13 14 19 17 15 9 12 18 16
    A M O D E M E T E R E N I M T I M E O
    118. S. C. — Wahrscheinlich Sanctus Clarus (Heiliger Clarus).
    119. E. de Clérambault »Les enceintes fortifiées: le donjon de Gisors« — Die
    Festungsgürtel: der Wehrturm von Gisors — Beauvais, 1900.
    120. Manuskript J. J. 106, Seite 406 und folgende.
    121. Der Abt hat den Titel dieses Exemplars folgendermaßen bezeichnet:
    »Anciennes remarques faites sur lhistoire de Gisors par le Sr. Denyau,
    eure en lan 1660« — Alte Anmerkungen zur Geschichte von Gisors von
    Herrn Denyau, Pfarrer im Jahre 1660. Das beweist, daß er die verschwundene
    Arbeit Denyaus in Händen hatte und daß Alexandre Bourdet
    bestimmte Auskünfte daraus bezog.
    122. Hierzu vgl. »Paris-Normandie«, 25. März 1947.
    123. Im Wald von Tronçais (Allier) wurde eine dieser Schwarzen Madonnen
    in einer hohlen Eiche gefunden. Eine »Madonna zur Eiche« gibt es auch
    in Dangu bei Gisors.
    124. Hermetik. Von Hermes Trismegistos abgeleiteter Name der Alchimie.
    Diese entstand auf dem Boden der Gnosis in Ägypten. Nach dem Verfall
    Alexandriens wurde sie von den Arabern übernommen und weiter
    entwickelt. Aus arabischen Quellen lernte sie das Abendland im 11. bis
    12. Jahrhundert kennen. Ihre Hochblüte erlebte die Alchimie am Ausgang
    des Mittelalters, wobei ihr ursprüngliches Wesen bereits vielfach
    zugunsten einer magischen Ausdeutung zurücktrat. In dieser Zeit des
    Niedergangs entstanden Hermetische Gesellschaften und Geheimbünde.
    125. Sein Emblem war ein Rotes Kreuz, in dessen Mitte sich eine weiße
    Rose befand. Seit dem Jahre 1188 soll der Orden dreizehn Mitglieder
    gehabt haben, entsprechend der Zahl der Tierkreiszeichen. Der oberste
    Meister, Nautonier genannt, nahm stets den Namen Johannes an. Der
    erste habe sich Johannes II. genannt. Heute würden wir uns in der
    XXI. Regierung des Johannes befinden.
    126. Helix, Helis (aus dem Indogermanischen Wel), griechisch: Spirale,
    Wendeltreppe.
    127. Vorschriften für die Geistlichen, Grad des Komturs. Priorei von Zion.
    128. Die Buchstaben wurden durch Benutzung des Quadrats aus drei erhalten.
    129. Gédéon Dubreuil »Essai historique sur Gisors et ses environs« — Historischer
    Essay über Gisors und seine Umgebung — Gisors, 1856.
    INHALTSVERZEICHNIS
    Erster Teil
    DER ALTE MANN UND DIE ERDE
    Ein Exorzist im Stall ……………………………… 11
    Ein ruhiger Gärtner ……………………………….. 14
    Die sagenhafte Krypta …………………………….. 18
    Wehe den Siegern! ………………………………… 21
    Zwei Mäzene und ein Maulwurf …………………… 24
    Eine »Ariadne«, ein Labyrinth — und ein
    Ariadnefaden ……………………………………. 28
    Zweiter Teil
    DAS DOPPELLEBEN DER TEMPLER
    Neun Ritter bewachten ein Feld ………………….. 40
    Das Schwert und der Schild ………………………. 44
    Der Bruch ………………………………………… 48
    Das Füllhorn ……………………………………… 54
    Der Sturz ………………………………………….. 57
    Der Prozeß ………………………………………... 65
    Der Schatten eines Zweifels ……………………….. 76
    Geologie der Götter ……………………………….. 80
    Und auf diesen Felsen ……………………………... 91
    Die wunderbaren Geheimnisse von Meister Roncelin 102
    Der Baphomet …………………………………….. 113
    Das Erbe ………………………………………….. 120
    Der Schwank ……………………………………… 124
    Und der Schatz? …………………………………… 132
    Dritter Teil
    DAS RÄTSEL VON GISORS
    Verwandtschaft in Bild und Stein …………………. 146
    Die Baumeister ……………………………………. 158
    Die Liebhaber der Königin Blanka ………………… 175
    Die Burg der drei Wagen …………………………... 180
    Isis, du bist verborgen im Vexin …………………… 191
    Und jetzt die Beweise ……………………………… 205
    ANHANG,
    BIBLIOGRAPHIE UND ANMERKUNGEN
    Anhang I • Ansicht eines Hermetikers …………….. 215
    Anhang II • Zeittafel ……………………………… 234
    Bibliographie ……………………………………… 237
    Anmerkungen …………………………………….. 241
    TAFELVERZEICHNIS
    Tafel I gegenüber Seite 32
    Tafel II 33
    Tafel III 48
    Tafel IV 49
    Tafel V 96
    Tafel VI 97
    Tafel VII 112
    Tafel VIII 113
    Tafel IX 148
    Tafel X 149
    Tafel XI 156
    Tafel XII 157
    Tafel XIII 192
    Tafel XIV 193
    Tafel XV 208
    Tafel XVI 209


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